Porträt Rolf Nikel (Archivversion) Haar und Zimmermann

MZ, Dnepr, Ural – selbst Rolfs Gespanne haben so einen Bart.

Der Flug von Moskau bis Stuttgart hätte 650 Mark gekostet. Und was bleibt von der Kohle? Nichts. »Das Ticket kannst du anschließend wegwerfen«, bilanzierte Rolf Nickel. Weshalb er das Geld dauerhafter anlegte. In ein Dnepr-Gespann. Mit dem fuhr er auf drei Rädern zurück. Ein halbes Jahr später — Mai 1993, nach künstlerischen Aktivitäten in Sibirien — gab er Aeroflot erneut einen Korb, machte stattdessen eine Ural flott. Da war er, Erfahrung macht weise, bereits mit den Gepflogenheiten des Motorradkaufs in Moskau vertraut. »Zündkerzen, Öl, Benzin mitbringen und sich danach über nichts mehr wundern.« Nicht über einen Motor, der klappert - der Mechaniker hatte eine Schraube im Zylinderkopf vergessen. Schon gar nicht über eine Lackierung, die nach der ersten Reinigung stumpf abblättert – Grundierung: bei Dnepr damals noch Fremdwort. Bis 1985, da fing er in Stuttgart das Studieren der bildenden Künste an, löste Nikel seine Transportprobleme mittels Drahtesel und öffentlichem Nah- und Fernverkehr. Klappte nicht mehr: »Allein von Bühlerzell, dem Weiler, wo ich wohne, bis Gaildorf, dem nächsten Bahnhof, sind’s mehr als 15 Kilometer.« In ein Auto hätte er sich nie freiwillig gesetzt. »Zu viel Aufwand für einen simplen Zweck. Das Motorrad ist das funktionalste und zugleich emotionalste Vehikel, sich fortzubewegen.« Blieb der vielen Malutensilien wegen, die er benötigte, nur das Gespann. ETZ 251 von MZ. »Das Ding ist so einfach, da konnte ich schon nach kurzer Zeit alles selbst reparieren.« Mehr als 200 000 Kilometer hatte der Zweitakter schon vor sich hingedengelt, sommers wie winters, bis die Viertakter aus Russland kamen. Der MZ wurden nunmehr höhere Weihen als die der Teilnahme am schnöden Straßenverkehr zuteil. Rolf funktionierte sie zum Malinstrument um, baute die Seitenwagenverkleidung ab, damit seine dort positionierte Freundin freier mit Pinsel und Farbe hantieren konnte, wenn er, im Sattel sitzend, Fahrt- wie Kunstrichtung bestimmend, ihr die entsprechenden Befehle zuwarf. Rolf, ein Freund des großen Bildformats, zehn auf 15 Meter sind keine Seltenheit, steigt nicht nur deswegen anderen Leuten aufs Dach. Weil sich fast kein Mensch so ein Riesending über die Couch hängen kann, er also so gut wie nichts verkauft, geht er regelmäßig malochen, als Zimmermann auf dem Bau. »Das stört mich nicht«, sagt Rolf, »ich könnte keine Woche lang nur im Atelier rumhängen und malen. Kunst muss einen Zusammenhang mit dem Leben haben, darf nichts Aufgesetztes sein.«Stellt ein Dachgerüst auf die grüne Wiese. »Ich mag diesen Gegensatz zwischen technischen und organischen Strukturen.« Baut ein Gewächshaus um die Wurzel eines vom Orkan gefällten Baums. Als Sinnbild dessen, »dass die Zerstörung der Natur nicht rückgängig zu machen ist«. Im Atelier dürfen Raucher getrost auf den Boden aschen. »Ich kehr’ das nachher zusammen, kommt alles mit auf Bild.« Rolf arbeitet gerade viel mit Ruß. Ruß auf Papier. Billige Materialien, die so gar nicht die Aura des einzigartigen Kunstwerks entfalten wollen. Sollen sie auch nicht. Dass der Markt an ihm vorbeigeht, stört Rolf nicht sonderlich. Kompromisse machen, sich verkaufen kann und will der nachdenkliche, bescheidene Maler und Skulpteur nicht. Stellt deshalb in Kirchen aus und in städtischen Galerien, an Orten, wo der Kommerz draußen bleibt. Im Polarmeer zum Beispiel. »Meine größte Zeichnung, einen ganzen Kilometer lang.« 1992 hatte er als Hilfssteuermann auf dem sibirischen Frachter Sibirskii 2105 angeheuert. Den trieb er einen Kilometer tief ins Eis. »Die Kunst bestand darin, auf genau derselben Linie zurück zu manövrieren. Ergab einen phantastischen schwarzen Strich im ewigen Weiß.« In Russland fühlte er sich gleich zu Hause. Nicht nur, weil er aussieht wie Schwabens Antwort auf Rasputin. »Ich mag die Art, wie die Leute miteinander umgehen. Wenn sich zwei Kapitäne, die sich längere Zeit nicht gesehen hatten, auf der Newa trafen, machten sie ihre Schiffe einfach am Flussufer fest. Dann floss Wodka zwei Tage lang.« Demnächst arbeitet Rolf ein Vierteljahr in Kalkutta. Als Stipendiat.. Den Rückflug hat er noch nicht gebucht. Indien ist schließlich die Heimat von Enfield. Und die läuft neuerdings auch mit Diesel.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote