Porträt Moritz Holfelder (Archivversion) Kinderspiel

Locker und liebevoll hat der Bayer Moritz Holfelder »Das Buch vom Motorrad« geschrieben. Was denkt der Journalist und Autor übers Fahren auf zwei Rädern, und wie ist er drauf?

»Wenn du im Herbst auf eine Waldschneise zufährst, die Blätter sind knallig gelb und du riechst die Erde. Das sind wahnsinnig glückliche Augenblicke, die voller Leben sind.« Der Journalist Moritz Holfelder schwärmt mit Hingabe vom Motorradfahren: »Einmal im Jahr kriege ich familienfrei. Dann toure ich ein paar Tage in die Alpen, genieße es, allein zu sein, und düse über die Pässe, bis ich groggy runtersteige.« Die Begeisterung ist frisch. Der Bayer, Baujahr 1958, ein Spätzünder. Als 15jähriger Bengel hat er zwar mit Kumpels eine Vicky restauriert und im Straßengraben versteckt, damit sie in der Dämmerung ohne Führerschein rumschraddeln konnten. Aber erst mit 26 Jahren packte er das Kradeln an. »Ich hatte vorher einfach zu viel Respekt vor Motorrädern. Weniger wegen Unfällen. Eher so wie vor Pferden.« Zufällig kam ein Freund an eine billige Yamaha XS 400, die er Moritz Holfelder aufdrängte. Der jedoch tauschte sie bald gegen eine BMW R 80 GS ein, mit der er Jahr für Jahr 10 000 Kilometer abspulte. Doch als seine Frau 1990 Sohn Jakob gebar, verkaufte er sein bis dahin letztes Motorrad, eine R 80 RT. Und hörte auf. Sieben Jahre lang. »Ich habe erst im nachhinein gemerkt, wie sehr es mir fehlt.«Beim Wiedereinstieg quälte ihn das schlechte Gewissen. »Weil ich ja nach wie vor Vater bin.« Doch dann überwog die Leidenschaft: »Motorradfahren ist die erfüllendste Art, sich fortzubewegen. Die Beschleunigung, die Möglichkeit, die Schwerkraft ein bißchen auszuhebeln. Sich selbst sehr nah und doch weit weg zu sein. Ich kann toll über mich, das Leben und die Welt nachdenken und bin zugleich ganz konzentriert. Das ist ein Paradox, weil es sich eigentlich gegenseitig ausschließt. Aber gerade das finde ich faszinierend.« Worte sind immer schwächer als Gefühle, findet Moritz Holfelder. Ein sensibler Intellektueller, der bodenständig geblieben ist: »Mei, es tut mir einfach gut in der Seele.«Sein Traummotorrad ist eine Honda Transalp. »Klar würde ich eine 996er Duc nehmen, wenn sie mir jemand schenkt. Aber mit der Transalp verbinde ich Erlebnisse. Dadurch hat sie für mich die Kraft eines Traumes. Und dann baue ich sie ein bißchen um. So erreicht sie wirklich meine Träume.« Eine höhere blaue Scheibe, schwarze Sitzbank und andere Stoßdämpfer hat er der Enduro verpaßt.»Wenn´s an die Zylinderkopfdichtung geht, gebe ich das Motorrad in die Werkstatt.« Obwohl er eine Prüfung als Schweißer abgelegt hat, verbringt er lieber mehr Zeit mit seinen Kindern als mit Schrauben. Bei der Ästhetik duldet er jedoch keine Abstriche. Blau muß es einfach sein. Bei Lederkombi und gebrauchtem Moped noch Zufall, beim Helm gewollt. »Wenn ich mich in einem Schaufenster sehe, freue ich mich.« Als Weltbürger, der auf dem Dorf lebt, gesteht Moritz Holfelder jedem seinen Spleen zu. Der Fahrspaß reicht so weit, daß er bei Reif und null Grad Kälte frühmorgens vom Ammersee nach München zum Bayrischen Hörfunk rollt. In der Kulturredaktion macht er mit Vorliebe Porträts: »Übers Motorradfahren findest du einen starken Zugang zu Leuten, die mit Leidenschaft im Leben stehen. Was mich so anzieht, ist die Wahnsinnskraft, die es als verbindendes Glied hat.«Weil er freier Mitarbeiter beim Radio ist, kann er seinen Hobbys frönen. Segeln und Motorradfahren teilen für ihn viele Gemeinsamkeiten. »Klar, schräglagenmäßig. Man ist sehr direkt Wind und Wetter ausgesetzt, hat eine unglaubliche Verbindung zur Landschaft. Und es ist eine gute Mischung aus körperlich was tun und in sich ruhend sitzen. So wie ich die ideale Linie auf der Straße suche, suche ich auch nach der idealen Stellung des Segels.«Moritz Holfelder wirkt zufrieden. Er muß nichts erzwingen. Den Wunsch, Kintopp zu machen, hat er geopfert: »Du mußt mit jeder Faser deines Seins Filme drehen. Aber ich will auch leben.« Also sattelte er um, studierte Publizistik und Kunstgeschichte und kritisiert jetzt Filme für den Hörfunk, wobei er eine Verbindung zwischen Motorradfahren und Kino sieht. »Wenn du durch ein Visier schaust, hast du auch eine Rahmung der Welt«, sagt er und setzt hinzu: »Das ist noch nicht ausgegoren.« Der Mann sprüht vor Ideen und Assoziationen. Momentan schreibt er ein Kinderbuch, einen Roman und recherchiert für eine Chronik über Utting. Dem Ort, in dem er seit vier Jahren in einem Holzhaus mit Frau und zwei Kindern wohnt. »Heimisch sind nur die Leute, die seit Generationen hier leben. Aber jemand, der von außen kommt, hat die notwendige Distanz.« Am interessantesten ist für ihn das 20. Jahrhundert, in dem Stadtbewohner das Landleben entdeckten, Flüchtlinge und Fremdenverkehr die Struktur der Dörfer veränderten. In Utting existierte im Dritten Reich ein Arbeitslager. Einen Überlebenden, der in Israel wohnt, lud Moritz Holfelder zu einem Vortrag ein. Die Dörfler reagieren offen. »Aber sie rennen mir nicht die Tür ein, man muß schon viel Geduld mitbringen.« Von der Chronik kann er nicht leben. Denn die kaufen nur Uttinger. Auch die Kulturhistorie über Motorräder bringt kein Vermögen ein. Dennoch: »Bücher sind für mich die Kür, die mir unheimlich Spaß macht.« Gibt´s noch was Wichtigeres als Motorrad fahren und schreiben? »Meine Familie. Ohne die könnte ich nicht leben. Aber das ist was anderes.“

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