Ralf Waldmann beendet Karriere (Archivversion)

Aus die Maus

Nach 14 Rennjahren und 20 Grand-Prix-Siegen fielen für Ralf Waldmann kurz vor Weihnachten 2000 alle Türen zu. Dem erfolgreichen und beliebten deutschen Motorrad-Star blieb nur noch der Rücktritt.

Zwei Siege und Ralf Waldmanns Sportsgeist, bei vier seiner sechs Rennstürze in der Grand-Prix-Saison 2000 wieder aufzuspringen und weiterzufahren, waren zu wenig, um Arbeitgeber Aprilia für einen neuen 250er-Vertrag zu begeistern. Nur bei einem Verzicht auf sein gewohntes Fixgehalt von geschätzten 800000 Mark im Jahr und bei einer Umstellung auf pure Leistungsprämien für die ersten drei Plätze hätte der Deutsche noch weiter fahren können, lehnte ein entsprechendes Angebot aber schon im Frühsommer 2000 ab. »Dabei war mein Jahr gar nicht so schlecht. Ich habe als Einziger Siege für Aprilia geholt. Im Nassen war ich sogar der Allererste, der je auf dem Ding gewonnen hat. Das erfüllt mich mit Stolz”, erklärte Waldi. Doch kurz vor Weihnachten ging die Motorradkarriere von Ralf Waldmann zu Ende. Nachdem die Sponsorverhandlungen von Grand-Prix-Weltenbummler Andy Leuthe, der 161 Firmen abklapperte, um Waldi im Honda-Team des Belgiers Olivier Liegois unterzubringen, gescheitert waren und auch ein Vertrag als Aprilia-Pilot in der Superbike-WM nicht zustande kam, ist für den beliebten deutschen Motorrad-Star Schicht. Bei Aprilia hatte Waldmann einen ersten Test im November wegen einer Probefahrt im DTM-Mercedes in Hockenheim abgesagt – wohl im Vertrauen auf Entwicklungschef Jan Witteveen, der den Deutschen auch aus marktpolitischen Gründen als zweiten Fahrer neben Troy Corser für die Superbike-WM engagieren wollte. Dann kam aber alles ganz anders: Zu einem zweiten Testtermin durfte Waldmann gar nicht mehr antreten, weil Aprilia inzwischen den Franzosen Régis Laconi verpflichtet hatte. Die sportliche Laufbahn des gelernten Klempners aus dem Bergischen Land begann Mitte der 80er Jahre – mit einer auf Asphaltbetrieb umgebauten Cross-80er. Heimlich und ohne Wissen seiner Eltern fuhr er damit sein erstes Straßenrennen auf dem Nürburgring. Seitdem hat er zahllose Fans mit seinem Naturtalent und einem phänomenalen Gleichgewichtssinn begeistert. Vor allem im Regen war Waldi eine Wucht. 1988 beim DM-Lauf in Speyer, als er erstmals ein Rennen auf nasser Strecke fuhr, duschte der Youngster gleich zweimal die etablierte Konkurrenz ab: Doppelsieg in der 80er- und 125er-Klasse. Atemberaubend auch sein Auftritt beim England-Grand-Prix 2000, bei dem er zunächst knapp vor der Überrundung an 21. Stelle herumkurvte, bei einsetzendem Regen aber derart auftrumpfte, dass er in der letzten Kurve des Rennens am späteren Weltmeister Olivier Jacque vorbei in Führung ging und seinen letzten von 20 Grand-Prix-Siegen feierte.Den ersten Volltreffer landete Waldi 1991 in Hockenheim in der 125er-Klasse.1992 galt er nach drei Siegen in den ersten vier Rennen auf einer 125er-Marlboro-Honda bereits als heißer Titelkandidat. Dass technische Probleme und das Unvermögen seiner im Laufe der Saison immer mehr zerstrittenen Technikercrew den sicher geglaubten Titel vereitelten, sollte zum Charakteristikum seiner gesamten Karriere werden: Immer, wenn es galt, sein Team und die Fans mit Erfolgen zu überraschen, war Waldi zur Stelle, doch immer, wenn es darum ging, eine gute Ernte auch wirklich nach Hause zu bringen, spielten ihm die Nerven, die Umstände oder ganz einfach das Pech einen Streich. So überraschte Ralf Waldmann die Fachwelt 1994 nach dem Wechsel zu HB-Honda schon zu Mitte seiner ersten 250-cm3-Saison mit einem Sieg in der größeren Kategorie – und das ausgerechnet in der italienischen Höhle des Löwen gegen Kaliber wie Max Biaggi oder Loris Capirossi. Doch als es in den Jahren 1996 und 1997 darum ging, sein Können und seine mittlerweile solide Erfahrung mit der Honda NSR 250 endlich in einen Titel umzumünzen, reichte es trotz jeweils vier Saisonsiegen nur zur Vize-Weltmeisterschaft. »Gegen einen Max Biaggi zu verlieren ist keine Schande”, hakte Cheftechniker Sepp Schlögl die knappen Niederlagen ab.Doch die Enttäuschung bei den Hauptpersonen im Team, Ralf Waldmann und Teammanager Dieter Stappert, saß tief. Es kam zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und finanziellen Dissonanzen, Ende 1997 folgte dann der Bruch. Ein Fehler, den der 34-Jährige heute bereut. Nach einer für beide Seiten enttäuschenden Saison 1998 begruben Waldi und Stappert das Kriegsbeil und schlossen sich zu einer Zweckgemeinschaft zusammen. Erklärtes Ziel war, den lange fälligen ersten Titel in Ralf Waldmanns Karriere sicherzustellen. Doch wieder hingen die Trauben zu hoch: Im ersten Jahr scheiterte er an dem launischen Startverhalten der 250er-Aprilia und gewann kein einziges Rennen. Im zweiten Jahr schlug Waldi zwar endlich mit seinem ersten Aprilia-Sieg in Jerez zu, war oft aber zu übermotiviert – zahlreiche Stürze ließen die heiß ersehnte Weltmeisterschaft 2000 schon bald in weite Ferne rücken. Jetzt wurde er, wie Helmut Bradl 1994, gegen einen jüngeren Fahrer, Klaus Nöhles, ausgetauscht. Bleibt nur zu hoffen, dass Nöhles oder ein anderer der talentierten Nachwuchspiloten den Sprung nach ganz oben meistert, denn sonst klafft für lange Zeit eine bedauerliche Lücke im deutschen Grand Prix-Sport. «Der Waldi ist eine Kapazität, einer der ganz Großen in unserem Sport”, meinte Mike Leitner, Sepp Schlögls rechte Hand im Aprilia-Germany-Team, nach Waldis viertem Platz in seinem letzten Rennen. Oder wie es Dieter Theis, der ebenfalls mit Problemen bei der Finanzierung seines Racing-Factory-Teams zu kämpfen hat, ausdrückte: «Wenn Waldi im Kampf um einen neuen Vertrag verliert, dann verliert der gesamte deutsche Motorradsport!” Nun wird Ralf Waldmann 2001 wahrscheinlich im Porsche-Carrera-Cup starten. Völlig abgeschlosen hat der 34-jährige Rennprofi mit dem Zweiradsport aber noch nicht. Ab nächstem Jahr will er MZ beim Grand-Prix-Comeback mit einem GP 1-Viertakter als Berater zur Seite stehen. Und wenn kurz vor Beginn der Saison 2001 überraschend noch ein lukrativer Grand-Prix-Startplatz frei werden sollte, etwa, wenn sich ein Star verletzt? Dann wird Waldi das Angebot sicher wohlwollend prüfen.
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Waldmann, Ralf: Reportage zum Rücktritt (Archivversion)

Ralf WaldmannGeboren am 14.Juli 1966; erlernter Beruf: Gas-Wasser-Installateur; verheiratet mit Astrid, Sohn Leo-Erich; Hobbies: Modellfliegen, Trialfahren, an Motorrädern schrauben.Erstes Rennen: 1986, OMK-Pokal Nürburgring auf 80-cm3-KawasakiErster Sieg: 1986, OMK-Pokal in Geesthacht auf 80-cm3-KawasakiErster Grand Prix: 1986 in Hockenheim, 80-cm3-Klasse, Platz 19Erster WM-Punkt: 1987 in Hockenheim, 80-cm3-Klasse, Platz zehnErster Grand-Prix-Sieg: 1991 in Hockenheim auf 125-cm3-HondaGrand-Prix-Siege insgesamt: 20; außerdem 8 Pole-Positions und 15 schnellste Rennrunden1986: 80-cm3-OMK-Pokal-Vizemeister1987: 6.Platz 80-cm3-DM auf Seel1988: 6.Platz 80-cm3-DM auf Seel und 6.Platz 125-cm3-DM auf Noki-Rotax und Honda1989: 14.Platz 80-cm3-WM und 80-cm3-DM-Vizemeister auf Seel, 3.Platz 125-cm3-DM auf JJ Cobas1990: 3.Platz 125-cm3-DM und 23.Platz 125-cm3-WM auf JJ Cobas1991: 3.Platz 125-cm3-WM auf Honda, 2 Siege1992: 3.Platz 125-cm3-WM auf Honda, 3 Siege1993: 4.Platz 125-cm3-WM auf Aprilia, 1 Sieg1994: 5.Platz 250-cm3-WM auf Honda, 1 Sieg1995: 3.Platz 250-cm3-WM auf Honda, 3 Siege1996: 250-cm3-Vizeweltmeister auf Honda, 4 Siege1997: 250-cm3-Vizeweltmeister auf Honda, 4 Siege1998: 14.Platz 500-cm3-WM auf Modenas1999: 6.Platz 250-cm3-WM auf Aprilia2000: 7.Platz 250-cm3-WM auf Aprilia, 2 Siege

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