Porträt Troy Corser (Archivversion) Immer voll auf Kurs

Superbike-Vizeweltmeister Troy Corser sucht ständig nach neuen Herausforderungen - und bleibt dabei stets auf dem richtigen Kurs.

Dapto ist eine kleine Bergarbeitersiedlung südlich der Kohlegruben von Wollongong an der australischen Ostküste, und die einfachen Holzhäuser mit ihren schmucken kleinen Gärten stammen aus einem Programm, das man in Deutschland sozialen Wohnungsbau nennen würde.Der Reichtum des kleinen Troy Corser lag in anderen Dingen. Nach der Schule übte er sich im Surfen in der Pazifikbrandung, in den Ferien ging´s zum Wasserskifahren an den Lake Conjola, einen Salzwassersee zwei Autostunden südlich von Wollongong, an dem die Eltern Carol und Steve einen Caravan geparkt hatten.Vor allem aber waren Mum und Dad Mitglieder des Motorradclubs von Wollongong, kletterten am Wochenende mit Trialmotorrädern über Stock und Stein und räumten ihrem Sprößling zwischen den Sektionen einen Logenplatz auf dem Benzintank ein.Mit fünf hatte Troy das erste Minibike, mit zwölf die erste richtige Crossmaschine. In der Jugendmeisterschaft war er so gut, daß die stolze Mutter begann, Rennberichte zu schreiben und an die Zeitungen der Gegend zu schicken.Mit 16 zeigte ihm ein gewisser Wayne Gardner, seines Zeichens Honda-Werksfahrer in der 500er Straßen-WM, wie das Dirt Track-Fahren funktioniert, und Corser demonstrierte in der »Flat Track Championship« derartige Drifts, daß ihm Gardner auch gleich das erste Straßenrennen einredete. »Wir besorgten eine Suzuki RGV 250, und ich war schon nach der ersten Runde hellauf begeistert. Ich wurde Zweiter in einem Zwei-Stunden-Rennen, fuhr noch ein paar andere Gelegenheitswettbewerbe mit, und am Ende des Jahres fragte mich der Suzuki-Importeur, ob ich künftig für ihn antreten wolle.«Mit seinem Vater als Mechaniker gewann Corser die Produktionsmeisterschaft 1990, und nun ging alles Schlag auf Schlag. 1991 stieg er ins offizielle australische Yamaha-Team auf und wurde Profi. 1992 fuhr er erstmals um die australische Superbike-Meisterschaft, auf Honda gelang ihm 1993 dann der erste Meistertitel.Troy Corser hätte bleiben und gutes Geld verdienen können, empfand ein weiteres Jahr in dieser Liga jedoch als pure Zeitverschwendung und schlug eine neue Honda-Offerte rundweg aus. Wochenlang hatte er keinen neuen Arbeitsplatz, bevor im Dezember 1993 endlich das Telefon klingelte. Der amerikanische Ducati-Teamchef Eraldo Ferracci lud Corser zu Testfahrten für die Saison 1994 ein.Troy Corser hatte noch nie etwas von der amerikanischen Meisterschaft gehört, jettete aber sofort nach Philadelphia und machte bei den Probefahrten einen so guten Eindruck, daß ihm Ferracci schon am zweiten Tag einen unterschriftsreifen Vertrag unter die Nase hielt. »Zum Glück war 500er Ex-Weltmeister Barry Sheene als mein Berater mit von der Partie. Keiner weiß besser, was in einen solchen Vertrag gehört«, schmunzelt Troy Corser.Das Jahr wurde zum Triumphzug, doch obwohl sich Troy Corser in den USA zu Hause fühlte und Ferracci sich »mehr wie ein Vater als ein Teammanager« benahm, ging er abermals auf Wanderschaft. »Ich hatte alles erreicht, was ich erreichen konnte«, erklärt der Australier, »und ich wollte nicht bleiben, um meinen Titel zu verteidigen. Ich wollte weiterkommen.«Er einigte sich für 1995mit den Ducati-Besitzern Claudio und Gianfranco Castiglioni auf ein Engagement in der Superbike-WM und wurde im Promotor-Team des Österreichers Alfred Inzinger untergebracht, wo er nicht minder professionelle Bedingungen vorfand wie Weltmeister Carl Fogarty im offiziellen Werksteam von Virginio Ferrari. »Erst in der zweiten Saisonhälfte wurde Foggy zunehmend technisch bevorzugt. Ich akzeptiere das nicht, aber ich verstehe es«, sagt Troy Corser diplomatisch.Jetzt, nachdem Carl Fogarty bei Honda unterschrieben hat, fühlt sich der Vizeweltmeister als rechtmäßiger Thronfolger bei Ducati, den auch ein prominenter Nebenbuhler wie John Kocinski in Ferraris offiziellem Werksteam nicht aus dem Konzept bringen kann.Corser ist berühmt für seine Nervenstärke und für die Cleverneß, mit der er sich die Rennen einteilt und Kraft und Reifen für den Schlußspurt schont. Seine neue Ducati hat mehr Kondition als das alte Modell, das nach den ersten 50 Kilometern eines Rennens kurzatmig wurde und PS zu verlieren begann, und weil auch Corser selbst durch intensives Training kräftig ist wie nie zuvor, hat er den WM-Titel 1996 als klares Ziel vor Augen.Ebenso klar ist, daß er sich danach nicht länger in der Superbike-WM aufhalten, sondern seinem Motto treubleiben und weiterziehen wird. »Ich wollte nie ein dreimaliger Soundso-Meister werden - es sei denn, wenn ich dereinst die höchste Stufe erreicht habe und mit den weltbesten Halbliter-Piloten um die Wette fahre«, liebäugelt Troy Corser mit einem der großen Grand Prix-Teams, die ihn bereits im letzten Jahr zu ködern versuchten.Doch trotz aller Zielstrebigkeit im Sport, trotz seines wachsenden Wohlstands und trotz seiner Monaco-Residenz wird der Weltenbummler immer wieder zu jenem kleinen Elternhaus in Dapto und zu jenem Caravan-Park am Lake Conjola zurückkehren, an dem er sich während des europäischen Winters mit Jetskifahren fithält. »Ich bin stolz auf alles, was Troy erreicht hat. Doch das Beste ist, daß ihm der Starruhm nicht zu Kopf gestiegen ist. Er ist der alte geblieben«, raunt Vater Steve.Und legt im Garten ein paar Würste auf den Grill.

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