Prozess Tod durch Bitumen (Archivversion)

Zehn Minuten

Sechs Jahre wartete Gerhard Scheffler auf den Prozess. Nach zehn Minuten war er vorbei: Die Behörden, die den Zustand der Straße verantworten, auf der sein Sohn tödlich verunglückte, dürften straffrei davonkommen.

Landgericht Koblenz. Scheffler gegen Land Rheinland-Pfalz. Ein düsteres, schäbiges Zimmer am Ende des Korridors. Die Justiz hat eben auch ihre dunklen Seiten. »Sie können sich die Mühe sparen, persönlich bei der Verhandlung zu erscheinen«, hatte sein Anwalt Scheffler geraten. Es würden lediglich die Schriftsätze von Kläger und Verteidigung ausgetauscht, danach ziehe sich das Gericht ins stille Kämmerlein zur Entscheidung zurück. Die werde dann Mitte Dezember bekannt gegeben. Schriftlich.Aber Scheffler wollte keinen kurzen Prozess mit sich machen lassen. Fuhr also nach Koblenz, ergriff das Wort und wies zum wiederholten Mal darauf hin, dass vor dem tödlichen Unfall seines Sohns im September 1994 acht weitere Motorradfahrer auf dem mit Bitumen geflickten Streckenabschnitt der B 257 bei Esch in der Eifel verunglückt oder beinahe gestürzt seien (MOTORRAD berichtete mehrmals). Und er legte Fotos von der Unfallstelle vor, die beweisen: Jeder Straßenbauer hätte sehen müssen, dass diese schlampigen Ausbesserungen eine tödliche Falle für Motorradfahrer bedeuteten. Doch die zuständige Behörde habe nichts unternommen, selbst dann nicht, nachdem sein Sohn Joachim dort gestorben sei. Erst als wenige Tage später ein zweiter Biker hier den Tod fand, wird die Behörde aktiv: Sie erneuert die Asphaltdecke. Für Scheffler kommt das einer Verwischung von Spuren gleich. Sowie einem Eingeständnis von Schuld. Den Vorsitzenden Richter beeindruckte dieser Vortrag kaum. »Machen Sie sich keine allzu großen Hoffnungen«, kanzelte er Scheffler ab. Für den Juristen war der Fall klar. Nämlich genau so, wie er in den Akten steht. Dass Scheffler Indizien gegen die weißwäscherische Darstellung der Behörden anführte, interessierte nicht. Es interessierte nicht, dass sich nach der kompletten Renovierung des Straßenbelags an der Unglücksstelle kein weiterer Unfall ereignete. Weil daraus ja gewisse logische Schlüsse zu ziehen wären. Es interessierte auch nicht, dass das Straßenbauamt die offensichtliche Gefährlichkeit der Bitumenschmiererei nicht erkannt hatte. »Wenn ein Hausbesitzer, auf dessen Bürgersteig ein Fußgänger bei Glatteis zu Schaden käme«, so Scheffler, »argumentieren wollte wie die Straßensicherer, er habe das nicht gewusst und darauf aufmerksam gemacht habe ihn auch niemand, den würden die Richter doch gewiss schnell belehren, wenn nicht auslachen.«Es interessierte schon gar nicht, dass der Bußgeldbescheid gegen einen Motorradfahrer, der zwei Monate vor dem verhängnisvollen Unfall des Joachim Scheffler in dieser Todeskurve gestürzt war - der Biker vermutete Öl auf der Straße, so rutschig war das Bitumen, die Polizei diagnostizierte, natürlich, überhöhte Geschwindigkeit -, urplötzlich zurückgezogen wurde. »Welchem Temposünder widerfährt schon sonst solche Gnade?« fragte Scheffler sarkastisch. Und gab selbst die Antwort. Mit einer rhetorischen Frage: »Soll man an Zufall glauben, dass der Bußgeldbescheid an genau dem Unglücks- und Todestags unseres Sohnes wieder aufgehoben wurde?«Gerhard Scheffler ist der Glauben an die Gerechtigkeit abhanden gekommen. »Die Eltern des Motorradfahrers, der nach Ihrem Sohn starb, hätten vor Gericht bessere Chancen«, hatte ihm ein Staranwalt, mitgeteilt. Doch die konnten den Rechtsweg nicht beschreiten. Aus finanziellen Gründen. Die Mutter war nach dem Tod ihres einzigen Kindes suizidgefährdet, der Vater kümmerte sich um sie, blieb zu Haus, verlor seinen Job. Ohne Geld oder Unterstützung von außen verkomme, bedauert Scheffler, der Rechts- zum Rechtsmittelstaat. »Auch mir fehlen die Mittel für die zweite Instanz.« Ein Kommentar des Urteils, das Mitte Dezember verkündet werden soll, folgt in MOTORRAD 2/2001.
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Bitumen-Tod: Prozess (Archivversion)

Gerhard Scheffler: »Alle Argumente, die gegen die Behörden sprechen, werden von der Justiz unter den Teppich gekehrt“

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