Rechtstipps Verkehrsunfall (Archivversion) Au Backe! Schwacke?

In der Aufregung nach einem Unfall machen viele Biker Fehler, die richtig Geld kosten. Warum man etwa Gutachter der Versicherung ablehnen sollte, darüber informiert Anwalt Ralph Andreß. Und über viele andere Fallen mehr.

Noch mal Glück gehabt: Maschine schwer malträtiert, Fahrer unverletzt. So wie es Biker Ben erging. Der stand mit seinem Motorrad so lange an einer roten Ampel, bis Autofahrer Albert ihn stumpf ignorierte. Eigentlich war das Motorrad zum Kippen zu schade, gut nur, dass es Ben, der blitzschnell reagierte, nicht unter sich begrub.Die Schuldfrage war schnell geklärt, und Ben meldet seine Ansprüche bei Alberts Haftpflichtversicherung an, die verpflichtet ist, Halter und Fahrer von Schadenersatzansprüchen zu befreien. Dafür zahlt Albert seine Beiträge. Klar ist aber auch, dass die Assekuranz sparen möchte, sie rückt nur raus, was der Geschädigte geltend macht. Wenn er was vergisst oder verpennt – sein Problem, sein Verlust.SchadensminderungspflichtBiker Ben ist nach dem Unfall finanziell so zu stellen, als habe es den Crash nicht gegeben, sein »Vermögen« darf weder vermehrt noch gemindert werden. Hinzu kommt eine »Schadensminderungspflicht«, die besagt, dass sich der Geschädigte bei der Abwicklung so verhalten soll, als müsse er seinen Schaden aus eigener Tasche zahlen. Dazu gehört, dass er erst mal weiß, wie hoch der ist. Jetzt muss, logo, ein Sachverständiger ran, dessen Honorar die gegnerische Versicherung begleicht. Viele Assekuranzen machen den Geschädigten deswegen ein unmoralisches Angebot, das da heißt: Wir schicken einen Sachverständigen vorbei. Ein Ansinnen, das Ben unbedingt ablehnen sollte, da der Schädiger beziehungsweise sein Zahlmeister dann selbst den Schaden ermittelt, für den er aufkommen soll. Und die Erfahrung zeigt, dass Gutachten um mehr als 30 Prozent differieren können, je nach dem, wer den Sachverständigen beauftragt hat.Bei so genannten Bagatellschäden bis zirka 500 Euro ist die Beauftragung eines Sachverständigen unverhältnismäßig – Stichwort Schadensminderungspflicht. In diesen Fällen genügt ein Kostenvoranschlag einer Werkstatt, der von der Versicherung zu bezahlen ist.Wiederbeschaffungswert, Reparaturkosten und RestwertDer Wiederbeschaffungswert ist der Preis, der auf dem freien Markt für ein vergleichbares Motorrad verlangt wird. Unter Restwert versteht man den Betrag, den die Unfallmaschine bei einem seriösen Händler erzielen kann. Und Reparaturkosten erklären sich von selbst.Infolge der Schadenminderungspflicht beschränkt sich der Schadensersatzanspruch auf den Wiederbeschaffungswert. Ein Beispiel: Der Sachverständige setzt den Wiederbeschaffungswert auf 6000 Euro fest, diagnostiziert die Reparaturkosten auf 3500 und den Restwert auf 2500 Euro. Damit eröffnen sich Biker Ben zwei Möglichkeiten:1. Ben rechnet »fiktiv« ab, das heißt, er kann die im Sachverständigengutachten ausgewiesenen Reparaturkosten von 3500 Euro verlangen. Seit der Novellierung des Schadenersatzrechts darf er, anders als früher, den üblichen Mehrwertsteuersatz nicht mehr einfordern. Ob er sein Motorrad selbst repariert oder beschädigt verkauft, spielt dann keine Rolle mehr. 2. Lässt Ben das Bike in der Werkstatt reparieren und legt die Rechnung vor, bekommt er die tatsächlichen Reparaturkosten einschließlich Mehrwertsteuer, weil die jetzt auch tatsächlich anfällt.Totalschaden, IntegritätsinteresseLiegen Werkstattkosten von beispielsweise 4500 und Restwert von 2000 Euro über dem Wiederbschaffungswert von 6000 Euro, rechnet sich eine Reparatur nicht – Totalschaden. Ben kassiert von der Versicherung 4000 Euro. Zusammen mit den 2000 für das kaputte Motorrad kommt er dann auf die 6000 Euro. Versicherungen machen diese Rechung gern auf, verweisen auf die »Schadensminderungspflicht« und vergessen darauf hinzuweisen, dass Ben sein Motorrad jederzeit reparieren lassen könnte - solange die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert nicht um 30 Prozent übersteigen. Juristen sprechen hier von einem »Integritätsinteresse« und meinen damit, dass der Eigentümer seine Maschine kennt und mag, sie also lieber instandsetzen lässt. Sogar wenn der Sachverständige