Reportage Tuareg-Rallye PS-Redakteur Robert Glück in der Sandhölle

Wenn es auf der Renne zu eng wird, hilft die Flucht ins Gelände. PS-Redakteur Robert Glück verließ geteerte Wege und nahm es mit einem Sandkasten auf.

Bei Kilometer 9,2 auf dem Tripmaster geht der Motor ohne Vorwarnung aus. Plötzlich herrscht Stille im tiefen tunesischen Dünenmeer - kein guter Start in die erste von sieben Etappen der Tuareg-Rallye 2013. „Das gibt’s doch nicht“, schießt es mir durch den Kopf. „Die Rallye ist noch nicht mal richtig am Rollen, da fangen bei mir schon wieder die technischen Probleme an!“

Statt den Kopf in den reichlich vorhandenen Sand zu stecken, analysiere ich die Situation, gehe im Kopf die möglichen Ursachen des Defekts durch: Kerze kaputt? Zündspule hinüber? Pick-up defekt? Erst mal Sitzbank und Tank ab-bauen, die Ersatzkerze klarmachen und dann, inmitten dieses astreinen Schmirgel-sands, die Kerze ziehen. Ich höre Motorengeräusche hinter der Düne auf mich zukommen. Ein Zweiradkollege schießt über die Kante, sieht mich, erschrickt, weicht aus und reißt voll den Hahn auf. Offensichtlich ist er meiner Spur gefolgt und bewirft mich nun zum Dank mit Sand. Ich bin froh, die Zündkerze noch nicht herausgeschraubt zu haben.

Wobei, das wäre auch egal gewesen, denn im tunesischen Sandkasten bei Douz geht es für mich nicht weiter. Die Kerze funkte tapfer, aber der Ofen blieb stumm. Ich rufe die Bergung, die mich Stunden später ins Biwak zurückbringt - Gott sei Dank aber so rechtzeitig, dass ich sofort einen weiteren Reparaturversuch unternehmen kann. Der macht bei der Tuareg-Rallye auch Sinn, denn während man bei einer Weltcup-Rallye oder der Dakar nach einem technischen Defekt einfach ausscheidet, darf man hier nach der Reparatur mit einer Strafzeit wieder in den Bewerb einsteigen. Und das ist sicherlich ein Grund, warum die Tuareg bei Amateur-Piloten so populär ist.

Mir hilft das erst mal nichts, denn vor der Weiterfahrt steht die Instandsetzung der waidwunden KTM EXC 525 an. Im Biwak wird schnell klar, dass die Elektrik der Orangenen in Ordnung ist. Muss also Sprit fehlen, so die Analyse. Bei der Demontage des Luftfilters und des Vergasers dann der Schock: Der Einzylinder hat durch den Luftfilter hindurch so viel Sand gezogen, dass a) alle Nebenluftbohrungen verstopft sind und b) auch die Kompression dahin sein könnte. Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, bekam erst der Vergaser eine Zerlegung mit Vollbad. Nach erfolgter Montage des Benzinaufbereiters dann Ernüchterung: Der Ofen läuft immer noch nicht an. Selbst bei direkt in den Vergaser gespritztem Bremsenreiniger - eine Methode, die in der Regel sogar mausetote Motoren kurzzeitig wiederbelebt - passiert nichts.

Anzeige
Foto: fact
Das springende Kamel verendete leider auch.
Das springende Kamel verendete leider auch.

Frust macht sich breit, bis Kumpel Mike mit dem Dakar-erprobten Mechaniker Thorsten Kaiser an der Hand zum -deprimierten Autor tritt. Thorsten, ganz Fachmann, begutachtet den Luftfilter, tappt lässig den Kickstarter runter und schüttelt den Kopf: „Die fühlt sich an wie eine 250er, für ’ne 525 hat die viel zu wenig Kompression...“ Mein Todesurteil ist gesprochen. Exakt 9,2 Kilometer nach dem Start ist die Rallye für mich mit einem Kolbenfresser vorbei. Die Gedanken rasen. Heulen oder fluchen, mit dem Hammer die Karre zerklopfen oder doch lieber mit dem Montiereisen auf den eigenen großen Zeh eindreschen?

