Reifegrad

Die Reifenindustrie versorgt auch Besitzer älterer Motorräder mit neuen Entwicklungen. MOTORRAD hat fünf Paarungen unter die Lupe genommen.

Foto: Jahn
Fahrer von Youngtimern plagen sich häufig mit alten Pellen herum – in der Überzeugung, dass der Markt für ihre in die Jahre gekommenen Schätzchen keine passenden Reifen mehr biete. Doch inzwischen haben die renommierten Hersteller den Bedarf erkannt und halten eine ak-tuelle Produktlinie für Young- und sogar Oldtimer aus den 50er Jahren in den passenden Abmessungen bereit. Selbst wenn Reifen mit den vorgeschriebenen Zoll-Größen nicht im Programm sind, ist das kein Grund zur Resignation: Der TÜV akzeptiert meist anstandslos metrische Ersatzgrößen, also zum Beispiel für einen 3.50-19 einen 100/90-19 mit dem gleichen Geschwindigkeits- und Gewichtsindex (etwa 57V).

Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache bei Motorrädern mit Reifenbindung. Für diese Fälle haben die Motorrad- oder Reifenhersteller häufig aktuelle Produkte nachhomologiert, wie etwa im Fall des Testmotorrads, einer Honda CB 900 F
Bol d’Or. So verfügen die Paarungen von Bridgestone, Continental und Pirelli in den Dimensionen 100/90-19 und 120/90-18 über offizielle Freigaben, ebenso der noch unter den Zollangaben 3.50-19 und 4.00-19 vertriebene Metzeler. Die Freigaben können beim Reifenhersteller angefordert oder auf dessen Internetseite (Adressen siehe Kästen) heruntergeladen werden. Außerdem sind sie beim Reifenhändler erhältlich. Wichtig: Sie müssen mit den Fahrzeugpapieren mitgeführt werden.
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Außer Konkurrenz lief der für die CB 900 F nicht freigegebene Dunlop Arrowmax mit, der mit beachtlichen 129 Punkten abschnitt. Der Michelin Macadam 50, der für die Honda ebenfalls keine Homologation besitzt, stand zum Testzeitpunkt nicht in den passenden Dimensionen zur Verfügung. Die Bol d’Or der ersten Serie, Modellcode SC01, entsprach weitgehend dem Serienzustand, hatte allerdings eine Vier-in-eins-Auspuffanlage, die einerseits die Reifenmontage erleichterte und andererseits in Schräglage nicht aufsetzte.

Dermaßen gerüstet, musste sich die Vierzylinder-Honda den üblichen Prüfpunkten unterziehen. Auf dem MOTORRAD-Testparcours, einem Fluggelände in Neuhausen auf der Schwäbischen Alb, standen Kreisbahn, Slalom, Handling-Parcours und Hochgeschwindigkeitsstrecke in Form der Landebahn auf dem Programm. Die Stabilität im Topspeed-Bereich ist gerade bei älteren Motorrädern mit ihren oftmals labilen Fahrwerken ein besonders wichtiges Kriterium.

Zur Unterstützung von Tester Werner „Mini“ Koch diente ein Datarecording, das auch die geringsten Details aufzeichnet, um im Zweifelsfall kleinste Unterschiede zwischen den verschiedenen Produkten herauszuarbeiten. Die Reifenmontage übernahm Klaus Matthes von der im Renndienst und unzähligen Trainings erprobten Firma GL Motorradtechnik aus Albstadt. Mit Reifenmontiermaschine, Auswuchtgerät und Kompressor bestens ausgestattet, war Klaus Matthes Garant für einen reibungslosen Ablauf. Die Preise ermittelte MOTORRAD als Durchschnittswert einer Umfrage bei verschiedenen, über ganz Deutschland verteilten Händlern. Auf einen aufwendigen Nässe- oder Verschleißtest musste aus Kapazitätsgründen in diesem Fall leider verzichtet werden.
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Dass sich die Trockenübungen lohnten, beweisen die Resultate. Die Probanden, wie die Originalbereifung allesamt in konventioneller Diagonalbauweise, lieferten sehr unterschiedliche Ergebnisse. Wobei selbst Reifen, die im hinteren Feld landeten, die Erstbereifung ganz klar übertreffen. Im Vergleich zu den Hartgummis der 70erJahre legten alle Produkte eine deutliche höhere Haftung und Fahrstabilität an den Tag. Die erste Serie der Honda Bol d’Or, die seinerzeit durch ein auffälliges Fahrverhalten wie ausgeprägtes Pendeln bereits bei Geschwindigkeiten ab 140 km/h in die Kritik geriet, verhält sich plötzlich unerwartet zivilisiert. Und nicht etwa die Reifenhaftung, sondern weit vorher aufsetzende Fahrzeugteile begrenzen die Schräglage. Bleibt das erfreuliche Fazit: Moderne Diagonalreifen stehen im Fahrverhalten den Pneus in Radialbauweise oftmals nicht nach, nur im Kriterium Hochgeschwindigkeitstauglichkeit können sie mit diesen nicht mithalten – bei den Oldies ohnehin kein Thema. Die Testergebnisse lassen sich zwar nicht uneingeschränkt auf andere Youngtimer übertragen (siehe Kasten Seite 79), in den allermeisten Fällen aber sind die aktuellen Gummis gegenüber einer noch im Handel verfügbaren Erstausrüstung wie die Dunlop F 11 und K 127 für die Bol d’Or eindeutig die bessere Wahl.

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