Qualifikation November-Kasan (Archivversion) Gelobt sei, was hart macht

Zehn mutige Enduristen meldeten sich zu einem beinharten Qualifikations-Wettbewerb, um einen Startplatz im Husaberg-Werksteam beim diesjährigen November-Kasan zu ergattern – einer kam durch.

Warum? Warum quälen sich Extremsportler, schinden ihren Körper bis zum Erbrechen? Stellt man diese Frage dem Schweden Martin Lind, Werksfahrer bei Husaberg und dort der Mann fürs Grobe, so blickt man in ein erstauntes Gesicht. Wer den permanenten Kampf mit dem inneren Schweinehund aufnimmt, stellt die Frage nach Sinn oder Unsinn nicht mehr. Martins Traum ist der Sieg beim berüchtigten November-Kasan, der vielleicht härtesten Enduro-Veranstaltung der Welt, bei der sich etwa 130 der besten Fahrer durch grundlose Sümpfe und dichte Wälder kämpfen. Schier endlose 350 Kilometer, bei Tag und Nacht. Dort werden in einer Nacht unsterbliche Heroen geboren, in Schweden berühmter als jeder Weltmeister. Der November-Kasan - Kasan bedeutet schlicht und einfach Pokal - wird seit 1923 ausgetragen, es gibt dafür keinen festen Ort, kein starres Programm. Eines ist aber sicher: Nur wenige kommen durch. Deutsche Fahrer ließen sich nur selten auf das Abenteuer ein. Volker von Zitzewitz erreichte Ende der Fünfziger drei Mal das Ziel, sein Sohn Bert war 1993 der letzte Deutsche beim Kasan. MOTORRAD begleitete Martin Lind im vergangenen Jahr bei einer Tortur, die mit Platz drei endete. Wobei plötzlich die Frage im Raum stand, warum eigentlich keine Deutschen mehr am Start sind. Husaberg spendierte daraufhin spontan einen Startplatz im Werksteam beim November Kasan 2003 am 16. November nahe Malmö (siehe MOTORRAD 3/2002). Es lockte quasi ein »Rundumsorglospaket« mit Topmaterial, perfekter logistischer und mentaler Betreuung. 40 mutige Stollenritter - nicht allein Deutsche, aber alles Deutschsprachige - meldeten sich für das Himmelfahrtskommando, also galt es auszusieben. Übrig blieben zehn Kandidaten, die der Papierform nach einen überzeugenden Eindruck hinterließen. Für diese zehn erdachte MOTORRAD einen Qualifikationswettbewerb, der zumindest einen blassen Eindruck von der unerbittlichen Härte des Kasans geben sollte, der die Spreu vom Weizen, »the men from the boys«, trennen sollte. Diese Ausscheidung fand auf dem Gelände des Motorclub Hansühn unter tatkräftiger Mitwirkung der Zitzewitz-Brüder Bert und Dirk statt. Husaberg stellte dafür nagelneue 501er zur Verfügung, Michelin spendierte reichlich Enduro-Comp-Reifensätze. Gemischte Gefühle beschlichen die Teilnehmer bereits am Vorabend des eigentlichen Wettbewerbs, als Martin Lind von seinen Erlebnissen berichtete. Etwa, dass er sich im letzten Jahr mehrfach in den Helm übergeben musste. Oder dass er jede Runde, also 19 Mal, die komplette Bekleidung bis zur Unterwäsche wechselt. Und Ehefrau Jenny ihn währenddessen wie eine Weihnachtsgans bis Oberkante Unterlippe mit Powerriegeln stopft. Am Schluss hatte er vor Erschöpfung Halluzinationen, redete wirres Zeugs. Un einmal haben ihm die Mechaniker eine klaffende Wunde kurzerhand zusammengetackert. Zaghafte Zwischenfrage eines andächtigen Zuhörers: Was ist, wenn sich zwischendurch mal die körperlichen Bedürfnisse melden? Martin grinst nur vielsagend, Jenny rümpft die Nase. Bereits die Vorbereitung für den ultimativen Härtetest ist speziell. Zwei, drei Monate vor dem Rennen beginnt Martin, durch besondere Ernährung Energiereserven in seinem Körper anzulegen. Der Energiehaushalt ist wegen der Dauer der Belastung und Kälte das größte Problem. Außerdem trainiert er mehrmals pro Woche nachts zwischen zwölf und vier Uhr mit dem Motorrad in den Weiten der schwedischen Wälder. Denn das weiß der stämmige Schwede: Der Sieg wird in der Nacht herausgefahren, wenn die Erschöpfung zunimmt und die Konzentration nachlässt. Dabei muss man die spezielle Logik der Schweden-Profis kennen: In der Dunkelheit erkennt man Gefahren und Bodenverhältnise kaum, daher fahren sie eben auch da volle Pulle, wo am Tag die Gashand vielleicht zucken würde. Noch irgendwelche Fragen? Betretenes Schweigen am Tisch, jeder scheint zu hoffen, dass der Kelch an ihm vorübergeht.Am Tag darauf sind die Bedenken der Teilnehmer aber schnell wieder verflogen. Eine trockene, hervorragend präparierte Crosspiste, weit und breit keine Spur von Regen, das verspricht ein spaßiger Tag zu werden. Beste Stimmung auch nach den ersten Prüfungen. Wo bleiben echte Herausforderungen? Immerhin kann man sich beim Crosstest, Mann gegen Mann, mal richtig austoben. Martin ist mittlerweile etwas ungeduldig. Alles viel zu easy, er will Schweiß und Tränen sehen, keine lachenden Gesichter. Endlich eine Aufgabe nach seinem Geschmack: der Konditionstest am Steilhang, fünf Mal im Laufschritt in voller Montur zu bewältigen. Schlagartig kippt die Stimmung, es fallen Kraftausdrücke. Die Truppe hängt in den Seilen, Martin grinst. Gut, dass beim anschließenden Hillclimbing vor den eigentlichen Härtetests vorerst zum letzten Mal ein bißchen Spass aufkommt. Dann der Cross-Country-Test mit rutschigen Auf- und Abfahrten abseits der planierten Crosspiste und einer zunächst harmlos erscheinenden Schlammdurchfahrt. Schnell erweist sich der schmale Bach aber als metertiefe Passage mit glibbrigen Wurzeln. Aus der ersten Runde, für die Bert von Zitzewitz rund fünf Minuten kalkulierte, kommt der schnellste Fahrer nach zwanzig Minuten zurück. In Kürze dezimiert sich das Feld, selbst erfahrene Piloten wie Gerd Müller, Sieger der Offroad-Challenge, müssen im Schlammloch erschöpft die Segel streichen. Die Überlebenden kämpfen im abschließenden, zweistündigen Endurotest um den Sieg. Chancen hat nur noch ein alpenländisches Trio: Der Österreicher Klaus Martinjak lebt von der Kraft, trägt die Maschine durch den Morast. Der drahtige Bayer Stefan Müller ist der Filigrantechniker mit gutem Blick für die optimale Spur. Als echter Beißer entpuppt sich der schlaksige Schweizer Reto Meier, der noch lockere Sprüche reißt, wenn er bis zum Hals im Dreck steckt. Am Ende siegt klar und unangefochten Stefan Müller, 35-jähriger KTM-Händler aus Kempten mit viel Erfahrung bei Extrem-Wettbewerben, etwa dem Erzberg-Enduro. Sein knapper Kommentar: »Dös hätt i jetzt net denkt.« Stefan wird also die deutsche Farben beim November-Kasan hochhalten. Sicher kein Siegkandidat, aber die Parole lautet: Durchhalten. Warum? Einfach darum.

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