Porträt Robert Gantert (Archivversion) Der 2-Prozenter

Knallharte Rocker nennen sich 1-Prozenter, Zuckerbäcker Gantert möchte, dass die Konditoren noch eins draufsetzen. Wegen der 2 Prozent, die Süßwaren in der menschlichen Nahrungspyramide ausmachen.

Zehn Uhr abends am Samstag sind die kunstfertigen Finger von Marzipan und Schokolade befreit. Raus aus der blütenweißen Konditorkluft, rein ins Belstaff-Zeug, rauf auf die BMW, hin zur Biker-Party. »Dort noch schnell ein Quantum Bier vernichtet und am Lagerfeuer eingepennt.« Während am frühen Morgen ringsum fulminante Schnarchkaskaden die Stille des Odenwalds durchschneiden wie das Messer die Käsesahnetorte, schwingt sich Robert Gantert auf seinen angejahrten Boxer, scharwenzelt auf kurvigem Geläuf in sein geliebtes Heidelberg zurück. »Alles ein bisschen zu hektisch, aber ich brauch’ das unbedingt.« Weil der blonde Hüne nicht nur Benzin, sondern auch Schokolade im Blut hat, steht er sogar am Sonntagvormittag seinen Mann für diese zwei Prozent, die der idealtypische Gesundesser, gemessen an dem, was er insgesamt verzehren sollte, in Form von »Genussmitteln im Süßbereich« vertilgt. Gantert, Obermeister der Heidelberger Konditorinnung und seinen Mitbürgern als notorischer Motorradler bekannt, kokettiert deshalb mit der Idee, sich und seine Berufsgenossen zu 2-Prozentern zu verklären. »Imageträchtig und ein bisschen elitär, so wie die 1-Prozenter bei den Rockern.« Bekuttet bollerte er einst selbst durch die Lande, als Mitglied im linken MC Kuhle Wampe. »Weil ich mich noch in der katholischen Jugendarbeit engagierte, nannten sie mich Don Camillo.« Was den Herz-Jesu-Sozialisten nicht darin hinderte, mit all den Peppones den Spaß auf zwei und drei Rädern zu kultivieren und obendrein der politischen Basisarbeit zu frönen. Also stand Gantert vorm Stadion des SV Waldhof, informierte die Fans über die rechtsradikalen Machenschaften so mancher Hooligan-Fraktion, und als fast jede Woche über neue Anschläge gegen Asylanten zu lesen war, pennten er und seine Kumpels demonstrativ in Massenunterkünften. Diese Erfahrungen mit den hässlichen Seiten der Gesellschaft verstärkten, was eh schon prächtig in Gantert gedieh: Menschenliebe, gepaart mit Sarkasmus und Ironie. Wenn’s weihnachtet und die deutsche Innerlichkeit nach keck bemützten Nikoläusen giert, formt Gantert glatzköpfige Jahresendfiguren, die Weihnachtsmännern verblüffend ähnlich sehen. Unerträglich fand Gantert auch, dass die Mannheimer Kollegen mit ihrem Dreck - jawoll, »Mannemer Dreck« heißt der Schokoklacks, den sie bis in die letzten Ecken dieser Republik expedieren - dem definitiv schöneren und süßeren Heidelberg den konditorischen Rang ablaufen und kreierte also den »Heidelberger Königsstuhl«: Trüffelpastete mit Marzipankern auf Nougatwaffel und über allem Zartbitter-Couvertüre. Gantert wäre nicht Gantert, hegte er bei dem Namen »Königstuhl« nicht auch arg abgängige Gedanken. Für Schleckermäulchen unvorstellbar, dass Heidelberg und der Rest der Welt auf diese superbe Kalorienbombe - »ihre100 Gramm reichen für zwei« - beinahe hätten verzichten müssen. Denn der Meister leidet seit vielen Jahren schon an Mehlstauballergie. »Ich überlegte, ob ich nicht zum Motorradmechaniker oder Arbeitserzieher umschulen sollte.« Und übernahm dann doch den Familienbetrieb und das Café in der Brückengasse 38 (www.chocolat.de). Zusammen mit seiner Frau Katherina, die ihn zuallererst nur wegen ihrer picobello BMW R 90 S in Blau interessierte. Sie schmeißt die Theke und schaut zusammen mit der Kundschaft ihrem Robert zu, wie er mitten im Laden mit Marzipan, Schokolade und Trüffelmasse hantiert. Das staubige Geschäft, das er nicht mehr erträgt, erledigen Geselle und Azubis im Backstage-Bereich. Einfach nur Marzipanschweinchen zu formen, genügt dem Frontmann natürlich nicht. Legende schon seine Biker-Schweine mit den (Schoko-) Fliegen auf bleckendem Gebiss. Auch Gustav Klimts berühmten Kuss - das Original hängt im Wiener Belvedere - hat man ihn schon vermarzipanisieren und verschweinigeln sehen. Nicht nur solch brillanter Sauereien wegen kennt ihn in Heidelberg jedes Kind und Erwachsene ebenso. Siebenstöckige Hochzeitstorten ausgenommen, fährt Gantert seine kunsthandwerklichen Schöpfungen gern im Gespann aus. Und das immer öfter: Aber auch zu Scheidungen fällt dem Mann, der prinzipiell ohne Konservierungsmittel arbeitet, immer noch was Süßes ein. »Es ist manchmal schon hart, mit der Partnerin den ganzen Tag über zusammen zu sein«, sagt Gantert, »aber in dem Moment, da wir beide auf den Motorrädern sitzen, uns an der Ampel angrinsen, fällt der ganze Stress auf einmal weg.« Vergessen auch, dass Katharina ihm vorschlug, Pflaumenmarmelade in die Schokolinsen zu füllen, er jedoch auf Johannisbeergelee bestand. Urlauben heißt für beide: entspannen mit Gespannen, zwei Kids ins Harley-Boot, eins in das einer Ural entliehene der BMW. Ans Ziel kommen sie fast nie. »In Besancon gab’s einen herrlichen Spielplatz, da wollten die Kleinen nicht mehr weg.« Da musste die Bretagne eben warten bis zum nächsten Jahr. Weil’s viel zu erzählen und noch mehr zu schrauben gibt, hat Gantert einen Stammtisch für gespannfahrende Familien gegründet. Ein Treffen veranstaltet er auch – in Schefflenz, mitten im Winter. »Da trennt sich die Spreu vom Weizen.« Der Mann hat gut reden, kradelt, weil er an Heuschnupfen leidet, im Januar eh lieber als im August. Irgendwie gehört er eben immer zu den üblichen ein bis zwei Prozent.

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