Porträt Troy Bayliss (Archivversion) Später Frühling

Mit 23 Jahren das erste Rennen, später zweimal an der Hürde zum Spitzensport gescheitert, übersprang Superbike-Weltmeister Troy Bayliss im dritten Versuch sogar die Messlatte Carl Fogarty.

Länger hätte der Schatten kaum sein können, unter dem der immerhin schon 31-jährige Troy Bayliss den zweiten Versuch zu einer Karriere im internationalen Motorrad-Rennsport antrat. »Ich wusste sehr genau«, erinnert sich der freundliche, aber scheue Australier, »dass ich zunächst nur der Lückenbüßer für den übergroßen Carl Fogarty war.«Nur eine Woche nach dem furchtbaren Sturz, der für Foggy das Ende seiner Rennkarriere bedeutete, brauchte Ducati im japanischen Sugo einen Ersatzmann: Troy Bayliss, den britischen Superbike-Meister 1999 auf Ducati. Und der blamierte sich auf der ganzen Linie: In beiden Rennen kam er nicht einmal bis in die zweite Kurve. Nach diesem Totalausfall setzten die Ducati-Gewaltigen im englischen Donington Park auf Altmeister Luca Cadalora, der es sogar ohne Sturz schaffte, zweimal null WM-Punkte zu erreichen.Bayliss kann heute über diese Zeiten lachen: »Das war natürlich kein Bilderbuchstart auf der Werks-Ducati. Da war ich mehr als happy, als Teamchef Davide Tardozzi mich ab Monza doch zurückholte.« Diese dritte und wohl auch letzte Chance nutzte der zweifache Vater dann wie ein nervenstarker Hochspringer. Schon beim übernächsten Rennen in Hockenheim gewann Troy Bayliss als erster Ducati-Werksfahrer nach Fogarty. Zum Jahresende 2000 war er WM-Sechster. Und Chef Tardozzi sah in eine glänzende Zukunft: »Troy Bayliss ist ein würdiger Fogarty-Nachfolger. Er wird nächstes Jahr der Beste sein, basta.«Tatsächlich übernahm Bayliss beim Heimrennen in der Sintflut von Phillip Island mit einem dritten Platz die WM-Führung 2001, verlor sie in Sugo zwar wieder. Doch seit dem Doppelsieg am 13. Mai in Monza hieß der Superbike-WM-Tabellenführer stets Troy Bayliss. Mit dem zweiten Doppelsieg im September in Assen machte der Aussie den Sack zu und befreite gleich in seiner ersten vollen WM-Saison das Ducati-Imperium von der Bürde des abgestürzten Überfliegers Fogarty. Selbst im Moment des Triumphs blieb der neue Held fast schon erschütternd gefasst: »In der Auslaufrunde hatte ich noch keine Ahnung, was ich angerichtet habe. Erst als ich im Parc fermé meine Jungs in den WM-T-Shirts sah, dachte ich: Hey Mann, du bist Weltmeister.«Dass er seine bislang beste Saison beim Finale in Imola ausgerechnet mit einem großformatigen Highsider und gebrochenem Schlüsselbein abschloss, steht ein wenig für seine gesamte Karriere, die oft eher einem Albatros als einem majestätischen Kondor glich. Am Sonntagabend im nächtlichen Fahrerlager von Imola gewann der Champion der Verletzung sogar positive Seiten ab. Am Eingang zum offiziellen WM-Gala-Dinner konnte er sich so ausharrenden Hardcore-Autogrammjäger entziehen. »Ich kann so nicht schreiben«, zeigte Bayliss verlegen auf seine rechte Schulter und verschwand im VIP-Bereich.Seine Privatsphäre schützt der Weltmeister konsequent. Ehefrau Kim und die Kinder Mitchell und Abbey sind zwar meist dabei an der Rennstrecke, treten aber nie in Erscheinung. Dem neuen Ducati-Helden wäre es am liebsten, wenn um ihn so wenig los wäre wie 1992, als er im für Rennanfänger hohen Alter von 23 Jahren feststellte, »dass mein ständiges Rumheizen auf der Straße allmählich viel zu gefährlich wurde. Auf Rennstrecken war es einfach sicherer«. Nach fünf Jahren im nationalen Rennsport trat der 28-jährige Spätstarter 1997 gleich mit zwei Paukenschlägen im internationalen Geschäft auf. Zu Saisonbeginn glänzte er als Wild-Card-Fahrer auf einer Suzuki GSX-R 750 mit zwei fünften Plätzen bei der Superbike-WM in Phillip Island.»Ohne den Phillip-Island-GP ’97 aber wäre ich nie nach oben gekommen«, setzt Bayliss den eigentlichen Start seines Rennfahrer-Lebens, »davor war ich ein ganz normaler Junge, der auf Motorräder steht.« Noch nie auf einer Zweitakt-Rennmaschine gefahren, hetzte er die nicht übermäßig konkurrenzfähige Suzuki RGV 250 als Sechster über die Ziellinie. »Danach kamen natürlich für 1998 jede Menge Angebote von Grand-Prix-Teams, doch überall hätte ich Sponsoren mitbringen müssen. Die einzigen, die mich auch bezahlen wollten, war das GSE-Ducati-Team aus der englischen Superbike-Meisterschaft. Und ich war jung und brauchte das Geld«, grinst der Champion.In der großen Welt geriet der Spätentwickler, der inzwischen standesgemäß in Monaco lebt und dort anders als diverse Formel 1-Stars eine gewisse Anonymität genießt, so schnell wieder in Vergessenheit, englischer Meister 1999 hin oder her. Bis zu diesem Sonntag im April 2000, als wieder in Phillip Island, wo so oft die Weichen für Troy Bayliss neu gestellt wurden, die Ducati-Welt in Matsch und Schlamm unterzugehen drohte und die Tifosi noch nicht wussten, dass die neue Lichtgestalt schon am Horizont zu blinken begonnen hatte.

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