Rallye Paris-Dakar (Archivversion) Camel Trophy

Da haut es selbst die Szene-Kenner vom Höcker. Endlich gelang KTM der perfekte Auftritt bei der populärsten Wüstenrallye der Erde. Die Österreicher holten den Sieg – und die nächsten vier Plätze.

Er sah wirklich zum Erbarmen aus. Das rechte Auge vollständig zugeschwollen, das linke blutunterlaufen, das Nasenbein gebrochen. Doch mit solchen Nebensächlichkeiten mag sich Per-Gunnar Lundmark nicht beschäftigen. Platz zwölf auf der 14. Etappe der Rallye Paris-Dakar schien schlimmer zu sein als alle Schmerzen. Schließlich hatte der Schwede erst zwei Tage zuvor für eine Sensation gesorgt und einen Etappensieg gelandet – um einen Tag später nach einem Überschlag mit 130 km/h Kopf voraus über die felsige mauretanische Steppe zu rasseln. Am Abend hat ihm trotzdem keiner geholfen, seine krumme Maschine wieder zurechtzubiegen. Denn Per-Gunnar ist Privatfahrer. Privatfahrer – im Rallyesport das Synonym für die Masochisten, die Gnadenlosen, die Wahnsinnigen. Die sich Lemmingen gleich ins selbst gewählte Verderben stürzen. Die bereit sind, Körper und Material zu ruinieren, nur um sich und der Welt zu beweisen: Ich schaff’ es – und zwar allein. Pi-Tschi, wie er nach seinen englisch ausgesprochenen Initialen gerufen wird, verkörpert den Mythos des Privatfahrers perfekt. Einer, der sich für 36000 Mark eine sogenannte Factory Replica von KTM kaufte und 20000 Mark Startgeld dem Veranstalter TSO hinblätterte. Der sich einen feuchten Kehricht darum schert, was sie zu Hause in Arvidsjaur, nur 100 Kilometer südlich des Polarkreises gelegen, über ihn denken. Und einer, den offensichtlich nichts und niemand davon abhalten kann, sein Ziel zu erreichen: Dakar. Genau 132 Motorradfahrer waren es, die mit ihm im eiskalten Nieselregen in der Neujahrsnacht von Paris aus gen Süden aufbrachen. Doch nicht alle hatten – wie er – Touristenklasse gebucht. In der Bussiness-Class stand die große Schlacht an. Denn KTM wollte es endlich wissen. Seit Jahren hatten sich die Österreicher beim populärsten Wüsten-Spektakel der Erde vorführen lassen müssen. Zuerst von Yamaha mit seinem charismatischen Starpiloten Stéphane Peterhansel und in den vergangenen beiden Jahren von BMW mit Richard Sainct im Sattel. Jetzt musste der Sieg her. Acht Werksfahrer, aufgeteilt in zwei Teams, sollten den großen Triumph schaffen: die Enduro-Weltmeister Giovanni Sala und Kari Tiainen, das deutsche Rallye-As Jürgen Mayer, das südafrikanische Original Alfie Cox, der spanische Haudegen Jordi Arcarons, der Franzose Jean Brucy und an der Spitze die beiden Männer fürs Finale – Rallye-Ikone Fabrizio Meoni, der sich nichts sehnlicher wünschte, als mit 43 Jahren endlich seinen ersten Dakar-Sieg zu landen, und Richard Sainct, der nach seinem Wechsel von BMW zu KTM den persönlichen Dakar-Hattrick anstrebte. Nur: Auch BMW wollte gewinnen – und zwar mit dem Boxer. Joan Roma, der spanische Heißsporn, Jimmy Lewis, der smarte Amerikaner, John Deacon, der stämmige Brite, und Cyril Despres, die junge französische Nachwuchshoffnung, sollten die bajuwarischen Schlachtrösser zum Sieg führen. Lediglich Andrea Mayer erhielt Gnade und durfte ein letztes Mal mit der einzylindrigen F 650 ausrücken. All das spielte für P.