die Reparaturkosten auf das Limit von 7800 Euro (Wiederbeschaffungswert plus 30 Prozent) geschätzt und sich dabei vertan hätte, könnte die Versicherung sich nicht vorm Zahlen drücken. Das »Prognoserisiko« trägt sie. Und das sollten alle Versicherten wissen.RestwertangeboteBei Motorrädern mit Verkleidung ist der wirtschaftliche Totalschaden schnell erreicht, obwohl das Unfallmotorrad durchaus eine brauchbare Basis für einen Streetfighter bietet. Das wissen natürlich auch die Versicherungen und unterbreiten oftmals Restwertangebote, die deutlich über der Summe liegen, die der Sachverständige ermittelt hat. Diese Zahlen besorgen sich die Versicherer auf »Sondermärkten« für Unfallfahrzeuge, wo höhere Preise bezahlt werden als im seriösen Handel. Wenn Biker Ben das überhöhte Restwertangebot akzeptiert, wird das Motorrad zu diesem Preis verkauft. Wichtig: Will Ben seine Maschine einem guten Freund zu dem günstigeren Preis aus dem Gutachten verkaufen, muss dies passiert sein, bevor das Angebot der Versicherung in seinen Briefkasten fällt. Nutzungsausfall, WiederbeschaffungsdauerFür die Zeit, in der Ben nicht Motorrad fahren kann, weil die Maschine repariert wird oder er sich nach einem Totalschaden ein anderes Fahrzeug zulegen muss, erhält er eine »Nutzungsausfallentschädigung«. Für den Nachweis der Reparatur reicht in der Regel ein Foto oder eine Bestätigung der Werkstatt oder des Händlers aus. Die Nutzungsausfallentschädigung beträgt je nach Modell zwischen zehn Euro für eine Aprilia Classic 50 und 66 Euro für eine Triumph 955i am Tag, da kann bei einer längeren Reparatur ein ordentlicher Betrag zusammenkommen. Dabei sollte Ben nicht den Fehler machen, sich nur die »Wiederbschaffungsdauer«, die der Sachverständige kalkuliert, anrechnen zu lassen. Denn bis zum Gutachten vergeht immer einige Zeit, doch Nutzungsausfallentschädigung ist definitiv ab dem Unfalltag zu zahlen. Dazu kommt: Nach Eingang des Gutachtens hat der Geschädigte eine Überlegungsfrist, in der er entscheidet, ob er sein Motorrad reparieren oder fiktiv abrechnen will. Erst danach beginnt die »Wiederbeschaffungsdauer«. Hier wird viel Geld verschenkt, wie diese einfache Rechnung zeigt: Unfalltag 1. 12. 02, Eingang Sachverständigengutachten 8. 12. 02, Ablauf Überlegungsfrist 12. 12. 02, Wiederbeschaffungsdauer zehn Werktage, läuft also bis 24. 12. 02. Wer nur diese zehn statt der tatsächlich anfallenden 24 Tage geltend macht, verschenkt im Fall der Triumpf 955i immerhin 924 Euro. Allerdings: Wenn das neue Kleid für die Diva längerfristig nicht lieferbar ist oder für den Oldtimer keine Ersatzteile mehr zu bekommen sind, gibt’s Nutzungsausfallentschädigung nicht bis ans Ende aller Tage. Dann muss ein »Interimsfahrzeug« her. Die Kosten dafür gehen zu Lasten der gegnerischen Versicherung.MietmotorradAnstelle der Nutzungsausfallentschädigung kann Biker Ben auch ein Motorrad mieten. Er darf aber nicht beim erstbesten Vermieter abschließen, sondern muss Vergleichsangebote einholen und das günstigste Angebot auswählen. Leiht sich Ben ein mit seiner Unfallmaschine vergleichbares Motorrad, muss er sich eigene ersparte Aufwendungen - Steuer, Versicherung, Wertverlust - anrechnen lassen und einen Teil der Kosten selbst zahlen. Deshalb empfiehlt sich manchmal ein kleineres Motorrad. Ben hat aber auch die Möglichkeit, für einige Tage Nutzungsausfall zu kassieren und für eine bestimmte Zeit, etwa übers Wochenende, ein Motorrad zu mieten.Entschließt sich Biker Ben, ein neues Motorrad zu kaufen, so sind auch die Kosten für das Abmelden des alten, das Anmelden des neuen Motorrads und des neuen Kfz-Schilds zu ersetzen. Da jeder Verkehrsunfall mit einigen Telefonaten und Mühen verbunden ist, gibt es einen Anspruch auf eine Kostenpauschale. Ohne Nachweis werden zwischen 20 und 30 Euro gezahlt. Wer mehr will, muss Belege vorlegen.MotorradbekleidungWird bei dem Sturz die Kleidung beschädigt, so erhält Ben den Zeitwert, heißt: Für eine alte Jeans gibt’s nicht mehr viel, wird aber Schutzkleidung beschädigt, so soll diese nach einem Urteil des Landgericht Oldenburg (2 O 514/00) mit dem Neuwert ersetzt werden. Also Rechnungen aufbewahren.

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