Rallye Granada-Dakar (Archivversion) Dünenreif

Das Comeback des BMW-Werksteams bei der härtesten Rallye der Welt nach Dakar wurde zum Triumphzug. Sieg in der Gesamtwertung für Richard Sainct, die Damenwertung gewann Andrea Mayer.

Ein altes Rennfahrersprichwort sagt: »When the flag drops, the bullshit stops.« Frei übersetzt: »Wenn einmal gestartet ist, hört das ganze Gelaber von vorher auf.« Wird KTM endlich der ersehnte Dakar-Sieg gelingen? Kann BMW mit der kleinen Truppe von vier Motorrädern gegen die KTM-Übermacht bestehen? Immerhin trat die österreichische Firma mit neun Werks-, sechs Support-Team-Fahrern mit 660er Motoren und über 60 Privatfahrern auf den 640er Versionen der LC4 an. Hat Carlos Sotelo aus Spanien mit der Ex-Zweizylinder-Yamaha von Stéphane Peterhansel Chancen gegen die genannten Einzylinder-Konkurrenten? Reichlich Diskussionsstoff gab es schon Monate vor dem Start des 9000 Kilometer langen Wüstenritts. KTM hatte für die Rallye Granada-Dakar gewaltig aufgerüstet: Im Service-Troß standen in sechs Lkw und einem Pkw zwölf Tonnen Material bereit - 30 Tauschmotoren, 450 Reifen, 200 komplett montierte Räder, 400 Kettenräder, 500 Liter Motoröl, 500 Batterien. Über 12 000 Liter Flugbenzin waren allein für die Werksfahrer vorbestellt. Bei BMW stand die Struktur mit zwei Lkw, zwei Pkw, 24 Mann und Frau, ebenfalls genügend Material und einer fünften Werks-F 650 als Ersatzteillager, die ursprünglich für Edi Orioli geplant war, parat. Der Italiener hatte sich kurz vor dem Start gegen BMW und für KTM entschieden. Die Rallye begann mit einer kleinen Sensation aus deutscher Sicht: Dem Sieg im Prolog fügte Dirk von Zitzewitz am nächsten Tag noch einen hinzu. Die Eappe war zwar von Rennleiter Hubert Auriol wegen starker Regen- und Schneefälle in Granada neutralisiert worden, ersatzweise wurde noch einmal die Prologstrecke als kurze Sprintwertung gewertet. Noch nie zuvor hatte ein Deutscher zwei Wertungen gewonnen und die Rallye angeführt. Dirk von Zitzewitz: »Wenn es so bis Dakar bleibt, bin ich zufrieden.« Dem Sturm von Spanien folgte KTM-Euphorie in Marokko: Etappensieg von Heinz Kinigadner, der endlich im sechsten Anlauf in Dakar ankommen und gewinnen wollte. Aber es folgte auch die erste Ernüchterung. Jürgen Mayer, zusammen mit Zitzewitz und Norbert Schilcher im Shell Advance-KTM-Team unterwegs, stand heulend im Biwak von Tan-Tan und wartete auf den Rücktransport: »Ich hatte auf der steinigen Etappe beim Kontrollpunkt geführt, dann bin ich ganz blöd aus einer Wasserlache auf einen Stein geprallt und über den Lenker abgeflogen.« Dabei hatte sich der linke Ringfinger verklemmt - Beugesehne eingerissen, sofortige Operation empfahlen die Rennärzte. Aus der Traum. Es kam noch schlimmer für KTM, und in etwa so, wie es Insider prophezeit hatten. Von den vielen Topfahrern, so die Strategie der Österreicher, würde schon einer als Erster ankommen, der Rest würde die BMW-Truppe mürbe machen. Doch als ersten erwischte es Kinigadner: Er hatte ungeplante bauliche Veränderungen an einer Düne vorgenommen. »Ich hab´ mich mit dem Vorderrad verhakt.