Porträt Rolf Tillessen (Archivversion)

Bruder Rüstig

So mancher Nachbar hält Rolf Tillessen für kein bißchen weise, weil er mit 71 Jahren noch Motorrad fährt. Auch seine Bikerfreunde glauben, er sei verrückt. Freilich aus ganz anderem Grund: Der Siegerländer arbeitet als Unruheständler immer noch im eigenen Familienbetrieb.

In Pantoffeln vor dem Fernseher hocken, abschlaffen und verkalken. Dazu hat Rolf Tillessen überhaupt keine Lust. Wenn er an einem schönen Sommermorgen auf seiner BMW R 850 R durch die Alpen swingt, dann singt er aus voller Kehle: »Im Frühtau zu Berge, fallera«. So fidel räubert der 71jährige auf seinem Boxer um die Kurven. »Dabei fühle ich mich eins mit der Natur.« In trauter Zweisamkeit mit der Gemahlin auf dem Soziussitz, die für Pässe schwärmt. »Das reizt mich beim Motorradfahren am allermeisten. Die phantastischen Ausblicke.« Davon kann Hannelore Tillessen nie genug kriegen. »Wir haben 80 der 100 bekannteren Alpenpässe überquert«, erklärt ihr Gatte stolz.Schließlich düsen die beiden seit 15 Jahren auf zwei Rädern in den Urlaub. Wobei Rolf Tillessen eins zur Verzweiflung treibt: die Wohnmobile, die ihm bei den genauestens ausgetüftelten Touren auf den schönsten Bergsträßchen in die Quere kommen und den schwungvollen Kurvenrhythmus stören. Darum hat er auch an seiner BMW, obwohl wunderbar handlich, etwas auszusetzen: »Ein paar Pferdestärken könnte sie schon mehr haben«, krittelt er. Doch dann siegt der Enthusiasmus. »Das ist einfach ein Motorrad pur. Und dieser Sound hört sich wieder richtig gut an. Nach den ganzen K-Modellen.«Die Leidenschaft fürs Zweirad hat bei Vater Tillessen einer der drei Söhne geweckt. Eines Tages fragte Ulrich den damals immerhin 50jährigen Papa, ob sie sich nicht beide gemeinsam ein gebrauchtes Motorrad kaufen könnten. Weil Rolf Tillessen sich schon als Kind die Nase an Schaufensterscheiben plattdrückte, hinter denen DKW-Kräder auf fernen Podesten glänzten, sagte er ohne Zögern ja. Der Junge rückte mit einer Yamaha RD 250 an. »Wir haben nicht nur die Maschine geteilt, sondern auch die Schutzkleidung.« Doch Ulrich gab bald wieder auf. »Das lag wohl an seinen Freundinnen, die hatten einfach keine Lust.« Der Vater blieb dagegen bei seinem Hobby und überzeugte seine Hannelore, hintendrauf Platz zu nehmen. Was er als die größte Leistung seiner Motorradfahrer-Karriere einstuft. Das will was heißen: Immerhin hat der Siegerländer mindestens 150 000 Kilometer auf Zweirädern abgespult. Von einer Honda CX 500 wechselte er zur bayrischen Konkurrenz über. Zuerst legte er sich eine R 65 zu, gefolgt von der R 100 RS und der K 75. Doch aller Zuneigung für bayrische Bikes zum Trotz hält sich der 71jährige keineswegs für einen typischen Motorrad-Oldie. »So einer hat schon mit 20 angefangen. Und treibt sich bei jedem Teilemarkt rum.« Dafür hat der Siegerländer keinen Sinn. »Ich schraube überhaupt nicht. Ich habe zwei linke Hände. Ein Motorrad muß für mich einfach funktionieren.« Was die 850er klaglos tut. An manchen Wochenenden streikt allerdings die Gattin. Immer dann, wenn freitags der Friseur dräut. Schließlich plättet der Helm das frisch dauergewellte Haupthaar ungemein. Abgesehen von derlei Platitüden teilen jedoch beide die Freude an gemeinsamen Ausfahrten. Vor allem in der Gruppe. »Ich bin überhaupt kein Fan von Vereinen«, meint Rolf Tillessen. Doch die Touren des Clubs MTC 40+ (siehe Kasten) bringen´s voll. »Wir sind keine solchen Fanatiker, daß wir nur über Motorräder reden«, schränkt Rolf Tillessen ein. Doch da widerspricht die Gattin vehement. »Ihr redet nur Benzin. Die Frauen sprechen auch über Enkelkinder«, fügt sie hinzu und lacht. Für ihre hörbar ausgelassene Lache ist sie überall bekannt. Auch im Motorradclub. »Aber die glauben ja, ich sei verrückt«, schmunzelt Rolf Tillessen. Denn der 71jährige ist zwar rüstig, aber keineswegs Rentner. »Wenn du ab 65 einfach zu Hause bleibst und nichts mehr tust, bist du nach zehn Jahren weg vom Fenster.« Deshalb ackert der Unruheständler in der Firma einer seiner Söhne. In dem technischen Großhandel, der von Brillen über Stiefel, Blaumänner und Handwaschpaste alle möglichen Materialien an mittelständische Betriebe liefert, ist er seit 40 Jahren beschäftigt. Früher hat er das Fünf-Mann-Unternehmen selbst geleitet, mit 65 Jahren jedoch an seinen Sprößling übergeben. »Arbeit ist eine Art Gehirnjogging. Das hält fit. Auf die Dauer würde der Reiz verblassen, wenn man immer im Urlaub ist. Und Ferien kann ich nur richtig genießen, wenn ich sie mir auch verdient habe.« Der rastlose Oldie reitet jeden Tag und fährt begeistert Ski. »Bei beiden Hobbies ist meine Frau nicht dabei.« Noch ein Grund, weshalb das Kradeln einfach zum Leben gehört: »Sie ist die ideale Sozia.« Sehr selten kommt´s zu Unstimmigkeiten zwischen Ehegespons und Chauffeur. Eigentlich nur, wenn nach ausgedehnten Mahlzeiten Hannelore, voller Gottvertrauen in seine Fahrkünste, schon mal einnickt und dem Nichtsahnenden in den Rücken fällt. Der erschrickt gewaltig, wenn ihr Helm auf den seinen kracht. »Dann haue ich ihr auf den Schenkel, und sie wacht wieder auf.« Hannelore lacht darob schallend und meint: »Ja, das kann er gar nicht leiden.«Etwas bereut ihr Gatte aber doch: ein Versprechen, das er inzwischen für leichtsinnig hält. »Mit 75 Jahren höre ich auf, habe ich ihr gesagt. Aber im Moment kann ich mir das gar nicht vorstellen.« Vielleicht läuft«s doch noch auf einen Kompromiß hinaus. »Eine BMW F 650 oder ein Roller.“
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Der erste deutsche Motorrad-Touring-Club für über 40jährige (Archivversion) - Vereinsmeierei ist beim MTC 40+ total out

