Porträt Siegfried Güttner (Archivversion)

Easy going Fred

Nachdem Siegfried »Sigi« Güttner sich ehrenhaft mit Helden wie Phil Read oder John Dodds duelliert hatte, war er reif für MOTORRAD. Im Mai geht der fixe Tester in Rente, seine Hockenheim-Messungen werden Legende.

Jeder ist ersetzbar«, tönt die moderne Welt und droht unverhohlen jedem, der nicht passt, dem’s nicht passt oder der sich nicht passend machen lässt. Aber den Sigi, den haben sie nicht eingepasst. Bis jetzt nicht, und jetzt ist der Sigi Rentner. Vielleicht hat man’s deshalb nicht geschafft, weil der Spruch von der Ersetzbarkeit sich nicht auf alle und jeden Menschen anwenden lässt. Und schon gar nicht auf den Sigi. Weil die schwäbisch untertänige Mentalität »Maul halta ond schaffa« mit ihm nicht zu machen ist. Wenn dem Güttner in der MOTORRAD-Redaktion was gegen den Strich ging, hat er ohne Rücksicht auf taktisches Kalkül »s Maul uffgmacht«. »Bruddler« nennt man im Schwäbischen Menschen, die in energischem Tonfall und ohne Scheu jederzeit ihre Meinung sagen. Auch den Sigi könnte man zu der Kategorie Bruddler zählen, allerdings müsste man in seinem Fall die Sonderkategorie »liebenswert« eröffnen. Weil Sigi aus raunzigem Gebruddel meist nahtlos in freundschaftliche Zugeständnisse übergeht. Zum Beispiel dann, wenn die Redakteure in letzter Minute daherkamen und den Sigi mit einem scheinbar harmlosen »Könntsch mir gschwind... .« in Bedrängnis brachten. »Könntsch mir gschwind - die Dauertest-Kawa zerlegen und vermessen?« Was beim Sigi für eine etwa halbminütige Standpauke über den Sauhaufen (Redaktion) und den »Seggl« (Redakteur) sorgte, aber bereits wenige Sekunden später in einem beruhigenden »Aber net vor em Mittagessa« endete. Zum Mittagessen allerdings hatte der Siegfried nie so richtig Zeit. Mit einem Wurstbrot von Frau Renate, wie er seine Lebenspartnerin betitelt, in der Hand, stand der Sigi jede freie Minute in der Werkstatt. Seine heiß geliebten Motorräder und Oldtimer verlangten vollen Einsatz. Den hat er natürlich auch für die MOTORRAD-Redaktion nie gescheut hat, wie ein paar eindrucksvolle Erlebnisse verdeutlichen. Glatteis in HockenheimMitte Februar, Winter in Deutschland, aber ein brandaktueller Test in der Pipeline. Die Yamaha FZR 1000, in Spanien getestet, muss in Hockenheim noch gemessen werden. Beschleunigung, Durchzug und Topspeed. Als der MOTORRAD-Transporter die Messstrecke zur Ostkurve hochzuckelt, scheint alles klar. Dicke Eisplatten versperren die Fahrbahn, Rinnsale aus Wasser queren die Piste. »Tja Sigi, das war’s wohl.« Mmmhhh, grummelt Sigi, »fahr no mal zurück, des muss i mir agucke.« Sigi steigt aus, mustert wie ein Landvermesser die lange Vollgasgerade, zieht wortlos seine blaue, uralte Rennkombi über, bugsiert die FZR aus dem Transporter und lässt den Motor warmlaufen. »Was soll das jetzt?« Darauf der Sigi mit optimistischer Stimme: »Also, wenn i des Motorrädle bei Vollgas ganz päb (deutsch: knapp) am Rand halta ka ond die Kischt koine Mucke macht, dann könnt i eventuell zwischee dene zwoi Eisbladde durch treffe.« Sigi traf auf den Zentimeter genau, und die Messwerte standen fünf Tage später in MOTORRAD.Doch mindestens so engagiert wie Siegfried sich dem Messen und Testen widmete, drehte der erfolgreiche Ex-Rennfahrer auch am Gasgriff. Brille wegReifentest im spanischen Calafat. Mit dabei: Sigi und Monika Schulz, ganz neu in der Redaktion und noch ahnungslos, wie erbarmungslos so ein Reifentestmotorrad geschunden wird. Moni, zuständig für die Datenerfassung der Lichtschrankenmessung, stockt der Atem: Die GSX-R 1100 brüllt mit Vollgas auf den Bremspunkt zu, dann quietschen die Räder, der Brocken bricht aus, kommt quer und schleudert scheinbar außer Kontrolle auf die Kurve zu. Ruckartig schnappt die GSX-R in eine unglaubliche Schräglage, der Motorgehäusedeckel kracht laut auf den Asphalt, und Sigi entschwindet dem entsetzten Blick der kreidebleichen Monika, die vor Schreck die Messung sausen ließ. »Das ist doch nicht normal, oder?« Normal sicher nicht, aber so ist er halt, der Siegfried. Auf die Frage, warum er in jeder Runde nur noch mit aller Mühe und auf allen möglichen und vor allem unmöglichen Linien um die Kurve zwirbelt, hat Sigi natürlich eine plausible Erklärung: »Ha woisch, Mädle, mir rudschd beim Bremse uf de Bodewelle jedesmol d’ Brille ronder, ond dann seh’ i nemme so genau, wo i no fahr.«Aber wer glaubt, Sigi sei nur dann richtig zackig unterwegs, wenn er nix mehr sieht, der täuscht sich. Wer, bitte schön, ist der Verrückte mit der Glatze?Nächste Szene, gleicher Hauptdarsteller. Doch diesmal Rijeka statt Calafat. Sigi brummt voller Elan auf der Test- Kawasaki ZXR-750 um den kroatischen Rennkurs. Gleichzeitig hetzt der Jahre später bei einem Rennunfall verstorbene Klaus Liegibel auf seiner Suzuki GSX-R 750 um die Piste. Liegibel, das absolute und erfolgreiche Fahrertalent in der 750er-Serienklasse, pirscht sich auf der Zielgeraden aus Sigis Windschatten und drückt sich im Zentimeterabstand bei über 220 km/h nach links auf die Kampflinie. Sigi, von dieser Aktion nicht im Geringsten beeindruckt, schwenkt zum Entsetzen der Beobachter auf der Boxenmauer daraufhin noch weiter nach links und wählt einen mehr als optimistischen Bremspunkt. Mit lautem Kreischen presst er sich mit blockierendem Vorderrad und auf der allerletzten Rille am Suzuki-Piloten vorbei und schraddelt wie gewohnt aufrecht sitzend, aber in kurioser Schräglage vor dem verdutzten Klaus Liegibel um die Kurve. Liegibels erste Frage in der Box: »Wer, um Gottes Willen, ist der verrückte Typ mit der Glatze?« Sigi, von jeher ohne Furcht vor großen Namen, auf die Frage, ob das mit dem Ausbremsmanöver zwingend sein musste: »Ha, was glaubt denn der, wer er isch?«Immer voll isch au gleichmäßig, denk i.Neues Spiel, neues Glück. Sigi entdeckt die Liebe zur Aermacchi wieder, dem Renner seiner frühen amerikanischen Jahre. Zwei Stück zieren seine Garage, meist ist eine so weit hergerichtet, dass sie zum Veteranen-Sport taugt. Doch oh Schreck, das heißt in Deutschland: Es gewinnt, wer am gleichmäßigsten seine Runden zieht. Das aber beherrscht der Siegfried nicht. Im Rennen siegt, wer als Erster durchs Ziel rast. So ist Sigi immer gut gefahren, so denkt er – und so wird er auch das Dasein als Rentner meistern: »Es isch jedes Mal a sauguats G’fühl, wenn du oinen überholt hascht.“
Anzeige

