Porträt Yoshi Kosaka (Archivversion) Der Altenpfleger

Für den japanischen Einwanderer Yoshi Kosaka erfüllte sich sein amerikanischer Traum: mit historischen Rennmotorrädern Geld verdienen.

Kalifornischer geht’s nicht mehr. Bodygebuildete Goldkettchen-Typen öden wasserstoffblondierte Schönheiten an, während der nette Anwalt von nebenan mit seiner miniberockten Zweitsekretärin den Boulevard rauf und runter donnert. Auf Harley, versteht sich. Alles wie im Bilderbuch. Aber so isses halt - das süße Leben in Venice, diesem umtriebigen Viertel in der hübschhäßlichsten Stadt der Welt - Los Angeles. Doch dann kommt er, dieser kleine Typ mit der gnadenlos grell kreischenden Maschine. Ein Wahnsinnsauftritt: Straßenmusiker verlieren den Takt, finden ihn nimmermehr, und aus appetitlichen Plastikbehältern mit Hamburgern drin trieft Ketchup auf blütenweiße Muscle-Shirts. Und keiner merkt’s. Denn Yoshi ist wieder da. Yoshi Kosaka - der schweigsame Japaner mit den um so lauteren Motorrädern. Diesmal führt er seinen einzigartigen Rennbastard aus Yamaha TD und TZ aus. Das grimmige Sägen des Zweitakters vibriert Farbpartikel von grellen Fassaden. Beschämt kratzt ein Harley-Treiber den Aufkleber »Loud Pipes Saves Lifes« vom Tank. Yoshi kam 1983 über den großen Teich aus Tokio ins Harley-Territorium. Zahnarzt war er von Beruf, doch in den Staaten beschloß er alsdann, tiefer zu bohren, seiner einzig wahren Leidenschaft zu frönen: nicht wildfremden Leuten ins Maul, sondern Mopeds in die Eingeweide zu schauen. Freilich nicht jedem - und schon gar nicht den aktuellen japanischen High-Tech-Dingern. Yoshi bevorzugt die alten Maschinen - und aus Europa sollten sie sein. Zugegeben, Klassiker aus seiner früheren Heimat läßt er mittlerweile auch ins Allerheiligste - seine Garage Company in der Washington Avenue, nur einen Kolbenwurf vom nächsten Harley-Händler entfernt. Nippon-Bikes, die führt er einfach deswegen, weil die Kundschaft gerade einen Japaner immer öfter danach fragt und Yoshi Rennern wie der TD oder TZ von Yamaha oder Straßenräubern wie Kawasakis Z 900 durchaus Charakter zubilligt. 1988 machte Yoshi seinen ersten Motorradladen auf, acht Jahre später zog er einfach über die Straße in ein neues Etablissement. Draußen sauber und clean, drinnen ein Chaos, das anmacht: alles vollgestopft mit Zubehör, Ersatzteilen, raren Motorradbüchern, Modellbausätzen, Biker-Nippes - und eben auch mit raren Rennmaschinen. Wie der Gilera Saturno, die Yoshi jetzt um die Ecken treibt. Statt eines Scheinwerfers verdeckt eine Startnummer das in kindlicher Freude erstrahlte Gesicht des Piloten, der geduckt auf dem knallroten Feuerstuhl kauert, ruhig sortiert der linke Fuß die Gänge, während seine rechte Hand den stoßstangengesteuerten Langhuber aus den 40er Jahren mit heftigen Bewegungen am Leben hält. Weil der Bollermann auf Blinker verzichtet, streckt Yoshi bei Richtungswechseln einfach die Rechte oder Linke raus. Ohne größere Zwischenfälle oder Belästigungen seitens der Polizei erreicht der US-Japaner seinen Laden, wirft einem Mechaniker stolze Blicke zu, murmelt, daß die Saturno problemlos ihre 35 Pferde mobilisiere und für das nächste Rennen bestens präpariert sei. Yoshi sammelt nämlich nicht nur alte Sportmaschinen, er will sie auch fahren. Und weil Kalifornien bis Mitte der 90er Jahre keine Veteranenrennen kannte - »Eigentlich unverständlich«, sagt Yoshi, »wo die Kalifornier doch so stolz darauf sind, daß es bei ihnen alles gibt« -, gründete er die »Antique Historical Racing Motorcycle Association«, rekrutierte die ersten Mitglieder in seinem Laden und tat endlich einen geeigneten Kurs auf - den Willow Springs Raceway in Rosamond, nördlich von Santa Monica. Im April 1995 organisierte der Veteranen-Liebhaber die noch etwas bescheidene Premiere, ein Jahr später gingen schon 280 klassische Bikes an den Start. Für Yoshi hatte sich sein amerikanischer Traum erfüllt. Obwohl er sich das äußerlich überhaupt nicht anmerken läßt. Von wegen kalifornisches Sonnyboy-Wesen: Der Mann verhält sich noch immer wie ein Japaner. Seine zeremonielle Höflichkeit erscheint in diesen Breiten fast unterwürfig, und seine Antworten fallen immer knapp und sachlich aus. Dem Umgang mit seinen Kunden schadet das nicht. Im Gegenteil. Denn Yoshi hat immer was zu sagen, und in der Kürze liegt nicht nur die Würze, bei ihm steht sie für Seriosität und Fachwissen. Und wenn er auf eine lange Frage sofort eine elegant-prägnante Lösung parat hat, dann leuchten sogar seine Augen kurz auf. Etwa wenn’s um die Einstellung der drei Vergaser an der Triumph Trident aus den frühen Siebzigern geht, von der er sich gegen ein Entgelt von 4850 Dollar trennen könnte. Schweren Herzens natürlich. In der italienischen Abteilung wartet eine Replica von Mike Hailwoods Ducati 900 SS auf einen Liebhaber, dem sie 4500 Dollar wert ist. Daneben nahezu perfekt restaurierte 350er Ducati Scrambler für 3500 Dollar das Stück. Schnelle Rennmaschinen von BMW und NSU harren im deutschen Sektor auf Interessenten, die ihnen wieder mal eine rasante Runde gönnen. Yoshi würde seine Schätzchen tatsächlich versilbern. Weil er sich sicher ist, daß es ein Wiedersehen gibt - bei den von ihm veranstalteten Veteranenrennen.

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