Reiseberichte (1)

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Aller Anfang ist schwer
Santiago de Chile im Sommer. 38 Grad, Smog, Lärm und Hektik. Die ungewohnte Hitze trifft Franca und mich mit voller Wucht. Mit Unmengen von Gepäck – jeweils die komplette Motorrad-bekleidung inklusive der Helme, der schweren Fotoausrüstung mit 120 Filmen, Notebook, Zelt, Schlafsäcke und Isomatten und natürlich noch der ganze Rest der Klamotten, der für Temperaturen von plus 40 bis minus 15 Grad herhalten muss – beladen wir ein Taxi vermutlich bis zum Rand der Ladekapazität. Kaum zu glauben, dass der ganze Haufen auf zwei Motorräder passen soll. Zumal die Alukoffer an den Motorrädern mit Ersatzteilen, Behältern für Wasser und Lebensmittel, Werkzeug und sonstigen Kleinkram bereits fast randvoll sind. Aber über das Packen werde ich mir später Sorgen machen. Wenn's in zwei Tagen hoffentlich soweit ist und wir am Flughafen die Motorräder in Empfang nehmen können. Auf ins Zentrum von Santiago. Heißer Wind pfeift durch die geöffneten Fenster, Latino-Rhythmen sorgen für die Dauer der Taxifahrt für einen ersten Anflug von Urlaubsstimmung. Ein kurzer Moment der Ruhe. Aber noch sind wir wegen der Hektik der letzten Tage und Wochen viel zu angespannt, um eigentlich zu begreifen, was uns ab heute, dem 14. Februar, bevorsteht: Eine sechsmonatige Reise auf zwei Motorrädern entlang der Anden durch fünf Länder Südamerikas. Aber so einfach stellt sich das gewünschte »Freiheitsgefühl« leider nicht ein. Kopf und Körper brauchen einfach Zeit, um vom gewohnten Lebensrhythmus loszulassen und um sich an einen neuen zu gewöhnen.

Am Zoll. Alles wird gut...
16. Februar. Zwei Tage in Santiago sind bei dieser unsäglichen Hitze genug. Das recht überschaubare Zentrum – die Fußgängerzone rund um die Plaza de Armas – bietet wenig Abwechslung, wenn man auf zwei Motorräder wartet, weil man los fahren möchte. Ein Start in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wäre mir lieber gewesen. Viermal war ich bereits dort, und nicht zu Unrecht trägt diese äußerst attraktive Kapitale den Titel »Paris Südamerikas«. Doch dort sind die Einreiseformalitäten am Flughafen viel komplizierter als hier in Chile: Obwohl offiziell nicht mehr erforderlich, wird in Buenos Aires noch immer auf ein Carnet de Passage bestanden. Das sehr hohe Preisniveau in Argentinien ist, wenn man nicht über unbegrenzte Mittel verfügt, leider ein weiterer Grund, um nach Chile auszuweichen. Gegen Mittag – wie verabredet – unser erster Anruf bei der chilenischen Vertretung der Spedition Hellmann. Ja, die Motorräder müssten in diesem Moment gerade entladen werden. Gegen Nachmittag würde man uns benachrichtigen, wann und wo die Fahrzeuge abzuholen seien. Bis 15 Uhr – wie erwartet – kein Anruf. Meine Sorge ist der Zoll. Gegen 17 Uhr ist Feierabend. Und da heute Freitag ist, wird dann vor Montag nichts mehr passieren. Ich werde ungeduldig, rufe bei Hellmann an. Ach so, die Motorräder. Ja, wir könnten schon mal zum Flughafen raus fahren (dauert etwa 30 Minuten). An der ersten Bushaltestelle würde uns Ernesto in Empfang nehmen. Wir seien ja an den Helmen zu erkennen.

In Rekordzeit über die Bürokratie-Hürden
Am Flughafen kein Ernesto. Wir fragen uns mühsam durch das Frachtgelände, finden schließlich doch noch jemanden, der auf den Namen Ernesto hört und der wissen will, warum wir erst jetzt kommen... Im Handumdrehen schnappt sich unser neuer Begleiter einen wichtig dreinschauenden Zollbeamten und führt uns alle im Laufschritt zu einer Air France-Lagerhalle, wo tatsächlich die Motorräder stehen. Noch ist aber nicht die Zeit zum Jubeln. Erst ein paar förmliche Fragen vom Zoll, zwei strenge Blicke auf die Fahrgestellnummern, fünf Unterschriften, dann mit viel Tempo zur Zahlstelle, die am anderen Ende des Flughafengeländes liegt, um umgerechnet etwa 60 Mark an Gebühren zu bezahlen. In letzter Minute mit allen Papieren, Stempeln und Quittungen wieder zurück an der Lagerhalle. Um Punkt 17 Uhr der entscheidende Augenblick: Mit einem Gabelstabler werden uns die beiden Paletten mit den zum Teil zerlegten Motorrädern übergeben – nach nur ungefähr eineinhalb Stunden. Vermutlich ein neuer Rekord.
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Montage bei 30 Grad – und der erste Schreck
Jetzt nur noch schnell die beiden BMW zusammen bauen... Bei noch immer über 30 Grad Hitze und natürlich unter den neugierigen Augen diverser Lagerarbeiter, Lastwagen-fahrer, Zollbeamter... Natürlich sind alle von den Motorrädern begeistert. Wie viel PS, wie schnell und wie teuer sind die ersten Fragen. Die Stimmung ist völlig entspannt, und jeder unserer Handgriffe wird ausführlich kommentiert. Als schließlich die Vorderräder wieder eingebaut werden müssen, sind alle ungefragt mit dabei, um die beiden Motorräder von den Paletten und auf die Hauptständer zu heben. Dann wollen alle schrauben. Außer die vielen Hände zu dirigieren, haben Franca und ich kaum noch etwas zu tun. In knapp einer Stunde sind beide BMW fahrbereit. Die kleine F springt sofort an. Kein Murren, kein Jammern, sondern anscheinend einfach ein lustvoller Einzylinder, der endlich laufen will. Die R1100 GS macht dagegen Kummer. Obwohl wieder Sprit im Tank ist, läuft der Motor nur im Standgas, ansonsten klingt das Triebwerk so, als bekäme es zu wenig Treibstoff. Also wieder runter mit dem fetten Tank und alle Leitungen überprüfen. Aber nichts, was anders als sonst aussieht. Nach einer Weile entdecke ich nur, dass der Choke-Seilzug gerissen ist, was allerdings kaum die Ursache für den schlechten Lauf des Motors sein kann. Für weitere Aktionen fehlt mir jetzt aber doch die Ruhe – mehr oder weniger im Standgas bewältigen wir die etwa 15 Kilometer lange Strecke zurück nach Santiago. Noch mehr Sorgen dagegen machen mir der irrsinnige Verkehr – und Franca, die praktisch zum ersten Mal seit zwei Jahren auf einem Motorrad unterwegs ist, an dem jetzt auch noch die breiten Alukoffer hängen. Erst in letzter Minute hatte sie sich recht zuversichtlich entschieden, nicht als Sozia mit zu fahren, sondern ein eigenes Motorrad zu bewegen. Während ich uns einen Weg durch die Vororte suche, schaue ich mehr in die Rückspiegel als nach vorne. Aber Franca hält sich stur hinter mir, wirkt nicht im Geringsten unsicher oder nervös. Ich könnte platzen vor Stolz! Wenn meine Monsterkuh nur richtig laufen würde ...

Wir wollen endlich los!
Samstag, der 17. Februar. Ich weiß noch immer nicht, warum meine GS unter Last den Dienst verweigert. Und natürlich habe ich alle Bowdenzüge bis auf einen als Ersatz dabei – es fehlt der Choke-Zug. Ich mache mich auf die Suche nach irgend einem Zweiradgeschäft, da alle entsprechenden Motorradwerkstätten heute geschlossen haben. Dann habe ich eine vermutlich bessere Idee – die chilenische Polizei benutzt auch BMW-R-Modelle. Ich frage mich bis zu deren Hauptquartier durch die Stadt und halte schließlich vor deren streng bewachten Arenal in der Av Rivera 2003. Zu meiner großen Überraschung ruft der Wachposten nach einem kurzen »tengo un problema« sofort nach einem Mechaniker. Dieser stellt sich als Alan vor und dirigiert mich samt meiner GS in die Polizei interne Werkstatt - vorbei an einer zum Appell aufgestellten Motorradstaffel, die beim Anblick der Monsterkuh etwas an Haltung verliert. Alan ist ein begnadeter Mechaniker. In wenigen Minuten lokalisiert er den Defekt: das Verteilerrad im Seilzugverteiler hat sich trotz Sicherung irgendwie gelöst, und die beiden Züge zu den jeweiligen Drosselklappen waren verklemmt. Alan improvisiert ein wenig – Ersatzteile hat er nicht – und stellt mit einem original BMW-Synchro-Tester(!) meine GS schließlich so gut ein, das ich das Gefühl habe, auf einem völlig neuen Motorrad zu sitzen. Dafür verlangt er nach vier Stunden Arbeit 100 US-Dollar. Viel Geld, das ich für diesen schnellen Service trotzdem gerne bezahle.

Wir können endlich los!
Sonntag, 18. Februar. Jetzt hält uns nichts mehr in Santiago. Allerdings dauert es bis zum Mittag, bis beide BMW zum ersten Mal richtig beladen sind. Dann die ersten Meter. Gewöhnungs-bedürftig, wie meine GS vom Ständer sackt und sich während dieser ersten Kilometer bewegen lässt. Dazu diese irrsinnige Hitze. Alle anderen waren schlauer – kaum einer außer uns wagt sich jetzt auf die Straßen dieser Stadt. In den Kombis schmoren wir bereits an der ersten Ampel im eigenen Saft. Unser Ziel: die etwa 120 Kilometer entfernten Banos Colina – heiße Quellen, die etwa 3000 Meter hoch in den Anden liegen. Was Franca noch nicht weiß: die letzten 30 Kilometer führen über eine raue und recht steile Schotterpiste. Sie schlägt sich tapfer. Zum ersten Mal losen Grund unter den Rädern und sie fährt einfach drauf los. Ich bin bereit, jede Minute sofort umzukehren. Ein Wort von ihr würde genügen. Aber auch sie lässt sich von der immer spektakulären Szenerie einfangen. Wir wollen dort hinauf, um der Hitze und der schlechten Luft Santiagos zu entfliehen. Steil führt die Piste bergan. Um uns herum schließlich nur noch gezackte Bergriesen, die bis 6000 Meter hoch aufragen. Eine Handvoll leichter Flussdurchquerungen hält uns kaum auf. Nur an den schwierigsten Passagen, die über loses Geröll oder durch Sand führen, übernehme ich kurz die F 650. Ansonsten ist Franca selber erstaunt, wie gut sie in diesem Gelände voran kommt. Die kleine BMW ist wie maßgeschneidert für sie. Oben an den Thermen – sieben größere Becken mit heißem Wasser – bauen wir zum ersten Mal seit langer Zeit unser Zelt auf. Ein paar Minuten später kocht die erste Kanne Tee, dann eine große Portion Nudeln. Ein fürstliches Menü mit Blick auf eine grandiose Bergkulisse. Auf diesen Moment haben wir lange gewartet. Nur an den ewigen Staub müssen wir uns noch gewöhnen. Der bleibt schließlich im Wasser der Thermen zurück. Ich denke bereits an die Vulkane weiter im Süden von Chile.
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Al Sur - auf in den Süden
Wir geben Gas. Zwei Tage lang halten wir uns auf der Panamericana in Richtung Süden, weil wir mit Jo Deleker und seiner Freundin Birgit Pütz am Vulkan Villarrica verabredet sind. Birgit und Jo, der für den UNTERWEGS-Teil regelmäßig Reportagen produziert (zuletzt Tunesien, demnächst Schottland), sind seit Januar ebenso sechs Monate auf zwei Motorrädern in diesem Teil Südamerikas unterwegs. Da wir beide Ecuador als Ziel haben, werden wir uns ganz sicher öfter treffen. Zurück auf die Panam. Von wegen Traumstraße. Ich habe die Panam noch nie gemocht und sie nur benutzt, um, wenn erforderlich, möglichst schnell Kilometer zu machen. Der Verkehr (besonders die stinkenden und rücksichtslos fahrenden Lkw), die ewigen Baustellen und die Mautgebühren nerven. Zudem führt diese Straße zielsicher an allen Highlights vorbei. Sie ist eine laute und elendige Strecke für die, die es eilig haben. Einzige Abwechslung: Von hinten näherte sich plötzlich eine weitere BMW R 1100 GS. Natürlich halten wir an der nächsten Tankstelle und lernen Kelly aus Kalifornien und Enrique aus Spanien kennen, die beide in Mexiko leben und in vier Monaten von Santiago nach Feuerland und zurück durch ganz Süd- und Mittelamerika bis nach Mexiko fahren wollen. Eine gewaltige Strecke, aber die beiden sind recht zuversichtlich. (www.kellyenric.com)