Doch eine Rallye lebt von ihrem Spirit, ihren Teilnehmern und ihrer Organisation. Und eine Rallye wäre keine Rallye, wenn nicht eben jener Thorsten Kaiser, der noch eben mein Ausscheiden attestiert hat, nicht einen Tag später in seiner Kruschtelkiste einen schwer lädierten, aber funktionsfähigen Kolben und Zylinder einer EXC 525 auftreiben würde! Was ist schon Verschleiß, was ist schon Ölverbrauch - her damit, so lange die KTM damit wieder läuft. Am Abend der dritten Etappe werden innerhalb von vier Stunden und neun Minuten Kolben und Zylinder getauscht, Ölwechsel gemacht und der Ofen brüllt wieder!

Und wie er brüllt! Ich nehme mit all der Strafzeit die vierte Etappe vom Ende des Feldes in Angriff. Der Tag ist als Rundkursrennen um die originalen „Star Wars“-Kulissen nahe der Stadt Nefta konzipiert. Eine Mischung aus schnellen Pisten, weichen Dünen, tiefsandigen und langsamen Pisten sowie Kamelgrashügeln steht an. Ich gebe der KTM die Sporen, katapultiere mich durch den ersten Dünengürtel und erspähe am Horizont einige früher gestartete Teilnehmer. Ein kurzer Blick ins Roadbook genügt, und ich peile auf die Staubfahnen der Kollegen. Und tappe in die Falle. Da ich mich nicht exakt an die im Roadbook beschriebene Strecke halte, verpasse ich einen „SC“, einen Secret Checkpoint, und kassiere kaum fünf Minuten nach dem Start bereits zwei Stunden Strafzeit. Damit ist der Tag versaut, frustriert reiße ich am Kabel und verballere meine ganze Kraft in diesen verdammten Kamelgrashügeln, die keinen ordentlichen Fahr-Rhythmus aufkommen lassen wollen.

Anzeige
Foto: fact
Die Wüste lehrt Demut - vollständige körperliche Erschöpfung ist normal.
Die Wüste lehrt Demut - vollständige körperliche Erschöpfung ist normal.

Der fünfte Tag bringt die Rallye zurück in Richtung Douz, dem Ausgangspunkt des Geschehens. Um dorthin zu gelangen, muss ein felsiger Höhenzug erklommen werden. „Silles Pass“, so der Name im Roadbook, wird sich als materialmordende Sektion in das Gedächtnis all jener einbrennen, die sich durch sie hindurch gequält haben. Bei mir läuft’s hingegen gut. Dave, der Fotograf, weist mir den Weg, ich bin im Nu den Pass hinauf und brenne auf dem Hochplateau meinem besten Tagesergebnis entgegen. Immerhin ein 15. Platz, aus dem sogar ein vierter in der Tageswertung hätte werden können, wenn mir nicht noch eine Benzinleitung abgefallen wäre...

So langsam wird mir klar, dass der Glück, die Tuareg-Rallye und die KTM EXC 525 nicht zusammen funktionieren. Das Karma oder was auch immer passt nicht. Denn sonst wäre ich wenigstens bei meiner dritten Teilnahme an der Veranstaltung einigermaßen sorgenfrei durchgefahren. Doch wie immer kommt der Hammer zum Schluss. Hoffnungsfroh darf ich die sechste Etappe in der vierten Startwelle beginnen. Das heißt, 14 schnelle Jungs, die gut navigieren können, sind vor mir. Ich gewinne den Start, blende das Roadbook aus und folge den Spuren vor mir. Es läuft brillant, die KTM brennt durch den puderzuckerartigen Sand. Doch leider haben wir starken Rückenwind, meine EXC saugt viel eigenen Staub an. Und bei Kilometer 37,8 geht der Motor ohne Vorwarnung aus.

Diesmal stecke ich den Kopf in den Sand und rufe die Bergung. Karlheinz mit dem Truck wird schon kommen, aber das ist eine andere Geschichte.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel