Rennfahrer-Karrieren: Helmut und Stefan Bradl (Archivversion)

Folgerichtig

KTM-Junior Stefan Bradl auf dem aufsteigenden Ast: Wie sein Vater Helmut startet er nach dreijähriger Warmlaufzeit in der WM. Mehr hat die Karriere des 15-Jährigen mit der des 250-cm³-Vizeweltmeisters von 1991 aber nicht gemeinsam – ein Beispiel für die Entwicklung des Sports.

Red-Bull-Rookies-Cup im Jahr 2003, Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM) 2004, der erste WM-Punkt in der laufenden Saison, ein Vier-Jahres-Werksvertrag bei KTM für die
125-cm3-Weltmeisterschaft ab 2006 – der heute 15-jährige Stefan Bradl hat’s nicht so mit Umwegen. Kunststück, werden
geneigte Beobachter einwenden, deren
Erinnerungsvermögen die vergangenen
20 Jahre überspannt, bei dem Vater.
Tatsächlich: Auch Helmut Bradl absolvierte bereits im dritten Jahr seiner Karriere den ersten WM-Start – im damals jugoslawischen Rijeka übrigens, einem Ort, der noch zweimal mehr sehr bedeutungsvoll für seine Laufbahn sein sollte. Davon
abgesehen aber könnten die Erlebnisse der beiden bayerischen Talente im Motorradrennsport kaum unterschiedlicher sein – die Gelegenheit, die Entwicklung dieses Sports über zwei Generationen hinweg
zu illustrieren, von den bescheidenen
Anfängen bis in die höchsten Regionen des Geschäfts. Vater Helmut brachte es immerhin bis zur Vizeweltmeisterschaft, Sohn Stefan will einen Schritt weitergehen. Ein Vergleich ihrer Erfolgsgeschichten erlaubt den Schluss: Das könnte klappen.
Jedenfalls sind die Startparameter für Stefan Bradl optimal. Das erste Motorradsportgerät, das der damals 13-Jährige
unter den Hintern bekam, war gleich eine richtige Rennmaschine: der Honda-Production-Racer RS 125, mit 45 PS und all den Einstellmöglichkeiten, die eben nötig sind, um ein Motorrad perfekt auf den jeweiligen Renneinsatz abzustimmen. Dazu erhielt Stefan von Seiten des Red-Bull-Rookies-Cups Techniker-Koryphäe Sepp Schlögl und Ex-GP-Pilot Adi Stadler als Lehrmeister – beides Bayern, Sprachbarriere kein Thema – und natürlich Vater Helmut, der obendrein als Vorbild diente.
Von so viel Know-how im Umfeld konnte Helmut Bradl noch nicht einmal träumen, als er 1984 beschloss, Motorradrennfahrer zu werden. Seine Idole waren all die Piloten, die beim Augsburger Flugplatzrennen ihre Runden drehten, wohin er und Bruder Max im Schlepptau des rennbegeisterten Vaters jährlich pilgerten. »Das machen wir jetzt auch«, sagten sich Max und Helmut. Bei einem Aktiven aus der Gegend wurde Basiswissen recherchiert: Aha, man muss Mitglied in einem Sportverband sein, benötigt eine Lizenz zum Rennfahren und ein ärztliches Attest. Geld war knapp, deshalb wurde die 500-cm3-Viertakt-Nachwuchsmeisterschaft als Betätigungsfeld gewählt – dort waren serienmäßige Honda VF 500 konkurrenzfähig. Knapp 9000 Mark für 70 PS bei 200 Kilogramm Gewicht lautete die Formel, an der Sponsoren kein Interesse hatten. Sein Budget sparte sich der da-
mals 22-Jährige vom Lohn ab, den er als Automechanikergeselle verdiente – nicht ganz 900 Mark pro Monat.
Platz drei in der Gesamtwertung sprang am Saisonende heraus, und das Motorrad taugte noch für ein weiteres Jahr. Da wurde aber schon in Tuning investiert. Als Helmut elf der 14 vorgesehenen Rennen gewonnen und den Titel sicher hatte, machte er die Honda sofort zu Geld, der Käufer rückte zu den restlichen Wettbewerben bereits mit Bradls Ex-Motorrad aus.
Bradl junior erreichte in seinem Rookies-Cup-Jahr Rang sieben der Schlusstabelle. »Zu oft runtergefallen«, konstatiert
er heute. »Er hätte ein weiteres Jahr Cup
fahren können«, beschreibt Helmut den
anstehenden Entscheidungsprozess, »doch
