Porträt Silvia Herz (Archivversion) Schwarz macht schlank

Von der Sozia zur Selbstfahrerin und Club-Präsidentin.

Ein Mitglied der Motorradfreunde Eschweiler trifft eine gute Fee. Natürlich hat er einen Wunsch frei. Okay! Die Fee soll das ganze Elend beseitigen, das der Motorradfreund auf der Weltkarte zeigt. Zu viel, das schafft die beste Fee nicht. Dann möchte ich einmal bei Silvia das letzte Wort haben, fleht der Fahrer. Daraufhin die Fee: Kann ich noch einmal die Weltkarte sehen? Sagt Silvia.Leise blubbernd rollt die schwarze Suzuki VX 800 aus, zwei fast zu kurze Beine balancieren den V-Twin, bis er auf dem Seitenständer Halt findet. Dann enthüllt Silvia Herz, 43, ihr pausbäckiges Gesicht und strahlt: »Schwarz macht schlank. Deshalb fahre ich als rollender Kugelblitz eine schlanke, schwarze Maschine und trage schwarzes Leder.« Angefangen hat alles vor 18 Jahren, als die Wonnefrau mit ihrem damaligen Ehegespons als Sozia um die Eschweiler Ecken bog. Eschweiler, so viel darf der Chronist vermerken, ist Braunkohle und Tagebau. Und RWE. Die Kohle wird in einem monströsen Kraftwerk zu Strom gewandelt. Der Dampf aus den Kühltürmen ist Erkennungsmerkmal für Eschweiler. Nix wie weg. Deshalb fahren die Freunde viel und »Frauchen immer hinten drauf. Frauchen wird’s schnell langweilig. Frauchen fährt einen ganzen Südfrankreich-Urlaub hinten auf einer CX 500 mit. Frauchen kommt samstags zurück. Frauchen geht gleich montags in die Fahrschule und meldet sich für den Einser an«. Sagt Silvia. Inzwischen hat die Ex-Sozia sich selbst inklusive Motorrad dreimal in die Wicken geworfen und allein in den zehn Jahren mit der »Suzi« 160000 Kilometer runtergeschrubbt. »In Europa fahr’ ich alles mit dem Motorrad. Mit mindestens einem großen Urlaub pro Jahr.« Jedes Mal, wenn sie beim Händler den imposanten Kilometerstand ansagt, kennt einer die Geschichte von dieser BMW, die fast 250000 Kilometer auf dem Tacho hat. »Das ist das Möpi von meinem Mario.« Sagt Silvia. Das ist nicht ihr Ex, sondern ihr neuer, der sich jetzt auch um ihre Suzi kümmert. Dem Club gehörte Silvia schon während der Fahrschulzeit an. »Mir gefiel der raue, aber herzliche Ton unter den Motorradfahrern«, sagt Silvia, die von einer Zufallsbezinquatschbekanntschaft in den Club gebracht wurde. Sie wollte Spaß, und kriegte ihn auch. Weil sie ihn selbst organisierte - Touren, Treffen und »seit 16 Jahren einmal jährlich eine Ausstellung. Und weil bei uns im Club nur durchschnittliche Leute wie im Briefmarkenverein drin sind, machen wir die Ausstellung für Motorradfahrer und nicht für Biker. Wir«, sagt Silvia, »wir haben kein Interesse an ‚Wohnaccessoires für Biker‘ wie Federschmuck und Türkisanhänger«.Seit zwölf Jahre hat sie immer das letzte Wort bei ihren Jungs. Die haben das von Anfang an akzeptiert – »Die tut was« - und sie deshalb zur Vorsitzenden gekürt. »Obwohl ich damals die einzige selbstfahrende Frau im Club war.« Heute sind’s deren drei bis vier. »Ich war von allen Kerls gleich akzeptiert, ich bin kein Mauerblümchentyp, aber auch keiner, den sie anmachen. Ich vertraue ihnen von Anfang an. Ich würd’ mit jedem ohne Angst eine Nacht im Zelt verbringen.« Sagt Silvia. Und schmunzelt. Vor fünf Jahren haben sie einen Kuhstall angemietet und ausgebaut. Immer, wenn von den Ausstellungen ein bisschen Kohle übrig blieb, hieß es: »Hey, ’n paar geile Touren und im Winter die Holzdecke.« Standardsatz: »Da nehmen wir ein Viertelstäbchen.« Wenn’s klemmt, Viertelstab. Sagt Silvia. Und es klemmt fast immer. »Du hast Arbeit für 100, es stehen 20 Mitglieder zur Verfügung, und nur zehn haben wirklich Zeit.« Deshalb hat manches im Club gedauert, aber Silvia hat in der Männerdomäne gepowert. »Da sind alle Hände im Verein gefragt: Männer, Frauen, Freunde und Kinder.« Letzte Anschaffung, bevor sie zur »grauen Eminenz« wurde: ein Anhänger für den Motorradtransport. Den braucht Silvia nicht, denn sie hat »meinen Mario«, eine schwerkranke Mutter - »Ich muss jetzt etwas kürzer treten« - und »mein Möpi«. Selbst Hausbesuche für den Augenarzt, bei dem sie arbeitet, erledigt sie mit und auf dem alten Bock. In den Urlaub nach Kanada – »Bauen wir das Bad um, oder machen wie Ferien mit dem Möpi?« – hat sie ihre Suzi mitgenommen. »Der Cowboy reitet auch am liebsten auf seinem eigenen Pferd. Und ich brauche das eigene Möpi unterm Arsch. Schließlich habe ich drei Leidenschaften: zweitens Motorradfahren und drittens, gut essen.« Sagt Silvia. Und hat wieder das letzte Wort: »Tschö mit ö«.

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