Schlammschlachten, Striptease, Rock-Musik und Stunt-Shows - das alles gibt´s bei den Treffen des MTC 40+ nicht. Dafür bietet die erste deutsche Vereinigung von Motorradfahrern über 40 Jahre um die 150 Veranstaltungen pro Jahr im In- und Ausland. Die Ausfahrten, Wochenendausflüge und Stammtische gestalten die Mitglieder des Motorrad-Touring-Clubs selbst - ob in Bayern, im Harz, an der Nord- und Ostsee oder am Rhein. Bei über 300 organisierten Bikern - darunter 20 Prozent Selbstfahrerinnen - findet sich immer ein Ortskundiger, der einen Ausflug plant. Dabei reicht die Palette von der Rapsblüten- bis zur Fünfpässetour. »Wer Lust hat, was zu machen, tut das einfach«, sagt der Vorsitzende Reinhard Brendel. Dahinter steckt beim MTC 40+ eine Philosophie: »Wir lehnen alles ab, was nach Vereinsmeierei aussieht.« Zentral organisiert ist neben dem zehntägigen Fahrerlager, das einmal im Jahr stattfindet, nur die Vereinszeitschrift. Im »Ventil« finden sich alle wichtigen Termine. Dort werden aber auch Diskussionen ausgetragen. Als einige Frauen ein Wochenende solo - ganz ohne Männer - verbringen wollten, war die Reaktion eher säuerlich. Ausgrenzung lautete das Stichwort. Doch klein beigeben lag den Seniorinnen nicht. Der Treff fand statt. Über eins sind sich wenigstens laut Eigenwerbung alle einig: Sie wollen durch ruhige und vernünftige Fahrweise sowie faires Verhalten im Verkehr glänzen. Schließlich trägt das zum positiven Image des Motorradfahrers bei und soll der Jugend als Beispiel dienen.Wer Lust hat, beim MTC 40+ mitzumachen, kann sich an den Vorsitzenden Reinhard Brendel wenden, Telefon und Fax 0511/738954.

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