Porträt Schürzenjäger (Archivversion) Koane Mädels nirgendwo

Wenn’s nirgends keine Mädels gibt, dann sind sie überall. Genauso wie die umtriebigen Schürzenjäger. Weswegen die zünftigen Alpenrocker aus dem Zillertal beim Tankrucksackpacken nie und nimmer die Kondome vergessen.

Sie schürfen abgründig tief, so tief wie die Schluchten ihres geliebten Zillertals, singen letzte Weisheiten gelassen raus. Aber so sind sie nun mal, diese Schürzenjäger: »Koane Mädels nirgendwo, di ma net lieb’n.« Ein schwerphilosophischer und - darin zeigt sich wahres Genie - dennoch schunkeltauglicher Refrain, dessen doppelte Verneinung in der Geschichte alpenländischen Liedguts seinesgleichen sucht. Leichthin nachzuhören auf einem aktuellen Tonträger namens »Homo Erectus«, was übrigens, um allen Mißverständnissen vorzubeugen, nicht »Erregter Schwuler«, sondern »Aufrechter Mensch« heißt. »Wenn du deutsch singst, hört ein jeder genau auf die Texte, deshalb schreiben wir die nicht mehr selbst, da lassen wir nur noch Profis ran«, sagt der Steinlechner Peter, Sänger, Chef und Sprachrohr der feschen Alpinrocker. Dem löblichen Prinzip des Delegierens huldigen die Schürzenjäger auch, wenn’s ums Warten ihrer Motorräder geht. »Die modernen Bikes sind so kompliziert, daß du am besten die Finger davon läßt«, meint Willi Kröll, genannt »Der Wilde«, seines Zeichens Background-Vokalist und Heizer. »Ich kann’s nicht ab, wenn mich einer überholt, den schnapp’ ich mir wieder.« Was ihm und seiner GSX-R 750 im Lucky Strike-Renntrimm - »Die ist getunt, hat ihre 130 PS« - meist subito gelingt. Übung macht den Meister, und Willi trifft sich regelmäßig mit Kumpels, die ebenfalls voll auf Speed stehen, zu Privatrennen auf der Hausstrecke. Damit Ordnungshüter oder - schlimmer noch - Almabtriebler der Hatz nicht ein abruptes Ende setzen, schaffen die Jungs und ihre willigen Helfer längs der Serpentinen mit allen Mitteln, die ihnen die Kommunikationsindustrie zur Verfügung stellt - Funkgerät, Handy, rote Tücher. »Ja, der Willi ist schon ein Verrückter«, sinnt der Steinlechners Peter, der die Sau auf der Bühne und nur selten auf der Straße rausläßt. Nach ersten Versuchen auf XV 535 und einem Kawasaki-Chopper ziert nunmehr eine Sportster seine Doppelgarage. »Das Motorrad paßt vom Image her zu unserer Musik. Und die Harley hat diesen ganz besonderen Mythos.« Um den wußte er längst Bescheid, noch bevor er sich seines ureigenen Twins erfreute. So geschah es, daß die Band für ein mittlerweile kultiges Poster artig auf amerikanischem Schwermetall posierte. Gewiefte Retuscheure ließen die Ständer, auf denen die Mopeds ruhten, nonchalant verschwinden, eine Windmaschine wirbelte Mähnen entgegen der Fahrt-, pardon: Standrichtung auf. Eine Legende ward geboren, die’s natürlich auch als Bettwäsche gibt. Für kuschelige 114 Mark im Schürzenjäger-Shop, Tuxerstraße 718, A-6290 Mayrhofen. Nicht nur der FC Bayern macht mit Merchandising Riesenumsätze. »Bei dem Wahnsinnsaufwand während der Tourneen verdienst du ja kaum noch Kohle«, analysiert Baßmann Alfred Eberharter die Kehrseiten massenhaften Erfolgs. Der Schürzenjäger, seit zwei Jahren stolzer Opa, nennt die längsten Haare der Band - Vorbild der original Schürzenjäger-Perückenkappe für 25 Mark - sein eigen und hat, gesteht er, seit seinem elften Lebensjahr keinen Bock mehr aufs Moped. Weil ihm eine blaue Puch 125 sowas von auf die Eier ging. »Ich habe mir immer heimlich das Moped vom Vater geschnappt, Berg rauf, Berg runter, bis es mich einmal so sakrisch hingehauen hat, daß unten, ähem, eher in der Mitte, wochenlang alles blau angeschwollen war.« Weswegen er heute lieber auf seinem von einem Golf-Motor befeuerten Trike genüßlich durchs Zillertal gondelt. Schlagzeuger Patrick Cox gehört zu den Spätberufenen, kam erst während der Harley-Fotosessions auf den Motorradgeschmack, machte mit 28 den Schein. »Vor meiner Zeit bei den Schürzenjägern hatte ich dafür kein Geld, hab’ alles für Instrumente ausgegeben, muß so ‘ne Art Musikerkrankheit sein.« Weil er den örtlichen Triumph-Händler einfach sympathisch findet, fuhr der Sunnyboy zunächst Tiger, stieg »weil die ab 140 schwänzelt«, auf Trophy um. »Optimal für das Touren zu zweit.« Alfred hat Peters Schwester geheiratet, lebt mit seinem Schwager in einem prächtigen Doppelhaus im postmodernen Zilltertaler Älplerstil unterhalb von Finkenberg mit Panoramablick aufs touristenreiche Mayrhofen. In den Sechzigern frönten sie hier dem Rock’n’Roll. »Das gab Aufruhr im Tal.« Dann kam das Militär, danach der Job im Kraftwerk. Doch nach Feierabend, wenn die Touristenbusse vorfuhren, hauten sie ordentlich rein, stimmten Folkloristisches an. »Warum gebt ihr euch eigentlich keinen Namen«, fragte die Wirtin, bei der sie regelmäßig aufspielten. »Brauchen wir nicht.« Bis eines Tages plötzlich »Zillertaler Schürzenjäger« auf der Vorankündigung stand - eine Idee der findigen Gastronomin: »Damen auf Kaffeefahrt fühlen sich geschmeichelt, wenn sie glauben, daß ihnen jemand an die Schürze will.« Nur platonisch, versteht sich - gemäß der Schürzenjäger-Maxime »Koane Mädels nirgendwo«. Die wiederum spielt - logo - auf »Kein Ort. Nirgends«, an, den Titel eines superspannenden Romans von Christa Wolf, der, wörtlich ins Griechische übersetzt, »Utopie« bedeutet. Dennoch: Freunde avantgardistischen Musikschaffens, das hat sich herumgesprochen, werden von den Schürzenjägerm nicht optimal bedient, bestens dafür jene fidele Klientel, die mal ordentlich einen abstampfen, Wunderkerzen abfackeln, schunkeln, mitsingen, Bölkstoff abpumpen will. Diese Zillertaler Melange aus inbrünstig zelebriertem Rock und Folklore light changiert, zumal live, souverän zwischen ländlerhaftem Groove, balladeskem Sentiment und bäriger Kraft. 120 000 Fans pilgerten 1996 zur traditionellen Schürzenjäger-Party nach Finkenberg. »Da waren Tausende von Bikern dabei«, freut sich der Alfred noch heute. »Die haben nackt im Bergbach gebadet und in der Nacht dafür gesorgt, daß unsere Fans immer jünger werden. So ein Konzert ist wie Motorradfahren - eine grandiose Flucht aus dem Alltag.« Die Monsterparty bescherte dem Tal ein Umsatzplus von 24 Millionen Mark - eine Arbeitsgruppe der Universität Innsbruck hat das auf den Pfennig genau nachgerechnet. Heuer steigt das Fest erstmals am Walchsee, unweit von der Grenze. »Da brauchen unsere deutschen Fans keine Vignette«, freut sich Peter. »Es waren einfach zu viel Leut’ für Finkenberg, die Sicherheit war nicht mehr zu gewährleisten. Außerdem haben uns die Bürokraten nur noch Steine in den Weg gelegt.« Beamtenseelen kann er nicht ab. Und auch von Pfaffen hält er wenig. Nicht nur wegen der Verhüterli.

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