Porträt Winfried Glatzeder (Archivversion) Dreh dich nicht um ...

... der Kommissar fährt rum. Auf einer blauen Indian Chief, Jahrgang 1937, reitet der neue Berliner »Tatort«-Sheriff Winfried Glatzeder stilvoll zu seinen Einsätzen.

Wenn deutsche Krimihelden auf Verbrecherjagd gehen, dann gewöhnlich nicht zu Fuß. Wie und womit sie sich fortbewegen, prägt ihr Bildschirm-Image und ist nicht selten ein Spiegel der Zeit. So läßt sich Oberinspektor Stephan Derrick, ein Mann, so Zeitgeist-immun wie der Kanzler, von Harry im grundsoliden BMW durch München kutschieren; Mega-Macho Peter Strohm steuerte seinen feisten Mercedes der S-Klasse natürlich selbst. Und der feinsinnige Kommissar Max Palu rollte mit seinem Rennrad fast lautlos durch Saarbrücken - zum ersten Mal Ende der achtziger Jahre, als die neue Fahrradbegeisterung in Deutschland ihren Anfang nahm. So ist es kein Zufall, wenn in Zeiten, in denen motorisierte Zweiräder boomen wie nie zuvor, Handy und Harley die große Koalition eingehen und das einstige Schmuddelkind Motorrad immer mehr zum modischen Statussymbol mutiert, jetzt auch das jüngste Exemplar der Gattung Tele-Sheriff auf einem Edelbike zum Tatort brettert: Winfried Glatzeder fährt als neuer Berliner »Tatort«-Kommissar Ernst Roiter stilvoll mit einer dunkelblauen Indian Chief aus dem Jahre 1937 bei der Leiche vor. Leider kam das gute Stück in der ersten Folge kaum zum Einsatz. Der einzige bemerkenswerte Auftritt der schmucken Maschine: als Glatzeder mit ihr am Grand-Hotel vorfährt und dem verdutzten Portier die Schlüssel mit den Worten »Der erste Gang hakt ein bißchen« in die Hand drückt. Dem 51jährigen die Indian nur als modisches Accessoire an die Hand zu geben wäre verschenkt. Schließlich fährt der in Zoppot bei Danzig geborene und 1982 in den Westen übergesiedelte Schauspieler seit Jugendzeiten auch im richtigen Leben Motorrad. Den Einstieg ins motorisierte Zweirad-Dasein erlebte der damalige Student der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg mit einer 175er Jawa. Später wechselte er auf eine 125er NSU. Heute hat Winfried Glatzeder zwar kein eigenes Motorrad mehr, aber wenn es ihn juckt, leiht er sich eine der beiden Maschinen seines Sohnes Robert aus. Der 25jährige, Besitzer einer Yamaha SR 500 und einer restaurierten 125 MZ, steht sozusagen in Vaters Schuld. Denn Winfried Glatzeder, der vor dem Schauspielstudium eine Lehre als Maschinenbauer beim VEB Kühlautomat Berlin-Johannisthal machte, leistet dem Filius immer wieder fundierte Schrauberhilfe. »Die alte MZ hat er unter meiner Anleitung völlig auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt.« Auch vor der Kamera durfte Glatzeder schon früh am Gasgriff drehen. Bei seiner ersten Hauptrolle in dem DEFA-Film »Zeit der Störche« nahm er 1971 auf dem Sattel eines Halbliter-Boxers der Eisenacher Motorenwerke (EMW) Platz. Sein größter Erfolg, die männliche Hauptrolle in »Die Legende von Paul und Paula« (1973), gelang ihm zwar ohne Mopedszene, aber schon bald knatterte der DDR-Star auf einer 250er MZ durch diverse »Polizeiruf 110«-Episoden. Auch später im Westen griffen Produzenten und Regisseure immer wieder auf Glatzeder zurück, wenn laut Drehbuch ein Motorradfahrer her mußte: ob für den auf Bali gedrehten Istvan-Szabo-Film »Glückliche Inseln«, die ZDF-Produktion »Tandem«, bei der Glatzeder eine BMW lenkte, oder in der ARD-Vorabendserie »Happy Holiday«, in der er mit einer »Harley Marke Eigenbau« unterwegs war. »Wenn eine Rolle zu besetzen ist, wird halt überlegt, wem man vom Typ her abnehmen würde, daß er Motorrad fährt«, erklärt sich der im Osten wegen seiner markanten Physiognomie auch »DDR-Belmondo« genannte Glatzeder seine vielen Auftritte als Bildschirm-Biker. » Wenn ein Schauspieler das Motorradfahren erst lernen muß, ist das ziemlich eklig für die ganze Crew. Da muß der Kameramann aufpassen, daß er nicht umgefahren wird.« Erst recht, wenn es sich um eine Indian handelt. Denn die zwischen 1901 und 1953 in Springfield, Masachusetts, gebauten Schwergewichte sind nicht gerade einfach zu bedienen. Geschaltet wird mit der Hand, die Kupplung per Fuß betätigt, der Gasgriff liegt links - verkehrte Welt für den Motorradfahrer von heute. Hinzu kommt, daß der Zündzeitpunkt von Hand, nämlich der rechten, reguliert werden will. Doch Wilfried Glatzeder schloß mit seinem eigenwilligen Dienstfahrzeug auf Anhieb Freundschaft. »Er hat sich sehr gut angestellt«, sagt Deutschlands Indian-Papst Christian Timmermann, aus dessen Potsdamer Werkstatt nahe der Glienicker Brücke das »Tatort«-Exemplar stammt. Die Produktionsgesellschaft suchte etwas Besonderes: »Alle dachten zunächst an eine Harley, aber da fand ich eine Indian als klassisches Polizeimotorrad spannender«, sagt Wilfried Glatzeder. Zu besonders durfte das Mobil nun auch wieder nicht sein: »Ich habe weit auffälligere Maschinen«, so Timmermann, »aber die waren den Leuten von der Filmausstattung wohl zu bombastisch und für einen Kommissar nicht glaubwürdig.« Ein Kriterium spielte bei der Auswahl überhaupt keine Rolle: Umweltbewußtsein. »Das Motorrad ist laut, es stinkt, die Technik ist total veraltet« , gibt Timmermann zu. »Aber es ist halt ein absolutes Kultmotorrad.« Bei Glatzeder reicht das Indianer-Fieber allerdings nur zu leicht erhöhter Temperatur; er sieht Motorradfahren immer noch unter profan-praktischen Erwägungen. Privat schwingt sich der in Berlin lebende Schauspieler aufs Bike, wenn er dringende Termine in der Stadt und keine Zeit für die Parkplatzsuche hat. Und auch im »Tatort« fahre Kommissar Roiter Motorrad nicht nur, weil er seine Maschine so liebe, sondern um im Großstadtdschungel die Staus zu umgehen und schneller von einem Punkt zum anderen zu kommen. Dafür jedoch erwies sich die Indian als nicht gerade ideal. Als Glatzeder mit seinem Team für die zweite »Tatort«-Folge auf der Straße des 17. Juni eine temporeiche Szene drehte, in der er möglichst schnelle Ampelstopps zu absolvieren hatte, kam er ganz schön ins Schwitzen. »Ich hatte Not, dem Kamerawagen zu folgen, und dann wieder Probleme, rechtzeitig zum Stehen zu kommen.« Dennoch kamen Kommissar wie Indian noch glücklich dahin, wo sie sich besonders wohl fühlen: in Kantine und Garage.Weitere Glatzeder-«Tatorte« in diesem Jahr:28. 7., 13.10., 22.12., 20.15 Uhr, ARD

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