Güttner, Siegfried: Porträt zum Ruhestand (Archivversion) - Einmal um die ganze Welt

Sigi, den jeder für einen Ur-Schwaben hält, stammt eigentlich aus Breslau. Sein Hochdeutsch legt er ab 1947 systematisch ab. Da war er, zehn Jahre jung, in Nürtingen angekommen - das Ende einer Flüchtlingsodyssee. Bei Metabo lernte er Mechaniker und an der Solitude, damals GP-Kurs, die Rennerei lieben. Das erste Geld reichte für NSU Pony, das zweite für ‘ne Fox, aber ein »richtiges« Motorrad, eine 650er-BSA, legte er sich erst 1960 in Australien zu. »Ich musste weg von zu Hause.« Weiter weg jedenfalls als der Bruder, den es von der Schweiz allwochenendlich nach Hause trieb. Am anderen Ende der Welt schaffte Siggi zunächst gut schwäbisch beim Bosch. Dann, als die Konjunktur abflachte, zog Sigi in die Snowy Mountains - Pionierarbeit leisten bei der Erschließung der heutigen Touristenregion. Dort traf er einen Amerikaner, was Sigi auf die Idee brachte, es doch mal in den USA zu versuchen. Gesagt, getan und in Frisco und Aukland ein Jahr lang als Mechaniker gejobbt und 200er-Ducati gefahren.1963 dann retour nach Deutschland. »Ich komme wieder zurück, hatte ich meiner Mutter geschworen.« Sigi hält, was er verspricht, entschwand nach einem Jahr aber schon wieder über den Großen Teich. Diesmal Detroit. Wo er sein erstes Rennmotorrad kaufte - Bultaco TSS 200 – und anno 1965 seine Rennfahrerkarriere startete. »Stopp«, sagt da der Sigi. »Ich bin Sport-, kein Rennfahrer. So wie andere wandern gehen, bin ich im Kreis herumgefahren.« Zunächst in Kanada, dann auch in den USA. Der Newcomer - mit 28 nicht gerade der Jüngsten einer - machte schnell auf sich aufmerksam. Mit seinem ungeheuer gelassenen Fahrstil - ästhetisch, blitzsauber und mit atemberaubenden Schräglagen. »Ich fahr’ halt so, und zwar schon immer«, meint der Sigi, »das ist irgendwie angeboren, kann man nicht lernen.« »Easy goin’ Fred« nannten ihn die Amis, weil ihnen Siegfried nur schwer von den Lippen geht und weil bei ihm alles so leicht und spielerisch aussieht. 1966 schloss er mit Kenny Roberts Bekanntschaft, als Sigi beim Versuch, ihn beim 250er-Rennen in Laconia auszubremsen, den Abflug machte. Sein spektakulärster Erfolg: Mit seiner 350er-Yamaha holt er in Daytona im 750er-Rennen (!) einen glorreichen fünften Platz. Einen Rang vor ihm: ein gewisser Phil Read.Als Sigi 1974 nach Deutschland übersiedelte, wollte er dort »so gut und selbständig leben wie in den USA«. Rennen zu fahren gehörte unbedingt dazu. Und Zweiter in der DM war so schlecht nicht. Wie der Zufall so spielt: »In Hockenheim hat mich ein MOTORRAD-Redakteur gefragt, ob ich nicht für die Zeitschrift arbeiten wolle.« Sigi wollte. Hat fortan fast jedes Motorrad gemessen, jeden Reifen getestet. Und schüttelt bis heute den Kopf über die jüngeren Kollegen mit ihrem neumodischen Hanging-off. Er zeigt ihnen, wie der Bartel den Most holt. Mit dem Knie am Tank.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote