Porträt Peter Struck (Archivversion) Der Ober-Strippenzieher

Früher agierte er im verborgenen, heute turnt er der SPD-Fraktion vor und auf dem Motorrad rum. Peter Struck flüchtet auf seiner BMW aus dem Alltag. Und benutzt sie als Image-Politur.

Der Job ist wichtig. Sehr wichtig sogar. So wichtig, daß um seine Besetzung heftig gestritten wurde. Fraktionsvorsitzender der SPD – das ist die Schaltstelle zwischen Regierungsspitze und Abgeordneten, zwischen Schröder, Lafontaine und dem Rest der SPD. Dort zieht seit dem 20. Oktober Peter Struck die Fäden. Purer Zufall ist das nicht. »Im Dunstkreis des Bonner politischen Geschäfts immer die Nase im Wind«, befand der Berliner Tagesspiegel über den »gelernten Juristen und Finanzpolitiker aus Passion«. Daß dem 55jährigen bei seinem jüngsten politischen Erfolg die privaten Schnupperübungen geholfen haben, ist nicht belegt. Klar ist aber: Die Nase im Wind – das bedeutet für Struck neben dem Aufspüren politischer Strömungen im Wirrwarr der Bonner Allianzen und Seilschaften ganz selbstverständlich auch das tiefe Luftholen auf nicht weniger verwundenen Eifelstraßen im Sattel seiner BMW R 100. Der neue Fraktionschef – ein passionierter Motorradfahrer, und damit eine Seltenheit im Reigen der Politprominenz. Und einer, der seine Leidenschaften früh entdeckte. Noch heute leuchten die Augen, wenn Struck von seiner NSU Quickly schwärmt (1959), der zwei Jahre später ein Heinkel-Roller folgte. Unbeschwerte Zweiradjugend in Göttingen. Damit war nach dem Abitur schlagartig Pause, der Ernst des Lebens verdrängte den Spaß am Fahren. Jura-Studium, SPD-Eintritt, Wahl zum Stadtrat seines Wohnortes Uelzen in Niedersachsen, seit 1980 Mitglied des Bundestages; Struck trieb seine Polit-Karriere voran, hatte viel im Kopf und wenig Zeit. Die Zweiradkarriere schien zu Ende.Bis 1990, bis zur Wende. Das Jahr der deutschen Einheit war auch für Struck ein tiefer Einschnitt, beruflich – und motorradtechnisch. Er wurde Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion – und stolzer Besitzer einer MZ. »Die hat die Bundesvermögensverwaltung damals für 250 Mark verramscht«, freut sich der passionierte Pfeifenraucher noch heute über den Deal. Gerade so, als habe er Dutzfreund, Fußballkumpel und Politgegner Theo Waigel persönlich übers Ohr gehauen. Nicht ohne Grund, auch wenn sich das sozialistische Erbe keineswegs als zuverlässig erwies: »Die blieb andauernd stehen.« Die alte Leidenschaft war dennoch neu geweckt.Und so pragmatisch, wie der »Ober-Strippenzieher« (Helmut Kohl über Struck) sein politisches Weiterkommen vorantrieb, ging er nun auch seine zweite Motorrad-Karriere an: Nach einem Jahr mit MZ stieg er um auf BMW. Die R 45 war schon zehn Jahre alt, die Marke für Struck aber ein Inbegriff an Zuverlässigkeit. Das ist bis heute so geblieben, weil auch sein zweites Gefährt aus München, eben jene R 100, 1996 gebraucht gekauft, bisher keine Mucken machte.Mächtig viele Gelegenheiten dazu hat sie freilich auch nicht, denn die Anlässe, bei denen sie angeworfen wird, sind mangels Zeit eher spärlich. Mit »der halben Jahresleistung eines Durchschnittsmotorradfahrers« verklausuliert Struck die per Anno auflaufenden Kilometer im besten Bonner Polit-Jargon. Gelernt ist gelernt.Genau wie die Diplomatie in Sachen Regierungssitz: Natürlich sei die nahegelegene Eifel ein tolles Motorradrevier, aber auch das Umland von Berlin habe sicher allerhand zu bieten. »Zum Glück brauche ich keinen Personenschutz. Ich nehme das Motorrad mit nach Berlin, und dann geht es ab nach Brandenburg«, freut sich Struck schon auf neue Touren. Eben jene hat der»Lieblingssozi« (wieder Kohl) just im vorigen Jahr auch als probates Wahlkampfmittel entdeckt. »Struck on Tour« hieß eine Aktion Ende August. Im heimischen Wahlkreis hatte er die Motorradfahrer zur gemeinsamen Ausfahrt geladen, und zahlreiche Biker folgten seinem Aufruf. »Wir hätten mit mehr als 100 Personen fahren können«, schmunzelt Struck, »auch wenn die Junge Union mit dem Motto `Struck heizt durch den Wahlkreis` konterte und eine Fahrradtour anbot.« Genutzt hat es den jungen Unionisten wenig. Struck gewann seinen Wahlkreis Celle/Uelzen direkt – zum ersten Mal seit 18 Jahren. Ein gutes Jahr also für einen, den die Süddeutsche Zeitung als »coolen Typen« bezeichnet. Erster Mann daheim, dritter Mann in Bonn. Was fehlt ihm noch zu seinem Glück? »Der neue BMW-Cruiser ist mein Traummotorrad«, ist Struck noch nicht wunschlos glücklich. Zu seinem Image würde er passen.

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