Gute Reise Reiseenduroreifen 2005

Egal wohin, Hauptsache die Reiseenduro steht auf den richtigen Pneus. Damit alpiner Kurvenspaß auch bei Nässe kein Roulette und der Ausflug mit Sack und Pack nicht zum Eiertanz wird, hat MOTORRAD acht aktuelle Reifenpaare durch die Mangel gedreht.

Foto: Jahn

Teil 1

Ob Dickschiffe vom Schlag einer Honda Varadero 1000 die Bezeichnung Enduro verdienen oder nicht, darüber streitet die Motorradgemeinde seit Jahren mit wachsender Begeisterung. Auslöser war die erste BMW-Boxer-GS, die Anfang der achtziger Jahre für Furore sorgte, deren Grundidee im Lauf der Zeit jedoch etwas verloren gegangen ist. Damals noch mit einem offensichtlichen Anspruch an Offroad-Tauglichkeit, haben sich die aktuellen „Enduros“ von den ursprünglichen Tugenden meilenweit entfernt.

Mit weit über 250 Kilogramm, strammen 100 PS und wuchtigen Plastikschalen gondeln die Varaderos dieser Welt zu 99 Prozent über mehr oder weniger gepflegten Asphalt. Die Offroad-Einlagen der Großenduristen beschränken sich, mit Ausnahme der ganz Harten, auf die Eroberung bereits eroberter Schotterpässe, ohne wirklichen Anspruch an Geländequalitäten.

Für alle, die mehr als nur lesen wollen: die Reifentest-Filme

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Mit ein Grund für Bridgestone und Michelin, sich die Mühe zu machen und ihre bewährten Touren-Pneus BT 020 beziehungsweise Pilot Road ab sofort in 19- und 17-Zoll-Enduro-Format zu gießen. Womit der Reisefraktion eine erstklassige Alternative zu den Enduro-Profilen zur Wahl steht – vorausgesetzt, die Touren-Pellen sind in den Fahreigenschaften tatsächlich überlegen. Um dies herauszufinden, hat MOTORRAD auch den Bridgestone BT 020 im Vergleichstest mitlaufen lassen, obwohl dieser auf der Honda Varadero nicht freigegeben ist. Doch schließlich sollen die Ergebnisse, soweit möglich, Besitzern anderer Reiseenduros, die mit identischen Reifengrößen und -typen unterwegs sind, ebenfalls die Kaufentscheidung erleichtern. Deshalb montierten die Tester anstatt des Serien-Pneus, der Bridgestone TW 101/152 in E-Version, auch die überarbeitete F-Spezifikation, wie sie beispielsweise auf der Suzuki V-Strom zum Einsatz kommt. Auf öffentlichen Straßen sind natürlich immer die Freigaben des jeweiligen Fahrzeugherstellers bindend. Ob und in welcher Spezifikation die Pneus montiert werden können, ist auf den Info-Seiten der Reifenproduzenten zu erfahren, die in den Datenkästen aufgeführt sind.

Gefahren wurden alle Tests mit ein und derselben Maschine mit erhöhter Vorspannung am Federbein sowie demontiertem Motorschutz, um die Schräglagenfreiheit zu verbessern. Wie immer zeichnete ein Datarecording-System alle Testfahrten auf. Die Analyse der erfassten Kurvengeschwindigkeiten, Brems- und Beschleunigungswerte unterstützt die Wertung der beiden Testfahrer. Wobei die Elektronik zwar ein praktisches Hilfsmittel ist, die subjektiven Eindrücke aber nie ersetzen kann. Denn es sind eben nicht nur die maximalen Werte, sondern auch die Transparenz und Gutmütigkeit, die einen Reifen auszeichnen. So kann das Kriterium Grenzbereichverhalten sowohl auf trockener wie nasser Fahrbahn für das Wohlbefinden und die Sicherheit mehr Aussagekraft haben als ein super-duper Schräglagengrip.

Der Reifenluftdruck entsprach bei allen Testreifen den Empfehlungen von Honda, also 2,5/2,5 bar solo und 2,5/2,9 bar mit Sozius. Jawohl, mit Sozius. Für MOTORRAD seit Jahren ein fester Bestandteil des Reifentests, um herauszufiltern, ob die Pneus ihre Kurven- und Lenkeigenschaften auch mit Zuladung beibehalten oder ob unter Last Karkasse und Profilblöcke einknicken und die Fuhre eher einem Schiff denn einem Motorrad gleicht. So mancher Reifen brachte hier den geplagten Testsozius an den Rande eines Nervenkollaps. „Noch so einer, und ich meld’ mich krank“, kommentierte der kreidebleiche Kollege beispielsweise den knatschig daherschunkelnden Michelin Anakee. Wie es richtig geht, demonstrierte der Touren-Pneu Pilot Road aus gleichem Hause mit makelloser Stabilität und akrobatischen Schräglagen – da stieg der Testsozius mit gesunder Gesichtsfarbe ab.
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Teil 2

