Ralf Waldmann ohne Vertrag (Archivversion) Abseitsfalle

Mit der Trennung von seinem alten Team fuhr Ralf Waldmann ins Abseits. Den Weg zurück kann nur noch Kenny Roberts öffnen.

Ralf Waldmann bat seinen Teamchef Dieter Stappert nach Saisonende 1997 zum Kassensturz, um seinen vereinbarten Gewinnanteil an der Rennsportfirma SWS (Stappert, Waldmann, Schlögl) abzuholen. Als er herausfand, daß er gar nicht als Teilhaber geführt wurde, brach das ohnehin nur noch als Zweckgemeinschaft geführte Team auseinander. Waldi beschloß, Stappert werde nie wieder mit seinem Namen Geld verdienen und kehrte dem ungeliebten Teamchef den Rücken.Derzeit haben Stappert und sein neuer Fahrer Stefano Perugini noch Budgetsorgen, mit Castrol (rund 500000 Mark) und Certina-Uhren (rund 100000 Mark) gerade mal einen Bruchteil des nötigen Millionenbudgets fix. Eingesetzt wird die komplett neukonstruierte 250er Werks-Honda, deren auffälligstes Merkmal eine Zweiarm- anstelle bislang einer Einarmschwinge ist. Doch der Hauptleidtragende ist momentan Waldmann selbst. Denn noch ist der Vizeweltmeister ohne Vertrag. Im Dezember wurde er schon als neuer Halbliter-Star bei Aprilia gehandelt, ließ die Frist zur Vertragsunterzeichnung aber verstreichen, weil man sich zwar auf eine halbe Million Gage, nicht aber auf die Währung hatte verständigen können - die Italiener hatten in Mark gedacht, Waldmann aber Dollar verstanden. Im Januar zog Aprilia das Angebot dann zurück und beschloß den Rückzug der exotischen V2-500er, um nach einem Entwicklungsjahr mit überarbeiteten V4-Motoren von elf in die GP-Szene zurückkehren zu können.Weil Waldmann, so Ex-Grand Prix-Pilot Martin Wimmer, »weiterverhandelte bis zu dem Stadium, wo er gar nichts hat«, steckt der populärste deutsche Motorradstar in einer gefährlichen Abseitsfalle, aus der der Ausweg immer schwieriger wird, je näher der Saisonstart 1998 rückt. Die meisten Rennsättel sind fest vergeben, in den Zeitungsberichten der letzten Wochen war mehr von drohendem Rücktritt als von möglichen Engagements die Rede - ein Szenario mit verheerenden Konsequenzen für den deutschen Motorradsport bis hin zum ADAC Sachsen, der ohne Zugpferd Waldmann beim deutschen GP mit bis zu 20000 weniger Zuschauern kalkuliert, und zu den Fernsehanstalten, die für diesen Fall über eine Rückgabe der Übertragungsrechte nachdenken.Noch gibt es Chancen, Unheil von Waldi und seinen Anhängern abzuwenden. Am aussichtsreichsten ist die Variante, mit einer Dreizylinder-Modenas von Kenny Roberts in die Halbliterklasse einzusteigen. »Unser Ziel ist es«, so Roberts, »ein wendigeres, noch leichter beherrschbares, sicheres Motorrad zu bauen, und die ersten Tests mit einem weiterentwickelten Chassis waren sehr vielversprechend. Waldi hat seine Fähigkeiten oft genug unter Beweis gestellt, und mit dem Dreizylinder wäre die Umstellung auf die Halbliterklasse lange nicht so schwierig wie mit einer V4-Maschine. Vielleicht machen wir das.«Sein Sohn Kenny junior steht als Fahrer bereits fest, die Entscheidung um den zweiten Platz im Team fällt zwischen Waldi und dem erfahrenen, aber teuren Luca Cadalora. Für Waldi spricht die Bereitschaft, auf Dunlop-Reifen anzutreten, mit denen Roberts liebäugelt, außerdem ist seine Gage erheblich geringer. »Wir haben genügend Geld für die Motorräder, aber es fehlt noch der Zuckerguß auf dem Kuchen für eine vernünftige Teamstruktur. Mit Marlboro Deutschland haben wir bislang noch nicht gesprochen«, hält Kenny fest.Bleibt zu hoffen, daß Waldi die Fernsehanstalten und damit auch seinen Hauptsponsor Marlboro für die Halbliterklasse begeistern kann. »Die Lage ist nicht so düster, wie sie in den Zeitungen dargestellt wurde. Es gibt ein paar gute Dinge«, meint Waldi vielsagend, läßt sich aber trotz einer von ihm und Roberts unterzeichneten Abichtserklärung keinerlei Details entlocken. »Das könnte alles wieder aufs Spiel setzen. Deshalb sage ich gar nichts.“

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