Porträt Pfarrer Jochen Wagner (Archivversion)

Der eilige Geist–––––

Ein Motorrad fahren reicht dem evangelischen Pfarrer Jochen Wagner nicht. Der Hirte schraubt gleich an drei eigenen Krädern: Ducati 916, Moto Guzzi Le Mans I und Eigenbau-Guzzi. Warum nur?

»Ich möchte das Leben vor dem Tod möglichst intensiv auskosten.« Der Geistliche Jochen Wagner hat mit Lust- und Leibfeindlichkeit nichts am Krachhut: »Ich bin wirklich gern Pfarrer. Aber ich lebe halt auch gern. Mir gefallen alle schönen Dinge.«Für italienische Motorräder schwärmt der Kleriker: »das Design, die rote Farbe und der Sound«. Das dumpfe Bollern seiner Ducati 916 entspringt einem in irdischen Gefilden nicht ganz legalen Termignoni-Auspuff. Weswegen der Herr Pfarrer umdreht, wenn am bayerischen Kesselberg die Hüter der Ordnung lauern. »Für mich ist es Musik, für andere Lärm«, verkündet der Theologe, der sich - ganz vernünftig - für strengere Abgas- und Lärmbestimmungen, pro Kat und ABS bei Motorrädern ausspricht. »Mit Ausnahme von Termignoni. Blödsinn«, grinst der Seelsorger, der seit 23 Jahren unbeirrt auf zwei Rädern seines Weges düst.Obgleich der Italo-Fan auf einer schnöden Yamaha RD 250 begonnen hat. »Mit US-Satz, besser bedüst.« Schnell kam 1978 die Erleuchtung in Form einer Le Mans I. »Meine große Liebe.« 180 000 Kilometer hat der Twin auf dem Buckel. Selbst Kabelbrände, zerbröselte Kolben - »normaler Verschleiß« - , ausgebrochene Lichtmaschinenanker - »das Übliche«- und abgerissene Schwungscheibe - »Materialermüdung« - ließen den Pfarrer nicht zweifeln. Die Zuneigung reichte an einem Tag für 700 Kilometer über 22 Alpenpässe. Worauf er stolz ist. Doch das Alter fährt auch einem Seelsorger in die Knochen. »Ich bin nie gerast. Flott unterwegs war ich schon. Jetzt mag ich«s aber lieber piano«, sagt der 41jährige und setzt hinzu: »Wo ich rumfahre, ist eh alles verschissen. Das Oberland hat mehr Kühe als Einwohner.« Trotz der Entdeckung seiner Langsamkeit kaufte er sich 1998 eine gebrauchte Duc 916. »Weil die mir einen Stich ins Herz gab.« Seitdem wappnet er sich gegen die Häme böser Biker, die am eckig abgefahrenen Profil seines 190er Hinterreifens herummäkeln. »Das braucht einen starken Charakter.«Den kräftigt Jochen Wagner beim Schrauben: »ein wunderbarer Umgang mit einem konkreten Ding.« Als Pfarrer an der Evangelischen Akademie Tutzing werkelt er dagegen im Abstrakten: Themen ausdenken,Tagungen organisieren. Nebenher formuliert er noch eine Doktorarbeit über den jüdischen Philosophen Walter Benjamin mit dem Titel »Vom Mythos unversehrter Leiblichkeit«. Da wirkt Schrauben als entspannender Gegenpol. »Motorräder sind reparabel. Wir nicht. Ich bin heile-Welt-süchtig, ich hätte es gern wie im Märchen.«Fit hält sich Jochen Wagner durch Fußball. Jedes Wochenende kickt er beim TSV Tutzing in der A-Klasse. Als Jugendlicher hatte er die Chance, den 1. FC Nürnberg aufzumischen, schreckte jedoch zurück: »Das war sicher ein Stück Feigheit. Aber mir fehlte zum Profi auch die gesunde Zweikampfhärte.« Vor dem Tor den Gegner umnieten, das kriegte der künftige Theologe nicht hin. Aus der Traum.Rein in den Beruf als Pastor: »Ich merke immer mehr, daß mir das auf den Leib geschneidert ist. Ich mag Menschen. Und man muß sich nicht für einen Profit buckeln. Sondern kann mit Menschen was gestalten oder erleben.« Seit knapp 15 Jahren dient er Gott und der evangelischen Kirche: als Vikar in Garmisch, Pfarrer in Bayreuth und Hochschulassistent für systematische Theologie und Philosophie. An der Evangelischen Akademie Tutzing, einem Schloß mit Park am Starnberger See, veranstaltete er letztes Jahr ein Symposium mit dem Titel »Geschwindigkeit - Schauen, Schrauben, Fahren: Motorrad«. Mit großem Erfolg. Hobby-Biker, Profischrauber, Ärzte, Marketing-Chefs diskutierten über Lust und Gefahren ihrer Leidenschaft. Auch Jochen Wagner empfindet seine Liebe zu Krädern als zwiespältig: »Es ist paradox, daß man das Naturerlebnis beim Fahren intensivieren will, genau damit aber auch die Natur verdrängt.« Typische Zweifel eines Intellektuellen? Weniger abgehoben scheint seine Angst vor einem Unfall mit schweren körperlichen Folgen. »Das wäre für mich das Schlimmste.« Doch Lust an der Beschleunigung verspürt er genauso. »Das sind Widersprüche, die ich nicht aussöhnen kann.« Zumal ihn eine Ducati 996 Biposto SPS mit 130 PS ungemein lockt. »Es fehlt halt immer was. Ich würde einen Ferrari fahren, wenn ich das Geld hätte.« Der Pfarrer, der das Diesseits liebt, durchleuchtet in Seminaren neben gesellschaftspolitischen Themen auch seine Steckenpferde: neben Kradeln Kicken, Jazz und Mode. »Die teilen was gemeinsames. Improvisation, Geschick, Phantasie und Kreativität. Sie sind bunt, spontan, sinnlich und vital.« Was locker zu Bibel und Urchristentum paßt, aber in der Institution Kirche zu kurz kommt, wie er meint. »Die verwaltete Religion meidet alle diese mir lieben Bereiche. Ich möchte in solch profanen Sachen religiöse Bedürfnisse aufstöbern.« So ist Mode für ihn der Versuch, »einen heilen Konkon um das sterbliche, wunde Fleisch des Menschen zu spinnen«. Jochen Wagner fühlt sich als Exot unter den Klerikern. Weshalb er einen Traum hegt: ein italienisches Café mit Schmökerecke, Live-Jazz und Schrauberwerkstatt im Hinterhof. An Gästen wird«s ihm nicht mangeln. Obwohl er sich kokett als »scheuen Narzisten« beschreibt. Zunächst aber gibt´s eine weitere Tagung über Kräder: »Wunschmaschinen. Motorrad erleben: Image zwischen Industrie und Politik« vom 1. bis 3. Oktober 1999 in Tutzing. Wen«s interessiert, greift zum Hörer und wählt 08158/251113.
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Wagner, Jochen: Porträt (Archivversion) - Die Guzzi-Rennsemmel

