Reiseberichte (2)

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Der Süden lockt
Mittwoch, 28. Februar 2001: Eine Woche am Strand des Lago Villarrica sind genug. Jo und Birgit haben bereits gestern ihre Sachen gepackt und sind weiter Richtung Norden gezogen; wir haben uns in etwa einem Monat in der Oase San Pedro in der Atacama-Wüste verabredet, um gemeinsam eine der anspruchsvollsten Etappen dieser Reise anzugehen: von San Pedro führt eine verwegene Piste über die Anden auf das bolivianische Altiplano und zum Salar de Uyuni. Aber bis dahin ist es noch weit...

Zurück zum Villarrica-See. Es regnet. Und wie. Trotzdem packen wir zusammen, fahren zum zwölf Kilometer entfernten Ort Pucon, wo die schwarzen Wolken bis auf die Straßen hängen. Erst einmal ein Frühstück in einem der vielen Cafés. An Orten wie diesem merke ich, wie sich das Land in wenigen Jahren verändert hat: 1989 kaum mehr als eine einfache Holzhütten-Siedlung mit einer Handvoll Pensionen, erinnert Pucon heute eher an Zermatt. Abenteuer-, Rucksack- und Schickeria-Tourismus haben sich hier inzwischen etabliert; Luxushotels, schicke Chalets und unzählige Herbergen, teure Yachten am Ufer, und an jeder Ecke Restaurants, Kneipen und die nicht wegzudenkenden Outdoor-Agenturen, die alles zu Rafting, Bergsteigen, Trekking, Reiten und anderen Aktivitäten anbieten. In diesem Moment sind wir allerdings ganz froh über asphaltierte Straßen und ein nettes Café.

Aha-Erlebnis am Computer
Gegen Mittag ein Blick ins Internet, um die neusten Wetterprognosen zu erfahren (www.cnn.com). In Argentinien scheint die Sonne - nur wenige Kilometer von hier entfernt, aber leider auf der anderen Seite der Anden. Vor unseren entsetzten Augen bricht draußen dagegen gerade die Sintflut über die beladenen Motorrädern herein. Ich könnte heulen, tippe, um meine Laune ein wenig zu bessern, www.motorradonline.de in den Rechner - und wir entdecken unseren ersten Online-Reisebericht! Und lesen die ersten Reaktionen und die vielen Grüße von Lesern. Ein tolles Gefühl. Zumal ich als Technikmuffel sehr skeptisch war, ob das ganze überhaupt so funktioniert, wie sich das die Online-Unit von MOTORRAD gedacht hat. Meine PC-Kenntnisse beschränkten sich bisher auf das An- und Ausschalten eines Computers. Ich kann nur staunen, wenn Franca die Texte und Aufnahmen durch die mir völlig unergründliche Welt von Dateien und Programmen hin und her schiebt, so dass am Ende alle Daten in der Stuttgarter Redaktion landen. Ich werde diese Technik vermutlich erst am Ende der Reise begriffen haben...
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Über die Anden nach Argentinien
Wir kommen doch noch los, obwohl es eigentlich viel zu spät geworden ist. Aber erst gegen 15 Uhr ließ der Regen nach, und in Richtung Osten – in Richtung Argentinien – war sogar blauer Himmel auszumachen. Zuerst noch an die Tanke, um die beiden BMW noch einmal abzufüllen. Mit etwa 1,60 Mark pro Liter (bisher überall bleifrei!) ist der Sprit in Chile teuer genug; in Argentinien sind dafür fast zwei Mark zu zahlen. Nur gut, dass die beiden Bikes recht sparsam sind: Die kleine F begnügt sich bei unserer Bummelei mit etwa 3,5 Liter pro 100 Kilometer; die GS schluckt etwas über vier Liter – ich käme bei unserer Fahrweise mit meinem Tankvolumen von 41 Litern also fast 1000 Kilometer weit!

Heute allerdings nicht – wir geben bereits nach 35 Kilometern wieder auf. Gegen den plötzlichen Regen und Sturm haben wir keine Chance, zumal wir bei diesem Wetter nicht einmal einen Gipfel der Anden erkennen können. Ich hasse solche Tage! In Curarrehue, einer einfachen Holzhüttensiedlung, nisten wir uns in einer kleinen, sehr gemütlichen Pension ein. In Orten wie diesen zeigt das ansonsten fast schon europäisch wirkende Chile ein anderes Gesicht. Hier leben hauptsächlich Familien vom Volk der Mapuche (oder »Araukaner«), die sich über viele Jahrhunderte erfolgreich gegen jeden Eindringling in diesen Teil Chiles (»Araukanien«) gewehrt hatten. Erst der von den Spaniern eingeführte Alkohol und die Arbeit der Missionare brachen den Widerstand; heute teilen die Mapuche ihr Schicksal mit vielen Ureinwohnern dieser Welt: Sie leben in ihrem Land als Menschen zweiter Klasse – und fast immer unter der Armutsgrenze.

