Rechtstipp (Archivversion) Gips ihm

Wenn’s mal kracht zwischen Motorrad und Auto, ist der Motorradfahrer in mehr als
zwei Dritteln der Unfälle unschuldiges Opfer. Umso wichtiger zu wissen, was man in einem solchen Fall für Rechte hat. Wie das auf ein angemessenes Schmerzensgeld.

In Amerika ist bekanntlich alles etwas größer. Die Wolkenkratzer, die Pizzas, das Handelsbilanzdefizit und der Schadensersatz. Die Geschichten um Menschen, die dank eines Hamsters in
der Mikrowelle vom Tellerwäscher zum Millionär aufstiegen, sind längst schon Legende. Im Vergleich dazu erscheinen die von der deutschen Rechtssprechung ausgeurteilten Summen geradezu
lächerlich. Und das gilt ebenso fürs Schmerzensgeld. Da werden in den USA horrende Beträge gefordert und richterlich bewilligt. Allerdings oft nicht bezahlt. Was dem Fabrikanten der Mikrowelle ein Leichtes sein mag, treibt einen anderen in den Ruin. Den
Trucker zum Beispiel, der einen Motorradfahrer zwar nicht um Kopf und Kragen, wohl aber um Bein und Job brachte.
Weil die Mindestdeckungssätze der Versicherungen in den USA bei weitem geringer sind als hier zu Lande, steht das hohe Schmerzensgeld meist nur auf dem Papier, auch weil es direkt vom Unfallverursacher eingefordert werden muss. Eine Anpassung des Schmerzensgelds an amerikanische Verhältnisse würde, eine garantierte Begleichung seitens der Versicherung vorausgesetzt, also zu einer erheblichen Steigerung der Prämien führen. Versicherungen sind nun mal keine wohltätigen Organisationen, sondern profitorientierte Unternehmen. Was im Fall eines Unfalls zu Konflikten führen kann.
Der Geschädigte möchte möglichst schnell möglichst viel Schmerzensgeld, die Versicherung möglichst spät möglichst wenig zahlen. Da überrascht, dass – gemessen an der Zahl der Unfälle und Verletzungen – nur relativ wenige Schmerzensgeldfälle auf dem Richtertisch landen. Doch welche Versicherung wünscht sich schon, dass Urteile über hohe Entschädigungen gefällt und veröffentlicht werden. Zumal die deutliche Tendenz zu erkennen ist, dass die Gerichte bei kleineren Verletzungen zurückhaltend entscheiden, bei schwierigeren Beeinträchtigungen der Gesundheit aber immer höhere Summen zusprechen.
Für einen Schlüsselbeinbruch, der einen Arbeitsausfall von sechs Wochen zu Folge hatte, gab es lediglich 1250 Euro, für eine Querschnittslähmung 500000 Euro, dazu 500 Euro Rente im
Monat. Man mag es menschenverachtend finden, Verletzungen so beckmesserisch zu quantifizieren, genauso menschenverachtend wäre es aber, genau das nicht zu tun.
Nach Paragraph 253, Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist Schmerzensgeld »eine billige Entschädigung in Geld«. Die Formulierung stammt aus einer Zeit, als man bei »billig« nicht nur an Preise dachte. In einer Entscheidung hat der Bundesgerichtshof das so formuliert: »Im Vordergrund soll das Schmerzensgeld dem Geschädigten einen angemessenen Ausgleich bieten für diejenigen Schäden, für diejenigen Lebenshemmungen, die nicht vermögensrechtlicher Art sind.« Soll heißen: Die Entschädigung hängt von Größe, Heftigkeit und Dauer der Schmerzen, Leiden und Behinderung ab. Und schließlich soll sie auch dem Grundsatz Rechnung tragen, dass der Schädiger dem Geschädigten für das, was er ihm angetan hat, Genugtuung schuldet.
Bei der konkreten Höhe des Schmerzensgelds orientieren sich Anwälte, Versicherer und Gerichte in der Regel an der »Hacks-
Tabelle« (Deutscher Anwaltverlag, 59 Euro), einem jährlich überarbeiteten Standardwerk, in dem die Urteile der Gerichte aufgelistet sind. So wirft Hacks zu »Bruch des Sprunggelenks« Schmerzensgeldbescheide von 750 bis 4500 Euro aus. Also gilt es zu prüfen, ob im konkreten Fall eine vergleichbare Verletzung vorliegt, ob
die Rahmendingungen weitgehend übereinstimmen und wie es um die Einschränkungen im persönlichen Bereich aussieht. Wer kein anderes Hobby hat, außer dem, vor dem Fernseher zu sitzen, bekommt deutlich weniger Geld als eine Person, die darlegen kann, dass infolge des gebrochenen Arms ihre komplette Motorradsaison ausfallen müsse, samt schon fest geplantem Urlaub mit den Freunden. Wem nachvollziehbar Lebensfreude genommen wird, muss dafür entschädigt werden.
Schmerzensgeld hat also immer eine Ausgleichsfunktion. Stellt sich infolge einer Verletzung ein Dauerschaden ein, muss das Umfeld
genau analysiert werden, und dazu
gehören Familienverhältnisse, Beruf, Hobby – einfach alles. Hier muss
der Geschädigte seine Ansprüche so fundiert wie nur möglich geltend machen. Und sich mit so manchen Spitzfindigkeiten beschäftigen. Dem Alter zum Beispiel. Manche Richter meinen, dass ein junger Mensch länger an einem Dauerschaden leide und folglich ein
höheres Schmerzensgeld erhalten müsse. Andere wiederum
argumentieren, ein Älterer habe nicht mehr so viele Jahre vor sich, weswegen ihn bestimmte Beeinträchtigungen viel härter träfen.
Eine wichtige Rolle spielt auch die »Genugtuungsfunktion«. Sie berücksichtigt, unter welchen Umständen der Unfall passiert ist. Bei grober Fahrlässigkeit und schwerer Missachtung der
Straßenverkehrsordnung müsste eigentlich mehr Geld fließen.
Da die Versicherer natürlich in ihren »Hacks« schauen, das für sie günstigste Urteil aussuchen und es dem Geschädigten als quasi nicht anzweifelbare Weisheit präsentieren, empfiehlt es sich, jemanden heranzuziehen, der sich in dieser Sache mindestens
genauso gut auskennt, einen Spezialisten, einen Anwalt. Dessen Interessen decken sich übrigens exakt mit denen des Geschädigten. Je schneller und je mehr Schmerzensgeld der Geschädigte erhält, umso besser geht es auch dem Anwalt. In Amerika läuft
zumindest das ebenso.
Der Autor arbeitet als Anwalt in Heilbronn.

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