das wäre ein verlorenes Jahr gewesen.« Weil nur zwei der Cup-Piloten offiziell gefördert wurden, musste für den kleinen Bradl eine Lösung gefunden werden, die einen Erfolg versprechenden Auftritt in der IDM ermöglichte. Vater Helmut ließ alte Beziehungen aufleben – am Ende war
Stefan einer der beiden Fahrer des neu
gegründeten KTM-Junior-Teams. »Mit Top-Material für IDM-Verhältnisse und einem professionellen Team«, wie Helmut betont. Der Youngster machte Platz fünf daraus.
Helmut Bradl stieg im dritten Jahr
seiner Karriere in die deutsche 250-cm3-Meisterschaft ein, mit einem neuen, auf Kredit gekauften Honda-Production-Racer, der ihm keine nennenswerten Ergebnisse einbrachte. Aber Platz 23 beim ersten WM-Start in Rijeka. 1987 kam wieder eine neue Honda für die DM ins Haus, 1988 die nächste für die erste komplette WM-Saison, nach der er mit 40000 Mark Schulden dastand. »Ich wollte aufhören«, sagt Bradl heute, »aber dann passierte die Sache mit Toni Mang.« Der mehrfache Weltmeister war – in Rijeka – gestürzt, hatte sich ein Schlüsselbein gebrochen und daraufhin seine Karriere nach 13 WM-Jahren von einem Tag auf den anderen beendet. Seine beiden vakant gewordenen 250er-Werks-Honda wurden an die Nachwuchspiloten Bradl und Jochen Schmid verteilt.
Weil er sich mit Platz sechs beim WM-Finale in Brasilien ordentlich aus der Affäre zog, rutschte Bradl ins HB-Honda-Team: »Mir wurden zwei Semi-Werksrenner hingestellt und 100000 Mark Ersatzteil-Budget überwiesen – wie ich zu den Rennen komme, war mein Problem«, erinnert er sich. Das ging bis Mitte 1990, bis er
wieder einmal pleite war und erneut einen Schlussstrich ziehen wollte. Dann geschah – in Rijeka – der grauenvolle Unfall, der seinen Teamkollegen Reinhold Roth zum Invaliden machte. Die für Roth geplanten Ressourcen wurden zu Bradl umgeleitet, der 1991 mit der Vizeweltmeisterschaft den Höhepunkt seiner Laufbahn feierte und 1993 mangels Anschlusserfolgen
abserviert wurde. Kurz zuvor hatte er
mit Bruder Max einen kleinen Laden im Heimatdorf Zahling eröffnet, der die ländliche Umgebung mit Honda Power Products versorgt – Rasenmäher, Motorsägen und dergleichen.
Sein plötzliches Karriereende hat Helmut Bradl vor Augen, wenn er bei aller
Begeisterung für die Entwicklung seines Sprösslings eisern darauf achtet, dass dessen Ausbildung für ein Leben abseits der Rennstrecke nicht zu kurz kommt. Im Frühjahr musste Stefan direkt nach seinem ersten Grand-Prix-Start in Barcelona die Prüfungen für den so genannten Qualifizierten Hauptschulabschluss ablegen, nächster Programmpunkt ist die Mittlere Reife, zwei Berufspraktika hat er auch schon hinter sich. »Da muss er durch«, sagt ein unerbittlicher Helmut Bradl, der
so was wie Taschengeld für überflüssig hält: »Er darf seine Preisgelder behalten – wenn er mehr braucht, muss er halt schneller fahren.«
Die Schultage, die Stefan während
der GP-Saison 2006 durch die zeitaufwendigen Übersee-Termine verpasst, wird er mit einem Privatlehrer nachholen müssen. Auch das von Sponsor Red Bull für
ihn persönlich ausgearbeitete Fitnessprogramm – mindestens fünfmal die Woche 60 Minuten auf dem Heimtrainer und Dehnübungen – belastet das Freizeitkonto des 15-Jährigen. »Wir wussten gar nicht, was das ist, Fitness«, denkt Helmut Bradl an seine aktive Zeit zurück.
Stefan Bradl weiß es, weiß trotz seiner Jugend auch die perfekte Situation mit Werksvertrag und Top-Sponsor zu schätzen. Trotzdem: Ist er nicht zu jung, um
in diesem Alter schon einen Weltmeistertitel anzustreben? Klare Antwort: Nein. Bei dem Vater...
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Bradl, Helmut und Stefan: Rennfahrer-Karrieren im Vergleich (Archivversion)

