Reiseberichte (7)

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Mal wieder Regen, ein Faultier und Ärger mit einem Polizisten
Fast 30 Grad, schwarze Wolken, tropische Regengüsse – als Motorradfahrer hat man es in Santa Cruz nicht gerade leicht, wenn draußen die Welt untergeht. Eigentlich wollten wir in den nahen Amboro-Nationalpark (Urwald-Flora und -Fauna) fahren. Oder eine mehrtägige Urwald-Runde zu den abgelegenen Jesuiten-Missionen unternehmen, die von der UNESCO allesamt zum Weltkulturerbe erklärt wurden (San Javier, Concepción, Santa Ana, San Rafael, San Miguel und San José de Chiquitos). Aber nun sind die wenigen Urwaldpisten vermutlich für längere Zeit unpassierbar. Würden wir uns trotzdem aus der Stadt heraus in Richtung Dschungel wagen – wir würden spätestens bei der ersten Flussdurchquerung richtig baden gehen...

Einige der Polizisten leben offenbar ganz gut von den durchreisenden motorisierten Touristen
Also bleiben wir ein paar Tage in Santa Cruz. Die Stadt hat Charme, verfügt über nette Cafés, über vermutlich mehr Säulen vor den Häusern als das antike Rom, über die höchste Kriminalitätsrate in ganz Bolivien und über eine prächtige Plaza mit schattigen – und vor Regen schützenden – Bäumen, in deren Ästen ein Faultier lebt und die schon mal zu besonderen Zwecken missbraucht werden: Vor zwei Wochen wurde hier ein Drogendealer aufgehängt. Bandenkriege und Selbstjustiz sind vermutlich nichts ungewöhnliches in einem Teil Boliviens, wo ein Großteil des Bruttosozialproduktes mit Kokain erwirtschaftet wird und man wenig Vertrauen in Rechtsprechung und Polizisten hat.

Letzere – oder zumindest einige von ihnen – leben zudem ganz gut von motorisierten Touristen. Normalerweise sind an den vielen Kontrollstellen entlang der Hauptstrassen bestenfalls Pass und Führerschein zu zeigen. Hat man Pech, muss man eine Gebühr entrichten. So wie wir, als wir uns auf den Weg in Richtung Sucre, Boliviens Hauptstadt, machen. Wenn ich meinen Pass wieder haben wollte, müsste ich zehn Bolivianos zahlen. Der Bursche meint es ernst. Ich frage genauso ernst, ob ich die umgerechnet etwa drei Mark mit meiner Kreditkarte zahlen könne. Natürlich nicht, alles andere hätte mich auch sehr überrascht. Also reiche ich, weil es wirklich zwecklos ist, zu diskutieren, einen 50 Bolivar-Schein (etwa 17 Mark) über seinen Schreibtisch und freue mich bereits über diesen einfachen wie genialen Schachzug – in Bolivien ist Wechselgeld in diesen Summen praktisch unbekannt. Doch hier ist man auf jede Eventualität vorbereitet: Völlig unbeeindruckt gibt er mir 40 Bolivianos zurück. Das lange Gesicht mache ich. Auch als ich nach einer Quittung verlange. Natürlich nix zu wollen, obwohl ich den Kerl daran erinnere, dass man in Bolivien immer einen Beleg erhalten und diesen sogar einige Zeit aufheben muss. Dieses sei eben eine Ausnahmesituation und ich solle nun endlich weiterfahren. Zugegeben, das war bisher wirklich eine Ausnahmesituation. Und die drei Mark sind mir auch völlig egal. Trotzdem, ich könnte platzen vor Wut.
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Eine gescheiterte Revolution - oder: Auf den Spuren von Che Guevara
Wir halten uns etwa 180 Kilometer in Richtung Cochabamba. Schnell zirkelt sich die ziemlich gute Asphaltstrecke (ein seltener Genuss) wieder hoch in die Berge. Wenn es der dichte Wald zulässt, blicken wir in tiefe Schluchten oder in weite sattgrüne Täler – und nach 1200 überwundenen Höhenmetern in einen dunkelblauen Himmel. Genauso, wie es der Wetterbericht vorher gesagt hatte. Als nach zirka 150 Kilometern der Teer wieder in eine Piste übergeht, ist diese zwar durch die Regenfälle etwas aufgeweicht, doch dafür zumindest nahezu staubfrei.

