Projektgruppe Motorrad und Umwelt (Archivversion)

Wegverordnet

Eine Projektgruppe zum Thema Motorrad und Umwelt, die das Bundesumweltministerium Ende 1996 ins Leben rief, hat ein brisantes Papier erarbeitet, das Motorradfahren vorwiegend negativ beleuchtet.

Die vierte Fassung des Berichts der Projektgruppe »Motorrad und Umwelt« im Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit brachte das Faß zum überlaufen. Die Vertreter der Motorradfahrerverbände, des Industrieverbands Motorrad e.V. (IVM), des ADAC und der Motor-Presse Stuttgart teilten dem Leiter der Arbeitsgruppe Dr. Gert Kemper mit, daß sie in Zukunft in dieser Arbeitsgruppe nicht mehr mitzuarbeiten gedenken. »Der generelle Tenor des Papiers ist (...) dem Motorrad gegenüber sehr negativ«, schrieb Reiner Brendicke vom Koordinationsbüro der Bundesarbeitsgemeinschaft Motorrad an Dr. Kemper, der als Leiter des Referats Technik der Luftreinhaltung im Straßen- und Schienenverkehr, Verkehrsplanung im Bundesumweltministerium maßgeblichen Einfluß hat. Zunächst befaßt sich der fast 100 Seiten starke vorläufige Projektbericht, an dem etliche Ministeriale von Bund und Ländern, aber auch reine Lobbyisten wie der Deutsche Bäderverband oder der Deutsche Arbeitsring für Lärmbekämpfung e. V. mitwirkten, mit der Bestandsaufnahme der Umweltauswirkungen des Motorrads. Die Belastung durch Schadstoffe und die Lärmbelastung werden auf Basis diverser Forschungsergebnisse dargestellt, die derzeit gültigen Gesetzesnormen ebenso. Dem Thema Lärm widmet sich der Bericht besonders ausführlich. Hier kaprizieren sich die vorwiegend beamteten Schreiber auf die Belastung von sogenannten Erholungsorten und heben seltsam formulierend auf »die Auffälligkeit, die Rauhigkeit des Klanges, die Frequenzzusammensetzung, (...), die Erwartungshaltung der Bürger und Erholungssuchenden (...) und den geringen Sympathiewert der Geräuschquelle« ab. Wie an anderen Stellen auch vermengen die Autoren objektive Tatbestände mit subjektiven Bewertungen, die der Fraktion der Motorradfahrer völlig einseitig erschienen. Dr. Kemper versucht die Brisanz der Aussagen zu entschärfen, indem er sie als Diskussionsgrundlage und Meinung einzelner Gruppenmitglieder bezeichnet (siehe Interview). Das Projektpapier endet mit »wichtigen Empfehlungen« und Einschätzungen, etwa: »Das Motorrad gilt (...) nach wie vor als besonders störendes Verkehrsmittel.« Oder: »Hauptumweltproblem des Motorrads ist der Lärm. Der Grenzwert liegt mit 80 dB(A) auf gleicher Höhe wie bei schweren Lkw. Wegen unterschiedlicher Meßverfahren kann das Motorrad (...) auch deutlich oberhalb dieses Grenzwerts betrieben werden, während beim Lkw nahezu der worst case erfaßt ist.« Zudem würden sich die Umweltprobleme »in den Umwelteigenschaften des Einzelfahrzeugs (zeigen), das gegenüber der heute sehr fortgeschrittenen Umwelttechnik beim Pkw subjektiv auffällt und (...) als störend und belästigend empfunden wird.« Ärgerlich nicht nur für den ausgestiegenen Bundesverband der Motorradfahrer, der feststellt: »Wenn man auch im vierten Versuch noch keine Aufnahme seiner (...) eingebrachten Beiträge sieht, stellt sich die Frage, ob überhaupt an eine Weiterentwicklung des von Verwaltungsseite eingebrachten Papiers gedacht ist (...).« Auch Dr. Hubert Koch vom IVM, ein weiterer Ausschußabtrünniger, spricht Tacheles: »Das Papier ist tendenziös, Anregungen, Änderungswünsche und Kritik wurden nicht berücksichtigt.« Viele Aussagen des Papiers hält der Industrievertreter schlicht für »pauschale Unterstellungen«.
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Dr. Gert Kemper, Referatsleiter beim Bundesumweltministerium, initiierte die Projektgruppe »Umwelt und Motorrad“ (Archivversion) - «Das Motorrad muß für die Umwelt ein unbedeutendes Problem werden“

Die letzte Sitzung der Projektgruppe Motorrad und Umwelt fand am 7. Mai ohne die Vertreter der Fahrerverbände und des IVM statt. Wie soll es jetzt weitergehen?Wir möchten das Gespräch mit diesen Gruppen weiterhin suchen. Ich halte es aber für aussichtslos, sie zur Rückkehr in die Arbeitsgruppe zu bewegen. Man hat sich darauf geeinigt, das Projekt ohne die Fahrervertreter zu Ende zu bringen. Man muß jetzt von uns aus darauf achten, daß der Bericht mehr Ausgewogenheit bekommt. Es ist zweifellos notwendig, Korrekturen, die die Motorradvertreter haben wollten, erneut zu prüfen.Was ist die Zielsetzung des Projekts Motorrad und Umwelt?Ziel des Projekts ist es, die verschiedenen gesellschaftlichen Kreise einzuladen und zu versuchen, Konsens zu umweltpolitischen Themen zu erreichen. Der Projektbericht verschwindet ja nicht in irgendeiner Schublade, sondern könnte Entscheidungsträgern als Vorlage dienen.Das Motorrad führte bisher in der Umweltpolitik ein Schattendasein nach den großen Aufgaben Pkw und Lkw. Das Thema Motorrad mußte erstmal aufgearbeitet werden. Das Papier in der Endfassung - noch ist es eine vorläufige Version - ist eine Grundlage, um Entscheidungen treffen zu können. Aber es bestimmt nicht direkt die Entscheidungen.Nach einer sehr gründlichen Bestandsaufnahme kommt der Bericht zu Folgerungen, etwa, daß Motorräder zu bestimmten Tagen und Zeiten - Sommerwochenenden - so viele Emissionen abgeben wie alle 25 Millionen Pkw mit Kat zusammen. Ist dieser Schluß nicht etwas wagemutig?In der Tat emittieren Motorräder an einem warmen Sommertag etwa so viele Kohlenwasserstoffe wie die gesamte Flotte der Pkw mit Katalysator. Die Bestandsaufnahme basiert auf Zahlen des Kraftfahrtbundesamts, und auch die Industrieverbände haben uns wertvolles Zahlenmaterial geliefert. Hinzu kommt eine Berechnung des Umweltbundesamts, die im Rahmen des Ozongesetzes 1995 gemacht wurde. Daran gibt es nichts mehr zu rütteln. Sie war die Grundlage für die Entscheidung, Motorräder bei Ozonlagen mit einem Fahrverbot zu versehen. Ausnahmen können die zuständigen Straßenverkehrsbehörden der Länder vorsehen.Sie fordern, daß mittelfristig die Abgasgrenzwerte für Motorräder an die der Pkw angeglichen werden. Wie wollen Sie da vorgehen?Wir haben bereits 1990 einen Dreistufenplan für die Abgasentwicklung in Deutschland für Pkw, Lkw, Motorräder, Mofas und Mopeds vorgelegt. Die Europäische Kommission hat beim Pkw noch eine Stufe hinzugefügt, bei Lkw und bei Mopeds ebenfalls die drei Stufen übernommen. Nur beim Motorrad hat sie keine dritte Stufe vorgelegt. Und auf diese dritte Stufe bestehen wir nun.Motorräder sind am Gesamtverkehr nur zu einem Bruchteil beteiligt, und die Fahrleistungen pro Fahrzeug sinken. Warum dennoch solche Bestrebungen, die Grenzwerte zu verschärfen?In den letzten sechs Jahren hat sich der Bestand an Motorrädern verdoppelt. Sicher sind die Fahrleistungen wesentlich niedriger als beim Pkw. Gleichwohl leistet auch das Motorrad einen Beitrag zur Luftverschmutzung. Es wäre nicht einsehbar, wenn in Pkw und Lkw aufgrund der Abgasgesetzgebung immer teurere und aufwendigere Katalysatoren eingebaut werden müßten, und beim Motorrad geschieht nichts Entsprechendes.Es werden für bestimmte Tage Fahrverbote für Erholungsgebiete aus Lärmschutzgründen ins Auge gefaßt. Das geht über Streckensperrungen weit hinaus.Diese Passage ist von einem Mitglied der Arbeitsgruppe aus einem Bundesland erstellt worden. Es dient als Diskussionsgrundlage. Ich möchte mich damit nicht identifizieren. Halten Sie Streckensperrungen für sinnvoll? Aus der Sicht des Umweltministeriums ist das nicht erstrebenswert. Unser Votum ist immer, Eingriffe in den Verkehr so weit wie möglich zu vermeiden und die Probleme durch umweltfreundliche Technik zu lösen.Welches sind Ihre Forderungen an die Motorradindustrie?(...)Unser Ziel ist es, das Motorrad technisch so zu verfeinern, daß es für die Umwelt ein unbedeutendes Problem darstellt.

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