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Am Ende hat es für Marc Coma und KTM locker zum Sieg gereicht.

Rallye Dakar 2014 Das MOTORRAD-Dakar-Tagebuch

MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer begleitet die Rallye Dakar 2014 durch Argentinien, Bolivien und Chile. Er berichtet direkt aus Südamerika.

18. Januar - 13. Etappe/Finale

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18. Januar - 13. Etappe/Finale Samstagmorgen, Frühstück im Biwak. Honda-Rallye-Projektleiter Katsumi Yamazaki sitzt mit seinen Mannen neben mir. Eher zufällig. Geredet wird nicht viel. Die rote Truppe ist nach dem Sturz von Joan Barreda immer noch in Schockstarre. Weshalb hat der Spanier bei diesem komfortablen Zeitpolster noch so viel riskiert? Die Honda-Crew zuckt ahnungs- und wortlos mit den Schultern. Plötzlich taucht Joan auf. Am liebsten würde er ohne Blickkontakt weitergehen. Doch er hält kurz inne und sagt nur ein Wort: sorry. Man sieht ihm an, dass er keine gute Nacht hatte.

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Etappensieg nur kleine Rehabilitation für Joan Barreda

Später wird er sich wieder rehabilitieren, wird die letzte Etappe der Rallye gewinnen. Doch zu mehr als Platz sieben in der Gesamtwertung reicht es nicht mehr. Marc Coma holt wie erwartet den Gesamtsieg. Das Drama um Barreda ist das letzte Kapitel, das die Dakar 2014 schrieb. Und auch das MOTORRAD-Dakar-Tagebuch wird nach zwei Wochen endgültig zugeklappt.

Foto: KTM
Am Ende hat es für Marc Coma und KTM locker zum Sieg gereicht.
Am Ende hat es für Marc Coma und KTM locker zum Sieg gereicht.

Die Rallye ist vorbei, doch die Eindrücke bleiben wohl noch lange haften: der von Menschenmassen umjubelte Start in Rosario, der kurze Kampf der beiden deutschen Teilnehmer, die brütende Hitze in Argentinien, der Staatsempfang in Bolivien, die Übermacht der Werksteams, die Überraschungscoups von Sherco, das Fräuleinwunder Laia Sanz, der Untergang vieler Favoriten, der verzweifelte Kampf der Privatfahrer, die organisatorische Meisterleistung des Veranstalters und das wieder von Zehntausenden gefeierte Finale in Valparaiso. Die Dakar ist kein Rennen, die Dakar ist ein Erlebnis. Eins fürs Leben. Die Südamerikaner haben mit ihrem in den vergangenen 14 Tagen tausendfach proklamierten Slogan sicher nicht Unrecht: Viva el Dakar!

Ein letztes Wiedersehen mit der Rallye wird es in MOTORRAD geben: Ausgabe 4/2014 erscheint am 31. Januar mit einer großen Reportage der Dakar 2014.

Radioreporter außer Rand und Band

Video: Ein chilenischer Radioreporter außer Rand und Band.
Foto: Mayer
Aus der Traum: Honda-Werkspilot Barreda wird ins Fahrerlager geschleppt.
Aus der Traum: Honda-Werkspilot Barreda wird ins Fahrerlager geschleppt.

17. Januar - 12. Etappe

17. Januar - 12. Etappe El Salvador, 8 Uhr morgens. Den Reißverschluss des Zelts aufgezogen und was sieht man? Nichts. Der berüchtigte Morgennebel Camanchaga hat es also trotz aller Vorausplanungen des Veranstalters doch auf 2400 Meter Meereshöhe hinaufgeschafft. Gelegentlich muss sich die allmächtig scheinende Dakar also doch noch von der Natur maßregeln lassen. Glück im Unglück: Das Wetter besserte sich, die vorletzte Etappe wurde gestartet – und das Rennen bald darauf entschieden.

Honda-Pilot Joan Barreda stürzte, musste 2,5 Stunden reparieren und büßte damit seine ohnehin nur noch marginalen Chancen auf den Gesamtsieg ein. Schlimmer noch, der bedauernswerte Joan fiel auf den siebten Rang zurück und wird am Samstag nicht einmal mehr aufs Podium klettern. Unter diesen Bedingungen glich die Rückkehr ins Fahrerlager – abgeschleppt von einem holländischen Amateurfahrer – einem erniedrigenden Spießrutenlauf. Joan setzte nicht einmal Helm und Brille ab und verschwand wortlos im Wohnmobil. Die Stimmung im Honda-Lager könnte eisiger nicht sein.

Honda verliert alle Chancen fürs Podium

Der vierte Dakar-Triumph von Marc Coma dürfte deshalb nur noch Formsache sein. Nicht nur weil dem Routinier kaum Fehler unterlaufen sondern auch weil KTM auf den Konkurrenzdruck von Honda und Yamaha mit einer für die Dakar 2014 völlig neu aufgebauten Rallyemaschine reagierte. Im Gegensatz zu den Honda-Technikern, die bei dieser Rallye erstmals den neuen dohc-Motor (zwei obenliegende Nockenwellen) einsetzten, folgte KTM beim neuen Rallyebike der hauseigenen Linie. Statt dem bisher verwendeten dohc-Antrieb kommt nun der ohc-Motor der aktuellen 450er-Motocross- und Enduromodelle zum Einsatz. Dessen Vorteil: Er ist kleiner und leichter. Allerdings: Drehfreude und somit die Leistung fallen bei einer ohc-Lösung geringer aus. Mit 68 PS, so die offizielle Angabe von KTM, spielt der Single mit Einspritzung (bislang Vergaser) dennoch im Konzert der Spitzenaggregate mit.

Auch sonst wurde das Rallyebike deutlich überarbeitet. Der Ölkühler wanderte vom Cockpit schwerpunktgünstig nach unten in die Nachbarschaft des Wasserkühlers, der Instrumentenhalter aus Karbon (bislang Alu) fällt leichter aus, das Federbein mit 129 mm statt bislang 90 mm Hub und entsprechend geänderter Umlenkung heizt sich weniger auf. Wie alle Hersteller geben die Österreicher das Leergewicht mit 140 kg (entspricht 165 kg vollgetankt) und die Höchstgeschwindigkeit mit 175 km/h an. Als Production Racer wird es die weiterentwickelte KTM wohl auch demnächst geben. Voraussichtlicher Preis: 35 000 Euro.

Auch wenn für die Österreicher bei der Dakar 2014 nun alles im Plan ist, warnte der Veranstalter am Freitagabend die Piloten nochmals eindringlich davor, die letzte Etappe am Samstag auf die leichte Schulter zu nehmen. Marc Coma dürfte diese Warnung schön öfter gehört haben. Die Sieger-T-Shirts werden mit Sicherheit schon im Lkw bereitliegen.