Endlich runter von der Panamericana
750 Kilometer später. Kurz hinter Temuco verlassen wir endlich die Panam. Wir sind völlig aufgeregt, seit die ersten Vulkane in Sicht gerieten. Zuerst der Lonquimqay, dann der majestätische 3150 Meter hohe Llaima, schließlich der 2840 Meter hohe Villarrica, den ich diesmal besteigen will, nachdem ich 1989 während meiner ersten Motorradreise hierher es mangels Ausrüstung an den steilen Flanken nur bis zur Schneegrenze geschafft hatte. Doch zuerst müssen wir Birgit und Jo treffen. Wir haben uns per E-Mail seit einigen Wochen grob um den 20. Februar auf einem Campingplatz in Sichtweite des Vulkans verabredet – und sind beide heute am 20.2. pünktlich auf die Minute. Es gibt viel zu erzählen. Am Ufer des Lago Villarrica finden wir einen traumhaften Platz, um an einem Lagerfeuer und mit einer Tasse Wein in der Hand Birgit und Jo zu lauschen, die von Deutschland mit ihren Motorrädern nach Punta Arenas in Patagonien geflogen sind und sich dann einen lang gehegten Traum erfüllt haben: auf einem russischen Schiff sind sie neun Tage lang von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt auf Feuerland, durch die Antarktis gereist. Ich könnte platzen vor Neid.

Tanz auf dem Vulkan
Freitag, der 23. Februar 2001. Um 8 Uhr stehen Birgit, Jo, Franca und ich mit Pickel, Steigeisen und mit einem Bergführer vor dem Villarrica. Ein Bus und ein Sessellift haben uns bereits auf eine Höhe von etwa 1900 Meter gebracht. Zirka 900 Höhenmeter über uns ragt der ebenmäßige und verschneite Gipfel in einen tief blauen Himmel. Heller Rauch steigt aus der Krateröffnung. Bis dorthin wollen wir natürlich. Langsam geht's bergan. Erst über schwarzes Lava-Gestein, dann über blendend weiße Schneefelder. Schließlich ist der Weg so steil, dass wir das Gefühl haben, es ginge senkrecht die Wand hoch. Eine Tortour für Francas und meine untrainierten Knochen. Doch mit jedem gewonnenen Höhenmeter steigert sich das Panorama auf die Anden. Unter uns eine grelle Wolkendecke, aus der der etwa 70 Kilometer entfernte Vulkan Llaima und unzählige weitere Gipfel ragen. Wir haben einen grandiosen Tag erwischt. Nach vier harten Stunden endlich der Gipfel. Wir blicken in einem tiefen Kraterschlund. Der heftige Wind treibt die aufsteigenden Schwefeldämpfe rasend schnell über die Kraterwände. Es stinkt nach Schwefel, der in den Augen und Lungen beißt. Aber der Ausblick von fast 3000 Meter Höhe auf das chilenische Seengebiet ist grenzenlos schön. In Richtung Südosten blicken wir auf einem weiteren Vulkan, der sich allerdings bereits auf argentinischer Seite befindet: auf den 3700 Meter hohen Lanin, der wegen seiner perfekten Form zu den schönsten Bergen der Welt zählt. Zum ersten Mal vergisst mein Kopf den Büroalltag, die Hektik in Deutschland, den Stress vor der Abreise. Das ist der Moment, auf den ich lange gewartet habe.

Per Rutschbahn zurück ins Tal
Runter geht´s auf dem Hosenboden. Wir nehmen in einer Bobbahn ähnlichen Spur Platz, dann ein kleiner Schwung – und wir fliegen an den steilsten Passagen förmlich bergab. Eine Mordsgaudi! Gebremst wird im Notfall mit dem Pickel – aber wer bremst, verliert... Auf einer Schotterpiste werden wir in zwei oder drei Tagen die Anden passieren. Direkt am Fuße des Laima vorbei, den wir bereits von oben gesehen haben. Dann, so unser Plan, auf der legendären Ruta 40, die sich von Nord- bis Südargentinien windet, weiter in Richtung Süden.

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