Porträt Pierre Terblanche (Archivversion) Im Kreuzfeuer

Für das Design der 999 kassierte er harsche Kritik. Doch Pierre Terblanche hat keine Lust, der Prügelknabe für Ducati-Traditionalisten zu sein.

Die können sich eigentlich alle bei mir bedanken«, sagt Pierre Terblanche, »denn ich habe die 999 so gemacht, dass ein ganz normaler Ducati-Kunde problemlos damit zurechtkommt. So einer wie ich.« Ducatista Terblanche, 45, entwirft seit 14 Jahren Motorräder für die Bologneser Nobelmarke. Sein neuestes Baby, die 999, ist einfacher zu fahren, einfacher zu warten und einfacher zu produzieren als die legendäre 916 und ihre Nachfolgerinnen. »So lauteten die Vorgaben von Ducati, ich kann ja nicht einfach drauflos entwickeln, wie es mir Spaß macht.«Für die Form zeichnet er verantwortlich. »Klar finde ich die 999 schön«, betont der gebürtige Südafrikaner, dessen Vorfahren von Hugenotten abstammen. »Sie ist das Optimum dessen, was ich innerhalb der Vorgaben machen konnte.« Was die traditionellen Ducatisti nicht daran hinderte, ihn mit Schmähungen zu überschütten, die oft weit unter die Gürtellinie gingen. Das traf ihn, doch er versuchte, die Nerven zu behalten. »Es ist so ähnlich, wie wenn nach langer Schwangerschaft dein Kind geboren wird, und alle schreien: Mensch, sieht das hässlich aus.« Inzwischen läuft der Verkauf ganz gut, die meisten Kritiker haben ihren Ton gemäßigt. »Die 999 ist einfach handlicher und damit schneller. Und das zählt doch, oder?«Doch die 999, mit der er sich fast dreieinhalb Jahre beschäftigt hat, ist für ihn schon wieder Schnee von gestern. Als nächstes steht die Markteinführung der Multistrada an. Auch die besitzt, natürlich, ein nicht ganz unumstrittenes Design. Das Motorrad basiert auf der Cagiva Gran Canyon, die ebenfalls aus Terblanches Feder und Computer stammt, bietet aber mehr PS und Komfort, höhere und einfachere Zuladung - und entpuppt sich dennoch als echter Sportler. »Die Multistrada habe ich für mich selber gebaut, sie ist einfach ideal für die kurvigen schmalen Sträßchen rund um Bologna.« Doch auch sie kostete Nerven. Und Gewicht. Neun Kilogramm speckte Terblanche während der viermonatigen Intensivphase der Entwicklung ab. Jetzt wird er dafür belohnt: mit einer besseren Figur und zahlreichen Vorbestellungen aus aller Welt.Zu Terblanches Meriten zählt ohne Zweifel, dass er schnell arbeiten kann, denn eine Entwicklung wie die Multistrada dauert im Normalfall um die drei Jahre. Allein für Ducati entwarf der Designer im Lauf der Jahre die 888, die Supermono, die neue SS-Reihe, er schuf das Facelift der Monster, die MHe, die 999 und die Multistrada. Dazu kommen Teilentwürfe für Cagiva und Ducati während seiner jahrelangen Zusammenarbeit mit Design-Gott und 916-Schöpfer Massimo Tamburini. Wegen ihm kam Terblanche ursprünglich nach Italien. »Ich hatte bereits in Südafrika eine Ducati, und zwar die GT 750, die ohne Desmo, danach habe ich mich in die Pantah verguckt.« Weil es in Südafrika keine Möglichkeit gab, Design zu studieren, packte er 1984 die Koffer und verließ den Apartheid-Staat. »Als Kind weiß man ja gar nicht, dass Rassentrennung nicht normal ist, aber ich hatte Glück«, denkt Terblanche zurück, »meine Mutter war Sozialarbeiterin in den Townships, wo die Schwarzen wohnen. Da habe ich hautnah mitgekriegt, unter was für erbärmlichen Verhältnissen die leben mussten.«In London machte Terblanche seinen Master of Transport Design, sein erster Job führte ihn allerdings nicht nach Bologna, sondern nach Düsseldorf - zu VW Design. Wo er die Innenausstattung für den Polo entwarf. Von 1986 bis 1989 arbeitete Terblanche am Rhein. Sein Deutsch hat er nicht vergessen. Und auch nicht, was er dort gelernt hat. »Deutschland war eine wichtige Station für mich, da habe ich gelernt, mit Methode zu arbeiten.«Doch damit war’s vorbei, als er gen Italien zog. »Ich stand einfach eines Tages bei Ducati vor der Tür, denn auf Anrufe oder Schreiben haben die gar nicht erst geantwortet.« Ducati stellte ihn tatsächlich ein, auch wenn er sich mangels Italienisch-Kenntnissen zunächst mühsam per Wörterbuch und Gesten verständigen musste – und natürlich mit seinen Zeichnungen, die Tamburini überzeugten.»Für mich war das am Anfang fast ein Kulturschock«, erzählt Teilzeit-Single Terblanche mit der festen Freundin in Washington. Natürlich freute er sich, Seite an Seite mit seinem Idol Tamburini zu arbeiten. »Aber verglichen mit der deutschen Autoindustrie hinkten die Italiener in Sachen Technik und Vorgehensweise etwa 30 Jahre hinterher. Und erst die Ausstattung – da hatte ich in meiner privaten Werkstatt in Südafrika mehr Werkzeug«, erinnert er sich lachend. Und doch gelang dem Team um den damaligen Ducati-Boss Claudio Castiglioni ein Wurf nach dem anderen, von der 888 über 900 SS und Supermono bis hin zur umjubelten 916. »Die Italiener arbeiten einfach anders, sie haben keinen fest umrissenen Plan, sind dafür genial im Improvisieren und unglaublich flexibel«, bringt Terblanche es auf den Punkt. »Die Deutschen und die Japaner gehen immer stur nach Plan vor. Kann auch mal ein guter Plan sein. Aber in Sachen Design gewinnen eindeutig die chaotischen Italiener.«Nach der Übernahme durch die Texas Pacific Group (TPG) im Jahr 1996 folgte Tamburini seinem Freund Castiglioni zu Cagiva/MV, entwickelte die MV F 750, und Terblanche avancierte zum Chefdesigner in Bologna. Irgendwie schafften es die Amerikaner, mehr Organisation in den Laden zu bringen. »Die 999 ist die erste Ducati mit einem Industriedesign, sie wurde von innen nach außen entwickelt, also erst die Technik, dann die Hülle.« Manchmal sehnt sich Terblanche nach den guten alten chaotischen Zeiten zurück. »Wir sollten alle nicht mehr ganz so viel am Computer sitzen. Nicht nur wir Designer, auch die Techniker und vielleicht auch die Marketingleute. Wären wir mehr auf der Straße unterwegs, dann wären die neuen Motorräder noch ein ganzes Stück besser.«Und noch einen anderen Vorsatz hat er gefasst: Französisch lernen. »Bei meinem Namen denken alle, ich bin Franzose. Es ist mir einfach peinlich, nach Frankreich zu fahren und dort kein einziges Wort zu verstehen.« Obwohl es manchmal vielleicht besser ist, nicht so genau zu hören, was da gesprochen wird.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote