Rallye Granada-Dakar (Archivversion) Der Marathon-Mann

Aller guten Dinge sind drei: Nach zwei vergeblichen Versuchen kam Norbert Schilcher jetzt endlich nach Dakar - und gewann mit seiner KTM obendrein noch die Marathonklasse.

Unter den Top ten der traditionellen Dakar-Rallye waren deutsche Fahrer nur höchst selten zu finden. Erst drei haben es bislang geschafft: Eddy Hau, Jürgen Mayer - und nun Norbert Schilcher. Im dritten Anlauf kam der 36jährige EDV-Spezialist und ehemalige MOTORRAD-Roadbook-Sieger aus Landsberg am Lech endlich ins Ziel. Nach den Dramen der vergangenen Jahre - 1991 war Schilcher zwei Tage in Mauretanien verschollen, 1995 brach zwei Tage vor Schluß der Rahmen seiner Honda - lief diesmal fast alles wie geschmiert. »Ohne extrem zu fahren, habe ich sogar die Marathonklasse gewonnen«, kommentierte der KTM-Pilot seinen Sieg in der seriennahen Kategorie und den starken neunten Platz in der Gesamtwertung. Heinz Kinigadner, prominentester Fahrer unter den 47 KTM-Reitern, die am 1. Januar im spanischen Granada zur 7500 Kilometer langen Wüstenhatz aufgebrochen waren, hat da viel schlechtere Erfahrungen gemacht. Kurz nach dem Abendessen gegen 21 Uhr an einem Tisch im Biwak von Smara in der West- Sahara. Der ansonsten stets zu Scherzen aufgelegte Österreicher wirkt ernst und nachdenklich. Denn sein Hauptrivale, der dreifache Dakar-Sieger Stéphane Peterhansel liegt nach drei Etappen bereits mit zwanzig Minuten in Führung und hat damit den Spieß gegenüber dem Vorjahr umgedreht. Damit hatte niemand gerechnet. Dem Franzosen kam dabei die für Marokko ungewöhnlich schnelle Streckenführung entgegen, wo er bereits die Vorteile seines bärenstarken Zweizylinders in der höheren Endgeschwindigkeit voll ausspielen konnte. Dreht sich bei Kinis 660er Einzylinder-KTM die Tachonadel bis maximal 175 Stundenkilometer, so fliegt Peterhansel fast mit 200 Sachen durch die Lichtschranke. Kini ist ratlos: »Ich fühle mich jetzt bereits, als hätte ich zehn Runden mit Mike Tyson im Ring gestanden.« Sein unerschütterlicher Optimismus ist verflogen, der ins Auge gefaßte Sieg in weite Ferne gerückt. Daß Peterhansel vielleicht ein technisches Problem oder ein Sturz bremsen könnten, hat im Kalkül des Zillertalers keinen Platz. Von seinen tiefen Zweifeln wird er fünfzehn Stunden später bereits erlöst. Auf der extrem schnellen, 603 Kilometer langen Etappe ins mauretanische Zouerat platzt nach 424 Kilometern der Motor der KTM, nachdem sich der Österreicher zuvor minutenlang mit Maximaldrehzahl durch den zähen Lehmboden eines sogenannten Chotts, eines Salzsees mit getrockneter Oberflächenschicht, gewühlt hatte. Kinis Kritiker im Fahrerlager sehen sich in ihrer Meinung bestätigt, daß der Österreicher mit seiner kompromißlosen Vollgas-Gangart nie die Dakar gewinnen wird. Was Kini nicht ahnen kann: daß an diesem Tag auch seinen Rivalen erhebliche Probleme plagen. Seit einem Zwischentankstopp kämpft Stéphane Peterhansel mit einem stotternden Motor. Der Sprit erreicht nicht in gewünschter Menge die Vergaser. Zeitweilig muß Peterhansel anhalten und Luft in die Tanks blasen. Er ist sich sicher, daß der nachgetankte Sprit nicht in Ordnung ist. Am Ende der Etappe gilt es, den gefürchteten Erg Tourine, einen 30 Kilometer breiten Dünenstreifen, zu überwinden. Peterhansel fürchtet, mit dem stotternden Motor im Sand steckenzubleiben und beschließt, den Erg zu umfahren. Die Probleme häufen sich, der Motor stirbt ab, Peterhansel bastelt an den Benzinleitungen und fährt bis zum Etappenziel mit dem Entlüftungsschlauch im Mund, um permanent Druck in die Tanks zu pumpen. Im Ziel ist der vierfache Dakar-Champion außer sich, begeht jedoch in der Aufregung einen Fehler. Statt die Maschine im Ziel bei den Offiziellen zu belassen, fährt er weiter ins Fahrerlager. Dort stellt seine Mechaniker-Crew eine ölartige Flüssigkeit im Benzin fest. Die Yamaha-Techniker vermuten Diesel. Peterhansel beschließt einen Protest gegen den Veranstalter und die Wertung der Etappe einzulegen. Dieser sorgt für mächtigen Wirbel im Fahrerlager. Das Lucky Strike-KTM-Team um den Spanier Jordi Arcarons und das Cagiva-Team des Italieners Davide Trolli drohen mit sofortigem Ausstieg, sollte der Protest akzeptiert werden. Nach zweistündiger Jury-Sitzung wird das Ergebnis bekanntgegeben: Das Faß, aus dem Peterhansel als Erster getankt habe, sei erstens nagelneu gewesen, und zweitens hätte von den fünfzehn Motorrädern, die aus diesem Faß befüllt worden seien, nur eines erhebliche Probleme