Porträt Professor Dr. Bernt Spiegel ––––– (Archivversion) Das Matrix-Patrix-Problem–––––

Seine Vorträge über `Die obere Hälfte des Motorrads` haben den sportlichen älteren Herrn zum Liebling der Teilnehmer des MOTORRAD-Perfektionstrainings gemacht. Jetzt ist das gleichnamige Buch von Professor Bernt Spiegel erschienen. Wer ist der Autor?

Ist es normal, wenn ein 72jähriger Herr auf einer Honda CBR 900 RR die Nürburgring-Nordschleife mühelos unter neun Minuten umrundet? Für Teilnehmer, die das Perfektionstraining von MOTORRAD am Ring besuchen, schon. Ihnen ist der freundliche Professor, der sich tagsüber in eine üppig gepolsterte, nicht mehr ganz weiße Rennkombi hüllt, als ganz normaler Instruktor bekannt. Nur ein bißchen älter vielleicht. Und einer, der nicht nur brillant Motorrad fahren, sondern auch reden kann. Was sich abends zeigt. Jetzt mit sportlichem Jackett und Bügelfaltenhose bekleidet, vermag Professor Dr. Bernt Spiegel die zum Vortrag ins Nürburger Dorint-Hotel erschienenen Motorradfahrer mit hintergründig launigen Erzählungen zu fesseln. Wenn er vom Homo Heidelbergensis spricht, der, wenn man die Entstehung des Lebens modellhaft der besseren Vorstellung wegen auf ein Jahr komprimiert, erst in den letzten Stunden der Silvesternacht auftaucht. Von ihm bis zum heutigen motorradfahrenden Homo Sapiens sind es in der Spiegelschen Zeitraffung dann nur noch zwei Stunden - wenige Sekunden vor Silvester.Ebenso spannend die Geschichte von einem fiktiven Ausschuß eines großen Unternehmens, das über neue Produkte entscheiden muß. Ein Erfinder berichtet dort von einem seltsamen motorgetriebenen einspurigen Vehikel, an dessen Fahrer offenbar enorme Anforderungen zu stellen sind. Er muß eine außerordentlich große Anzahl von Bedienungselementen betätigen. Mit Händen und Füßen, zum Teil gleichzeitig. »Wobei er nach Angaben des Erfinders während der Fahrt außerdem noch ununterbrochen einen sogenannten Lenker mit beiden Händen halten muß. ...Es sei zwar theoretisch physikalisch möglich, daß Fahrzeug ohne Zuhilfenahme der Beine mittels fortgesetzt aneinandergereihter leichter Kurven über eine längere Strecke in Balance zu halten. Doch würde diese Geradeausfahren nahezu artistische Fähigkeiten und ein langes und riskantes Training voraussetzen.« Wenn der Professor lebhaft gestikulierend fortfährt, in Gestalt des Erfinders den ungläubigen Ausschußmitgliedern zu verklickern, wie die Kurvenfahrt auf dem seltsamen Einspurfahrzeug zu bewältigen sei, wo »bei gegebenem Kurvenradius zu jeder Geschwindigkeit exakt eine ganz bestimmte Schräglage mit dem Fahrzeug eingenommen und auf das genaueste beibehalten werden müßte«, beginnen die Zuhörer begeistert zu klatschen. Motorradfahren: eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit und gerade deswegen so faszinierend.Professor Spiegel ist der Faszination des Motorradfahrens in der Jugend erlegen. 1926 in Heidelberg geboren, entschwebte er, zum letzten eingezogenen Jahrgang gehörend, allerdings zunächst in die Lüfte. Mit 18 erwarb er die Flugberechtigung, später mit einem Umweg über die Schweiz bekam er den Privatpilotenschein. »Der hatte die Nummer 007«, lacht der Badener, der sich 1950 nach dem Studium der Psychologie, Physik und Biologie an der Wirtschaftshochschule Mannheim als Assistent am dortigen Psychologischen Institut verdingte.Bald nach dem Krieg hatte er sich eine BMW R 51/2 leisten können, nicht zuletzt dank seines Vaters, eines wohlhabenden Arztes. Der war früher eine Zweitakt-DKW gefahren, deren grelles Auspuffmeckern Spiegel noch heute täuschend ähnlich und sehr laut nachahmen kann, zur hellen Freude der Lehrgangsteilnehmer. »Irgendwie hat mich dieses stählerne Vehikel mit seinem knatternden Motor `angemacht`, würde man heute sagen«, lachtder noch immer Motorrad-Verrückte.Während des Studiums verdiente er sich zusammen mit einem Kommilitonen Geld mit Marktuntersuchungen für die Industrie, so daß Fliegen und Motorradfahren für ihn bald ohne weiteres bezahlbar wurde. Das damals gegründete Spiegel-Institut Mannheim existiert und floriert noch heute, geleitet von Sohn Götz und Tochter Uta. Inzwischen Professor an der Universität Göttingen, entwickelte Spiegel den Begriff der Marktnische, den heute Marketingleute und Werber ständig im Munde führen. Seine Forschungen zur »Struktur der Meinungsverteilung im sozialen Feld« begeisterten das damalige Vorstandsmitglied von BMW, Paul G. Hahnemann, der auf praktische Anwendung drängte. Der Erfolg war riesengroß: Schließlich entstand auf Spiegelscher Marktforschung beruhend die Baureihe der sportlichen Mittelklassewagen BMW 1600/1800, genannt neue Klasse. Und Hahnemann hatte einen Spitznamen weg: Nischen-Paule. Seine Arbeiten darüber, wie Mensch und Produkt zusammenpassen, führten den längst mit der Oratoriensängerin Birge verheirateten Spiegel mehr und mehr in das seinerzeit noch jungfräuliche Gebiet der Anthropotechnik, einem Grenzgebiet zwischen Psychologie und Naturwissenschaften. Psychologische Betrachtungsweisen, wie der Mensch mit einer zu bedienenden Maschine - etwa einem Flugzeug oder einem Fahrzeug - harmoniert, interessierten ihn mehr und mehr. »Die Anthropotechnik nennt es das Matrix-Patrix-Problem«, und dabei verzahnt der Verhaltensforscher die Finger seiner beiden Hände, um zu verdeutlichen, wie es idealerweise an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zugeht.In den 80er Jahren wandte sich Spiegel vom Fliegen ab. »Je größer das Flugzeug wird, desto ingenieurmäßiger geht das Fliegen vonstatten. Die innige Verbindung, wie man sie beim Motorradfahren spürt, ist dann nicht mehr vorhanden«, erläutert der Professor, der in den 60er Jahren sogar den Jet-Pilotenschein im Rahmen eines Forschungsauftrags der Bundeswehr erwarb. Seither fährt Spiegel um so engagierter Motorrad; er erwarb eine Bimota KB 2, mit der ihn noch viele Teilnehmer der frühen Perfektionstrainings erlebt haben. Den Nürburgring kennt er wie seine Westentasche, und einige hundert seiner Schüler haben von des Psychologen Erkenntnissen profitiert. Kaum einer entging seinem väterlichen Tadel, wenn er bei Regen verkrampft auf seinem Bock saß: »Nicht so spitzärschig auf dem Motorrad sitzen«, pflegt der Prof dann zu schelten und verteilt seine berühmten weißen Aufkleber. `Hände locker auflegen!` steht da drauf oder`Kopf hoch, Hals lang!` Oder: `Nicht mit den Zähnen bremsen!`. Mehr als drei solcher Ratschläge sollte sich keiner auf den Tank kleben. »Da kommt man sonst durcheinander.« Warum das so ist, steht in seinem Buch.

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