Reiseberichte (5)

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Die Atacama – oder: Regen in der trockensten Wüste der Welt
San Pedro de Atacama. Eine Handvoll staubiger Straßen, eine schattige Plaza, die Kirche und die einfachen Häuser im Adobebaustil. Der kleine Ort am Nordrand des Salar de Atacama, des größten Salzsees in Chile, hat sich zu einem äußerst lebendigen Touristenzentrum entwickelt – ohne aber dabei viel von seinem Charme zu verlieren. Rucksackreisende aus aller Welt flanieren durch dieses Nest, Musik dringt aus den vielen nett gestalteten Kneipen und Restaurants und diverse Agenturen bieten unzählige Exkursionen in die Wüste oder in die Berge an, egal ob im Sattel eines Pferdes oder eines Mountainbikes, ob zu Fuß oder im Geländewagen. Die beiden BMW fallen in dem überschaubaren Örtchen natürlich auf.

Leute, wenn ihr wüßtet, wie wir in den letzten Tagen oben in den Bergen im Sattel gefroren haben, würdet ihr uns bestimmt nicht so neidisch hinterher schauen... Weil wir aber noch immer sämtliche Klamotten anhaben – vor etwa einer Stunde fuhren wir noch bei Temperaturen, die unter dem Gefrierpunkt lagen – wird uns gerade bei etwa 28 Grad ziemlich warm ums Herz. Auf einem Campingplatz fast mitten im Ort treffen wir Uli und Pete aus Köln, die auf ihrer BMW R 80 GS Basic über den Sico-Pass hierher gefahren sind. Birgit und Jo, mit denen wir uns hier verabredet hatten (siehe Reisebericht Teil 1), sind nach etwa zehn Tagen in San Pedro gestern weiter nach Bolivien gereist. Wir haben einfach zu lange gebraucht. Jetzt aber ein Bier, eine Dusche und ein gutes Essen, und zwar in genau dieser Reihenfolge.

Als hätte es geschneit
Am nächsten Tag, Pete und Uli sind bereits schon wieder auf dem Weg in Richtung Santiago, fahren Franca und ich in das etwa zwölf Kilometer entfernte Valle de la Luna, dem Mondtal. Wind und Wetter haben aus dem weichen Gestein eine bizarre Landschaft geschaffen. Tiefe Canyons, wild gezackte Felsformationen, die wie überdimensionale Finger aus dem Wüstensand ragen und über 100 Meter hohe Sanddünen. Ohne Gepäck lässt sich die Monsterkuh plötzlich spielerisch über die sandige Piste dirigieren – wir dringen immer tiefer in das Herz der Atacama-Wüste ein.

Seltsamerweise hat es auch in diesem Teil Chiles geregnet. Und zwar recht heftig, obwohl es heißt, dass diese Region der trockenste Ort der Welt ist. Seit einigen hundert Jahren war der Niederschlag praktisch kaum messbar. Und nun hat der Regen Straßen und Brücken zerstört, Häuser und Autos weggespült – und das Salz aus dem Gestein im Mondtal freigesetzt. Die normalerweise roten Felsen sind fast komplett mit einer weißen Salzschicht überzogen. Die ganze Gegend sieht aus, als hätte es geschneit. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang besteigen wir die höchste Sanddüne im Mondtal. Doch dieser Ort ist längst kein Geheimtipp mehr. Mit uns macht sich eine in vermutlich sämtlichen Sprachen der Welt laut schwatzende Karawane auf den steilen Weg bergauf. Schließlich teilen wir uns ein winziges Plateau mit etwa 100 anderen Schaulustigen.

Das Panorama von hier oben ist wirklich gewaltig. Zu unseren Füßen die formvollendete Wüste, dahinter dann die alles überragenden Vulkane der Andenkette. Am auffallendsten der fast 6000 Meter hohe Licancabur mit seiner markanten und ewig verschneiten Spitze. Etwas weiter rechts der Lascar, der noch immer aktiv ist und dessen Rauchfahne mich an ein einzigartiges Erlebnis erinnert: 1993 konnte ich hautnah miterleben, wie dieser Vulkan seine Spitze in tausend Stücke sprengte und Rauch und Asche nach Zeitungsberichten etwa 22 000 Meter hoch in die Atmosphäre schleuderte. Tagelang war der Rauchpilz, dessen Form an eine Atomexplosion erinnerte, über dem Lascar zu sehen. Ich habe mich dann diesem Berg bis auf etwa 50 Kilometer genähert. Mit vor Neugier leuchtenden Augen - und auf vor Angst zittrigen Beinen. Ein gewaltigeres Naturschauspiel kann man sich kaum vorstellen (siehe auch Bildergalerie »Südamerika«).
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Drei Tage Luxus: eine Oase in der Oase
Einen Tag später stehen wir in unseren staubigen Klamotten etwas verloren in der äußerst stilvollen Empfangshalle des Hotels Explora en Atacama (www.explora-chile.com). Dass Form und Farbe der Monsterkuh auffallen, war mir im Voraus klar. Manchmal ist es schon etwas nervig, diese ewige Fragerei nach dem Preis, dem wie schwer oder wie schnell. Doch in der Regel kam es auf Grund der Motorräder zu vielen netten Bekanntschaften am Wegesrand. Und nun lädt man uns für drei Tage sogar in eines der besten Hotels in Chile ein, einem auf den ersten Blick sehr unauffälligen Bau am Ortsrand von San Pedro.

Luxus korrumpiert
Ohne Voranmeldung geht hier eigentlich nichts. Und man bucht für mindestens drei Tage, die pro Person in einem Doppelzimmer mit 1300 US-Dollar zu Buche schlagen (wir haben die Preisliste schnell wieder in einer Schublade verschwinden lassen). Dafür ist dann aber alles inklusive. Zum Beispiel vier Mahlzeiten am Tag. Beste Küche, bester Wein, bester Service. Oder das tägliche Angebot an Exkursionen: kurze Ausritte, Tagesausflüge zu abgelegenen Lagunen oder die ultimative Vulkanbesteigung. Dann diese Zimmer: Eingerichtet mit Möbeln und Materialien aus aller Welt. Natürlich nur das Beste. Und mit einer Dusche, die einem Wasserfall gleicht. Die luftige und klare Architektur gestattet immer einen Ausblick auf die Vulkane, und die Ruhe, die herrscht, ist fast schon unheimlich. Dieser Ort ist – wenn es so etwas überhaupt gibt – einfach perfekt arrangiert, und ich würde weitere Tage hier verbringen, wenn ich es mir leisten könnte. Zurück auf einen Campingplatz? Das wird schwer.

Es fällt uns ja schon schwer, nach drei Tagen wieder in die Sättel der beiden BMW zu steigen. Ein Grund mag sein, dass wir bei dem hervorragenden Essen ganz bestimmt zugenommen haben. Andere Gründe sind, dass wir die Atacama zusammen mit dem norddeutschen Explora-Tourguide Hilko auf andere Art und Weise als geplant erkundet haben: auf Pferden (zwar langsam, dafür aber stetig), im Auto (eine Piste zum 4600 Meter hoch gelegenen Tara-Salzsee am Jama-Pass, die wir nie gefunden hätten) und zu Fuß (eine Wanderung durch eine versteckte Schlucht zu den Puritama-Thermalquellen).

Wir gestehen: Es hat uns gefallen, dass wir uns einmal um nichts kümmern mussten. Nur: Wir haben viele Wochen gebraucht, um uns an dieses neue, umständliche Leben auf Achse, an Kälte, Hitze, Dreck, harte Betten und warmes Bier zu gewöhnen. Und nach nur drei Tagen haben sich Kopf und Körper vom Luxus wieder so weit korrumpieren lassen, dass schon der Gedanke daran, plötzlich wieder selbst seine staubigen Gepäckrollen tragen zu müssen, ziemliches Unbehagen auslöst. Und ab morgen wieder den Campingkocher auspacken?
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Schlechte Nachrichten aus Bolivien
San Pedro lässt uns noch nicht los. Hier gibt es einfach zuviel zu entdecken, und unsere Neugierde scheint im Moment grenzenlos – Wüste und Berge in ihrer jeweils extremsten Form sind eine faszinierende Mischung. Gleich am nächsten Tag rauschen wir zur etwa 160 Kilometer entfernten Laguna Miscanti, die an der Westrampe des Sico-Passes liegt. Wasser wie Tinte, das von verschneiten 6000ern umgeben ist. Farben, wie man sie sich intensiver nicht mehr vorstellen kann. Wir sitzen lange am Ufer, zuerst völlig sprachlos, dann laut plappernd. Wie Kinder, die ihr Glück noch gar nicht fassen können.

Zwei Tote bei Auseinandersetzungen in Bolivien
Doch Glück ist oft leider nur von kurzer Dauer: Zurück in San Pedro, erfahren wir, dass sich die Lage in Bolivien nicht gerade beruhigt hat. Eigentlich hatten wir geplant, von San Pedro aus über eine sehr abenteuerliche Piste durch den unzugänglichen Südwesten Boliviens via der Laguna Colorada bis zum etwa 500 Kilometer entfernten Salar de Uyuni zu fahren. Und nun hören wir, dass man sich im wirtschaftlich am Boden liegenden Bolivien tatsächlich auf einen Generalstreik vorbereitet und dass es bei ersten Auseinandersetzungen bereits zwei Tote gegeben hat (siehe Forum).

Eine ähnliche Situation hatte im vergangenen Herbst das Land drei Wochen nahezu völlig lahmgelegt. Diesmal sollen sich beide Parteien – also Militär und Demonstranten – besser vorbereitet haben; sogar die USA haben militärische Hilfe angeboten. Man rechnet also mit dem Schlimmsten. Für uns Grund genug, im Augenblick nicht in dieses Land zu reisen, sondern abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt. Wir werden also erst in den Norden von Chile fahren und uns dann entscheiden, wie es weitergehen soll. Lange liegen wir abends noch über der Karte.

Mir fällt es sehr schwer, mich mit dieser Situation anzufreunden. Ich möchte noch einmal zum Salar de Uyuni, der allerdings noch immer unter Wasser steht uns somit nicht befahrbar ist (siehe auch Bildergalerie »Südamerika«). Und ich will unbedingt zur Laguna Colorada, einer roten Lagune hoch oben auf dem bolivianischen Altiplano, die einen einzigartigen Anblick darstellen soll. Spät in der Nacht beschließen wir, zumindest bis dorthin zu fahren. Wir kalkulieren, dass wir für die hin und zurück etwa 340 Kilometer weite Strecke etwa zwei Tage brauchen.

Da Franca auf Grund der bisherigen Beschreibungen über den Zustand der Piste – viel Sand – recht unsicher geworden ist, werden wir diesmal nur mit der Monsterkuh fahren. Am nächsten Morgen packen wir die Schlafsäcke zusammen, bunkern etwa 14 Liter Wasser, versorgen uns mit Brot, Käse und etwas Obst und machen uns auf den Weg zur bolivianischen Grenze, die etwa 45 Kilometer von San Pedro entfernt ist. Wir sind froh, dass wir uns inzwischen sehr gut akklimatisiert haben – ab jetzt führt die Strecke stets auf einer Höhe von über 4200 Meter und soll sogar bis auf 5000 Meter ansteigen.

Wellblech, Lagunen und minus 16 Grad
Die Piste hat es in sich. Wellblech bis zum Abwinken. Und rechts und links nur tiefer Sand. Vermutlich würde auch eine mit zwei Passagieren beladene Monsterkuh mit Tempo 100 relativ sorglos über die Piste fliegen können. Doch ich will auf dem weichen, welligen Grund nichts riskieren. Tempo 30 geht gerade noch, aber das Gerüttel ist absolut nervtötend, fast so, als ob da Motorrad jeden Augenblick auseinander zu fallen droht. Also vielleicht doch etwas mehr Tempo – bis ein paar harte Wellen das Fahrwerk bis zum Gehtnichtmehr zusammen stauchen und uns fast die Augen aus den Köpfen fallen.

Es faucht wie aus einer Hexenküche
Völlig anders als auf unserer Karte verzeichnet, windet sich die Piste schließlich vorbei am Nordufer der Lagune Verde, der grünen Lagune, die sich hinter dem Vulkan Licancabur versteckt. Dann der erste Pass in dieser völlig kargen Landschaft: 4600 Meter – und keine Aussicht auf eine Besserung der Piste. Nach und nach überholen uns insgesamt acht Geländewagen, die mit hohen Tempo nur so über die Wellen zu gleiten scheinen. Und uns in ihren endlosen Staubfahnen stets fast Minuten lang völlig die Sicht nehmen, während wir nur so dahin schleichen. Die Jungs haben bestimmt auch noch die Heizung an und hören Musik... Auf halber Strecke passieren wir das Geysir-Feld Sol de Manana. Aus unzähligen Kratern lässt die Erde hier richtig Dampf ab. Es blubbert und faucht wie in einer Hexenküche. Ein absolut weltfremder Ort kurz vor dem angeblich 5000 Meter hohen Pass. Mein Höhenmesser, eine Casio-Uhr, die bisher erstaunlich genau angezeigt hat, misst allerdings »nur« 4850 Meter. Egal.

Eine Weile später der absolute Overkill in Sachen Panorama: Völlig unerwartet blicken wir auf die 4300 Meter hoch gelegene Laguna Colorada. Ein etwa 60 Quadratkilomter großer See, der durch pflanzliches und tierisches Plankton tatsächlich völlig rot gefärbt ist. Und je näher wir kommen, desto mehr bewegt sich dieses rot. Wir glauben fast schon an eine optische Täuschung – doch die Bewegung stammt von vielen hundert Flamingos, die in diesen Höhen ihren eigentlichen Lebensraum haben.

Wir brauchen noch eine gute Stunde bis zum Ufer. Die letzten Meter gehen wir zu Fuß und nähern uns bis auf etwa 100 Meter den Flamingos, die schnatternd auf ihren dünnen Beinen durch die flache Lagune stelzen. Trotz aller Beschreibungen, die ich vor der Reise über diese Lagune gelesen habe, trifft mich die Schönheit dieses einzigartigen Ortes praktisch völlig unerwartet. Erst der eisige Wind, der kurz vor Sonnenuntergang einsetzt, treibt uns in ein nahes Refugium. Gegen 18 Uhr ist es stockdunkel, und weil es keinen Strom gibt, schlafen wir bereits eine halbe Stunde später tief und fest. Draußen fällt das Thermometer auf minus 16 Grad – der IMO 100 R 300-Bordcomputer am Lenker speichert automatisch die Höchst- und Tiefstwerte. Erstaunlich, das die GS nach solchen Temperaturen und in dieser Höhe am Morgen stets auf den ersten Knopfdruck anspringt.

Geysire, Sanddünen und neue Freunde
Wieder am Zoll in San Pedro, treffen wir Robert und Claudia, die seit vier Monaten ebenfalls auf zwei Motorrädern unterwegs sind (KTM Adventure und Yamaha XTZ 660) und noch zwei Monate vor sich haben. Gleiche Erfahrungen sind eine gute Basis für lange Gespräche bei Pizza und Bier – die beiden sind auch die desolate Abkürzung in Argentinien gefahren und eigentlich auf dem Weg nach Bolivien. Die Laguna Colorada war für Robert, der bereits einige Zeit in dem Andenland gearbeitet hat, sogar einer der Hauptgründe, mit einem Motorrad nach Südamerika zu reisen. Seitdem er Bilder von dieser Lagune gesehen hat, will er dorthin. Wir können ihn sehr gut verstehen.

Nur für Frühaufsteher
Aber es freut uns, dass die beiden erst einmal ein paar Tage in San Pedro bleiben wollen. Gemeinsam starten wir zu einem zweitägigen Ausflug zu den Tatio-Geysiren, die etwa 100 Kilometer von San Pedro entfernt in einer Höhe von etwa 4200 Meter liegen; die zahlreichen Geysire sind allerdings nur in den frühen Morgenstunden aktiv – bei Temperaturen von minus zehn Grad und kälter. Kein Grund, nicht dort oben zu campen... Die Fahrt mit leichtem Gepäck macht richtig Spaß. Und es tut gut, in einer kleinen Gruppe unterwegs zu sein. Mit Robert und Claudia haben wir äußerst sympathische Begleiter getroffen, die mit viel Neugier und Humor reisen. Und Robert und ich haben ähnliche Wünsche: Wir würden alles (oder fast alles) für eine aktuelle Ausgabe von MOTORRAD geben!

Noch vor Sonnenaufgang kriechen wir am nächsten Morgen aus unseren Zelten – was bei minus 16 Grad viel Überwindung kostet. Schnell ein heißer Tee, dann zu den nahen Geysiren, die allerdings recht träge vor sich hin dampfen. Inzwischen trudeln diverse Minibusse und Geländewagen mit weiteren Touristen ein, die gegen 3 Uhr in San Pedro gestartet sind. Doch heute bleibt die Küche kalt – soll heißen: Die Geysire regen sich auch nach Sonnenaufgang kaum. Nur hier und dort ein bisschen Dampf. Egal. Die Landschaft um uns herum – verschneite Andenriesen, Salzseen, Sanddünen und Meter hohe Kakteen – ist Grund genug, die Piste hierher unter die Stollen zu nehmen.

Dünensurfer
Tags darauf, es ist bereits später Nachmittag, rausche ich mit Robert ins Valle de la Muerte, ins Todestal. Obwohl nur wenige Kilometer von San Pedro entfernt, findet kaum jemand den Weg in diesen engen Canyon, der plötzlich vor etwa 100 Meter hohen Sanddünen endet. Für Robert auf seiner KTM gibt es kein Halten mehr – wie von Sinnen stürmt er den ersten Hang bergauf, zieht im feinen Sand weite Kreise, stiebt sich immer weiter in diese Welt aus Sand. Seine Augen glänzen, als er nach einer ziemlich steilen Dünenabfahrt wieder vor mir zum Stehen kommt. Gerne wäre ich ihm gefolgt, doch mit der Monsterkuh war auf dem feinen Grund nicht viel zu machen. Dafür ist meine Sitzbank bequemer...

Zwei Wochen in San Pedro, die wie im Flug vergangen sind. Wenn wir je in Ecuador ankommen wollen, sollten wir langsam aber sicher ein paar Kilometer weiter fahren. Der Umstand, dass wir am Abend noch Jane und Dave aus Australien treffen, die auf zwei Honda Transalp ebenfalls für sechs Monate durch diesen Teil Südamerikas reisen und nebenbei äußerst lustige Geschichtenerzähler sind, lässt uns unsere Pläne fast wieder aufschieben...

Mit alten Bekannten am Pazifik
San Pedro, die Vulkane und die einzigartigen Felsformationen des Mondtals verschwinden in den Rückspiegeln, und schließlich setzt die Straße zu einer scheinbar endlos langen Abfahrt an. Um uns herum nur knochentrockene Wüste. Wir passieren Chuquicamata, die größten Kupfermine der Welt mit ihren gewaltigen Schutthalden. Nach einer guten Stunde bergab kreuzen wir wieder einmal die Panamericana und fahren weiter in Richtung Küste. Noch einmal windet sich die Straße durch ein Gebirge, die Küstenkordillere, deren Gipfel die vom Meer heranziehenden Regenwolken davon abhalten, weiter ins ewig dürre Landesinnere zu ziehen.

Unerwartetes Treffen
Der Anblick des Pazifik ist nach so vielen Tagen im Gebirge und in der Wüste eine wunderschöne Abwechslung für die Sinne. Ab Tocopilla folgen wir der Küstenstraße in Richtung Iquique. Links das ewig schäumende Meer, das sich irgendwo am Horizont mit dem Blau des Himmels vereint; rechts die kargen braunen Berge der Küstenwüste – wir fahren wie in Trance, so gut gefällt uns diese kurvige Strecke. In diesem Moment könnte ich bis nach Alaska fahren... An einer weiten, hell sandigen Bucht halten wir, um ein paar Schritte am Strand entlang zu gehen. Mir fällt ein Mercedes-Lkw-Wohnmobil auf, das etwa 300 Meter entfernt von uns am Wasser parkt. Irgendwie kommt mir dieses Fahrzeug bekannt vor. Ein paar Minuten später sitzen wir bei Wolf und Ilona, die mit ihrem Brummi seit fünf Jahren auf Weltreise sind und die wir bereits vor drei Jahren an einem Strand auf der Baja California getroffen hatten.