gehabt: Peterhansels Maschine. Außerdem sei es den Ofiziellen nicht möglich gewesen, direkt nach der Zieldurchfahrt das Motorrad sicherzustellen. Am nächsten Morgen verläßt Favorit Peterhansel das Biwak in Richtung Paris. Der Skandal ist perfekt. Bis dahin war der Franzose tatsächlich absoluter Primus im mit 140 Teilnehmern ausgebuchten Starterfeld. Vor allem perfekt abgestimmte Federelemente ermöglichten es dem Gallier, bereits in der Anfangsphase der Rallye auf den holprigen Pisten Marokkos die KTM-Armada unter Kontrolle zu halten. Die Abordnung auf den österreichischen Wüstenrennern verlor durch Stürze und Mißgeschicke täglich an Boden. Der Spanier Joan Roma und Ex-Moto Cross-Weltmeister Georges Jobé mußten ganz aufgeben, Fabrizio Meoni, Thierry Magnaldi und Richard Sainct lagen bereits nach drei Etappen weit hinten. Der ewige Zweite der Dakar, der Spanier Jordi Arcarons, verlor wertvolle Zeit, weil er zwei Tage mit Übelkeit und Schwindelgefühlen fahren mußte und zudem zehn Minuten bei seinem gestürzten Wasserträger Joan Roma verweilte. Als ihn auch noch ein Plattfuß erwischte, half ihm Markenkollege Jürgen Mayer mit einem Schlauch aus. Die schwarz-rot-goldene Rallye-Hoffnung frohlockte angesichts der Sturzserie seiner Kollegen: »Ich fahre total gemütlich und liege trotzdem auf Rang sechs.« Der Schwabe hatte sich aber zu früh gefreut, denn er erweiterte die Invaliden-Liste zwei Tage später nach einem kapitalen Abflug. Im Rettungshubschrauber erreichte er das Biwak und wurde im Sanitätszelt an Hand- und Fußgelenk eingegipst. Dort herrschte nach den Sturzorgien reger Andrang. Und neben den extrem schnellen Strecken forderte noch die außergewöhnliche Hitze mit Temperaturen bis zu 40 Grad forderten ihren Tribut. Mit Erschöpfungserscheinungen legten sich auch Thierry Magnaldi und Davide Trolli ins Sanitätszelt, um sich Kochsalzinfusionen verabreichen zu lassen. Der Italiener, der die Cagiva Elefant auf den dritten Platz trieb, mußte für seine forsche Gangart mit zahllosen Stürzen bezahlen. An seiner Maschine gab es jeden Abend reichlich zu tun. »Cagiva hat uns über den Tisch gezogen. Die Elefant ist in keinster Weise mit den Yamaha zu vergleichen. Die Technik ist total veraltet, und alles mögliche bricht an den Dingern«, ereiferte sich der Rallye-Crack. Wohlweislich hatten die Ex-Cagiva-Piloten Jordi Arcarons und Edi Orioli schon vorab auf KTM beziehungsweise Yamaha umgesattelt. Auch wenn Orioli von Insidern kaum mehr ernsthafte Ambitionen zugetraut wurden. »Zu alt, mangelnde Fahrpraxis, kein Biß«, lautete die einhellige Meinung im Fahrerlager. Doch plötzlich stieg er wie ein Phoenix aus der Asche. Nach Peterhansels Mißgeschick führte Orioli deutlich mit 44 Minuten vor Arcarons und Trolli. Es waren erst fünf Etappen gefahren, und jeder rechnete damit, daß Arcarons jeden Tag einige Minuten am Vorsprung von Orioli knabbern würde. Doch egal, was der Spanier tat, der mit elf Dakar-Starts überaus erfahrene Orioli folgte ihm wie sein Schatten. In den Dünenpassagen entfloh Arcarons zwar immer wieder mit der leichtfüßigen KTM, wurde aberspäter auf den Vollgaspassagen wieder gestellt. Seine letzten Sieghoffnungen begrub er dann bei einer Wasserdurchfahrt auf der drittletzten Etappe von Kayes in Mali nach Labé in Guinea. Im hüfttiefen Wasser drang durch den Auspuff seiner Werks-KTM Wasser in den Motor. Arcarons verlor zwanzig Minuten, bis er die Maschine wieder zum Laufen brachte und hatte danach keinerlei Motivation mehr. Trolli lag an dem Tag weit in Front, sollte aber nicht für seine Jagd belohnt werden. Er blieb mit Motorschaden liegen, wodurch der dritte Platz auf dem Podium an Arcarons´ zweiten Wasserträger, Carlos Sotelo, fiel. Auch wenn es nicht zum Sieg reichte, mit den Plätzen zwei bis fünf war man bei KTM in Mattighofen zufrieden. Im deutschen Lager gab es im Ziel nicht nur Jubel um Norbert Schilcher, gefeiert wurde auch seine Teamkollegin Andrea Mayer. Die KTM-Fahrerin aus der Equipe des Dortmunder Immobilienkaufmanns Laurenz Biege setzte sich in der Damenwertung gegen die Schweizerin Isabel Jomini durch. Für Biege selbst ging gleich bei seiner ersten Rallye ein Lebenstraum in Erfüllung: »Seit langer Zeit habe ich die Dakar mit Faszination am Fernsehapparat verfolgt. Jetzt stehe ich hier selbst in Dakar und kann es gar nicht glauben.« Verständlich, denn Biege hat erst vor einem Jahr mit dem Fahren abseits befestigter Straßen begonnen. Nichts ist eben unmöglich.

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