Neu im MOTORRAD-Reifentest ist die zweifache Auflistung der Kurvenstabilität. Mit „Touring“ und „Sport“ wird künftig nach der jeweiligen Fahrweise unterteilt. Der Hintergrund: Jeder Reifentest erfordert das Ausloten der Haftgrenze in Schräglage und beim harten Beschleunigen aus Kurven. Dies geschieht wie immer auf der Rennstrecke, im vorliegenden Fall in Calafat, weil nur dort optimale, gleich bleibende Verhältnisse und Sicherheit gewährleistet sind. Allerdings entspricht diese Fahrweise nicht oder nur in einem sehr geringen Teil der Realität. Denn welcher Reisende bohrt sich in jeder Kurve mit den Fußrasten in den Asphalt und schlingert auf der letzten Rille durch die Landschaft? Deshalb drehten die Tester für die Touring-Wertung mehrere Runden in einem angepassten, artgerechten Tempo, das sich an zügiger Landstraßenfahrt orientiert. Wer's richtig fliegen lassen möchte, erfährt unter der Wertung „Sport“, wie sich die einzelnen Reifen bei schneller Kurvenfahrt und daraus resultierenden hohen Seitenkräften und Gummitemperaturen verhalten.

Auffallend bei den vielen Runden auf der Rennstrecke war, dass die Varadero bei hoher Geschwindigkeit mit keinem Pneu einen wirklich makellosen Geradeauslauf an den Tag legte. Selbst mit der als Referenz gefahrenen Serienbereifung Bridgestone TW 101/152 in E-Spezifikation ist ein leichtes Rühren bei Anregung vorhanden. Nie dramatisch – aber auch nicht perfekt.

Ein weiter wichtiger Bestandteil des Testprozedere: der Nasstest. Hier wird in bester Tradition ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet, also ohne Stützräder oder sonstige Hilfsmittel. In der freien Balance schlingern die Testfahrer an der Haftgrenze über den künstlich bewässerten Parcours der Michelin-Tochter Kleber in Südfrankreich. Eine nette Hilfe dabei: das zuverlässige Honda-ABS, das zumindest in der Bremsphase die Sturzgefahr minimiert. Zudem liefert die aus drei Versuchen gemittelte Verzögerung ein verlässliches Bild der möglichen Kraftübertragung der einzelnen Reifenpaarungen. Dass dies keine Zufallsmessungen sind, sondern die Ergebnisse ganz eindeutig der Haftfähigkeit der Gummis zugeschrieben werden können, wird erkenntlich, wenn man die Bremsverzögerung und die Rundenzeiten respektive Kurvengeschwindigkeiten vergleicht. Die schnellsten und griffigsten Reifen verzeichnen auch die kürzesten Bremswege und umgekehrt.

Ein entscheidender Faktor bei Nässe: die Lenkpräzision, die Garant dafür ist, dass die Maschine in kritischen Situationen dem Befehl des Fahrers folgt. Sich zuziehende oder zu schnell angefahrene Kurven fordern in erster Linie die Haftung und Lenkpräzision des Vorderreifens, um das Motorrad auf der rechten Fahrspur zu halten. Aus diesem Grund legt MOTORRAD besonderen Wert auf eine leicht beherrschbare Grip-Balance. Diese Grip-Balance sollte deutlich zugunsten des Vorderreifens ausfallen, was verhindert, dass das Vorder- vor dem Hinterrad die Haftung verliert. Denn ein aus der Spur gleitendes Heck lässt sich leichter abfangen, als ein rutschendes Vorderrad, das meist sofort einen Sturz zur Folge hat.

Welcher Reifen ist nun der richtige? Diese Frage muss jeder Fahrer anhand der Punktewertung selbst beantworten. Nicht allein die Gesamtpunktzahl ist entscheidend, vielmehr sollte der individuelle Pneu anhand der Einzelkriterien ausgewählt werden. Wer auf maximale Kurvenqualitäten Wert legt, bei Nässe aber lieber zu Fuß geht, muss die Messlatte anders anlegen als der Allwetterfahrer, der sich auch bei Regen auf die Reise.
Dass MOTORRAD in den Datenkästen keine Preise nennt, liegt zum einen daran, dass die Hersteller auf einen verbindlichen Verkaufspreis verzichten und dem Handel die Kalkulation überlassen, zum anderen ist das Angebot an Reifen zu Dumpingpreisen über Internet-Vertriebe nicht mehr überschaubar. Ein verlässlicher, seriöser Mittelwert lässt sich daher nicht ermitteln. Der Verschleißtest der acht Probanden fiel leider dem Wetter zum Opfer, denn just zum avisierten Zeitpunkt schneite es im Mittelmeerraum. Deshalb bittet MOTORRAD alle Großenduristen, unter www.motorradonline.de/verschleiss an einer umfassenden Umfrage über die getesteten Reifen mitzumachen, bei der es auch drei – natürlich neue – Sätze zu gewinnen gibt. Die Ergebnisse werden dann online und in MOTORRAD veröffentlicht.

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