Recht: Schmerzensgeld (Archivversion) Ach du armer Tropf

Wie viel gibt’s für ’nen Rippenbruch, was wächst bei einem Schleudertrauma rüber? Anders als bei Sachschäden, die sich auf Euro und Cent berechnen lassen, hängt die Höhe des Schmerzensgelds von vielen Faktoren ab.

In welcher Höhe ein Schmerzensgeld beansprucht werden kann, hängt in erster Linie von der Heftigkeit und der Dauer der erlittenen Schmerzen ab und natürlich davon, ob die Verletzung folgenlos ausheilt oder dauernde Beeinträchtigungen vorliegen. Ärztliches Attest Weil Schmerzen für Außenstehende oft nicht sichtbar sind, müssen sie nachgewiesen werden. Dies geschieht durch die Vorlage eines ärztlichen Attests. Dabei ist unbedingt darauf zu achten, dass der behandelnde Arzt das Attest in aller Ausführlichkeit verfasst. Wer ein Gutachten mit der Diagnose »multiple Prellungen« vorlegt, darf sich nicht wundern, wenn er weniger Schmerzensgeld erhält als derjenige, in dessen Attest jeder einzelne blaue Fleck nach Lage und Größe aufgeführt ist. Beweisfotos Bis zur Gerichtsverhandlung sind die meisten Verletzungen verheilt. Wer den Richter beeindrucken will, zeigt deswegen nicht den Ist-Zustand, sondern Fotos von der frischen Operationsnarbe. Die meisten Richter sind davon sichtlich beeindruckt. Damit später niemand behaupten kann, am PC sei die Abbildung manipuliert, etwa die Wunde vergrößert worden, fotografiert man altmodisch mit Papier- oder Diafilm. Tägliche Einschränkungen Je nachvollziehbarer der Verletzte darstellt, wie stark er durch die erlittene Verletzung in seinem täglichen Leben eingeschränkt wird und wie er darunter leidet, umso höher wird das Schmerzensgeld ausfallen. Wer also vor seinem Motorradunfall jeden Abend einen anderen Sport betrieben hat, bekommt mehr als der Matratzenhorcher. Schmerzensgeldbeträge Die ungefähre Höhe eines Schmerzensgeldes kann anhand von Entscheidungssammlungen abgeschätzt werden. Beliebt bei Anwälten und Richtern ist das Standardwerk »Schmerzensgeldbeträge« von Hacks, Ring, Böhm, erschienen im ADAC-Verlag (54 Euro). Bei 50 Euro für Muskelverspannungen beginnt die Schmerzensgeldpalette, und sie endet bei über 400 000 Euro für eine komplette Querschnittslähmung mit Atemlähmungen. Wer nun in den Tabellen blättert, darf nicht einfach die Schmerzensgeldbeträge für einen gebrochenen Arm und ein gebrochenes Bein zusammenzählen. Die Höhe des Schmerzensgeldes kann – je nach Verletzungen – mal deutlich mehr, aber auch deutlich weniger als die Summe der einzelnen Schmerzensgeldbeträge ergeben. Grad des Verschuldens Die Höhe des Schmerzensgeldes richtet sich nicht nur nach der Art der verursachten Verletzungen, sondern auch nach dem Grad des Verschuldens des Schädigers und dem Anlass des Unfalls. Ein betrunkener Autofahrer, der eine Vorfahrtsverletzung begeht, hat also mehr Schmerzensgeld zu zahlen als die Mutter, die von ihrem schreienden Kind kurz abgelenkt wurde. An sich müssten auch noch die wirtschaftlichen Verhältnisse des Schädigers und des Geschädigten miteinander verglichen werden, weil der reiche Schädiger dem armen Geschädigten mehr zahlen müsste als umgekehrt. Tatsächlich spielen solche Überlegungen bei Verkehrsunfällen aber keine Rolle, weil hinter jedem Schädiger ja eine Versicherung steht. Vorsatz Aus diesem Grund sollte sich jedes Unfallopfer zunächst einmal davor hüten, dem Gegner Vorsatz zu unterstellen: Behauptungen wie »Der hat mit Absicht nicht gebremst, der wollte mich runterholen!« führen nur dazu, dass versicherungsrechtlich kein Verkehrsunfall vorliegt, die Haftpflichtversicherung also nicht zahlen muss. Renten Bei gravierenden Verletzungen, etwa bei dem Verlust eines Beines oder einer Querschnittslähmung, besteht ein Anspruch auf Zahlung einer Schmerzensgeldrente. Die kommt dann in Betracht, wenn der Verletzte Zeit seines Lebens Schmerzen und Behinderungen erleiden muss.Erwerbsschadensrente wird fällig, wenn eine Minderung der Erwerbsfähigkeit eingetreten ist, die zu einem Einkommensverlust führt. Mehrbedarfsrente ist zu bezahlen, wenn der Verletzte für den Kauf von Medikamenten und Hilfsmitteln höhere Kosten aufbringen muss. Dienstleistungsrente gibt es, wenn sich der Geschädigte nicht mehr selbst versorgen kann.Alle Renten müssen vom Geschädigten geltend gemacht werden. Ist er, etwa wegen noch nicht abgeschlossener Reha-Maßnahmen, nicht in der Lage, die Rentenansprüche zu beziffern, so muss unbedingt vor Ablauf der Verjährungsfrist – drei Jahre ab dem schädigenden Ereignis – bei Gericht eine Feststellungsklage erhoben werden. Wegeunfall Glück im Unglück hat, wer einen von der Berufsgenossenschaft (BG) versicherten Wegeunfall erleidet. Die Leistungen der BG gehen nämlich weit über die der Krankenkassen hinaus und fließen schnell, vor allem wenn es um Reha-Maßnahmen oder einen behindertengerechten Umbau der Wohnung geht. Haushaltsführungsschaden Mit gebrochenen Knochen lassen sich Staubsauger und Waschmaschine schlecht bedienen. Abhängig von der Größe des Haushalts und des individuellen Wohlstands kann aus umfangreichen Tabellen der Wert der eigenen Arbeit im Haushalt ermittelt und als Haushaltsführungsschaden geltend gemacht werden. Hier kommen auch bei leichten Verletzungen schnell hohe Beträge zusammen.Verdienstausfall Wer nach einem Unfall vom Arzt arbeitsunfähig geschrieben wird oder sich im Krankenhaus auskuriert, enthält spätestens nach sechs Wochen, wenn die Lohnfortzahlung im Krankheitfall endet, einen Verdienstausfall. Das dann gezahlte Krankengeld beträgt nämlich nur 70 Prozent des regelmäßigen Arbeitsentgelts. Für die Differenz zum ansonsten erzielten Gehalt muss der Schädiger aufkommen. Verzugszinsen. Schmerzensgeld und Renten werden nicht kraft Gesetz gewährt, der Geschädigte muss seine Ansprüche selbst geltend machen. Wenn die gegnerische Versicherung nicht zahlen will, bleibt nur der Weg zum Gericht. Eile ist nicht geboten, Verjährung tritt frühestens nach drei Jahren ein. Wer seine Ansprüche aber schnell geltend macht, kann gegebenenfalls Verzugszinsen verlangen. Versicherung Der Verletzte kann also eine Unmenge verschiedener Ansprüche vom Schädiger und dessen Versicherung einfordern. Die gegnerische Versicherung will natürlich so wenig wie möglich bezahlen, deshalb ist der Geschädigte auf professionelle Hilfe angewiesen. Die bekommt er freilich nicht bei seiner Versicherung, sondern nur bei einem Rechtsanwalt. Der hat nämlich, anders als auch die eigene Versicherung, kein Interesse am Sparen, weil sich seine Vergütung aus dem Streitwert ergibt, also aus dem, was er geltend macht.Bei Streit über die Höhe des Schmerzensgeldes oder um ein Mitverschulden bleibt oft nur der Weg zum Gericht. Klagt man zum Beispiel 50000 Euro ein, so beträgt das Prozesskostenrisiko mindestens 8500 Euro, wozu noch die Kosten für Sachverständige kommen. Spätestens jetzt lohnen sich die Kosten für eine Rechtsschutzversicherung.

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