Rallye Paris-Dakar (Archivversion)

Ballermann Sechs

Kein Rallye-Pilot war je erfogreicher: Mit der großen Zweizylinder-Yamaha holte Stéphane Peterhansel den sechsten Dakar-Sieg.

Das rötliche Abendlicht, das die untergehende Sonne auf den Flugplatz in St. Louis streicht, mildert zumindest den visuellen Eindruck. Ein wenig Rouge für die aschfahlen Gesichter der ausgemergelten Paris-Dakar-Cracks. 16 Tage und annähernd 10000 Kilometer liegen hinter dem licht gewordenen Troß. 181 zählten sie am Start an Neujahr in Paris, für gerade mal 53 Motorradfahrer muß Veranstalter TSO am vorletzten Abend der populärsten Wüsten-Rallye der Welt im Norden des Senegal noch Abendessen bereithalten. Der Rest fiel ihrem selbstgewählten Schicksal zum Opfer. Von der Technik oder den eigenen Kräften im Stich gelassen, gestürzt, verletzt, eingesandet. Vom weiterziehenden Rallye-Troß zurückgelassen.Hubert Auriol, selbst dreifacher Sieger der Rallye Paris–Dakar und inzwischen Organisator des gigantischen Wüstenspektakels, hatte sein Versprechen eingelöst und die Rallye wieder zu ihren Ursprüngen zurückgeführt. Erfahrung, Spürsinn und Improvisationskunst der Piloten sollten wieder über die Technik und logistische Großmanöver siegen.Selbst Stéphane Peterhansel, bislang fünffacher Dakar-Sieger, konnte die Spuren, welche die bis zu 1000 Kilometer langen Tagesetappen an Körper und Geist hinterlassen hatten, nicht verbergen. »Das war die härteste Dakar meiner Karriere. Die endlosen Dünenfelder, die langen Distanzen, das alles hat gewaltig gezehrt«, resümiert der 32jährige mit leerem Blick. Und obwohl der sechste Triumph, der ihm endgültig den exklusiven Vorsitz in der ewigen Bestenliste dieser Rallye vor dem fünffachen Sieger Cyril Neveu sichert, am vorletzten Tag zum Greifen nahe ist, weiß er, daß er nie zuvor so hart dafür kämpfen mußte.Denn KTM, seit Jahren zahlenmäßig die Macht im Rallyemetier, hatte zum endgültigen Umsturz aufgerufen und sämtliche verfügbaren Vertragspiloten auf den Einzylinder-Boliden in die Wüstenschlacht gegen die übermächtig scheinende 850-cm³-Zweizylinder-Yamaha geworfen. Und anfänglich schienen die vielen Jäger tatsächlich des Hasen Verhängnis zu werden. Gejagt von Enduro-Weltmeister Kari Tiainen, gehetzt vom spanischen Rallye-As Juan Roma und bedrängt vom Italiener Fabrizio Meoni, zeigte der Kaiser Schwächen. Zwei Stürze, ein Navigationsfehler und Getriebeprobleme machten den Monarchen verwundbar. Erst als Tiainens Experimental-Motor mit Doppelnockenwellen-Kopf den Geist aufgab, Romas Aggregat ebenfalls die Flügel streckte und Meoni mit seinem Navigationsgerät haderte, entschlüpfte Durchlaucht Peterhansel endgültig dem Würgegriff des Volkes.Die Wirren des geplanten Umsturzes nützten neben dem 40jährigen Meoni und weiteren acht KTM-Piloten in den Top-ten des Schlußklassements aber vor allem zwei Dakar-Neulinge zur Profilierung: Der 30jährige australische Ex-Crosser Andy Haydon und sein fünf Jahre älterer südafrikanischer Teamkollege Alfie Cox. Mit einer für das kühl kalkulierende Rallye-Feld beispiellosen Sorglosigkeit donnerten die Greenhörner auf Anhieb ganz nach vorn – auch wenn den beiden erst bei Halbzeit der Paris-Dakar die nähere Bedeutung so belanglosen Rallye-Grundwissens wie etwa der Übersetzung der Worte gauche und droite im französischsprachigen Roadbook als Aufforderung zum Rechts- beziehungsweise Linksabbiegen vermittelt werden mußte. Vorher war das Duo infernal einfach nur den Spuren Peterhansels gefolgt.In dessen Windschatten wäre auch allzugern die nach 13 Jahren Rallye-Abstinenz wieder mit vollem Elan angetretene Abordnung von BMW gefahren. Die mit dem Einzylinder-Modell F 650 und den Rallyestars Edi Orioli samt Oscar Gallardo als Zugpferde angetretenen Bajuwaren haderten beim Comeback gewaltig mit ihrer Fortuna. Ein defekter Stoßdämpfer und ein Kettenriß warfen den Spanier Gallardo auf Platz drei aus dem Rennen, Signore Orioli zertrümmerte auf einem Stein sein Motorgehäuse, die Deutsche Andrea Mayer verbrannte die Kupplung und die Hoffnung auf den Sieg in der Damenklasse drei Tage vor Schluß im Tiefsand. So bestätigte letztlich nur noch der Franzose Jean Brucy nach einem Bruch des Rahmenhecks auf Platz 35, daß für den Erfolg in der Wüste anscheinend doch mehr Ingredienzen nötig sind als scharfes Kalkül und penible Vorbereitung.Die richtige Mixtur hatte neben dem 29jährigen Dirk von Zitzewitz auf Platz sieben (siehe Interview) offensichtlich auch Jürgen Mayer gefunden. Der Rallye-erprobte Schwabe zog sich trotz eines gewaltigen Sturzes mit Rang neun hervorragend aus der Affäre und durfte sich mit den Landsmännern Norbert Schilcher (14.) und Stefan Schweizer (21.) über die schwarz-rot-goldene Vierfach-Ankunft in Dakar freuen.Wobei letztlich gerade Monsieur Peterhansel trotz Sieg Nummer sechs nicht so recht wußte, ob er im Ziel am legendären Lac Rose, einem durch Algen purpurrot gefärbten Salzsee bei Dakar, lachen oder weinen sollte. Mit Stéphanes Rekordmarke und der insgesamt gelungenen 20. Auflage der Dakar verabschiedet sich Yamaha zumindest vorläufig aus der Rallye-Szene. Oder wie der Chef von Yamaha Frankreich, Jean-Claude Olivier, es ausdrückt: »Wenn es am allerschönsten ist, soll man aufhören.“
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Interview Auriol (Archivversion) - »Die Dakar ist wieder ein Abenteuer“

Hubert Auriol, Organisator der Rallye Paris-Dakar, zieht Bilanz
?Versprengte Teilnehmer, verschollene Service-Fahrzeuge und eine Ausfallquote von über 70 Prozent positionieren die Rallye Paris-Dakar nach Jahren mäßigen Schwierigkeitsgrades neu. War das Ihre Absicht?Ja, die Dakar wieder in ein Abenteuer zu verwandeln war unser Ziel. Das ist uns gelungen. Die Fähigkeiten des Menschen werden auch künftig die Dakar bestimmen. Navigation, technische Fähigkeiten und körperliche Verfassung haben die Dakar entschieden, nicht der materielle Aufwand. Und dieser Grundsatz wird auch alle weiteren Dakar-Rallyes prägen.?Wobei gerade fehlerhaftes Material, sprich das von der Organisation zur Verfügung gestellte, teilweise nicht funktionierende Satelliten-Navigationssystem (GPS) für gehörig Wirbel sorgte. Besonders der Gesamtzweite, Fabrizio Meoni, verlor durch Mißweisungen viel Zeit. Widerspricht dies nicht dem neuen Grundsatz?Dieses Problem betraf nur einen ganz kleinen Teil der Fahrer. Nämlich diejenigen, die per Helm-Mikrofon mit unserem TV-Hubschrauber verbunden waren. Dieser Funkkontakt störte offensichtlich das GPS. Natürlich behinderte dies, bis wir den Fehler finden konnten, vornehmlich die im Fernsehen präsenten Spitzenpiloten wie eben Meoni. Ich möchte aber feststellen: Keiner dieser Fahrer hat die Rallye durch diese Panne verloren.?Aber Stéphane Peterhansel fuhr ohne Helm-Mikro.Er war zu Beginn der Rallye verkabelt, stürzte aber während eines On-board-Kommentars und weigerte sich fortan, mit Mikrofon zu starten.?Der sechste Dakar-Sieg für Peterhansel könnte auch der letzte auf einer Zweizylinder-Maschine gewesen sein. Stimmt das Gerücht, daß ab 1999 nur noch Einzylindermaschinen erlaubt sind?Entschieden ist noch gar nichts. Doch eins steht fest: Wir hatten in diesem Jahr glücklicherweise sehr wenig Verletzte. Dies haben wir der schwierigen Streckenführung und, so meine ich, den doch etwas langsameren Einzylindermaschinen zu verdanken. Dies spricht für ein Reglement, welches künftig nur Einzylinder zuläßt.