Grenzgänger
Am nächsten Morgen scheint die Sonne, als ob nichts gewesen wäre. In Rekordzeit frühstücken und packen wir und nehmen schließlich die Piste unter die Stollen, die zuerst durch ein wunderschönes, sattgrünes Tal führt. Plötzlich erblicken wir den 3776 Meter hohen Vulkan Lanin, den man wegen seiner perfekten Form zu den schönsten Gipfeln der Welt zählt, und den wir bereits vom Gipfel des Villarrica gesehen hatten. An der Grenze zu Argentinien wirft der chilenische Grenzposten einen kurzen Blick in die Pässe, in die Fahrzeugscheine und in die Zolldokumente, die wir für die beiden BMW bei der Einreise in Santiago bekommen haben – in etwa zehn Minuten ist alles abgestempelt, wir können sofort weiter und erklimmen langsam den grob geschotterten, »nur« 1200 Meter hohen Mamuil Malal-Pass (oder Tromén-Pass). Diese Strecke durch das Niemandsland bis zum argentinischen Posten ist ein Traum.
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Camper-Paradies
Immer näher rückt der Lanin, bis wir fast direkt an seinen unterhalb der Schneegrenze pechschwarzen Flanken entlang fahren. Längst knirscht feine Lava-Asche unter den Stollen, dann führt die Piste durch einen Araukarienwald – mächtige, zum Teil über 1000 Jahre alte Bäume mit riesigen Schirmen und eigenartig nach unten geschwungenen Ästen. Diese wunderschönen Giganten finden sich nur noch in wenigen Schutzgebieten; für die Mapuche-Indianer sind diese Bäume heilig. Die argentinischen Grenzbeamten hätten sich für ihre Arbeit keinen schöneren Platz aussuchen können. Von ihrem Holzhaus im Schatten der Araukarien blicken sie direkt auf den absolut ebenmäßigen Vulkan Lanin – und vielleicht sind die Zöllner deshalb so gelassen und freundlich: die Einreiseprozedur dauert nicht einmal 15 Minuten. Man wünscht uns eine gute Reise, und wir verschwinden langsam bergab in Richtung San Martin de los Andes. Wenn ich da als Motorradfahrer an so manchen Grenzübertritt in alpine Nachbarländer denke...

Langsam verändert sich das Land, weicht die sattgrüne Vegetation einer trockenen Steppe – die Andenkette stellt eine natürliche Barriere gegen die in der Regel vom Westen kommenden Regenwolken dar. Uns gefällt es natürlich, dass es mit jedem Meter spürbar wärmer wird. Nur die Piste ist in einem desolaten Zustand: Wellblech, grober Schotter und tiefe Löcher. Es schüttelt und kracht dermaßen, dass eigentlich jeden Moment die Koffer abreißen, und die Rahmen brechen müssten. Zumindest fühlt es sich so an. Aber auch daran werden wir uns gewöhnen müssen. Wie an die Staubwolken entgegen kommender Fahrzeuge, die uns teilweise völlig die Sicht nehmen. Vermutlich wird mir Franca heute abend die Freundschaft kündigen und den Ehering gegen eine Badewanne und ein Federbett eintauschen wollen... In Junin de los Andes beginnt wieder der Asphalt. Und Franca hat noch genug Kraft, um zu lächeln. Ein gutes Zeichen.