In Mataral biegen wir in Richtung Süden auf einen Weg ab, von dem wir laut Reiseführer nur wissen, dass diese Strecke landschaftlich zu den schönsten in Bolivien zählt. Und dass sie unter Che-Guevara-Fans quasi Kultstatus hat. Der legendäre Revoluzzer und Guerilla-Führer wollte zwischen 1965 und 1967 in dieser völlig weltabgeschiedenen Region die Bauern zu einem Volksaufstand aufrufen. Allerdings erfolglos, weil Che keinen Rückhalt bei den Campesinos fand. Was mich eigentlich auch nicht wundert. Eine Revolution, die schließlich die ganze Welt verändern sollte – und der gute Che suchte sich im Kampf gegen den US-Imperialismus seine Jünger dort aus, wo man heute noch nicht weiss, wie weit es bis zum nächsten Dorf ist (kein Scherz), wo praktisch noch immer die wenigsten lesen und schreiben können und wo man sich eher an die traditionellen Lebensweise seiner Vorfahren hält als sich dafür zu interessieren, wer gerade in Moskau oder Washington regiert.

Schliesslich genauso aussichtslos: Ches Kampf gegen das bolivianische Militär: Am 8. Oktober 1967 wurde er nach seiner Gefangennahme im Schulgebäude im nahen La Higuera erschossen und seine Leiche in Vallegrande der Presse präsentiert. Noch heute pilgern Che-Fans hieher – wir finden den Ort dagegen recht trostlos, fahren weiter. Noch sind es etwa 360 Kilometer bis nach Sucre.

Gleich hinter Vallegrande wird aus der Piste ein Pfad. Kaum autobreit, verschwindet diese Spur im wilden hin und her immer höher in einem Gebirge. Unsere Karte ist zu ungenau, um noch feststellen zu können, ob wir überhaupt richtig sind. Aber einen anderen Weg haben wir nicht gesehen. Seit einigen Stunden auch keinen Menschen und kein anderes Fahrzeug mehr. Weit sind wir bisher allerdings auch nicht gekommen – der Regen hat auch hier gewütet und den Weg in einem üblen Zustand hinterlassen. Tiefe Spurrillen und Löcher, in die gleich zwei Monsterkühe passen, loses Geröll und stellenweise äußerst zäher Schlamm. Wir bewegen die beiden BMW ausschließlich im ersten und zweiten Gang und mein IMO-Bordcomputer errechnet einen Schnitt von 16 Kilometern pro Stunde, als wir am späten Nachmittag Pukara erreichen, ein Dorf, dass nur aus einer Handvoll einfacher Häuser aus Lehmziegeln besteht.
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Eine verwegene Piste, eine Brücke, die nicht jeder kennt und acht Stunden für 160 Kilometer
Natürlich fallen wir in Pukara auf. Erst recht, als wir die beiden BMW mit Hilfe einer selbst gebauten Rampe aus Steinen und einem Brett über drei hohe Stufen in unsere »Pension« manövrieren. Aber die Stimmung ist gut. Kinder lachen, sitzen abwechselnd im Sattel der Monsterkuh oder der F 650, während die Älteren nach dem Woher und Wohin fragen und wie uns Bolivien gefällt. Ches Konterfei ist hier an fast jede Hauswand gemalt.

Über den Verlauf der weiteren Strecke erfahren wir dagegen Unterschiedliches. Zuerst gibt es keine Brücke über den zur Zeit äußerst wasserreichen Rio Grande, was erklären würde, warum uns heute nur ein Auto entgegen gekommen ist. Dann erzählt uns jemand, dass vor drei Jahren eine neue Brücke errichtet wurde... Wir wollen wissen, wie lange es von hier bis nach Sucre dauert. Kopfschütteln. Oder wie viele Kilometer es bis Villa Serrano sind, dem nächsten Ort, von dem wir wissen, obwohl er nicht auf unserer Karte verzeichnet ist. Ebenfalls Kopfschütteln. Eine Fahrt dorthin würde vier Stunden dauern. Oder acht. Auf Motorrädern seid ihr sicher in zwei Stunden dort. Der Weg sei »muy bueno«. Na bitte, endlich mal eine konkrete Antwort...