9., 10. und 11. Etappe

16. Januar - 11. Etappe Nach den Etappen vom Montag und Dienstag, an denen im direkt am Meer aufgebauten Biwak sogar ein Hauch Urlaubsatmosphäre aufkam, kehrte der Tross nun ins Gebirge zurück. Der Grund: Der auf Meereshöhe in dieser Gegend häufige Camanchaga, ein dichter Morgennebel, könnte den Start der Freitagsetappe beeinträchtigen. In der  knochentrockenen Atacama-Wüste um das 2400 Meter hoch gelegene El Salvador fehlt für Nebel jede Spur von Feuchtigkeit.

Wie hoch die poltische Bedeutung der Rallye auch in Chile ist, lässt sich auch am Transportmittel für die Journalistenschar festmachen. Mit Hercules-Propellermaschinen des chilenischen Militärs wurden die Medienschaffenden in das wegen der Kupfervorkommen erst vor 54 Jahren gegründete Städtchen geflogen.

Foto: Mayer
Alle Mann an Bord: Den Journalistentransport nach El Salvador übernahm das chilenische Militär.
Alle Mann an Bord: Den Journalistentransport nach El Salvador übernahm das chilenische Militär.

Möglicherweise aufkommende Vorfreude auf das bevorstehende Ende der Rallye wurde den Fahrern am Dienstag schnell ausgetrieben. Mit 750 Kilometern Etappenlänge, davon 605 Kilometer gezeitet, bäumte sich der Koloss Dakar nochmals mit aller Macht vor den Piloten auf. Doch die im Rennen verbliebenen 72 Fahrer kann mittlerweile offensichtlich nichts mehr in die Knie zwingen. Trotz der enormen Distanz trudelte die Spitze nur in Minutenabständen ins Ziel.

Foto: Mayer

Grundsätzlich Schaumgummiringe statt Luftschläuche

Wie wenig die Maschinen – vorausgesetzt der Pilot stürzt nicht – unter diesen Husarenritten leiden, erstaunt. Wäsche, Öl- und Luftfilterwechsel, Kontrolle aller Schrauben – selbst die Werksmaschinen sind am Abend nach drei Stunden Service wieder startklar. Natürlich ist zumindest bei den Topfahrern auch ein neuer Satz Reifen täglich fällig. Platzhirsch im Reifengeschäft ist Michelin. Die Franzosen rüsten etwa 75 Prozent der Motorräder mit dem Marathon aus und bieten als Einzige im Fahrerlager einen Service für die schwierig zu montierenden Reifen an. Lagern und transportieren müssen die Fahrer die Reifen jedoch in Eigenregie.

000 Pneus verkauften die Gallier im Vorfeld der Dakar. Der Preis: 140 Euro für einen Hinterrad-, 100 Euro für einen Vorderradreifen. Zusätzlich fallen 100 Euro pro Rad für ein neues Mousse an. Denn um Plattfüße zu vermeiden, werden statt Luftschläuchen ausschließlich Schaumgummiringe verwendet. Die Härte des Schaums kommt einem Luftdruck von 1.2 bar gleich. Allerdings: Nach 1500 Kilometern, also etwa der Distanz von zwei bis drei Etappen ist der Schaumstoff von den harten Schlägen weichgeklopft und muss ausgetauscht werden. Neuerdings drängt auch Metzeler mit einem rallyetauglichen Reifen, dem Karoo Extreme ins Geschäft. Mit Helder Rodrigues, Javier Pizzolito und dem bereits ausgeschiedenen Sam Sunderland rüsten die Deutschen sogar einen Teil des Honda-Werksteams aus.

Apropos Honda. Werksfahrer Joan Barreda hat trotz 52 Minuten Rückstand den Kampf um die Spitze mit Marc Coma (KTM) noch nicht aufgegeben. Und wer glaubt, die Rallye würde jetzt endlich auslaufen, der irrt. Auch am Freitag stehen 700 Kilometer an, die Hälfte davon als Sonderprüfung durch eine Dünenlandschaft.

15. Januar - 10. Etappe

15. Januar - 10. Etappe Jetzt soll die Streckenauswahl endgültig die Spreu vom Weizen trennen. Nach der moderaten Dienstags-Etappe zog das Niveau am Mittwoch deutlich an. Auf den 631 gezeiteten Kilometern – das entspricht ungefähr der Entfernung von Hamburg nach Stuttgart – brachte eine bösartige Mischung aus puderzuckerfeinem Sand, dem so genannten Feshfesh und darin eingelagerten Steinbrocken die Piloten wieder mal an ihre Grenzen. Doch Profis lassen sich nicht so schnell in die Knie zwingen. Im Ziel lagen zwischen Etappensieger Joan Barreda und dem Fünftplatzierten, Marc Coma nach dieser Mammut-Distanz nicht einmal zwölf Minuten.

Foto: Mayer
Boxenstopp: Nur was in eine einzige Stahlbox passt, darf mit auf die Dakar.
Boxenstopp: Nur was in eine einzige Stahlbox passt, darf mit auf die Dakar.

Privatfahrer – die aussterbende Rasse des Rallyesports

Im Schatten der Superstars plagt sich eine bei der Dakar derzeit im Aussterben begriffene Spezies über die Runden: die Privatfahrer. Während in den achtziger und neunziger Jahren die Amateurracer noch den Löwenanteil des Starterfelds bildeten, hat sich die Struktur mittlerweile drastisch geändert. Abgesehen von gerade mal einem Dutzend Werkspiloten kauft sich die Mehrheit der Teilnehmer bei einem der Rallye-Service-Teams ein. Die Betreuung (Mechaniker, tägliche Massage, Transport aller Ersatzteile und Reifen) hat aber ihren Preis. Etwa 20 000 Euro fallen für das Rundum-Sorglos-Paket in Südamerika an. Wer sich die ersparen will – oder muss – gehört zu den wahrhaftigen Privatfahrern. Unter der Bezeichnung “Malles motos“ – sinngemäß übersetzt diejenigen, die aus dem Koffer leben – werden die mit einer Mindestausrüstung startenden Amateurpiloten sogar ganz offiziell in einer eigenen Wertung geführt. Die Kriterien für die Aufnahme in die alternative Liste: Ein Motorrad, eine Kiste (80 x 50 x 40 cm) mit Ersatzteilen, ein Zelt, zwei Ersatzräder mit einer beliebigen Anzahl Reifen – mehr dürfen die Puristen des Wüstenrennsports nicht an den Start bringen. Das Gepäck wird vom Veranstalter auf einem Lkw transportiert, die Hilfe eines Mechanikers bei der Maschinenwartung ist strikt verboten.

