Porträt: Susanne Sieß-Barbosa (Archivversion) La Senorita

Verliebt, geheiratet, den einzigen Motorradverleih Mexikos flott gemacht. Für die Bayerin Susanne Sieß-Barbosa ganz normal.

»Eine US-Motorradzeitschrift hat uns mal als ‚die quirlige Deutsche und der laszive Lateinamerikaner’ bezeichnet«, erzählt Susanne mit dem unverbindlichen Gesichtsausdruck einer Geschäftsfrau. Seit knapp fünf Jahren lebt die gebürtige Bayerin mit ihrem Mann Ricardo in Cuernavaca, 130 Kilometer südwestlich von Mexico-City. Und das Leben dort hat sie verändert: »Wenn ich nach Deutschland komme, sagen meine Freunde: Du bist schon richtig mexikanisch. Stimmt ja auch. Früher musste bei mir alles perfekt sein. Heute ist das anders«, gibt sie zu, und das Geschäftsfrauen-Lächeln weicht kurz einem weichen Feierabend-Grinsen: Siesta. »Für die Mexikaner aber werde ich immer die korrekte Deutsche bleiben.«Begonnen hatte alles während eines gemeinsamen Urlaubs mit ihrem Vater. Eine Woche lang waren sie mit den Bikes quer durch Mexiko gefahren. »Am letzten Abend hat’s geschnackelt«, erzählt Susanne. In Acapulco hat sie Tour-Guide Ricardo, ihren heutigen Ehemann, näher kennen gelernt. Zurück in Deutschland, schmiss sie ihren Job als Junior-Chefin des elterlichen Familienbetriebs, wechselte den Kontinent und von der Bau- in die Motorradbranche. Das war 1996.Ricardo war damals Tour-Guide für Susanne und die Gruppe Gringos, die für reichlich Geld von ihm geführt per Leih-Motorrad sein Land ergründen wollten . Der Ölbohr-Ingenieur hatte kurz zuvor seinen gut bezahlten Job an den Nagel gehängt und elf nagelneue Motorräder gekauft. Die Kawasaki KLR 650, BMW F 650 und R 1100 GS sollten ihm seine neue Existenz sichern: Motorrad-Verleiher und Anbieter geführter Touren in Mexiko. An einer der ersten nahm Susanne aus Regensburg teil.Aber mit der Heirat, eineinhalb Jahre später in Cuernavaca, konnte -und wollte – sich Susanne nicht ins gemachte Nest setzen. Mototour, Ricardos Unternehmen, lief schlecht: kaum Ausländer, die eine der Maschinen mieten wollten, für den Durchschnitts-Mexikaner waren sie unerschwinglich. Und kaum Kunden für die geführten Touren. Für die resolute Pferdenärrin eher eine Herausforderung als Grund zur Verzweiflung: »Wir werden das Baby schon schaukeln«, war die Jungvermählte überzeugt und machte sich an die Arbeit.Neben dem ihr von den Eltern in die Wiege gelegten Unternehmergeist war der 33-Jährigen ihre Motorrad-Vergangenheit dabei nützlich: »Mit fünf hab ich zum ersten Mal ein Motorrad gelenkt. Mein Vater saß hinter mir, hat geschaltet und gebremst«. Mit neun hat sie im Wald hinterm Wochenendhäuschen der Eltern Trial und mit zehn Auto fahren gelernt. Zehn Jahre lang besaß Susanne in Deutschland eine XT 500. 17mal ist sie damit über das Stilfser Joch gekachelt. Doch bis heute, gesteht sie, kenne sie sich mit der Technik nicht richtig aus. Trotzdem kann es schon mal vorkommen, dass Susanne nach einer Probefahrt zu Sergio, dem firmeneigenen Mechaniker, sagt: »Ich spür’ da was, kümmer’ dich drum.« Und Sergio findet anschließend ein Radlager, das kurz vor dem Exitus ist.Wenn Susanne etwas will, dann redet sie Klartext. Auch mit ihrem zwölf Jahre älteren Mann, der nach der Hochzeit erst nicht wollte, dass sie überhaupt arbeitet: »Er hätte mich am liebsten auf Händen getragen.« Susannes Reaktion: »Kommt überhaupt nicht in Frage.« Da kam es für Ricardo schon eher in Frage, seiner Frau die Motorrad-Firma gleich ganz zu überlassen: »Mach mal, du kannst das besser« – eine große Entscheidung für einen Mann, der aus dem Land des Machismo stammt. Drei Jahre lang dauerte der Kampf ums Überleben von Mototours. Mittlerweile scheint er entschieden: Susanne hat gewonnen. Und die Firma Bestand. Vorerst. Denn zum Leben reicht’s laut der Chefin noch nicht. Den Fuhrpark hat la Senorita, wie Susanne von ihren Angestellten genannt wird, von elf auf sechs Motorräder eingedampft: vier BMW F 650 GS, zwei R 1150 GS. Ab 90 US-Dollar pro Tag ist eines der Bikes zu haben.Damit’s dem deutsch-mexikanischen Ehepaar, das mittlerweile Pablo, 3, und Alejandro, 4 Monate, als Nachwuchs bekommen hat, dann eben doch zum Leben reicht, arbeitet Ehemann Ricardo wieder als Ingenieur. Jetzt im Straßenbau. »Seinetwegen bin ich von Europa nach Lateinamerika gezogen,« grinst Susanne, »trotzdem führen wir nun eine Wochenend-Ehe.« Denn der Arbeitsplatz am Golf ist von Cuernavaca ganz schon weit weg. Aber vielleicht werden über Ricardos Straßen ja irgendwann mal Susannes Motorräder rollen.

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