Nun, am nächsten Abend wissen wir, das es von Pukara bis Villa Serrano etwa 160 Kilometer sind, dass wir dafür fast acht Stunden gebraucht haben, dass eine Brücke über den Rio Grande führt, wie man sie am Rhein, aber nicht in diesem völlig verlassenen Teil Boliviens erwartet. Und dass diese steile, sandige, steinige, schlammige Strecke vielleicht sogar die schönste ist, die wir bisher gefahren sind.

Stellenweise fühlten wir uns sogar an die Canyon-Landschaften der USA erinnert. Tiefe, von Wind und Wetter geschaffene Schluchten, markante Felssäulen und roter Stein. Plötzlich Wüste. Meterhohe Kakteen, heller Sand, unzählige dickstämmige Baobabs, jene Flaschen ähnliche Bäume, wie ich sie von Fotos aus Madagaskar kenne und hier bestimmt nicht erwartet hätte. In der prallen Sonne maßen wir 35 Grad, eine Weile später fuhren wir durch Urwald, wo es unter dem dichten Laubdach noch Tage dauern wird, bis der Weg wieder trocken ist. Teilweise setzten in den tiefen, ausgewaschenen Spurrillen rechts und links sogar die Koffer auf. Und der aufgeweichte Grund war so rutschig, dass der kleinste Dreh am Gasgriff ausreichte, um die Hinterräder durchdrehen zulassen. An einem äußerst schwierigen Teilstück legte Franca die F 650 innerhalb von 100 Metern gleich zweimal in den badewannengroßen Schlammlöchern ab. Schliesslich sahen wir beide aus wie Schweine nach ihrer Lieblingsbeschäftigung. Das man uns am Abend in Villa Serrano überhaupt ein Zimmer gegeben hat, wundert mich noch heute.

Natürlich wollen wir wissen, in welchem Zustand sich der weitere Verlauf der Piste befindet und wie lange eine Fahrt nach Sucre (etwa 130 Kilometer) dauert. Wir fragen einige Bus- und Lkw-Fahrer, die diese Strecke eigentlich kennen müssten. Der Variantenreichtum der Antworten überwältigt uns trotz unserer bisherigen Erfahrung - mal ist der Weg schnurgerade, ein anderer erzählt, dass die Piste kurvig und staubig sei. Dann würde eine Fahrt von hier nach Sucre etwa sechs Stunden dauern. Nein, man bräuchte 36 Stunden...

Sucre, die »weiße Stadt« – und ein defektes Radlager...
Gegen Mittag erreichen wir Tarabuco, das etwa 60 Kilometer vor Sucre liegt. Zu unserer großen Überraschung beginnt hier wieder der Asphalt. Weil wir also mehr Zeit haben als geplant und heute Sonntag ist, spazieren wir eine Weile über den Sonntagsmarkt in Tarabuco. Lärm und Farben betäuben die Sinne. Überall wird laut gehandelt und gefeilscht. Autos hupen, Kinder schreien, Panflöten-Musik dringt völlig verzerrt aus gewaltigen Lautsprechern. Die Tarabuquenos wandeln in ihrer traditionellen Tracht – farbenprächtige Ponchos und helmartigen Kopfbedeckungen – auf ihren eigenartigen Holzschuhen durch die engen Gassen und versuchen, Armbänder, Taschen, Pullover oder Ponchos an die zahlreichen Touristen aus aller Welt zu verkaufen.

In einer Nebengasse entdecken wir eine »Tankstelle«: Benzin wird in Tarabuco aus zehn Liter fassenden Blecheimern verkauft – inklusive der Rostablagerungen, viel Dreck und vermutlich mit Wasser verdünnt. Wir haben leider keine Wahl; beide BMW laufen bereits seit einiger Zeit auf Reserve. Wir tanken fünf Liter pro Motorrad und wundern uns nicht über die bisher schlimmsten Klopfgeräusche aus dem Inneren der Triebwerke.

Wie aus dem Nichts erscheint Sucre vor uns, eine Weile später stehen wir im Zentrum von Boliviens nomineller Hauptstadt und können kaum glauben, was wir sehen: koloniale Pracht vom Feinsten. Häuser und Kirchen sind dazu allesamt weiß gestrichen – darum auch »die weiße Stadt«, die 1992 ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Nach drei Tagen in den Bergen und im Urwald kommt es uns im Moment so vor, als ob wir in Rom, Florenz und Siena auf einmal gelandet sind. Was an der Pracht, mehr aber noch am Verkehr liegt. Das Gehupe an jeder Ecke und Kreuzung – je lauter desto Vorfahrt – ist schlichtweg nervtötend. Regeln? Gibt es bestimmt. Nur, dass sie keiner oder die wenigsten kennen – in Bolivien macht man keinen Führerschein, man kauft ihn. Fahrschulen sind eine Erfindung aus einer anderen Welt, die sich erst ganz allmählich durchsetzt. Und damit nicht alles aus dem Ruder läuft, regeln Polizisten an großen Ampelkreuzungen zusätzlich den Verkehr.

Natürlich treffen wir hier wieder auf Dirk, Robert (Mr. Düne) und Claudia. Drei Tage flanieren, mal wieder Wäsche waschen oder einfach nur auf der Plaza sitzen – alles könnte so einfach sein. Wäre da nicht die Sache mit dem defekten Radlager. Die beiden BMW waren schon beladen und wir eigentlich schon auf dem Weg nach Potosi, als ich eher zufällig die Räder auf Spiel kontrolliere – und entdecke, dass das Hinterrad der Monsterkuh recht lose in der Gegend herum hängt. Also wieder abladen und ab in die nächste Werkstatt. Der Meister blickt schnell die Situation und meint, dass es ein passendes Lager auch in Sucre gibt. Noch mal Glück gehabt, denke ich.

Nun, erstens glaubt man mir in den entsprechenden Geschäften nicht, das ein Lager dieser Grösse zu einem Motorrad gehört (man tippt auf Kleinlastwagen...), und zweitens lässt sich in Bolivien kein Radlager dieser Dimension auftreiben, was heißt, dass ich ein Lager in Deutschland bestellen muss. Ein E-Mail an das BMW-Autohaus Leinetal, mit dem ich einen eventuellen Ersatzteilversand vor der Reise abgesprochen habe, und das Teil ist samt Einbauanleitung auf dem Weg hierher. Eine Woche soll der Transport dauern...

In den Minen des Cerro Rico – dem »Eingang zur Hölle«
Obwohl uns Sucre gefällt, haben wir keine Lust, eine weitere Woche hier zu warten. Unser Plan: Mit beiden Motorrädern und nur halbem Gepäck ins 160 Kilometer entfernte Potosi (durchgehend Asphalt) zu fahren. Und dann zum Salar de Uyuni – anstatt im Sattel der BMW im Sitz eines Reisebusses, weil die Strecke dorthin in einem so schlechten Zustand sein soll, dass ich sie meiner lädierten GS nicht zumuten möchte. Mein einziger Trost: der Salar steht noch immer unter Wasser, so das eine Befahrung dieser größten Salzwüste der Welt zur Zeit ohnehin nicht möglich ist.

Am nächsten Tag in Potosi, der »höchst gelegenen Großstadt der Welt« (4000 Meter über Null), die ebenfalls unter dem Schutz der UNESCO steht. Vermutlich gibt es in Südamerika keinen Ort mit einer traurigeren Vergangenheit – Schuld daran hatten die gewaltigen Silbervorkommen im »reichen Berg«, dem Cerro Rico, der hinter der Stadt aufragt. Zwischen 1547 und dem Beginn des 18. Jahrhunderts versklavten die spanischen Eroberer den größten Teil der damaligen Hochlandbevölkerung, um sie nach dem begehrten Metall graben zu lassen. Potosi »blühte« auf, war 1650 größer und reicher als Paris oder Rom und lieferte insgesamt etwa 45.000 Tonnen Silber in die alte Welt, der es völlig egal war, dass bis zum 18. Jahrhundert, als die Minen so gut wie ausgebeutet waren, etwa acht Millionen indigene Zwangsarbeiter unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Stollen verreckt waren.´

Heute sieht der kegelförmige Berg wie ein einziger Schutthaufen aus, drinnen erinnert er an einen Schweizer Käse. Noch immer wühlen sich über 8300 Minenarbeiter durch die uralten, bis zu 400 Meter tiefen und kilometerweiten Gänge, um mit viel Glück für etwa 100 Mark im Monat nach Zinn und Zink zu suchen – an den Arbeitsmethoden hat sich seit der Zeit der Spanier allerdings nicht viel geändert, was wir erfahren, als wir mit einem Führer durch die engen und völlig dunklen Gänge immer tiefer und teilweise auf allen Vieren in den Berg kriechen.

Sicherheitsmassnahmen? Bestenfalls ein Helm. Licht? Nur altertümliche Karbidlampen, die kaum den Schein einer Kerze übertreffen. Wir sehen Kinder und Frauen, die das Gestein schleppen, das die Männer mit Hämmern und Brechstangen losklopfen. Elendige und hoffnungslose Gestalten, deren Arbeitsschichten zwischen 24 und 36 Stunden dauern – der Altersdurchschnitt der Minenarbeiter liegt wegen der giftigen Dämpfe (Schwefel, Arsen- und Grubengas) kaum über 35 Jahren. Einen schlimmeren Ort kann man sich kaum vorstellen, deshalb wird Potosi heute noch als der »Eingang zur Hölle« bezeichnet.

Wieder draußen, werden wir zufällig Zeugen einer uralten Opferzeremonie. Zwei Lamas werden die Kehlendurchgeschnitten, und das Blut der noch im Todeskampf zappelnden Tiere wird in Tellern und Tassen aufgefangen und über den Stolleneingang gespritzt. Gleich darauf werden die Tiere zerlegt, um ein Stück von jedem Körperteil im Berg zu vergraben. Den Arbeitern soll diese Zeremonie Glück bringen; für sie ist heute ein grosser Feiertag. Wir sind hin und her gerissen zwischen Faszination und Abscheu.

Der Salar de Uyuni – mit Worten einfach nicht zu beschreiben
Zwei Tage später sind wir wieder unterwegs. Diesmal in einem klapprigen Reisebus, der uns über die etwa 250 Kilometer lange Wellblechpiste nach Uyuni bringt. Leute, Bus fahren ist nicht mein Ding. Draussen ziehen Landschaften vorbei, dass ich fast wahnsinnig werde, weil ich nicht anhalten und schauen kann. Die Sitze sind unbequem und die Luft im voll besetzten Bus wird mit jedem Kilometer – wie sag' ich es durch die Blume? – gewöhnungsbedürftiger...

Nach etwa sechs Stunden entdecken wir von einer Anhöhe zum ersten Mal den Salar de Uyuni – eine weiß glänzende Salzpfanne, die auf etwa 3600 Meter Höhe liegt und sich scheinbar grenzenlos und absolut plan bis zum Horizont zu erstrecken scheint. Ein gewaltiger Anblick, den ich seit meiner ersten Motorradreise hierher vor acht Jahren nicht vergessen habe. Damals konnte ich über die feste Salzkruste bis zu der kakteenbewachsenen Isla de Pescado fahren, wo außer mir kein Mensch war. Drei Tag saß ich auf der kleinen Insel mitten in dieser grellen Salzwüste und konnte nicht glauben, was meine Augen sahen, so unbegreiflich erschien mir dieses einzigartige Schauspiel der Natur (siehe auch Bildergalerie).

Inzwischen hat sich in Uyuni einiges verändert. Unzählige Touristen strömen heute in dieses bitterkalte und staubige Nest, das bis vor ein paar Jahren relativ unbekannt und nur schwer zu erreichen war. Fast 30 Reiseagenturen bieten inzwischen Geländewagenausflüge auf den Salar an – auch wenn diese Salzpfanne auf Grund der überaus heftigen Regenfälle noch immer fast komplett unter 20 bis 40 Zentimetern Wasser steht. Unseren BMW hätte ich diese Salzkur ganz sicher nicht zugemutet.

