Porträt Sébastien Tortelli (Archivversion)

War er jemals ein Kind? Oder wenigstens ein Jugendlicher? Man hat seine Zweifel. Sébastien Tortelli scheint ein Experiment von Mutter Natur zu sein, die es irgendwie geschafft hat, den Geist eines Erwachsenen in den muskelbepackten Körper eines Teenagers zu implantieren. Nicht die Spur von jugendlicher Unbekümmertheit, keine Rede vom Übermut oder der Flapsigkeit eines 17jährigen. Statt dessen präzise, aber emotionslose Antworten und vor allem klare Ziele - den Achtelliter-WM-Titel 1996. Den wird Tortelli sich nach elf von bislang 16 möglichen Laufsiegen auch sicher holen. Warum auch nicht? Er hat bisher immer erreicht, was er wollte. Schon mit sechs Jahren nötigte Klein-Sébastien seine Eltern, Landwirte im südwestfranzösischen Landstrich Gascogne, ihn mit einem Mini-Crosser auf die Jugend-Rennen zu chauffieren. Im Alter von 14 Lenzen meldete sich der talentierte Dickkopf kurzerhand und zunächst ohne Wissen seiner Erzeuger auf das staatliche Sport-Internat INSEP im 300 Kilometer entfernten Paris an. Bereits ein Jahr später holte er sich unter Anleitung von Ex-Weltmeister Jacky Vimond den EM-Titel und im letzten Jahr WM-Bronze bei den 125ern. Alles quasi im Nebenjob. Denn im August steht das Abitur an. Leistungsfächer: Physik, Mathematik und Biologie. Gebüffelt wird den ganzen Dienstag sowie Mittwoch- und Donnerstag morgens. An den beiden Nachmittagen steht der Renntransporter des in Holland stationierten Kawasaki-Werksteams vor der Pforte des INSEP - Motorradtraining.Er fährt, wie er ist: effizient, schnörkellos, fehlerlos. Kühl, aber perfekt. So wie jemand, der es einmal ganz weit bringen kann. Und der fast krankhaft ehrgeizige Teenie will es weit bringen: 1997 und ´98 in der 250er WM, danach in den US-Meisterschaften. Und wie inzwischen jeder weiß: Er hat bisher immer erreicht, was er wollte.

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