Deshalb ist man inzwischen weitgehend unter sich. Von den insgesamt 181 Startern gehören bei der Dakar 2014 nur noch 15 zu den Do-it-yourself-Racern. Brett Cummings ist einer von ihnen. Allerdings nicht aus Überzeugung. Kurz vor dem Start ist dem 30-jährigen Südafrikaner aus der Nähe von Johannesburg ein Sponsor abgesprungen, der Platz im Service-Team musste storniert werden. Seitdem heißt es: Selbst fahren, selbst schrauben, selbst ein- und auspacken. Nicht einmal ein Sonnensegel gönnt man dem armen Teufel. Nur der Material-Auflieger des Veranstalters spendet Schatten – und ein älterer Herr aus Gambia Zuspruch. „Ein Fahrer braucht doch jemand, der auf ihn wartet, wenn er von der Etappe zurückkehrt“, zeigt sich der Betreuer, dessen eigener Fahrer bereits vergangene Woche ausgefallen ist, mitfühlend – und wartet jeden Abend geduldig auf den KTM-Piloten. Der hält sich wacker. Trotz blau unterlaufener Hüfte und einer mit vier Stichen genähten Platzwunde unter dem Auge liegt der Wackere nach der Mittwochsetappe auf dem beachtlichen 30. Platz im Gesamtklassement. Sollte er bis zum Ende durchhalten, muss die Erfolgsparty zu Hause allerdings schnell steigen. Mehr als vier Tage Urlaub hat der Maschinenbau-Ingenieur für die Zeit nach der Rallye nicht eingereicht. Schließlich soll das Budget bei der nächsten Dakar für einen Platz in einem Service-Team reichen.

Foto: Speedbrain/HRC
Bei seiner Aufholjagd auf die Spitze handelte sich der auf Rang zwei liegende Honda-Pilot Joan Barreda-Bort eine 15-Minuten-Zeitstrafe ein – er missachtete eine Geschwindigkeitsbegrenzung.
Bei seiner Aufholjagd auf die Spitze handelte sich der auf Rang zwei liegende Honda-Pilot Joan Barreda-Bort eine 15-Minuten-Zeitstrafe ein – er missachtete eine Geschwindigkeitsbegrenzung.

14. Januar - 9. Etappe

14. Januar - 9. Etappe Für die Fahrer bedeutete die Dienstags-Etappe den Abstieg von Calama (2260 ü.M.) zu dem auf Meereshöhe liegenden Ziel in Iquique. Für einige Pressekollegen (inklusive MOTORRAD) und Jean-Michel Prat, einem der Sicherheitschefs der Rallye ging es stattdessen nach oben. Prat verfolgt mit einem Hubschrauber des chilenischen Militärs die Rallye und gibt nach dem letzten Fahrer die Strecke wieder frei. Der Nachteil: Zu Gesicht bekamen wir deshalb meist nur den hinteren Teil des Feldes. Den Medienmannen zuliebe schlossen die beiden Militärpiloten aber doch gelegentlich zu den Führenden auf. Wohl auch nicht ganz ohne eigenes Interesse. Der sechsjährige Sohn eines der Piloten hat vor wenigen Monaten mit einer Honda CRF 50 seine ersten Runden auf einer Motocross-Strecke gedreht.

Foto: Mayer
Jeden Tag ein neues Highlight: Hubschrauberflug über die Atacama-Wüste für MOTORRAD-Mann Peter Mayer.
Jeden Tag ein neues Highlight: Hubschrauberflug über die Atacama-Wüste für MOTORRAD-Mann Peter Mayer.

Der Blick aus dem Helikopter bringt erstaunliche Erkenntnisse

Aus der Luft fällt vor allem die Weite des Altiplano de Atacama, dem nördlichen Ausläufer der Atacama-Wüste auf. In der gesamten ersten Flugstunde waren weder Bäume noch Sträucher und schon gar nicht menschliches Leben zu sehen. Erst später deuteten ein paar Baracken auf die in dieser kargen Gegend durchgeführten Probebohrungen nach weiteren Kupfervorkommen hin. Unter sportlichen Gesichtspunkten erlaubt die Vogelperspektive aber eine ganz andere Erkenntnis: die horrenden Geschwindigkeitsunterschiede innerhalb des Starterfelds. Die ersten 20 Piloten attackieren die schnelle und immerhin 422 Kilometer lange Sonderprüfung quasi im Motocross-Stil. Die oft geäußerte Vermutung, dass spektakuläre Beschleunigungs- oder Bremsdrifts nur vor den Linsen der TV-Hubschrauber inszeniert werden, widerlegten Marc Coma und Co. eindrücklich. Wie die Cracks dieses fast vierstündige Highspeed-Cross körperlich und auch in Sachen Konzentration durchstehen, ist bewundernswert.

Weiter hinten im Feld fällt die Schlagzahl sichtbar ab. Die letzten 20 Piloten schlagen ein im Vergleich fast schon touristisch zu nennendes Tempo an. Ein Beispiel: Während Sieger Marc Coma für den Spezialtest 4.49 Stunden brauchte (Durchschnitt: 87,6 km/h), benötigte beispielsweise der Chefredakteur der französischen Zeitschrift Moto Revue, Thierry Traccan auf Platz 61, genau 2.16 Std länger (Durschnitt 60,0 km/h). Zur Ehrenrettung manch Gedemütigter: Nach 6000 zurückgelegten Kilometern muss wohl auch der ein oder andere körperlich Angeschlagene den Gasgriff mehr als ihm lieb ist zurückdrehen.

Apropos Mäßigung: Wie sagten wir gestern - wer rast, wo er nicht darf, wird drakonisch bestraft. Das musste heute Honda-Werkspilot Joan Barreda erfahren. Auf einem auf 80 km/h beschränkten Teilstück zeichnete sein GPS 148 km/h auf. Die Strafe: 15 Minuten Zeitzuschlag. So viel wie ein Motorwechsel. Statt Platz zwei hinter Coma blieb ihm deshalb nur der neunte Rang.

Foto: Mayer
Darauf schaut der Rallyefahrer: 1. Reihe (von oben): Tripmaster 1 und Kompass, 2. Reihe: Roadbook, 3. Reihe: Tripmaster 2 mit Antennen, 4. Reihe: GPS.
Darauf schaut der Rallyefahrer: 1. Reihe (von oben): Tripmaster 1 und Kompass, 2. Reihe: Roadbook, 3. Reihe: Tripmaster 2 mit Antennen, 4. Reihe: GPS.

6., 7. und 8. Etappe

13. Januar - 8. Etappe Nach den Lobeshymnen über die nahezu paradiesischen Verhältnisse im Fahrerlager kehrte der Rallyesport zumindest in dieser Beziehung am Montag wieder zu seinen Wurzeln zurück. Das Biwak liegt auf einer trost- und vegetationslosen Ebene außerhalb der chilenischen Bergbaustadt Calama. Die Gegend gilt als eine der trockensten Plätze der Erde. Niederschläge fallen im Durchschnitt nur alle fünf Jahre. Entsprechend staubig sind die Verhältnisse in der Zeltstadt. Ein steifer Wind sorgt zudem für einen dichten braunen Nebel, viele Mechaniker tragen sogar bei der Wartung der Maschinen eine Motocross-Brille. Wer frisch geduscht ins Freie tritt, wird in Minutenschnelle hellbraun paniert. Im Pressezentrum hat der Veranstalter Frischhaltefolie ausgeteilt, um Tastatur und Bildschirm der Laptops zu schützen. Den omnipräsenten Staub findet man nach kürzester Zeit – pardon – schlichtweg zum Kotzen.

