Porträt Valentino Rossi (Archivversion) Everybody’s Darling

Er ist 20, eine phänomenale Mischung aus Können und Spektakel und wird in Italien wie ein Volksheld gefeiert. Valentino Rossi mögen alle - selbst seine Fahrerkollegen.

Sein bislang größter Coup gelang ihm mit Osvaldo. Nach dem GP Imola 1997 dankte Valentino Rossi vor laufenden Fernsehkameras ausdrücklich seinem Sponsor, dem Hühnerzüchter Osvaldo. Dessen schmackhafte Grillhähnchen und Eier, so Rossi ungewohnt ernsthaft, gäben ihm viel Kraft und seien grundlegender Bestandteil seiner Ernährung.Der nächste Tag bescherte Italiens Supermärkten einen Run auf Osvaldo-Produkte. Doch leider stand der Nachfrage, entgegen allen Gesetzen der Marktwirtschaft, kein Angebot gegenüber. Von einer Hühnerzucht Osvaldo hatten weder Filialleiter noch Gebietsrepräsentanten je gehört. »Oh, aber Osvaldo gibt es wirklich«, protestiert Valentino Rossi augenzwinkernd. »Das ist ein Bauer in meinem Heimatort Tavullia. Und seit ich ihm öffentlich gedankt habe, hat er den Verkauf tatsächlich um 20 Prozent gesteigert. Von zehn auf zwölf Hühner wöchentlich.«In Tavullia, einem kleinen Ort im Hinterland der Adria-Küste, liegt der Schlüssel zum Erfolgsgeheimnis des 20-Jährigen, der 1997 die 125er-WM gewann und dieses Jahr auf dem besten Weg ist, auch die 250er-Krone zu erobern - getragen von einer Woge der nationalen Begeisterung. Denn der Aprilia-Pilot mit dem Kindergesicht ist eine einzigartige Mischung aus fahrerischem Können und Showtalent, das er offenbar ganz spontan und unschuldig einsetzt. Pubertierende Italienerinnen himmeln ihn an wie einen Popstar, die Jungs träumen davon, so fahren zu können wie er, und viele Väter hätten gern einen ebenso schnellen Sohn. Trotz so viel Ruhm und Ehr scheint Rossi ein ganz normaler Junge geblieben zu sein. Im Gegensatz zu italienischen Kollegen wie Loris Capirossi oder Max Biaggi besitzt er keine Wohnung im steuergünstigen Monte Carlo, sondern hat sich Anfang des Jahres ein Haus im heimatlichen Tavullia gekauft, wo er mit seiner Mutter Stefania lebt. Selbstredend gibt es in Tavullia einen Rossi-Fanclub, aber Rossi gilt dort beileibe nicht als Superstar, sondern als der Kumpel, der eben zufällig etwas schneller fahren kann.Reiner Zufall ist das aber doch nicht. Schließlich heißt Valentinos Vater Graziano Rossi, und der tummelte sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ebenfalls im Grand Prix-Zirkus. Seinen Sohn setzte Graziano schon im zarten Alter von zweieinhalb Jahren erstmals auf einen Mini-Crosser; der Grundstein für die spätere Karriere war gelegt. Mit 14 startete Rossi junior auf Cagiva in der italienischen 125er-Sport Production-Klasse und gewann sie im zweiten Jahr, wechselte später zu Aprilia und holte1996 in Brünn seinen ersten Grand Prix-Sieg. Graziano Rossi, heute 45 und inzwischen von Ehefrau Stefania geschieden, lebt ebenfalls in der Nähe seines Sohnes, begleitet ihn zu allen europäischen GP-Läufen und organisiert im Winter ein Motorrad-Training in einer nahen Kiesgrube. Zusammen mit rund zehn Freunden, darunter meist auch 125er-Pilot Marco Melandri, trainiert Valentino Rossi dort jeden Samstag ein paar Stunden, und zwar auf Crossern und Enduros.Die Freunde aus Tavullia begleiten ihn ebenfalls zu jedem europäischen Grand Prix, zusammen mit ihnen heckt Valentino Streiche à la Osvaldo aus. Wer dahinter allerdings subtile Ironie gegenüber den Sponsoren vermutet, sieht sich enttäuscht: »Daran haben wir gar nicht gedacht«, gesteht der junge WM-Star. »Wir wollten nur ein wenig Unsinn anstellen.« Wie bei anderen Gelegenheiten. Etwa, wenn Valentino nach dem GP England im Robin-Hood-Kostüm auftaucht. Oder wenn er die Ehrenrunde mit einer aufblasbaren Puppe im Arm dreht, die er als sein bevorzugtes Fotomodell bezeichnet - zufällig genau dann, als man seinem Lieblingsfeind Max Biaggi eine Passion für Super-Model Naomi Campbell nachsagte. Oder wenn sich Valentino nach dem Grand Prix Italien in Badeschlappen und Shorts aufs Motorrad schwingt.Dass Haartracht und -farbe ständig wechseln, gilt bereits als Gewohnheitsrecht. Und bei jedem Grand Prix sitzt mittlerweile eine große Rossi-Fangemeinde vor der Glotze und fragt sich gespannt: Was stellt er diesmal wieder an? Die Zuschauer lieben ihn für sein fahrerisches Können, mehr aber noch für seine Show. Auch Rossis Arbeitgeber, Aprilia-Präsident Ivano Beggio, weiß, dass ein solcher Werbeträger - Babyface und Everybody«s Darling in einer Person - schier unbezahlbar ist. Selbst die Kollegen mögen Valentino. Während von anderen GP-Piloten in der Regel per Nachnamen gesprochen wird, heisst der 20-Jährige für alle schlicht Vale oder Valentino, gelegentlich auch noch Rossifumi, nach dem Spitznamen, den er sich in Anlehnung an den geschätzten Japaner Norifumi Abe selber gab. Auch Rossis Können steht nicht zur Diskussion: Gerade erst wählten ihn seine GP-Kollegen in einer Umfrage der italienischen Zeitschrift »Motosprint« zum besten Motorradfahrer der Saison, mit weitem Abstand vor Alex Crivillé und Carl Fogarty. Nicht schlecht für einen, den die Skeptiker zu Beginn der Saison sehr kritisch beurteilten. Nach vier Stürzen in der Saisonvorbereitung und einem verpatzten GP-Auftakt sahen manche den Stern Valentino Rossis schon im Sinken. Er müsse sich mehr auf die Rennen konzentrieren, hieß es allgemein, und dürfe sich nicht immer ablenken lassen - gar nicht so leicht für Valentino, der schon mal bis nachts um drei gebannt an der Play-Station hockt und sich von seinem Videospiel nicht trennen kann.Doch mit spielerischer Leichtigkeit war der Italiener plötzlich wieder da, trieb die üblichen Scherze - und gewann. Noch ist der Titel zwar nicht erobert, doch die Chancen stehen gut. In den Sternen steht dagegen, was im nächsten Jahr passiert. Rossis Vertrag mit Aprilia läuft aus, und Honda winkt mit einem millionenschweren Kontrakt für die 500er-Klasse. Für Aprilia-Chef Ivano Beggio wäre Rossis Weggang ein harter Schlag. Fahrerisch guten Nachwuchs gibt es in Italien zwar zuhauf, doch keinen, der die ganze Nation so bezaubert wie Valentino. Antwortete er doch auf die Frage, was ihm bei den Rennen am meisten fehle, mit treuherzigen Augenaufschlag: »Die Mama.« Seither liegen ihm auch Italiens Mütter zu Füßen.

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