Porträt Peter Mittler (Archivversion)

Iron Man

Anno 1968, als Künstler von Welt sich in Abstraktionen versuchten oder die Revolution an die Wand malten, da kaprizierte sich Bildhauer Peter Mittler auf Motorräder. Und so hält er«s bis heute. Eisern fest am Bike.

Kunst geht nicht nach dem Brot. »Ich hab« damals, als ich ausschließlich Motorradplastiken machte, kaum was verkauft.« Acht lange Jahre lang, von 1966 bis 1974, war Peter Mittler total gekrädert, hatte nur Bikes im Kopf, unterm Hintern oder in Arbeit. Um die Familie durchzubringen, jobbte er nebenbei als Steinmetz, restaurierte gotische und barocke Kirchen. »Meine Frau wird sich nicht gefreut haben. Sie fuhr mit dem Kinderwagen, ich mit dem Motorrad.« Die Maschinen waren sein Leben. »Ich hab« nichts anderes gehabt.« Als ihm eine Honda CB 450 angeboten wurde, für einen schlappen Tausender, da mußte er einfach die Urlaubskasse plündern. Wie unter Zwang. Heute lacht er drüber, kein bißchen resignativ. »Das war eine wichtige Phase meines Lebens.« Anfang der sechziger Jahre hatte Peter sich seine erste Maschine vom Taschengeld abgespart, das er ansonsten ins Kino trug. »Einmal muß ein Rock«n«Roll-Film dabeigewesen sein, denn allmählich wurde ich Halbstarker. Und wenn ich in der Zeitung gelesen habe, daß die Rocker es den rollernden Mods in Brighton wieder mal so richtig gegeben haben, dann hat mich das richtig gefreut.« Der Vater, Steinmetz von Beruf, durfte von dieser Leidenschaft nichts wissen. Deshalb standen die Motorräder in den Scheunen rings um das Eifelkaff Mendig herum. »Gebrauchte Kräder gab«s damals schon für siebzig bis hundert Mark. Wollte ja keiner mehr haben.« Führerschein - Fehlanzeige, zu jung; und zugelassen waren die ersten Maschinen auch nicht. »Ein Kumpel hatte zwei identische Nummernschilder, von denen kriegte ich eins ab.« Die Ordnungshüter haben ihn nie erwischt. »Die wußten zwar, was Sache ist, aber das hat sie weiters nicht interessiert.« Von Mendig ist es nicht weit bis zum Nürburgring. Das prägt. Sogar Polizisten. Die ließen der Jugend ihren Lauf. Schutzbleche abmontieren, und ab ins Gelände. So lange, bis die DKW, Adler, Horex oder Enfield hinüber war. Seinen vielen Mopeds zum Trotz mutierte Peter zum Kleinstadt-Bohemien, als er sich in der väterlichen Werkstatt auf die Aufnahmeprüfung für die Werkkunstschule in Köln vorbereitete. Zu diesem Behufe mußte er soviel von einem Stein weghauen, bis der einem Elefanten ähnlich sah. 1966 war das. »Auf der Akademie ging es vor allem darum, zu experimentieren.« Von Joseph Beuys lernen hieß damals siegen lernen. Peter Mittler lernte also, daß alle Kunst politisch sei und jeder ein Künstler. Und begann von da an, ausschließlich Motorräder zusammenzuschweißen. »Aus Protest gegen den Intellektualismus und die Werte der Gesellschaft überhaupt.« Biker, das waren damals Außenseiter, Underdogs, Prolls, die Primitiven. So kam’s, daß die schicke Kölner Kunst- und Galeristenszene mit den Mittlerschen Gebilden - etwa einer naturalistischen Nachbildung des Weltmeistergespanns der BMW-Fahrer Schauzu/ Kalauch - nur verdammt wenig anfangen konnte. Als 1974 ein Freund tödlich mit dem Motorrad verunglückte, ihm die Elefantentreffen am Ring immer öder vorkamen und er keinen Bock mehr hatte, mit Leuten, die nur noch Ventilerhebungskurven im Kopf hatten, seine Freizeit zu verbringen, ging Peter Mittler von seiner monomanischen Fixierung aufs Motorrad ab. Und machte in »sozialkritischen Plastiken« aus Acryl und Polyester. Mit dem erhofften Erfolg. Seine Gruppe gestürzter Radfahrer mit Adolf Hitler (Rennstall Imperial) und Franz Josef Strauß (Team Konsum) als Trainern kam so gut an, daß sie sofort restauriert werden mußte. Weil ein empörtes Publikum die Figuren gar schändlich traktierte. Obwohl die lebensgroßen Statuen sogar im Pariser Centre Pompidou exponiert wurden, ließ Mittler schnell von der politischen Kunst. Wer aus der Eifel stammt, kommt immer wieder auf den heimischen Basalt. Und den meißelt Mittler so dünn und filigran, wie es nur irgendwie geht. Motorräder, klar, die skulptiert er immer noch. Aber am liebsten formt er die Mythen und Sagen aus seiner Heimat. »Da gehör ich hin.« Drachen sind seine Hauptmotive, auch Drachen auf dem Motorrad, versteht sich. Alte Mythen, neue Mythen. Manche seiner Fabelwesen muten gotisch an - Mittler hat Jahre lang in der Bauhütte des Kölner Doms als Steinmetz gearbeitet -, andere herrlich archaisch. Mal Zweistromland, mal Altmexiko. Fok Art nennt er seine Manier. Wenn sie jemand mit Folk Art assoziiert, stört«s ihn nicht. »Obwohl das eigentlich ein abstrakter und willkürlicher Begriff ist.« Der Mann macht jetzt sein Ding. Daß seine Frau manche Skulpturen kitschig findet, stört ihn nicht. Und als unlängst das Fernsehen in seinem Atelier war, riefen ihn nach der Sendung Freunde an. »Das mit dem MZ-Gespann mußte doch nicht sein. Ich hätte dir gern meine BMW geliehen.« Über solche Angebote amüsiert sich Mittler königlich.
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Bildhauer Peter Mittler: Porträt (Archivversion)

Zum Weghauen: In und vor seinem Hauptatelier in Mayen arbeitet Peter Mittler an den großen Brocken aus Basalt, Kalkstein, Sandstein oder Tuff. Und dort, inmitten dieser pittoresken Steinwüste, parkt er auch das Gespann, das er gegen eine seiner Motorradplastiken eingetauscht hat. »Die MZ ist günstig, pflegen tu ich sie nicht. Aber das verträgt sie irgendwie“

Bildhauer Peter Mittler: Porträt (Archivversion)

Zum Runterfallen: Seinen dümmsten Sturz mit Folgen hatte Mittler, als er zum ersten Mal mit Führerschein unterwegs war. »Aus Blödheit. Hab’ in einer Linkskurve, in der ich zu schnell war, den Fuß rausgehalten und bin runterkatapultiert worden“

Bildhauer Peter Mittler: Porträt (Archivversion)

Mendiger Caféhaus: Das betreibt Mittlers Frau. Im Gastraum stehen Plastiken, sogar vorm WC. Nur an Wochenenden geöffnet

Bildhauer Peter Mittler: Porträt (Archivversion)

Mayener Atelier: Mittler möchte, daß sich der Betrachter in seinen Kunstwerken wiederfindet oder darin andere Charaktere entdeckt

Bildhauer Peter Mittler: Porträt (Archivversion)

Mayener Atelier: Mittler möchte, daß sich der Betrachter in seinen Kunstwerken wiederfindet oder darin andere Charaktere entdeckt

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