Unsere Pläne, heute noch in Iquique anzukommen, sind bereits wieder Makulatur, denn gegen einen Abend mit alten Bekannten am Meer ist nicht viel einzuwenden. In Iquique spendiere ich den beiden BMW nach etwa 9000 Kilometern neues Öl. Zu meiner Überraschung sind die hinteren Bremsbelege an meiner GS völlig runter. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Per E-Mail bestelle ich die entsprechenden Teile bei der BMW-Niederlassung Leinetal (bei Göttingen), mit der wir im Voraus einen eventuellen Ersatzteilversand abgesprochen hatten. Die Sendung soll – wie unsere neuen Reifen – an den Automovil Club de Chile in Arica gehen. Dort hatten wir einfach angerufen und man versicherte uns, dass man alle Sendungen in Empfang nehmen und aufheben würde. Wir werden sehen...

Auf dem Weg dorthin passieren wir Humberstone und Santa Laura – zwei von unzähligen Geisterstädten in dieser Region, die ab 1860 auf Grund der großen Salpetervorkommen aus dem Boden gestampft wurden und schnell zu den reichsten Städten des Landes gehörten. Die Nachfrage an Salpeter aus Chile, das für die Herstellung von Düngemittel und besonders von Sprengstoff benötigt wurde, schien unendlich groß – bis man in Deutschland herausfand, wie man diese Produkte auf synthetischem und somit günstigeren Weg herstellen kann. Praktisch über Nacht wurden die vielen Minen, die Oficinas Salitreras, wieder der Wüste überlassen.

Heute ragen die Reste dieser altertümlichen Fabrikanlagen wie Skelette von Dinosauriern aus dem sandigen Boden. Maschinen, Häuser, Läden, ein Schwimmbad und ein Theater – stumme Zeugen aus einer anderen Epoche. Arica. Jetzt werden wir uns endgültig entscheiden müssen, ob wir nach Bolivien reisen oder nicht. Inzwischen haben wir mehrere Touristen getroffen, die das Land auf Grund der Unruhen verlassen haben, obwohl sich die bolivianische Regierung mit den Demonstranten geeinigt haben soll (Stand: 2. Mai). Bis unsere Reifen gewechselt und andere Kleinigkeiten erledigt sind, werden aber noch ein paar Tage vergehen.

Post Scriptum
Für alle, die es genauer wissen wollen: Die im Text erwähnten Puritama-Thermalquellen (Banos de Puritama) liegen etwa 35 Kilometer von San Pedro entfernt an der Strecke zu den Tatio-Geysiren. Leider teuer: der Eintritt beträgt etwa 20 Mark. Doch wer an diesen schön gelegenen Badestellen vorbeifährt statt in die Becken zu steigen, hat wirklich etwas verpasst. Außerdem kommen die Eintrittsgelder öffentlichen Einrichtungen in San Pedro zugute. Der erwähnte (und sehr empfehlenswerte) Ausflug zum Tara-Salzsee ist allerdings nur etwas für Sandspezialisten und Spurensucher. Von San Pedro aus in Richtung Jama-Pass fahren; die asphaltierte Strecke steigt bis auf fast 4800 Meter und fällt dann in einigen Serpentinen etwas bergab. Jetzt sieht man bereits merkwürdige Felsformationen: Meter hohe Säulen aus Stein, die wie zufällig in der kargen Landschaft stehen.

Am linken Straßenrand nach Autospuren suchen, die zu den höchsten Säulen führen. Die Spuren führen nach einigem auf und ab über eine weite Hochebene weiter in Richtung Norden (Richtung Grenze Bolivien). Viel Sand und tiefe Rillen. Nach etwa 10 Kilometern kommen weitere markante Felsformationen in Sicht. Die Spuren führen leicht bergab zum leuchtenden Salzsee (Salar de Tara, viele Flamingos), der nicht zu übersehen ist. Nicht weiter als bis zum Ufer fahren (ein von Deutschen gemieteter Geländewagen steckt bereits seit einigen Wochen im Morast). Den gleichen Weg zurück fahren. Die Aussichten während dieser Tour auf das farbige Altiplano sind schlichtweg atemberaubend. Wer sich für das »Explora en Atacama« interessiert, kann sich auch an www.zfl.de wenden, wo man alle Infos bereithält und auch Buchungen vornimmt. Ein weiteres Explora-Hotel befindet sich im Torres del Paine-Nationalpark im chilenischen Patagonien.

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