Pro Superbike-DM-Finale in Hockenheim (Archivversion) Happy End

Ein Jahr nach seinem schweren Unfall holte der österreichische Ducati-Pilot Andy Meklau in Hockenheim den Titel bei den Superbikes - unter teilweise chaotischen Bedingungen.

Reifenpoker am Startplatz, hektische Last-Minute-Reifenwechsel in der Box während der beiden Aufwärmrunden, eine Startprozedur, bei der gar nicht alle Fahrer wieder zurück auf ihren Plätzen waren und schon nach sieben Runden der Abbruch, weil ein brennendes Motorrad auf der Piste lag - beim ersten Lauf zum Pro Superbike-DM-Finale in Hockenheim ging`s drunter und drüber. Pünktlich zum Start der großen Viertakter am Sonntag mittag fielen die ersten Regentropfen über dem Motodrom. Der Lauf wurde zum Wet Race, also zum Regenrennen deklariert, bei dem die Fahrer nicht mehr mit einem Abbruch rechnen können, falls sich die Wetterbedingungen verschlechtern. Jochen Schmid, trotz eines 24-Punkte-Rückstands auf DM-Leader Andy Meklau wild entschlossen, doch noch den Meisterpokal zu holen, hatte wie einige seiner Kollegen verwachst. Intermediate-Reifen waren sicher die falsche Wahl bei diesem Wetter, und so fackelte der Kawasaki-Pilot auch nicht lange: In der ersten Aufwärmrunde steuerte er von der Motodrom-Eingangskurve über Abkürzungen in die Box, bekam in 30 Sekunden Regenreifen montiert und düste wieder auf die Strecke zum Start. Viele Spitzenfahrer taten`s ihrem Kollegen nach. »Ich wollte die Reifen so schnell wie möglich wechseln, um wieder rechtzeitig auf die Piste zu kommen«, begründete Schmid seine Blitzaktion. »Notfalls hätte ich auch in Kauf genommen, aus der Boxengasse starten zu müssen.« Denn der Ex-Meister aus Backnang rechnete damit, daß der Rennleiter die Boxenausfahrt - wie im Reglement vorgesehen - im Lauf der beiden Aufwärmrunden rasch schließen würde. Was dieser aber nicht beziehungsweise erst relativ spät tat - wohl mit Rücksicht auf die schwierigen Wetterverhältnisse. So kam es zu der kuriosen Situation, daß viele Fahrer in die Boxen kamen, einige sich offenbar nicht mehr trauten und andere wiederum den Start verpaßten und dem Feld hinterherhecheln mußten. Vorn an der Spitze diktierte Jochen Schmid vor Christer Lindholm, Christian Monsch und Christian Kellner das Tempo, bis sich in der siebten Runde neues Chaos ankündigte. Samuel Truninger hatte eingangs der Start-und-Zielgeraden die Kontrolle über seine Yamaha verloren, die Maschine trudelte lange über den Asphalt und ging schließlich in Flammen auf - Abbruch. Glücklicherweise wurde der Schweizer nicht ernsthaft verletzt. Der Neustart ging dann problemloser vonstatten: Bei inzwischen trockener Piste waren eindeutig Slicks angesagt. Wieder übernahm der hochmotivierte Jochen Schmid das Kommando und gewann schließlich auch den zweiten Teil des ersten Laufs. Andy Meklau kam in der Addition der beiden Sprints auf den vierten Rang und wirkte vor dem entscheidenden zweiten Durchgang zumindest äußerlich ruhig und abgeklärt. »Ein fünfter Platz reicht mir jetzt zur Meisterschaft. Das sollte kein großes Problem sein«, gab sich der österreichische Ducati-Pilot zuversichtlich, dem beim Finale vor 8000 Zuschauern nur noch Jochen Schmid die Party hätte verderben können. Alle anderen Fahrer waren längst aus dem Titelrennen. Während Schmid seiner Kawasaki fürs DM-Finale eine modifizierte Hinterradfederung verpassen ließ, um besser aus den Kurven beschleunigen zu können, ging DM-Leader Meklau keinerlei Risiko ein - weder technisch, noch fahrerisch. Er startete mit dem bewährten Standardmotor anstelle eines ebenfalls zur Verfügung stehenden Werksmotors und trieb seine Ducati in beiden Läufen nicht schneller um den kleinen Kurs als nötig. Für Herausforderer Jochen Schmid gab es dagegen auch im zweiten Rennen nur eine Taktik: volle Kanne. Doch der zweite Platz hinter Lindholm war für den Schwaben zuwenig, und selbst ein Sieg hätte ihm nicht mehr zum zweiten Titel nach 1995 verholfen: Andy Meklau kam als Vierter ins Ziel, das Meisterstück des 31jährigen Familienvaters aus der Steiermark war perfekt. Wenngleich sich Jochen Schmid als moralischer Sieger dieser Saison fühlte und zunächst enttäuscht war, daß sieben erste und sechs zweite Plätze nicht zur Meisterschaft gereicht hatten, gratulierte er dem neuen Champion von Herzen. Es gab kaum jemand im Fahrerlager, der Andy Meklau diesen Triumph neidete. 1998 war das Glück auf seiner Seite, und er konnte beständiger als die Konkurrenz punkten. Aber er hat auch schon die Schattenseiten des Rennsports erfahren müssen. Es ist gerade ein Jahr her, da drohte just beim Hockenheimer DM-Finale ein fürchterlicher Unfall mit schweren Kopfverletzungen seine Karriere zu beenden. Um so intensiver muß das Glücksgefühl nun nach dem Happy-End im Motodrom gewesen sein. Einen versöhnlichen Abschluß des turbulenten Hockenheimer Wochenendes gab es auch für Udo Mark. Im ersten Lauf hatte er seine Suzuki schon in der Aufwärmrunde in den Dreck geschmissen, im zweiten kletterte er als Dritter hinter Lindholm und Schmid aufs Siegerpodest - zum letzten Mal. Denn am Samstag hatte der Schwarzwälder seinen Rückzug als Pro Superbike-Fahrer bekannt gegeben. »Suzuki Deutschland und ich haben unterschiedliche Vorstellungen, was den Weg zum Erfolg betrifft«, begründete der zweifache deutsche Meister seinen Rücktritt als Rennprofi, ließ sich allerdings ein Hintertürchen offen: »Wenn ich ein interessantes Angebot aus dem Grand Prix-Sport oder dem Supersport-Weltcup bekomme, fahre ich weiter.« Marks Nachfolger bei Suzuki soll Christian Kellner werden, und der zeigte in Hockenheim gleich in drei Rennen am Stück, was er drauf hat. Zunächst startete er als Superbike-Gastfahrer (Platz drei), dann mit seiner gewohnten 600er Supersport (Platz zwei), um gleich darauf wieder bei den Superbikes immerhin noch Siebter zu werden.

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