Interview Dirk von Zitzewitz (Archivversion) - »Die Grenze der Machbarkeit“

Dirk von Zitzewitz brillierte mit dem siebten Gesamtplatz als bester Deutscher bei der Dakar.
?Zunächst mal Gratulation für Ihre Leistung. Dennoch, letztes Jahr holten Sie bei Ihrer allerersten Dakar Rang fünf. Die Dakar vom letzten Jahr ist mit der aktuellen nicht mehr zu vergleichen. Damals fuhren wir insgesamt zwei Stunden in den Dünen, dieses Jahr fünf Tage. Die Länge der Etappen wurde zum Teil verdoppelt. Ich glaube kaum, daß ich dies bei meiner Dakar-Premiere durchgestanden hätte.?Ist die neue Dakar Ihrer Meinung nach zu hart?Nein, aber an der oberen Grenze der Machbarkeit. In der Schlußphase war ich körperlich so am Ende, meine Hände schmerzten so höllisch, daß ich mich morgens oft fragte: Mensch, wie stehst du heute die 700 Kilometer bloß durch??War dies ein Grund, daß sich die Dakar-Neulinge Haydon und Cox vor Ihnen plazieren konnten?Nein, das nicht. Im Gegensatz zu den beiden weiß ich aber, was ich tue. Ich kann das Risiko, das ich eingehe, noch kalkulieren. Wenn ich Andy und Alfie gelegentlich gefolgt bin, dann standen mir die Haare zu Berge, wie es diese Jungs rumbeutelte. Die kennen nur eins: Vollgas.?Und was steht für Sie als fähiger Enduro-WM-Pilot in der nächsten Zukunft auf dem Programm?Ich möchte mich stärker auf den Rallyesport konzentrieren. Auch wenn ich dadurch weniger oder gar keine Enduro-WM-Läufe mehr fahren kann. Um besser zu werden, brauche ich mehr Erfahrung, und die bekomme ich nur, wenn ich bei möglichst vielen Rallyes dabei bin.Ergebnis:1. Stéphane Peterhansel (F) Yamaha, 2. Fabrizio Meoni (I), 3. Andy Haydon (AUS), 4. Alfie Cox (RSA), 5. Gerard Jimmink (NL), 6. Jordi Arcarons (E), 7. Dirk von Zitzewitz (D), 8. John Deacon (GB), 9. Jürgen Mayer (D), 10. Stanislav Zloch (SK)... 15. Norbert Schilcher (D), 21. Stefan Schweizer (D), alle KTM.

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