Auf der Straße der sieben Seen
Wir halten uns ab hier in Richtung Süden, fahren noch bis San Martin de los Andes, einem herausgeputzten Touristenort im Norden der argentinischen Seenregion. Doch Anfang März ist der Sommer hier bereits gelaufen. Die meisten Geschäfte haben nach einer nur dreimonatigen Saison schon wieder geschlossen. Uns kann das nur Recht sein. Unser Reiseführer – das unverzichtbare South American Handbook (www.footprintbooks.com) – bezeichnet diese Region als »campers paradise«, und in unseren Gedanken liegen wir bereits an einem schönen und vor allen Dingen einsamen Zeltplatz irgendwo an einem der vielen kristallklaren Seen. Dafür muss Franca zähneknirschend noch einmal zwölf Kilometer Piste in Kauf nehmen, die zudem recht steil und mit vielen engen Serpentinen versehen ist. Doch die Ausblicke auf den tief unter uns liegenden, einem Fjord ähnlichen Lago Lácar sind atemberaubend. Weiße Schaumkronen auf dunkelblauen Wasser, zahlreiche kleine Buchten und Strände, dahinter dichter Wald, der nur an den steilsten Stellen von braunem Fels unterbrochen ist. Eine solche Idylle lässt man sich im ohnehin teuren Argentinien natürlich gut bezahlen. Für eine Nacht auf dem zugegebenermaßen toll gelegenen Campingplatz Quila Quina schieben wir pro Person sechs Pesos (beziehungsweise sechs US-Dollar) über den Holztresen. Zum Glück hat die Nebensaison bereits begonnen.

Wir kommen erst Mittags wieder los, rauschen bei bestem Wetter über einen wunderbaren und aussichtsreichen Highway entlang der Anden weiter südwärts, grüßen im Vorbeifahren zwei entgegen kommende Africa Twin-Fahrer, die es allerdings sehr eilig zu haben scheinen. Was für ein Tag, um die sogenannte »Straße der sieben Seen« unter die Räderzu nehmen. Kurz hinter dem Lago Falkner endet wieder einmal der Asphalt. Und mit einem Schlag ziehen dunkle Wolken auf. Dann fällt leichter Regen, der die Piste recht rutschig werden lässt. Immer tiefer führt uns der Weg schließlich durch dichten Urwald. Rechts und links jeweils eine undurchdringliche grüne Mauer, die über unseren Köpfen zusammen wächst. Auch bei Sonnenschein wird vermutlich kaum Licht bis hinunter auf die Piste fallen.

Nach einer Weile der Abzweig in Richtung der kleinen Ortschaft Villa Traful am gleichnamigen See. Plötzlich steigt der Weg an, führt in engen Kehren steil bergauf bis zu einem Pass, von wo aus wir auf ein unendliches grünes Blätterdach blicken. Minuten später hat uns der Wald wieder völlig verschluckt und gibt uns erst am Ufer des Lago Traful wieder frei. Trotz des schlechten Wetters beschließen wir zu bleiben. Ein schönerer Ort für unser Zelt ist kaum vorstellbar. Und morgen scheint wieder Sonne. Zumindest habe ich das Franca versprechen müssen...

Tage wie dieser sind selten
Ein paar Camper haben sich bereits an das Seeufer verirrt. Auch wir finden im Regenschatten einiger Bäume einen Platz für das Zelt. Natürlich mit Blick auf den Silber schimmernden See, der von markanten Bergspitzen eingerahmt ist. Und dort hängen noch immer dunkle Wolken. In der Nacht bricht ein Unwetter über uns herein. Pünktlich zum Frühstück ist die Welt wieder in Ordnung. Und wie! Wir sitzen am Wasser und spüren die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht. Der Kaffee ist bereits fertig und auf unserem neuen Mini-Grill rösten ein paar Scheiben Toast. Dazu ein Teller Haferflocken, und die Idylle ist nahezu perfekt. Allein für diesen Moment hat sich der ganze Stress gelohnt. Ohne die lästigen Mücken wäre es tatsächlich perfekt...

Und zum ersten Mal ist es ruhig – was für einen südamerikanischen Campingplatz sehr ungewöhnlich ist. Laute Musik, in der Regel bis zum frühen Morgen, gehört dazu, wie das Steak auf dem Grill. Eine weitere weitverbreitete Praxis: Fahrzeuge werden bereits eine halbe Stunde vor der Abfahrt gestartet, damit die Motoren auf Temperatur kommen. Die Wahl des Platzes für das Zelt kann somit sehr entscheidend für die Nachtruhe sein. Ansonsten geht nix ohne viel Bier, Wein und Ohrenstopfen. Aber der Tag vergeht, wie solche Tage eben vergehen, wenn alles stimmt. Ein Spaziergang am See, ein weiterer Kaffee, vielleicht auch ein Tee, dann mal kurz nach den Motorrädern schauen und wieder zurück ans Seeufer. Plötzlich ist es dunkel, es brutzeln fette Hamburger auf dem Grill und man ist um 21 Uhr bereits todmüde. Tage wie dieser sind ein Geschenk!

Panorama-Overkill
Ebenso der weitere Verlauf der Strecke in Richtung Bariloche. Der schmale Weg führt auf und ab am Seeufer entlang. Vereinzelt entdecken wir wunderschöne Holzhäuser; hier haben zahlreiche US-amerikanische Stars wie Sylvester Stallone oder Jane Fonda einen Ferienwohnsitz. Ich hätte mir bei meiner ersten Reise vor zwölf Jahren hier Grund kaufen sollen – heute sind die Parzellen am Ufer unbezahlbar. Aber die Aussicht auf den smaragdgrünen See und die gegenüber liegenden Berge ist einfach unvergleichlich. Am Südostende des Sees dann der Overkill in Sachen Panorama: Von einem über hundert Meter hohen Felsen breitet sich der See vor unseren Augen der Länge nach aus. Farben und Formen überfordern die Augen, obwohl wir nur auf Wasser blicken, das von Gebirge und Wald umrahmt ist. In diesem Moment bin ich sprachlos.

Sturm und Regen
Ein heftiger Wind treibt uns nach Bariloche, dem touristischen Zentrum in dieser Gegend. Ein Ort ohne allzu viel Charme, der in diesem Moment wie leergefegt erscheint, weil der Sommer bereits zu Ende ist, der Winter aber noch nicht begonnen hat. Hier schlägt das Wetter plötzlich um, wir hören von Sturmwarnungen für die nächsten Tagen. Nach einer lausigen Nacht im Zelt am Lago Nahuel Huapi entscheiden wir uns gegen alle geplanten Ausflüge in dieser traumhaft schönen Region. Der neue Plan: Zurück über die Anden nach Chile. Und dann via Osorno nach Puerto Varas und schließlich nach Puerto Montt, dem südlichsten Punkt unserer Reise.

Francas Reifeprüfung
Doch das Wetter macht uns einen dicken Strich durch diese Rechnung. Auf dem etwa 100 Kilometer langen Stück entlang am Nordufer des Nahuel-Huapi-Sees fegt uns der Sturm fast von der Straße. Bei Windgeschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern sehe ich Franca im Rückspiegel mal heftig hin und her schlingern, dann wieder in atemberaubender Schräglage fahren, obwohl es geradeaus geht. Kommt der Wind von vorne, reißt es mir fast die Arme aus. Der Boxer macht bei diesen Böen bereits im vierten Gang schlapp, und die Temperaturanzeige hängt bei nur 55 Grad. Dazu der Regen, der uns über den desolaten 1300 Meter hohen Puyehue-Pass und bis nach Chile begleitet. Wir sind auf den Motorrädern noch nie so nass geworden - und das bei einer Temperatur von nur einem Grad Celcius über Null. Francas Reifeprüfung, sozusagen. Kurz hinter der Grenze fallen wir vom Sattel direkt in die erst beste Pension. Es dauert nur wenige Minuten, dann sieht's im Zimmer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Überall nasse, tropfende Klamotten. Irgendwie muss das Zeug ja trocknen. Der Dunst lässt sofort die Scheiben beschlagen, hinter denen weiterhin der Sturm tobt. Wir schlafen fast zwölf Stunden.

Monsterkuh geht baden
Der Rest ist schnell erzählt. Heute ist der 12. März – und seit einer Woche fällt nahezu ununterbrochen Wasser vom Himmel. Nur ein einziges Mal zeigte sich der perfekt geformte Vulkan Osorno bei Puerto Varas, ansonsten nur schwarze Wolken und die heftigsten Regengüsse seit Jahren. Im Zentrum von Puerto Montt standen wir auf den Straßen fast bis zu den Knien im Wasser. Dann habe ich noch meine Monsterkuh in diesen Fluten versenkt, weil ich in der grauen Brühe einen hohen Absatz übersehen habe. Leute, ich sage Euch, dass ich in diesem Moment vieles für endlich wieder trockene Motorradstiefel geben würde. Francas neue – angeblich wasserdichte – Stiefel sind bereits nach kurzer Zeit genauso nass von innen wie meine Lederstiefel. Aber ich habe an dieses Membran-Gerede ohnehin noch nie so richtig geglaubt.

14. März 2001: Im Moment sitzen wir in Temuco, einer mittelgroßen Stadt im Norden des chilenischen Seengebiets. Und warten noch immer auf besseres Wetter. Denn wir wollen unbedingt zum nahe gelegenen Vulkan Llaima, der sich seit Tagen hinter düsteren Wolken versteckt...

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