Porträt Romolo Liebchen (Archivversion) Perfekt verrückt

Romolo wünscht sich eine deutsche MV. Von Audi.

Sechzehn war er, da kraxelte Romolo eines Sonntags mit der Kreidler von Reit im Winkel, seiner Heimatstadt, die Pässe hinauf. »Plötzlich zog eine BMW R 90 S an mir vorbei. Ihr Fahrer packte die Ideallinie perfekt. Ein paar Kurven konnte ich dranbleiben. Dann war er weg.«Romolos Urerlebnis: So schön, so harmonisch, so rasant kann Motorradfahren sein. Er zog die Konsequenzen. Studium der Fahrzeugtechnik in München, Praktikum und Examensarbeit - »Kompressoraufladung für K 100-Motor« - natürlich bei BMW. »Es war mein Traum, dort zu arbeiten.« Doch daraus wurde nichts. Einstellungsstopp. »War vielleicht gut so«, sagt Romolo, heute ein überzeugter Audi-Mann. 1989 heuerte er als Konstrukteur in der Ingolstädter Rennabteilung an. Wo er mittlerweile für die gesamte Motorperipherie der erfolgreichen Le Mans-Renner verantwortlich zeichnet. Ein steiler Aufstieg, trotz intensiver Nebentätigkeit. Nicht für, sondern mit BMW. »Anlass waren 1995 die 24 Stunden von Oschersleben. Dort mit einem ‘normalen’ Motorrad zu fahren kam nicht in Frage. Ein Exot sollte es sein. Eine BMW. Die K war viel zu schwer, blieb nur der neue Boxer.« An den machte sich Romolo ran. Mit Lust, Laune und zusammen mit seinen Freunden vom »Boxer-Team«. Die Blauweißen hätten die »Liebchen-BMW« in größeren Stückzahlen fertigen und eine Lücke in ihrem Modellprogramm – eine veritabler Sportler fehlt da noch – endlich schließen können. »Alle Werkzeuge waren gebaut« (siehe MOTORRAD 20/1997 und 23/1998). »Das Boxer-Team hat gemacht, was möglich ist, aber BMW-Motorrad setzt so etwas in der Serie nicht um«, blickt Romolo milde resigniert zurück. Als sich Erfolge einstellten, wurde das Werk zutraulich, mischte sich ein. Freilich nur halbherzig. »Jetzt müssen 15 Kilo raus und 20 PS rein. Sonst verschwindet das Boxer-Team in der Bedeutungslosigkeit.« Wäre alles zu machen, aber nicht mehr mit ihm. »BMW hat Details an Motorrädern - absolut brillant! Da gehen die Japaner nicht ran. Aber anderen Dingen fehlt noch viel bis state of the art.« Weil Romolo Perfektionist ist, könnte er mit solchen Halbheiten nicht leben. Und würde lieber sein eigenes Ding machen. Für Audi. Eine deutsche MV Agusta. Hightech für Rennstrecke und Straße. Leichtbau. Schmal, elegant. Aluminium. Puristisch aufs Notwendigste reduziert. »Da müsste ganz oben einer eine Vision haben.« Was so weltfern nicht ist. Als Konzernchef Ferdinand Piech in einem Interview gefragt wurde, welchen Traum er noch verwirklichen wolle, kam die spontane Antwort: »Ein Motorrad bauen.« Mit Romolo hätte er den optimalen Mann dafür in seinem Betrieb: einen Techniker mit Visionen, der über den Tellerrand des bloß Konstruktiven hinaus schaut. »Den Vorwurf muss ich der Ingenieurszunft machen: Die meisten sitzen im Kämmerchen, sagen, ich will ja nur meine Arbeit machen. Aber du musst in der Lage sein, für deine Ideen zu kämpfen, auch vor den eloquenten Managern aus dem Marketing.« Er hat eben gelernt, sich durchzusetzen. Und das fing für einen, der Romolo Liebchen heißt, schon verdammt früh an. »Lass dir deswegen nichts gefallen!« hatte ihm sein Vater mit auf den Schulweg gegeben. »Als Junge war ich ein Raufbold, vielleicht genau aus diesem Grund. Aber einen Vorteil hat der Name: Man kann ihn sich leicht merken.«Der Mann macht eben aus allem das Beste. Als er für BMW jobbte, war er jede freie Minute unterwegs. Mit den Motorrädern aus dem Testfuhrpark. »Die haben mir sogar das Benzin bezahlt.« Um seine R 100 RS schneller zu machen, hat er sich als Taxifahrer die Nächte um die Ohren geschlagen. »Ich brauchte das Geld für die großen Zylinder und die scharfen Nockenwellen.« Sein Studium schloss er spät und beileibe nicht als Primus ab. War Romolo egal, weil er auf Konventionen und die Erwartungen der Personalschefs - »Am liebsten hätten die einen 23-Jährigen mit Prädikatsexamen und drei Jahren Berufserfahrung« - nicht einen Heller gibt. Sondern kontra. Für Le Mans 2000 organisierte Romolo ein großes Zulieferertreffen. Nicht im Vier-Sterne-Hotel wie bei der Konkurrenz. Romolo präferierte Zelt auf grüner Wiese. Statt Schampus und Hummerschwänzen gab’s Wochinger-Bräu aus Bayern und deftige Hausmannskost. Und das nicht nur für die Chefs. »Mir war wichtig, dass auch Leute aus der Produktion dabei sind.« So schafft man Markenbindung auf allen Ebenen.Bleibt zu wünschen, dass Piech seinen Traum wahr macht. Mit Romolo. Einen perfekteren Traumdeuter kann er nicht finden.

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