Jochen Wagners straßentaugliche HSM-BOT-Maschine
»Bei 40 000 Mark habe ich aufgehört zu zählen. Das habe ich seelisch nicht mehr verkraftet.« Jochen Wagner verguckte sich in eine HSM-BOT-Moto Guzzi. Mit ungeahnten finanziellen Folgen. Vorbild für den Eigenbau des Pfarrers war das Teil, das Karl Stelling bis Anfang der 90er Jahre in der deutschen Battle of Twin-Serie fuhr. Für Jochen Wagners Guzzi besorgte Karl Stelling den Zentralrohrrahmen und fuhr das Bike 1990 über den TÜV. Seitdem bastelten viele Freunde und Mechaniker daran, drehten und frästen. »Letztlich ist sie nie fertig«, sagt Wagner. Der Le Mans IV-Motor ist von Grüter & Gut im schweizerischen Ballwil auf ehrliche 90 PS getunt worden. Ein von der Firma Stefan Tusche Rennsportschalldämpfer handgefertigter Auspuff, unterstützt von offenen 40er Dellorto-Vergasern, produziert den Sound. Laut Wagner martialisches Gebrüll. Von Ducati stammen Lenker, Vorderradkotflügel und Scheinwerfer, die Bremsen von Brembo. Und die Halbschalenverkleidung paßt einer Honda RC 30. Einiges ist speziell angefertigt worden wie Federbein (White Power), Elektrik (Thomas Reese). Vollgetankt wiegt der Donnerbolzen 190 Kilogramm. Wagner: »Das ist ein Tier aus Metall. Fahren ist Kampf.“

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