1984 Erstes Rennen in der deutschen 500-cm3-Viertakt-Nachwuchsmeister-schaft auf einer Serien-Honda VF 500. Helmut ist 22 Jahre alt, verdient als
Automechaniker knapp 900 Mark im Monat. Platz drei in der Gesamtwertung.
1985 Gleiche Klasse, gleiches Motorrad, aber mit Motortuning, speziellen
Rädern, Spezialtank und -sitzbank. Er gewinnt elf von 14 Rennen und den Titel.
1986 Wechsel in die deutsche 250-cm3-Meisterschaft mit einem auf Kredit
gekauften, neuen Honda-Production-Racer. Erster WM-Start, DM-Platz zwölf.
1987 Europameisterschaft und DM 250 cm3 mit neuem Production Racer,
zwei WM-Starts. Bradl wird Vize-Europameister und DM-Dritter.
1988 Komplette WM-Saison mit neuem Production Racer. Zum Saisonende
zwei Rennen auf der Werks-Honda von Toni Mang. Gesamtrang 17, DM-Zweiter.
1989 Teamkollege von Reinhold Roth im HB-Honda-Team. Bradl erhält zwei
Semi-Werks-Honda sowie 100000 Mark Ersatzteil-Budget. WM-Platz neun.
1990 Mit Roth bei HB-Honda, Voraussetzungen wie 1989. Nach Roths schwerem Unfall stehen die für ihn geplanten Finanzmittel und Techniker wie Sepp Schlögl
Helmut Bradl zur Verfügung. HB zahlt seine Reisekosten. Er wird WM-Vierter.
1991 Volle Unterstützung des HB-Honda-Teams mit Semi-Werksmaschinen und Sepp Schlögl als Cheftechniker. Bradl erhält erstmals Gage von Hauptsponsor HB.
Er gewinnt seinen ersten Grand Prix sowie noch vier weitere, wird Vizeweltmeister.
1992 Voraussetzungen wie 1991, aber Wechsel von Dunlop zu Michelin.
Ein zweiter Platz als bestes Ergebnis, in der Schlusswertung reicht es zu Rang vier.
1993 Unveränderte Bedingungen, aber Helmut Bradl gelingen nur zwei
dritte Plätze als beste Einzelresultate. Am Jahresende steht Platz sieben zu Buch. HB-Teamchef Dieter Stappert ersetzt Bradl für die Saison 1994 durch Ralf
Waldmann. Bradl hängt Kombi und Helm an den Nagel.

Bradl, Helmut und Stefan: Rennfahrer-Karrieren im Vergleich (Archivversion)

2003 Erste Rennsaison im
Red-Bull-Rookies-Cup auf einem
Honda-RS-125-Production-Racer.
Stefan ist 13 Jahre alt, besucht die
7. Klasse der Hauptschule. Platz
sieben im Cup-Schlussklassement.
2004 Aufstieg in die Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM)
125 cm3 als einer von zwei Fahrern des
neuen KTM-Junior-Teams. Platz fünf in
der Gesamtwertung. Erste internationale Rennen in der Europameisterschaft.
2005 Weiterhin IDM im KTM-Junior-Team, erster Rennsieg. Wild-Card-
Starts bei mehreren Grand Prix, erster Weltmeisterschaftspunkt.
2006 Aufstieg in die 125-cm3-Straßen-Weltmeisterschaft als KTM-Werksfahrer mit Vier-Jahres-Vertrag.

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