« Wirbelsäulenkompression, ab nach Dakar, aber ins Krankenhaus. Dann erwischte es von Zitzewitz: Ölleitung gelockert, Motorschaden. Kari Tiainen, sechsfacher Enduro-Weltmeister, ereilte später das gleiche Schicksal. Feuer an Bord der KTM, ein zerschmolzenes Stück Motorschutz bleibt das Souvenir seines ersten Dakar-Starts. Damit war KTM einen weiteren wichtigen Abfangjäger los, der jetzt noch Thierry Magnaldi und Fabrizio Meoni hätte helfen können. Und bei BMW? Vergessen waren die Sorgen der Anfangsphase, in der die Motoren für den kalten Norden Afrikas zu mager bedüst waren. Enduro-Projektleiter Willi Rampf, aus dem Formel 1-Team von Sauber vor Jahresfrist zu BMW gekommen, hatte kommentiert: »Wir haben die Bedüsung von der Dubai-Rallye übernommen. Unsere Zeit kommt, wenn es heiß wird.« Womit er recht behalten sollte. Oscar Gallardo drängte sich bei der ersten Etappe durch Mauretanien an die Spitze, bis ihn Reifendefekte und malade Batterien ausbremsten. Dann stürmte aus der Tiefe des Raums Richard Sainct nach vorn. Der ruhige und konzentrierte Franzose aus dem vielsagenden Ort Saint Affrique in Südfrankreich konnte einen kleinen Vorsprung auf Magnaldi und Meoni behaupten. Er war auch nicht unglücklich, daß die Sonderprüfung zum Ruhetag nach Bobo-Dioulasso gestrichen wurde. Die Rennleitung befand, daß 1000 Kilometer als Verbindungsetappe über schlechte Strecken schon hart genug seien für die rund 80 von 162 gestarteten Bikern. Wie recht, denn Raymond Loizeaux, der alte Hase, mit 19 Dakar-Starts Rekordhalter und mit einer HPN-BMW unterwegs, übermannte der Sekundenschlaf: Überschlag, Totalschaden und Heimflug. Nach Gao wollte man im Anschluß an den Ruhetag nicht, weil es dort derzeit heiß hergeht. Bewaffnete Banden terrorisierten bereits seit Wochen die Gegend. Deshalb wurde nach Mopti umgeleitet. Die folgenden Etappen durch Mali und Mauretanien, das war klar, würden ebenso hart werden wie die erwartete Großoffensive von KTM. Bei einigen lagen die Nerven blank. Gallardos BMW wurde herrenlos in der Wüste gesichtet, er rannte derweil in Socken durch die Gegend und suchte Hilfe, weil schon zum zweiten Mal die Batterie zusammengebrochen war. Doch die Taktik von KTM lief schief. Ein Jäger sollte den BMW-Hasen Sainct auf die falsche Fährte locken und die Piste frei machen für Magnaldi und Meoni. Zwei entscheidende Faktoren, warum`s nicht klappte: Erstens ist Sainct ein alter Dakar-Hase und fällt nicht auf jeden Trick herein. Zweitens waren die Etappen nicht so schwer für die Navigation, wie befürchtet. Viele schnelle Vollgasabschnitte brachten den leistungsmäßig und in der Höchstgeschwindigkeit leicht überlegenen BMW einen Vorteil. Bis in die Oase von Tichit konnte Sainct seinen kleinen Vorsprung halten. Doch dann verdüsterte sich bei Teamchef Richard Schalber die Miene. Kurz vor Tichit tauchte nach Einbruch der Nacht ein Trupp gut organisierter Banditen auf und überfiel mehr als 50 Mann des Rallye-Troßes. Mit guten Argumenten, russischen Kalaschnikovs und chinesischen Minovs nämlich, bekamen sie, was sie wollten: Geld und Fahrzeuge, darunter auch den Service-Unimog von BMW. Dann verschwanden die rund 20 Mann im Schutz der Dunkelheit in Richtung Norden zur marokkanischen Grenze, nicht ohne den Hinweis: »Ihr seid nicht nach Gao gekommen, also sind wir zu euch gekommen.