Sei´s drum. Am wenigsten störten die unwirtlichen Verhältnisse Cyril Despres. Der Vorjahressieger, der für die Dakar 2014 von KTM auf Yamaha umsattelte, konnte auf der Montags-Etappe endlich seinen ersten Sieg einfahren. Vor allem ein Navigationsfehler auf der 5. Etappe hatte den Franzosen weit zurückgeworfen. Generell rückt der Veranstalter das Thema Orientierung bei der Dakar immer mehr in den Vordergrund. Letztlich prägt die Navigations-Elektrik, die vom aufragenden Verkleidungsbug geschützt ist, auch die Optik einer Rallyemaschine.

Foto: Mayer
Trotz all Elektronik: Jeden Abend wird das Roadbook akribisch vorbereitet.
Trotz all Elektronik: Jeden Abend wird das Roadbook akribisch vorbereitet.

Navigation erhält einen immer höheren Stellenwert bei der Dakar

Zentrales Element ist das vom Veranstalter ausgeteilte Roadbook, auf dem alle Abzweigungen, Wegpunkte und sonstigen Orientierungshilfen aufgelistet sind. Zwei Tripmaster messen die aktuelle Geschwindigkeit und die Entfernung zwischen den aufgelisteten Abzweigungen. Ein elektronischer Kompass informiert über die eingeschlagene Richtung. Ob der Pilot mit diesen Hilfsmitteln die vorgeschriebenen Wegpunkte angefahren hat, kontrolliert das vom Veranstalter montierte GPS. Dieses GPS liefert auch die Daten für die Zeitnahme – und kontrolliert, ob alle Geschwindigkeitsbegrenzungen, zum Beispiel in den Ortsdurchfahrten eingehalten wurden. Wer rast, wo er nicht darf, wird drakonisch bestraft.

Ebenfalls vom Organisator gestellt wird die Sicherheitselektronik (nicht im Bild). Mit einem Funksystem (Iritrack) kann ein in Schwierigkeiten steckender Fahrer mit dem Veranstalter kommunizieren, das Sentinel ist eine vom nachfolgenden Fahrer vor dem Überholen aktivierte Hupe. Die Balise ist die letzte Rettung. Wer diesen Notsender aktiviert, wird vom Hubschrauber gerettet, fällt damit aber auch unwiderruflich aus dem Rennen.

Trotz aller elektronischen Hilfen kümmern sich die Fahrer allabendlich akribisch um die Details des Roadbooks. Die Werksteams beschäftigen sogar eigene Navigationsspezialisten, die über Google maps ihren Piloten schnellere, kürzere oder fahrerisch einfachere Streckenvarianten austüfteln.

Ich selbst darf auf der Dienstags-Etappe die Luftlinie wählen – im Passagiersitz des Hubschraubers des Veranstalters.

Foto: Speedbrain/HRC
Auch so kann es in Südamerika aussehen: Joan Barreda-Bort, Sieger der 7. Etappe, auf der Speedbrain-Honda im Grünen.
Auch so kann es in Südamerika aussehen: Joan Barreda-Bort, Sieger der 7. Etappe, auf der Speedbrain-Honda im Grünen.

12. Januar - 7. Etappe

12. Januar - 7. Etappe Nach dem Ruhetag trennt sich der Rallyetross wieder. Während die Autos noch eine Schleife in Argentinien drehen, befahren die Motorradfahrer zum ersten Mal in der Dakar-Geschichte bolivianischen Boden. Die Premiere dieser Rallye ist in Bolivien von nationaler Bedeutung. Bereits unser von einer Polizeieskorte begleitete Konvoi vom Flughafen ins Fahrerlager erinnerte an einen Staatsempfang, zum Zieleinlauf flog sogar der bolivianische Staatspräsident Evo Morales ein. Der trommelte bei einem Empfang im Pressezentrum denn auch kräftig die Werbetrommel für seinen Andenstaat. Kein Wunder, dass in der Stadt der Ausnahmezustand herrschte. Fahrer, Organisation und Presse waren in einer von bitterernst dreinblickenden Soldaten bewachten Kaserne untergebracht. Die Besitzerin unseres Hotels – eine Belgierin – bezeichnete die Dakar gar als Jahrhundert-Ereignis für diese Gegend. Wahrscheinlich nicht einmal zu Unrecht. Das ärmlich wirkende Uyuni liegt auf stattlichen 3675 Meereshöhe inmitten einer Steinwüste. Im derzeitigen Hochsommer herrschen höchstens 20 Grad, im Winter Dauerfrost bis zu minus 25 Grad. Die einzige Hoffnung für wirtschaftlichen Aufschwung besteht im Lithium-Abbau und dem Tourismus. Denn mit dem 160 mal 135 Kilometer großen Salar der Uyuni erstreckt sich der größte Salzsee der Erde am Stadtrand.

Foto: Pascal Haudiquert
So sieht die bolivianische Frau Merkel aus: gemeinsames Foto mit dem bolivianischen Staatspräsidenten Evo Morales und MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer.
So sieht die bolivianische Frau Merkel aus: gemeinsames Foto mit dem bolivianischen Staatspräsidenten Evo Morales und MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer.

Ausnahmezustand in Bolivien

Den Motorradfahrern blieb ein weiterer Husarenritt nicht erspart. Die Länge der Etappe von 768 Kilometern entspricht etwa der Distanz Kiel-Stuttgart – zurückzulegen bitteschön auf Feldwegen. Die Motorräder der Protagonisten waren nach dem Ruhetag quasi neu aufgebaut - außer Rahmen, Motorgehäuse, Kurbelwelle und Getriebe, die laut Reglement nicht getauscht werden dürfen. Der einzige Wackelkandidat in Sachen Technik blieb insofern auch nach der Generalüberholung das bei den relativ hochdrehenden 450-cm³-Viertaktmotoren stark belastete Pleuellager. Um in dieser Beziehung sicher zu gehen, wäre ein kompletter Motorwechsel vonnöten. Doch der wird vom Reglement mit 15 Strafminuten geahndet. Dieses Handicap wollte trotz der großen Zeitabstände keiner der Favoriten eingehen.

Mit der Mechanik ihrer Maschinen mussten sich die Fahrer am Sonntagabend dann auch wieder selbst beschäftigen. Denn der Ausflug nach Bolivien war als Marathon-Etappe ausgeschrieben. Externe Hilfe ist verboten. Am Montag wird die Stippvisite in Bolivien mit einer 400 Kilometer langen Runde um den Salar de Uyini in Richtung Chile enden.