-G. und Konsorten an diesem Morgen in Paris keine Rolle. Nicht jetzt und auch nicht auf den kommenden 10739 Kilometern. Denn während die Noblesse des staubigen Gewerbes nach getaner Arbeit ihren Untersatz den Mechanikern in die Hände drückt, heißt´s für die Einzelkämpfer: Selbst ist der Mann. Eine kleine Kiste mit den allernötigsten Ersatzteilen und einen Satz Räder transportiert Veranstalter TSO im Flugzeug. Der Rest ist im Lkw unterwegs. Wann der abends ankommt, weiß niemand. Wenn’s dumm läuft, kommt er überhaupt nicht.So wie viele der Motorrad-Kollegen. Für sie endet der Traum der Dakar im »camion balai«, dem Lumpensammler, der die gestrandeten Kreaturen samt Maschinen irgendwann nachts ins Biwak bringt. Oder im Sanitätszelt. Am Ende addieren die Ärzte die Brüche. Sieben Schlüsselbeine, vier Finger, drei Handgelenke, drei Rückenwirbel, zwei Füße, ein Knöchel, ein Ellbogen, ein Schienbein. Üblicher Schnitt bei der Dakar.Vor dem Schlafengehen noch ein Blick auf die Rangliste. Vorn sind meist nur die Werkspiloten. Aber nicht alle. Sala und Tiainen spielen in der Wertung nach Elektrikproblemen, einem Kurbelwellenschaden und leergefahrenen Tanks schon bald keine Rolle mehr. Jürgen Mayer zieht es bereits auf der zweiten Etappe in Marokko von der Maschine – Schlüsselbeinbruch. Jimmy Lewis verstaucht sich auf derselben Etappe nachhaltig sein linkes Handgelenk. John Deacon kassiert eine Zeitstrafe. Wie erwartet kämpfen Roma und Sainct an der Spitze, während Fabrizio Meoni auf seine Chance wartet. P.-G. macht nie viel Federlesens. Schlafsack aus der Kiste, reingeschlüpft, fertig. Ausgeschlafen scheint er trotzdem zu sein. Schon auf der siebten Etappe warnt er die Meute mit Rang zwei. Zwei Tage später sind die Favoriten draußen. Roma stürzt am Morgen und reißt sich eine Sehne am Kniegelenk ab, Sainct fällt am selben Tag kurz vor dem Ziel mit Motorschaden aus. Der schlaue Meoni erbt die Führungsposition. Den Ruhetag in Atar in Mauretanien können alle dringend gebrauchen. Auch Andrea Mayer. Die BMW-Werksfahrerin lässt täglich mehr als zwei Drittel des Felds hinter sich und läuft zwischen Rang 20 und 40 ein. Wäre der Motorschaden am fünften Tag nicht gewesen – wer weiß. P.-G. schraubt. Wie alle anderen. Viele wechseln den Motor. Wer nicht schraubt, schläft. Mehr als vier Stunden pro Nacht sind für die meisten während der Rallye kaum drin. Die Werkspiloten kommen locker auf das Doppelte – wenn ihnen der Erfolgsdruck nicht den Schlaf raubt.Zumindest die KTM-Piloten schlafen nach Saincts Ausfall ruhig. Auf der zweiten Hälfte der Rallye gilt Stallregie, die Meonis Sieg garantiert. Tut sie auch. Die BMW können auf den unerwartet langsamen und mit Millionen Kamelgrasbüscheln gespickten Etappen Mauretaniens nicht mithalten und tauchen erst gegen Ende auf den schnellen Pisten im Senegal wieder vorn auf. P.-G. erholt sich überraschend schnell von seinem Sturz. Manch anderer nicht. Kurz vor dem Ziel in Dakar sind mit 77 Fahrern nur noch etwas mehr als die Hälfte im Rennen. Am Samstagmorgen, dem vorletzten Tag der Rallye, erwischt es aber auch den Schweden. Bei einem Überschlag an einer Steinkante kugelt er sich sein Handgelenk aus. Vorbei. Einen Tag später feiern Meoni und KTM gemeinsam ihren ersten Dakar-Sieg. Und P.-G.? »Ein echter Wikinger kommt zurück«, grinst er und zwinkert mit dem Auge – dem linken.

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