Auch wir lassen uns per Auto über den Salzsee auf die etwa 70 Kilometer vom Ufer entfernte »Isla Inkawasi« bringen, die von allen Agenturen und einigen Reiseführern fälschlicher- und unverständlicher Weise als »Isla de Pescado« verkauft wird. Die echte Isla de Pesacdo liegt etwa 30 Kilometer weiter in Richtung Westen. Aber egal, wo wir nun sind – dieser Felsen aus Lavagestein mit seinen bis zu zwölf Meter hohen Kakteen ist einfach wunderschön. Während die meisten Besucher nur zwei Stunden auf der Insel bleiben, haben wir verabredet, dass man uns erst in drei Tagen wieder abholt. Bis dahin schlafen und essen wir bei Don Alfredo und Dona Aurelia, einem alten Paar vom Volk der Aymara, die seit 1994 diesen abgelegen Ort mit einfachsten Mitteln bewirtschaften.


Immer, wenn am späten Nachmittag die regelmäßig über 100 Tagesgäste die Insel verlassen haben, kehrt eine Ruhe ein, die absolut unheimlich ist. Dann klettern wir jedesmal auf den höchsten Felsen und schauen in die Ferne. In jede Himmelsrichtung blicken wir auf das strahlende Weiß des Salzes und das tiefe Blau des Himmels. Beides vereint sich weit weg von uns am Horizont, wo wir auch die ersten schneebedeckten Vulkane ausmachen, die die Grenze nach Chile markieren und die perfekt von der Wasseroberfläche reflektiert werden. Als dann die Sonne untergeht, können wir wirklich nicht mehr glauben, was uns unsere Augen vorgaukeln: ein feuerroter Himmel und ein feuerroter Salar. Und hinter uns taucht – nur um diese Show perfekt zu machen – ein voller Mond zwischen den Kakteen auf... Ein Schauspiel, das man mit Worten einfach nicht mehr beschreiben kann. Nach drei Tagen sind wir sicher, dass dieses der schönste Ort ist, den wir kennen.

Zurück in Sucre. Ich warte noch immer auf das Radlager. Heute (11.6.) soll es endlich ankommen, dann werden wir sehen, was die Schrauber hier auf dem Kasten haben. Geht alles gut, fahren wir endlich weiter in Richtung La Paz und zum Titicaca-See.

Post Scriptum zum 7. Reisebericht
Die Fahrt im Bus zurück von Uyuni nach Potosi war recht unterhaltsam. Der Bus um zehn Uhr fuhr nicht – irgendwo auf der Strecke hätten Dorfbewohner Straßensperren errichtet, um gegen ihren Bürgermeister zu demonstrieren.

So hieß es zumindest. Dann also der Nachtbus um 19 Uhr. Wegen der Kälte würde man Nachts keine Strassen blockieren, sondern lieber schlafen. Sagte man uns. Na gut. Gegen 23 Uhr die erste Blockade. Kein Durchkommen, obwohl der Busfahrer fast zwei Stunden verhandelte. Weil im Bus keine Heizung geht, sinkt die Temperatur auf unter Null Grad. Wir sitzen und frieren erbärmlich. Schließlich kehren wir gegen ein Uhr um – der Busfahrer kennt einen anderen Weg, der durch die Berge nach Potosi führt. Nur das diese Piste schlichtweg desolat ist. In Schrittgeschwindigkeit zuckeln wir durch die kalte Nacht – bis zur nächsten Straßenblockade. Es ist inzwischen vier Uhr und so eisig im Bus, dass die Scheiben von innen völlig zugefroren sind. Draußen einigt man sich inzwischen darauf, dass der Busfahrer ein wenig Benzin spenden soll. Immerhin dürfen wir nach 45 Minuten weiter fahren.

Gegen sechs Uhr bittet der Busfahrer um eine Geldspende: Der Umweg hätte mehr Benzin gekostet, und wenn jeder Passagier fünf Bolivianos (1,60 Mark) zahlen würde, kämen wir auch in Potosi an. Alle greifen natürlich in ihre Taschen, nur ein US-Amerikaner regt sich auf und will wissen, ob ihm das Geld zurück erstattet wird. Ich schnauze ihn an, dass er gefälligst zahlen soll, den ich will einfach nur weiter. Gegen neun Uhr – nach 14 Stunden für etwa 350 Kilometer – erreichen wir tatsächlich Potosi, wo unsere beiden BMW warten, auf die wir uns noch nie so gefreut haben wie heute.

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