10. Januar - 6. Etappe

10. Januar - 9. Etappe Kleine Mädchen weinen gelegentlich. Auch bei Laia Sanz kullerten schon mal die Tränen. Und zwar immer dann, wenn der Herr Vater am Sonntagmorgen die Enduro ankickte, Laias großen Bruder auf den Soziussitz nahm und in die Berge entschwand. Eines Tages weinte Laia nicht mehr, stellte sich trotzig vor Papas Motorrad und forderte Gleichberechtigung. Drei Tage später stand ein Kinder-Trialmotorrad in der Garage. Der Rest ist Geschichte. Die junge Dame aus einem kleinen Dorf 20 Kilometer westlich von Barcelona startete eine Karriere, wie sie in diesem Sport noch keine Frau geschafft hat. Nach Meistertiteln in den Jugend- und Amateurklassen – meist als einzige Dame im Starterfeld – dominierte die Katalanin später die speziell für Frauen ausgeschriebenen Kategorien mit erdrückender Dominanz. 13 Damen-Trial-WM-Titel als Werksfahrerin von Montesa-Honda, parallel dazu zwei Gesamtsiege in der Frauen-Enduro-WM – Laia avancierte zur Powerfrau der Stollenbranche. Und zum Arbeitstier. Denn nach dem prallvollen Terminkalender im Sommer schließt sich seit drei Jahren quasi nahtlos der Auftritt bei der Rallye Dakar an. Bei der die Berufsfahrerin derzeit an der nächsten Legendenbildung in eigener Sache feilt.

Laia Sanz – das Fräuleinwunder der Dakar

Denn mit dem beeindruckenden 19. Platz im Zwischenklassement dieser extrem anspruchsvollen Dakar ist die 28-Jährige in den vergangenen Tagen ins Zentrum des Interesses gerückt. Die spanischen Medien geben sich die Klinke ihres Wohnmobils in die Hand. Was die vom Trial beseelte Spanierin nachdenklich macht: „Diese Dakar hat mir bislang mehr Publicity gebracht, als mein ganzes bisheriges Leben im Trialsport“, wirkt die 1,80 Meter große Eulalia, wie sie mit vollem Vornamen heißt, trotz allem Erfolg ein wenig ernüchtert. Immerhin hat sich die Sonderstellung als Frau in Sachen Sponsoring ausbezahlt. Wobei wenigstens Laias Hauptsponsor, KH-7 Chauvinisten-kompatibel ist: Die Firma stellt Haushaltsreiniger her.

Themawechsel. Natürlich ist der Tod des belgischen Motorradfahrers Eric Palante der Gesprächsstoff des Tages. Der 50-jährige Vater von fünf Kindern wurde am Freitagmorgen um 8.30 Uhr auf der Strecke der Donnerstags-Etappe tot aufgefunden. Einer von Renndirektor Etienne Lavigne persönlich hier im Pressebüro gehaltenen Erklärung zufolge ist die Todesursache zumindest äußerlich nicht auf Sturzfolgen zurückzuführen. In der Nacht soll eine Obduktion stattfinden. Ohne deren Ergebnis bleiben alle anderen Veröffentlichungen Spekulation. Trotzdem: Die Szene geht erstaunlich kühl mit der traurigen Meldung um. Am Abend fiel im Fahrerlager kaum noch ein Wort zu dem Unfall.

Vielleicht auch, weil ein großer Teil der Fahrer vor dem Ruhetag körperlich angeschlagen und ausgepowert ist und sich von schlechten Nachrichten nicht noch weiter demoralisieren lassen will. Ob der Ruhetag am Samstag darüber hinweghilft?

Foto: Maragni/KTM
KTM-Werksfahrer Marc Coma feierte am fünften Tag der Dakar 2014 seinen ersten Etappensieg und übernahm damit auch die Gesamtführung.
KTM-Werksfahrer Marc Coma feierte am fünften Tag der Dakar 2014 seinen ersten Etappensieg und übernahm damit auch die Gesamtführung.

3., 4. und 5. Etappe

9. Januar 2014 - 5. Etappe Die Landschaft hat sich einmal mehr geändert. Das raue felsige Gelände der letzten Tage hat sich in der Gegend um San Miguel de Tucumán in eine Ebene mit fruchtbarem Boden verwandelt. Zuckerrohr- und Zitronen-Plantagen dominieren die Gegend beim Anflug auf die Provinzhauptstadt. Das Fahrerlager befindet sich wieder im urbanen Umfeld, dem Innenfeld der örtlichen Pferderennbahn. Täglich wird deutlicher, wie sehr sich die Dakar von ihren Ursprüngen – dem Abenteuer im Nirgendwo der afrikanischen Wüste – mittlerweile entfernt hat. Was nicht zwangsläufig negativ gesehen werden muss. Nicht nur, weil die Fahrer hier bei der Einfahrt ins Hippodrom durch das von einem lautstarken Sprecher angeheizten Publikum frenetisch gefeiert werden, sondern weil sie im „Dakar Village“ eine erstklassige Versorgung erwartet. Was der Veranstalter ASO, der übrigens auch die Tour de France veranstaltet, hier auf die Beine stellt, ist schlichtweg grandios. Der mit Teilnehmern, Presse, Assistenz und Orga-Personal etwa 2000 Personen große Rallyetross wird rund um die Uhr von 80 Personen liebevoll bekocht. So kann es morgens um drei Uhr schon mal passieren, dass die startklaren Werkspiloten ihr Frühstück zur gleichen Zeit wie die abgekämpften Spätheimkehrer ihr Abendessen einnehmen. Um dieses Niveau auf jeder Etappe zu garantieren, unterhält die Küchentruppe drei identische Strukturen, die mit ein- beziehungsweise zweitägigem Zeitvorsprung an den nächsten Etappenzielen alternieren.

Foto: Mayer
Ein Dorf zieht täglich um: Die Logistik des Veranstalters ist eine organisatorische Meisterleistung.
Ein Dorf zieht täglich um: Die Logistik des Veranstalters ist eine organisatorische Meisterleistung.

Die Dakar – Eine Rallye „all inclusive“

Sonstige Superlative gefällig? Das Material wird mit 55 Lkw, das Orga-Personal mit 40 Pkw und 5 Reisebussen von Etappe zu Etappe transportiert. 11 Hubschrauber sorgen für TV-Aufnahmen und Streckensicherheit, 30 Ärzte für die medizinische Betreuung. Vor diesem Hintergrund verblasst sogar der Aufwand für die mobile Wäscherei, den Massageservice,  die sanitären Einrichtungen mit permanentem Reinigungsdienst und für das mobile Pressezentrum mit 100 Internet-Arbeitsplätzen. Chapeau.

Nebenbei bemerkt: Gefahren wird auch noch. Die Streckenauswahl der aktuellen Rallye ist „die schwerste aller südamerikanischen Dakar-Ausgaben“ (O-Ton Cyril Despres). In der Tat überschlugen sich Ereignisse. Bei wiederum glühender Hitze – deutlich über 40 Grad – verfuhr sich der Yamaha-Pilot, verpasste einen Wegpunkt und kassierte eine Stunde Strafzeit. Joan Barreda verlor seine Führung ebenfalls durch einen Navigationsfehler an Marc Coma (KTM). Noch schlimmer traf es seinen Honda-Kollegen Paulo Goncalves. Dessen Motorrad brannte vollständig ab.

