Porträt Swantje und Mary Loos (Archivversion) Verrückt nach Mary

Wäre Mary nicht über die Lande gezogen, um jubelnden Bikerscharen vorzutanzen, hätte sich Swantje ihre R6 nie und nimmer leisten können.

Als die in reizendes Bühnen-Outfit gewandete Schöne auf der Ladefläche eines Pick-up ihrem Auftritt bei ‘nem Dragster-Meeting entgegenschwebt, rollen und tollen gewaltige »Mary, Mary«-Rufe auf sie zu. »Total faszinierend«, lacht Swantje, »so was habe ich noch nie erlebt.« Angst und bange war’s ihr noch am Abend zuvor. »Tausende von Leuten im Festzelt, vor so vielen Zuschauern bin ich noch nie aufgetreten.« Nachdem die sich etwas vulgär gebende und bewegende Vorhertänzerin zu spärlichem Applaus ihre noch spärlicheren Klamotten zusammenpacken musste, fiel das Herz erst recht in Tanga und Chaps, jene Beinkleider im wahrsten Sinn des Wortes, weil hüftwärts, hinten wie vorne, zu einer Hose verdammt viel fehlt. »Aber dann bin ich einfach raus und habe alles gegeben.« Und am Ende vom Lied, ihrem Lied, stand, wie so oft, nicht nur das Publikum Kopf, sondern auch des Veranstalters Begehr, sie möge ihre Show anderntags, ihm und den Fans zuliebe, erneut zelebrieren und sich im damenhaften Ölcatchen profilieren. »Macht Spaß, richtig hauen kann und will man sich gar nicht.« Das sind »Tanzereien«, die Mary - im bürgerlichen Leben: Swantje - so bald nicht vergisst. Swantje - ein um Fürth herum exotisch klingender Name mit einer Anmutung, die doch sehr ins Nordlichternde tendiert. »Meine Mutter hat damals bei Ikea gearbeitet«, versucht sie sich an einer Interpretation. Und lacht. Wie so oft. Sonnig, wonnig, ansteckend. »Spaß« - das ist ihr Lieblingswort, und davon, sagt sie, hat sie jede Menge. Sogar in ihrem Beruf als Altenpflegehelferin. Bei der Windeltour in der Nacht, beim Waschen der pflegebedürftigen Senioren. »Ich habe mit Menschen zu tun, da wird es dir nie langweilig.« Ihr Lachen dürfte den angejahrten Herr- und Damschaften eine dieser kleinen Freuden machen, derer man sehnsüchtig harrt. Dennoch: Knüppelhart ist der Job, der geht ins Kreuz und aufs Gemüt. »Wenn ich mir vorstelle, wie viele von den Leuten nicht wirklich gelebt haben, wenn ich sehe, wie verbittert sie jetzt herumsitzen, tun sie mir richtig leid. Ich möchte meinen Spaß haben, bevor ich alt werde.« Deshalb hat sie ihre Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin geschmissen. »Selbst wenn ich nichts zu tun hatte, hatte ich so zu tun, als hätte ich was zu tun.« Deshalb fährt sie Motorrad. »Am geilsten ist das Beschleunigen, das könnte ich den ganzen Tag lang machen. Dazu passt mir die R6 optimal.« Und deshalb tanzt sie. »Ich kann meine Fantasien ausleben, und das Tolle daran ist: Das Publikum kauft sie mir ab - als Domina, Schulmädchen oder Nonne.« Richtig Spaß am durch die Lande und sich ausziehen kommt freilich nur auf, wenn die Aura des Künstlerischen den exhibitionistischen Akt umwedelt. Oder wenn das herrliche Gefühl, die Schau nur zu spielen, zu schauspielern eben, nicht an der zu groben Nähe des gaffenden und manchmal auch grapschenden Publikums zu Schanden geht. »Am schlimmsten ist das Oben-ohne-Bedienen. Die starren stier auf deinen nackten Busen, grummeln: noch ein Bier.« Eigentlich ganz im Sinn des Veranstalters und der Sache, oder? Doch angesichts der Konfrontation mit dem geilen Blick des Besoffenen schmiert der Wunsch, Spaß zu haben, Spaß zu verbreiten, unweigerlich ab. Marys Konsequenz: »Mach’ nicht mehr mit.« Dabei fing so, mit dem Sekundären, das zum Primären anschwellen kann, eigentlich alles an - den Wet-T-Shirt-Contests und Miss-Busen-Wahlen in Swantjes einstiger Stamm-Diskothek. »Habe alles mitgemacht, aus Spaß an der Freud.« In der enthusiasmierten Masse gingen die nervenden Glotzereien der Voyeure schlicht unter. Und Mary lebte auf. Ihren Körper zu zeigen – für sie kein Problem. »Am Strand liege ich ja auch oben ohne rum.« Und sich lasziv dazu bewegen? »Warum nicht, wenn’s schön ist. So wie die Bilder im Playboy, die schaut sich doch auch jeder gern an.« So richtig zu Mary wurde Swantje, als ein Typ sie fragte, ob sie ihre Tanzereien nicht öfter und gegen Bezahlung vorführen könne. »Der sagte: Du hast zwei Songs, auf den ersten tanzt du, auf den zweiten ziehst du dich aus.« Mary bekam, was sie wollte: Spaß und Applaus. Mutter fand das nicht toll, aber okay. Mit der Yamaha R6, die Swantje einem Freund abkaufte, verhält es sich übrigens ebenso. »Als ich noch Teenie war, Motorrad fahren wollte, hat sie’s mir strikt verboten.« Roller ja, Honda Rebel nein. Weswegen Swantje bei ihren Kumpels alles abgriff, was zwei Räder hat. »Fürs Wochenende, einen Trip in die Fränkische Schweiz.« Die R6 ist ihre erste eigene Maschine, bezahlt mit auszüglichen Gagen. »Mit dem kargen Gehalt einer Altenpflegehelferin wäre das nicht drin.« Mutter verhinderte auch, dass Swantje sich Schlangen hält. »Heute sagt sie zuerst meinen Leguanen und dann mir guten Tag.« Zum Geburtstag hat Swantje ihrer Mama ein Piercing am Bauchnabel und eine Tätowierung auf der Schulter geschenkt. Zusammen gingen sie früher in die Disko, heute sitzen sie auf einer Schulbank. Sie wollen staatlich examinierte Altenpflegerinnen werden. Nur der Tanzerei zu frönen käme für Swantje eh nicht in Frage. »Man muss fest im Leben stehen.« Swantje und Mary - das ist eine dieser Geschichten, die das Leben viel zu selten schreibt. Weswegen es eben MOTORRAD tut.

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