« Einer trug gar noch das T-Shirt eines Tatra-LKW-Fahrers vom Überfall aus dem letzten Jahr. Die Suche durch 380 Mann der mauretanischen Armee und der Rennleitung TSO am nächsten Morgen stellte die Besitzverhältnisse weitgehend wieder her. In Atar war gottseidank alles wieder da, aber die drittletzte Etappe, so war sich Sainct sicher, würde »nochmal ganz hart«. Glücksfaktor drei für den Franzosen: Das vorletzte Aufbäumen von Magnaldi und Meoni schlug fehl. Magnaldi überschlug sich und lag im Medizin-Zelt mit schmerzhaften Prellungen neben Meoni, der sich an einem Stein den Knöchel gebrochen hatte. Und Alfie Cox, der wichtige Hilfsträger, laborierte seit einem Sturz an einem geschwollen Ellbogen. An einem Kontrollposten zapfte ihm ein Arzt sechs Spritzen Blut aus dem Arm. Cox: »Das war keine richtige Etappe bis nach Nouakchott, das war Vollgasbolzerei. Wir sind zu sechst nebeneinander fast eine Stunde lang Vollgas geradeaus gefahren. Da kannst du keine Taktik anwenden.« Die letzten beiden Etappen am Strand über Saint Louis und an den Lac Rose, dem rosafarbenen See bei Dakar, so belegt die Historie der Raylle, bringt erfahrungsgemäß keine Entscheidungen mehr um den Sieg. Der deutsche Botschafter in Mauretanien, Stefan Krier, besuchte das Camp, wünschte der BMW-Truppe alles Gute, aber Schalber meinte: »Da ist noch nichts entschieden. Wir kontrollieren heute abend beim Service jede Schraube dreimal. Ein technischer Defekt kann immer passieren. Und Sainct hat keine fünf Minuten Vorsprung.« Zwei deutsche Teilnehmer waren zu diesem Zeitpunkt noch dabei: Andrea Mayer auf der vierten Werks-BMW lag in der Damenwertung vorn. Die zähe Enduristin aus Kaufbeuren war allerdings noch die einzige Frau in der Wertung. Norbert Schilcher hatte sich ebenfalls zäh durchgebissen: Rückenschmerzen zur Mitte der Rallye, dann unsagbare Schmerzen in der rechten Hand. Schilcher: »Ich kann kaum noch Gas geben. Aber ich hab´s meinen Freunden Mayer und Zitzewitz und meinen Fans und Sponsoren versprochen, daß ich durchhalte.« Das letzte Schaulaufen, 20 Kilometer Sonderprüfung an den Lac Rose, sorgte noch mal für Konfusion. Nach dem Massenstart der letzten 54 Motorräder düsten Magnaldi und sein Landsmann Eric Bernard mit über fünf Minuten Vorsprung durchs Ziel. »Unmöglich«, meinte die Rennleitung, »da hat wohl jemand abgekürzt.« Die Wertung wurde gestrichen, der erste BMW-Triumph seit Gaston Rahiers Sieg 1985 auf dem Werks-Boxer war perfekt: vier Motorräder am Start, vier im Ziel, Gesamtsieg mit dem knappsten Ergebnis aller Zeiten und Sieg in der Damenwertung. Das Engagement von BMW hat sich ausgezahlt, die Rallye ist wieder interessanter geworden. Richard Schalber meinte, bevor er sich zur Siegerehrung aufmachte: »Wenn ihr uns vor 17 Tagen gefragt hättet, wie es ausgeht, hätte ich gesagt: Vielleicht schaffen wir einen Platz auf dem Podest. Aber jetzt wird gefeiert. Und daheim in Hindelang müssen wir wohl ein größeres Festzelt bestellen.“

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