Bleibt den Herren zum Trost nur noch eins zu wünschen: Guten Appetit. Zum Abendessen soll es nämlich argentinisches Rindersteak geben.

Foto: Yamaha
Für einige Minuten war Dakar-Titelverteidiger Cyril Despres während der vierten Etappe an die Spitze der Gesamtwertung vorgestoßen – dann wurde der Yamaha-Werksfahrer wenige Kilometer vor dem Etappenziel von einem Elektrikdefekt gestoppt, verlor fast eine halbe Stunde auf den weiterhin führenden Joan Barreda Bort und fiel vom zweiten auf den sechsten Rang zurück.
Für einige Minuten war Dakar-Titelverteidiger Cyril Despres während der vierten Etappe an die Spitze der Gesamtwertung vorgestoßen – dann wurde der Yamaha-Werksfahrer wenige Kilometer vor dem Etappenziel von einem Elektrikdefekt gestoppt, verlor fast eine halbe Stunde auf den weiterhin führenden Joan Barreda Bort und fiel vom zweiten auf den sechsten Rang zurück.

8. Januar - 4. Etappe

8. Januar 2014 - 4. Etappe Die Rallye zieht weiter Richtung Norden. Was auf der südlichen Seite des Äquators zunächst heißt: Es wird wärmer. Ein japanischer Kollege maß mit der Asiaten beschiedenen Akribie am Ziel hier in Chelecito 44,1 Grad. Wie schon in den ersten Tagen der Rallye liegt das Fahrerlager auch heute am Stadtrand. Auf der einen Seite des Biwaks erstreckt sich die Rollbahn eines Regionalflughafens, auf der anderen Seite liegt das örtliche Freibad. Nachdem sich mehrere Hundert Dakar-Recken darin den Staub vom Leib gespült haben, hat die Wasserqualität des Pools aber mittlerweile sichtlich gelitten.

Foto: Haudiquert
Haben gut lachen: Sherco-Pilot Alain Duclos (li), Motorrad-Mann Mayer und Teamchef Nicolas Chaix (re).
Haben gut lachen: Sherco-Pilot Alain Duclos (li), Motorrad-Mann Mayer und Teamchef Nicolas Chaix (re).

Wenig Kohle, aber viel Gas – das Rallye-Engagement von Sherco

Das tun derzeit auch die Werksteams. Cyril Despres verlor durch einen Elektrikdefekt seiner Yamaha 42 Minuten, Sam Sunderland musste seine Honda abstellen nachdem ein zerquetscher Krümmer dem Motor den Hitzetod bescherte. KTM-Werkspilot Ruben Faria ist nach seinem Sturz vom Dienstag zwar wohlauf, doch auch für ihn ist die Rallye gelaufen.

Bleiben als lachende Hinterbliebene vor allem die konstant fahrenden Marc Coma (Platz 2), Chaleco Lopez (Platz 3) – und die Sherco-Truppe um den heutigen Sieger Juan Pedrero. Die Franzosen spielen im Kreis der millionenschweren Werkseinsätze von Honda, KTM und Yamaha die Rolle der Paradiesvögel. Letztlich basiert der Auftritt des Herstellers aus dem südfranzösischen Nimes auf der Basis von sieben rallyebegeisterten Kumpels. Kein einziger des Septetts arbeitet direkt beim Hersteller sondern engagiert sich in seiner Freizeit im staubigen Geschäft. Drahtzieher des Projekts ist Nicolas Chaix, im Hauptberuf Pilot einer Boeing 777 bei Air France. Neben dem heutigen Etappensieger Pedrero trägt vor allem Alain Duclos die Last an der Lust der Hobbytruppe. Auch der 42-jährige Bauingenieur aus Pau verzichtet angesichts der puren Begeisterung seiner Landsleute auf Honorar und Erfolgsprämie und braucht für die Rallye einen Großteil seines regulären Jahresurlaubs auf. Mit ein Grund, weshalb der dunkelhäutige Gallier im Gegensatz zur Konkurrenz auch bei keiner einzigen Vorbereitungsrallye für die Dakar antritt. Was ihn nach 12 Dakar-Teilnahmen – bestes Resultat: Platz sechs im Jahr 2010 – bei der diesjährigen Auflage nicht abhält, von einer Großtat zur nächsten zu brausen.

Momentan liegt Duclos auf dem sensationellen vierten Gesamtrang, nur 25 Minuten hinter dem Führenden. Ihr Budget für das Rallyeprojekt trauen sich Chaix und Co. vielleicht auch deshalb kaum zu verraten: 300.000 Euro – deutlich weniger als ein Zehntel der Aufwendungen ihrer Mitbewerber.

Foto: Speedbrain
Nach den ersten drei Etappen hat Joan Barreda Bort bereits zwei Tagessiege auf dem Konto und lässt das Honda-Werksteam weiter vom großen Erfolg träumen.
Nach den ersten drei Etappen hat Joan Barreda Bort bereits zwei Tagessiege auf dem Konto und lässt das Honda-Werksteam weiter vom großen Erfolg träumen.

7. Januar - 3. Etappe

 7. Januar 2014 - 3. Etappe Wie lautete das Motto von gestern? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der gute Vorsatz war in diesem Fall weniger auf die Fahrer als auf den Versuch gemünzt, die Piloten in Eigenregie am Abend der ersten Marathonetappe zu besuchen und eine Internet-Verbindung im nur mit Küchenpersonal bestückten Fahrerlager ausfindig zu machen. Beides hat geklappt. Unter den fast einer Quarantäne ähnelnden Bedingungen – Begleitpersonen sind überhaupt nicht, Medien nur sehr beschränkt zugelassen – sind die Motorrad- und Quadfahrer weitgehend auf sich allein gestellt, Ersatzteillieferungen sind verboten, die Wartungsarbeiten dürfen nur von den Piloten selbst durchgeführt werden. Um das sicherzustellen, hatte der gestrenge Veranstalter ASO vorgesorgt und das Etappenziel in eine hermetisch abgeriegelte Militärkaserne am Fuß des vierthöchsten Bergs der Anden, des 6720 Meter hohen Mercedario gelegt.

Und nicht nur das: Um Schummeleien zu vermeiden, durften die Fahrer nach dem Duschen nur in bereitgestellter Einheitskleidung an den Motorrädern Hand anlegen. Wie harmlos gestandene Rallyecracks in schwarzen Shorts und Badeschuhen in Unigröße plötzlich wirken können. Zudem das erzwungene Gemeinschaftsgefühl nicht bei den Kleidern endete. Die Nacht müssen die Cracks einträchtig in einem Militärschlafsaal voller Stockbetten verbringen.

Foto: Peter Mayer
Ungewohntes Gemeinschaftsgefühl: Militär-Schlafsaal für die Rallyepiloten auf der Marathonetappe.
Ungewohntes Gemeinschaftsgefühl: Militär-Schlafsaal für die Rallyepiloten auf der Marathonetappe.

Für ausreichend Bettschwere hat die dritte Etappe am Dienstag mit Sicherheit gesorgt. Vor allem ein kilometerlanger extremer Anstieg auf 4300 Meter Meereshöhe sowie eine ganze Reihe Navigationsfehler und Stürze gingen sogar den Profis an die Substanz. Die Abstände im Zieleinlauf fielen dementsprechend riesig aus. So hat beispielsweise das Fräuleinwunder der Rallyeszene, die bislang exzellent agierende Trial-Weltmeisterin Laia Sanz auf Platz 20 bereits einen Rückstand von einer Stunde. Auf der Hardcore-Trasse kämpften die Toppiloten denn auch unter sich. Der große Gewinner des Tages: Joan Barreda. Der in Sachen Navigation oft schwache Spanier zeigte sich souverän, holte den Etappensieg vor Cyril Despres und Marc Coma und baute seine Führung auf 13.04 Minuten aus. Der bereits gestern mit über sechs Stunden Verspätung eingelaufene einzige Deutsche, Jörg Majoli, hatte das Etappenziel um 0:30 Uhr noch nicht erreicht. Später meldete er per SMS von der Strecke einen Elektronikschaden und befürchtete, dass er den ohne Mechanikerhilfe im Biwak kaum würde reparieren können.

Für Mittwoch ist wieder Spannung angesagt. Die Etappe ist wieder als anspruchsvoll angekündigt, zudem sind viele Maschinen nach der heutigen Sturzorgie deutlich gezeichnet, die Reifen bei allen Startern erheblich abgefahren. Doch den entscheidenden Wettbewerbsvorteil könnte vielleicht ein guter Schlaf bringen. Denn wer vor dem ersten Schnarcher einschläft, schläft am längsten.

Foto: Pep Segales
Scheibe und Roadbook erinnern an den Zusammenstoß: Joan Barreda erzählt MOTORRAD-Mann Mayer (1. von rechts)  von der Kollission mit dem Bullen.
Scheibe und Roadbook erinnern an den Zusammenstoß: Joan Barreda erzählt MOTORRAD-Mann Mayer (1. von rechts) von der Kollission mit dem Bullen.

Prolog, 1. und 2. Etappe

6. Januar 2014 - 2. Etappe Sieben Stunden Transfer im Reisebus – das war die Nacht für alle Medienvertreter. Doch beschweren will sich keiner, denn auch für die Fahrer nimmt die Rallye Fahrt auf. Start wieder sehr früh (4.30 Uhr), danach 304 Kilometer Liaison auf der Straße. Abstecher ins Gelände sind im topfebenen Gelände zwischen San Luis und San Rafael wenig reizvoll. Zudem flankieren kurz vor San Rafael Rebenkulturen des auch in Europa bekannten Weinbaugebiets Mendoza die Straße. Die Stunde der Wahrheit schlug den 172 Piloten deshalb erst in der Sierra Nevada. Die 359 Kilometer lange Sonderprüfung bot von schnellen harten Abschnitten über Wasserdurchfahrten bis zu einer Dünenpassage das gesamte Anforderungsspektrum einer Rallye. Zudem konnten die Motorradfahrer eine Premiere bei der Dakar 2014 genießen: So oft als möglich wird für die Motorradfahrer im Roadbook eine gesonderte Trasse ausgewiesen. 40 Prozent der Distanz der Spezialtests werden die Biker in diesem Jahr für sich allein haben, also nicht mit den Autos teilen müssen. Die Vorteile: Geringere Behinderung durch Staubfahnen und weniger gefährliche Überholmanöver der im Vergleich meist schnelleren Autos. 90 Kilometer betrug die separierte Streckenlänge heute.

Frei laufender Bulle kreuzt die Spur

Dass das Restrisiko immer noch groß genug ist, erlebte ausgerechnet der Sieger der gestrigen Etappe, Joan Barreda. Kurz vor dem Ende der Sonderprüfung kreuzte ein frei laufender Bulle die Spur des mit etwa 140 km/h daherbrausenden Honda-Werkspiloten. Barreda konnte zwar noch bremsen, touchierte das Huftier aber noch und stürzte. Glück im Unglück: Barreda blieb unverletzt, doch Roadbookhalter und Verkleidungsscheibe waren gebrochen. Dass sich der Mann aus Castellòn unter diesen Umständen noch auf den dritten Platz retten konnte, demonstriert das fahrerische Niveau des Spaniers und erhielt ihm zudem seine Gesamtführung. Den Sieg holte sich Teamkollege Sam Sunderland. Mit dem in Dubai lebenden Briten ist auf dieser Rallye wohl noch zu rechnen. Der 24-Jährige gehört zu den jüngsten Startern im Feld – und fährt seine erste Dakar.

Die Titelrivalen Cyril Despres (Platz 10) und Marc Coma (Platz 9) halten sich derzeit noch auffallend zurück und liegen in der Gesamtwertung auf den Rängen fünf (Coma) und acht (Despres). Für alle Fahrer gilt: den Abend im Biwak – abermals im Fahrerlager einer Straßenrennstrecke – sollten sie zur Erholung nutzen. Am Dienstag und Mittwoch stehen nämlich die ersten zwei Marathonetappen auf dem Spielplan. Das heißt, am Dienstagabend werden die Fahrer in San Juan nach 665 Kilometern bei knapp 40 Grad Hitze auf sich allein gestellt sein. Hilfe von Mechanikern ist nicht gestattet, nur auf dem Motorrad transportierte Ersatzteile dürfen eingebaut werden. Reifenwechsel sind ebenfalls nicht erlaubt. Es dürfte für viele ein sehr langer Abend werden.

Mit etwas Glück kann MOTORRAD das Biwak der Alleingelassenen im Jeep besuchen. Ob eine Internet-Verbindung von dort aus möglich ist, kann der Veranstalter jedoch nicht versprechen. Doch im leeren Fahrerlager in San Rafael zu bleiben wäre sicher keine bessere Alternative. Insofern gilt am Dienstag auch für MOTORRAD die gleiche Devise wie für Rallyepiloten: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Kurzes Glück: Ingo Zahn stürzte auf der zweiten Etappe - Schulter und drei Rippen sind gebrochenr zweiten Etappe ist der Deutsche ausgeschieden.
Kurzes Glück: Ingo Zahn stürzte auf der zweiten Etappe - Schulter und drei Rippen sind gebrochenr zweiten Etappe ist der Deutsche ausgeschieden.

Ingo Zahn nach Sturz ausgeschieden

Für den deutschen Ingo Zahn fand die Dakar bereits während der zweiten Etappe ein schmerzhaftes Ende. Der bayerische KTM-Pilot traf in einer Sandpassage mit dem Vorderrad einen versteckten Stein, wurde in der Folge von seinem Motorrad abgeworfen und brach sich bei der Aktion die Schulter sowie drei Rippen. Er wird umgehend die Heimreise antreten. Auch auf Nachrichten von Jörg Majoli, dem zweiten deutschen Motorradfahrer im Feld, mussten die Betreuer lange warten. Mit mehr als sechs Stunden Rückstand auf Etappensieger Sam Sunderland kam Majoli schließlich ins Ziel, wurde aber zunächst nicht ein den offiziellen Ergebnislisten geführt.

5. Januar - 1. Etappe

5. Januar 2014 - 1. Etappe Endlich hatte das Warten ein Ende. Seit Montagmorgen, Punkt 4.20 Uhr brummen die Motoren. Die Etappe führt geradewegs in Richtung Westen nach San Luis. Auf dem Weg ändert sich die Landschaft. Die flache ackerbaulich geprägte Ebene um Rosario weicht im Etappenverlauf den Sierras Grandes, einem Gebirgszug mit weit über 2000 Meter hohen Gipfeln. Am Fuß dieser rostbraunen und ausgetrockneten Bergkette begann nach 400 zum größten Teil auf Asphalt zurückgelegten Kilometern dann auch die 180 Kilometer lange gezeitete Sonderprüfung. Für Dakar-Verhältnisse quasi eine Sprint-Distanz. Und dennoch nicht zu unterschätzen. Ein Fahrfehler oder gar ein Sturz können schnell mehrere Minuten Zeitverlust verursachen. Zur Orientierung: Die Dakar 2013 wurde von Cyril Despres mit lediglich 11 Minuten Vorsprung gewonnen. Der ausgebuffte Titelverteidiger musste sich heute sowohl Marc Coma (KTM) als auch Etappensieger Joan Barreda (Honda) beugen.

Schmerzlich: Während Coma nur 37 Sekunden auf Barreda verlor, musste sich Despres um 1 Minute und 40 Sekunden distanzieren lassen. Sicher mehr als dem smarten Yamaha-Pilot zum Auftakt recht ist. Nebenbei bemerkt: Den Sieg goutierten die Honda-Verantwortlichen mit sichtlicher Erleichterung. Nach dem mäßigen Abschneiden bei der vergangenen Dakar hat die für die diesjährige Auflage völlig neu konstruierte CRF 450 Rally ihre Konkurrenzfähigkeit auf der großen Bühne endgültig bewiesen.

Respektabler Auftritt von Ingo Zahn

Ein durchaus respektabler Auftritt gelang auch Ingo Zahn. Der Deutsche schaffte es mit 33 Minuten Rückstand und Platz 68 immerhin unter die erste Hälfte der 172 verbliebenen Teilnehmer. Sein einziger Landsmann im Starterfeld, Jörg Majoli ging seine Dakar-Premiere mit Rang 161 (+1 h 29 min) vorsichtig an.

Hier im Ziel übertrifft das Biwak auf der Rennstrecke Autodromo de San Rafael den bereits gestern vom Veranstalter angekündigten Komfort.  Die Anlage liegt in einem Naherholungsgebiet mit Badesee und Gastronomie. Die Landschaft um San Luis erinnert mit von Sträuchern bewachsenen Hügeln und kargem Weideland frappant an Spanien. Das Land, dessen Konquistadoren vor 500 Jahren das heutige Argentinien unter das Joch der spanischen Krone zwangen. Übrigens: Auch Joan Barreda ist Spanier.

4. Januar - Prolog

4. Januar 2014 - Prolog Der Countdown läuft, die Anspannung steigt. Die meisten Fahrer können den Start der größten aller Wüstenrallyes kaum noch erwarten.

Die Straße vor dem Stadtpark ist gesperrt, rechts und links drängen sich zigtausende Zuschauer hinter den Gittern und jubeln in fast kindlicher Begeisterung den Motorrad-, Quad-, Auto- und Lkw-Fahrern zu. Der Veranstalter ASO scheint nicht übertrieben zu haben. Die Argentinier bereiten der Dakar wirklich einen beeindruckenden Empfang.

Die meisten Piloten haben am publikumswirksamen Samstagnachmittags-Defilee allerdings wenig Spaß. Seit vier Tagen hält sich der Dakar-Tross im nur aus europäischer Sicht relativ unbekannten Startort Rosario auf. Mit 1,2 Millionen Einwohnern ist Rosario die drittgrößte Stadt Argentiniens, obendrein der Geburtsort des legendären Revolutionärs Che Guevara.

Die Kombination aus den langwierigen technischen und medizinischen Kontrollen und der über Rosario schwelenden Hitze – es ist über 35 Grad heiß – strapazieren die Nerven der Fahrer. Viele sehnen nur noch eins herbei: den Start. Zu dem ist´s nicht mehr lange hin. Die ersten Motorräder starten morgen früh um 4.20 Uhr (MEZ 8.20 Uhr) auf die immerhin 809 Kilometer lange Etappe.

Knapp 600 Kilometer auf der Straße

Ein Kaltstart bleibt den Fahrern dennoch erspart. Erstens weil die Temperatur im hiesigen Hochsommer auch nachts nicht unter 20 Grad fällt und zweitens weil vor dem gezeiteten 180 Kilometer langen Spezialtest knapp 600 Kilometer auf der Straße zurückzulegen sind. Selbst im Ziel in San Luis werden die Piloten noch nicht mit dem etwas puristischeren Lagerleben in der Steppe konfrontiert. Das erste Biwak der Rallye steht morgen im asphaltierten Fahrerlager des Autodromo de San Rafael, einer permanenten Straßenrennstrecke.

Vielleicht die Gemütlichkeit vor dem Sturm. Denn beim heutigen finalen Briefing prophezeite der Veranstalter den Piloten die härteste der bislang in Südamerika ausgetragenen Dakar-Rallyes. Die Motorräder erwartet zu diesem Zweck sogar eine Premiere. 40 Prozent der insgesamt 8734 Kilometer langen Route werden die Motorräder eine eigene, von den Autos und Lkw getrennte Streckenführung befahren. Logisch, dass gerade auf diesen Abschnitten die Motorradfahrer fahrtechnisch und navigatorisch so manch harte Nuss zu knacken haben werden. Insofern sollten Despres, Coma und Co. den Komfort morgen Abend genießen. Und alle Dakar-Fans das Update des MOTORRAD-Dakar-Tagebuchs. Morgen ab etwa 22 Uhr (MEZ). Hasta manana.

Rallye Dakar 2014: der Zeitplan

4. Januar 2014: Prolog in Rosario/Argentinien

5. Januar 2014: San Luis/Argentinien

6. Januar 2014: San Rafael/Argentinien

7. Januar 2014: San Juan/Argentinien

8. Januar 2014: Chilecito/Argentinien

9. Januar 2014: San Miguel de Tucumán/Argentinien

10. Januar 2014: Salta/Argentinien

11. Januar 2014: Ruhetag

12. Januar 2014: Uyuni/Bolivien (die Auto-Etappe endet abends wieder in Salta/Argentinien)

13. Januar 2014: Calama/Chile

14. Januar 2014: Iquique/Chile

15. Januar 2014: Antofagasta/Chile

16. Januar 2014: El Salvador/Chile

17. Januar 2014: La Serena/Chile

18. Januar 2014: Valparaíso/Chile

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