Rennkombis: Von Braun bis Biaggi (Archivversion) Auf Nummer Sicher

Ein Blick in die Dainese-Rennabteilung zeigt, wie sich die Lederkombis in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelten.

Alte Rennfotos vermitteln den Eindruck, als hätte früher das Sportgesetz sogar die Kleiderordnung vorgeschrieben. Noch vor 25 Jahren präsentierten sich die Grand Prix-Fahrer und ihre anderen Straßensport-Kollegen meist im einheitlichen Dreß: Schlichtes schwarzes Leder war angesagt. Erst mit Beginn der 70er Jahre kam Farbe ins Spiel. Die Rennkombis wurden modischer, bekamen immer mehr Sponsorensticker aufgenäht, und bis dato unbekannte Zusatzprodukte tauchten auf. Protektoren etwa oder Knieschleifer, die der neue Hanging off-Fahrstil verlangte (siehe Kasten auf Seite 146). Denn mit der Entwicklung der Rennreifen hin zu profillosen Slicks wuchsen die Schräglagen und das Bedürfnis der Fahrer, mit dem Knie am Boden die Haftgrenze der Maschine abzutasten. Vorreiter in Sachen frischer Optik und mehr Sicherheit war die 1972 gegründete Firma Dainese. Wer heute die Rennabteilung im norditalienischen Vicenza besucht, kann einen ganz besonderen Einblick in ein knappes Vierteljahrhundert Renngeschichte gewinnen. In einem langen Gang hängen mehrere Dutzend ausgemusterter Dainese-Rennkombis an der Wand. Darin steckten einst so prominente Stars wie die deutschen Weltmeister Dieter Braun und Toni Mang, die italienische Motorrad-Legende Giacomo Agostini, die amerikanischen 500er Champions Kenny Roberts und Freddie Spencer oder bekannte Superbiker wie Marco Lucchinelli und Giancarlo Falappa. Die Dainese-Montur des zurückgetretenen Publikumslieblings Kevin Schwantz ist ebenso dabei wie der Anzug von 250er Doppel-Weltmeister Max Biaggi. Beim direkten Vergleich zwischen den Kombis von Braun und Biaggi wird deutlich, wie stark sich die Rennbekleidung seit den 70er Jahren entwickelt hat. Brauns Anzug von 1973 hängt »wie ein Sack« am Kleiderbügel, wie Dainese-PR-Mann Vittorio Cafaggi treffend bemerkt. Nur zwei kleine Plastikschalen, die zum Schutz der Knie in das Leder eingesteckt sind, wölben sich leicht hervor. Ganz anders die Kombi von Biaggi. Sie ist in S-Form gebogen, Ärmel und Hosenbeine hängen nicht schlaff nach unten, sondern sie sind fast wie in der Sitzposition angewinkelt - dank zahlreicher Protektoren, die das Leder des Champions an den Knien, am Becken, an den Armen und im Bereich der Schulter gehörig verstärken. Wenn sie auf den ersten Blick auch wie schwerfällige Ritterrüstungen wirken, bieten moderne, exakt auf die Maße und die Rennhaltung der Piloten zugeschnittene Rennanzüge viel Bewegungsfreiheit. Damit die Fahrer in den Kurven und beim Schräglagenwechsel gut auf dem Motorrad herumturnen können, haben die Schneider im Beinansatz, im Bereich der Kniekehlen und an den Ärmeln reißfeste Stretcheinlagen aus KevlarGewebe eingenäht. Sogenannte Sommerkombis sind im Brustbereich, an den Armen und bis hinunter zu den Oberschenkeln mit kleinen Löchern durchsiebt, um den Akteuren bei Hitzerennen die entsprechende Kühlung zu verschaffen. Alles in allem wiegt eine Rennkombi rund vier Kilogramm. Jeder Fahrer verschleißt im Schnitt pro Jahr je nach Sturzfreudigkeit zwischen fünf und sieben Exemplare. Geschneidert wird bei Dainese nicht nur in der Fabrik, sondern auch vor Ort an der Rennstrecke. Ein Team von neun Mitarbeitern steht den Fahrern mit einer kompletten Näherei zur Verfügung. Bis zu 20 Kombis kann der Rennservice, den auch die Konkurrenz in Anspruch nehmen darf, pro Tag reparieren. Verschwitzte oder vom Regen durchnäßte Anzüge sind ebenfalls kein Problem, denn die tapferen Schneider haben stets einen großen Trockner dabei. 850 000 Mark in der Saison läßt sich Dainese die Rennabteilung und die Dienstleistungen bei den Veranstaltungen kosten. Dazu kommen zwei Millionen Mark an Handgeldern für die Vertragsfahrer. 60 Piloten waren es in diesem Jahr auf internationalen Rennstrecken, die Hälfte davon trat für Dainese im Grand Prix-Sport auf. Das bedeutet einen Marktanteil von rund 30 Prozent und damit die Pole Position unter den Bekleidungs-Ausrüstern in der Straßen-WM. Konkurrenzfirmen mit prominenten Fahrern sind zum Beispiel Braun-Leder (hat Dirk Raudies unter Vertrag), Nankai (schneidert für Michael Doohan) oder Schwabenleder (kleidet Ralf Waldmann ein). Während Dainese auf Hartschalen-Protektoren setzt, die im Lauf der Jahre zur besseren Dämpfung immer mehr mit Schaummaterial gepolstert wurden, vertritt die in Fellbach bei Stuttgart ansässige Firma Schwabenleder eine andere Philosophie. Hier bestehen die Schutzzonen aus weicheren Schaumprotektoren, die im Leder eingenäht und mit Kevlargewebe als Schleifschutz verstärkt sind. Der Vorteil gegenüber der Dainese-Lösung: eine bessere Schlagdämpfung. Nachteilig sind allerdings das höhere Gewicht sowie der schlechtere Tragekomfort, da die Protektoren größer und dicker ausfallen. Dank der großen Sicherheitsreserven der modernen Rennklamotten bleiben selbst Stürze bei hohem Tempo oft ohne große Folgen. »In Argentinien bin ich mit 215 Sachen abgestiegen, hatte keinen einzigen blauen Flecken, und die Kombi war nur leicht angekratzt«, konnte Ralf Waldmann einen Crash beim vorletzten GP dieser Saison schnell wieder abhaken. Parallel zu Kombis und Knieschleifern entwickelte sich bei Dainese und den Mitbewerbern weiteres Sicherheits-Zubehör. Einen Rückenprotektor schnallte sich Anfang der 80er Jahre kaum ein Grand Prix-Fahrer um. Martin Wimmer war einer der wenigen. 1982 hat ihn beim Training zum Jarama-Grand Prix ein solcher Schutz - er stammte von einer südafrikanischen Firma - sicher vor schweren Verletzungen bewahrt. »Ich bin damals auf einer Ölspur ausgerutscht, die der Österreicher Siggi Minich vor mir gelegt hatte«, erinnert sich der Münchner an den Crash, bei dem er mit dem Rücken heftig gegen den Randstein knallte. »Ohne den Protektor hätte ich mir bestimmt die Wirbelsäule angeknackst. So kam ich mit starken Prellungen davon.« Für Rolf Schwabe-Schott, damals Dainese-Importeur für Deutschland und noch heute einer der brillantesten Anekdoten-Erzähler im Grand Prix-Fahrerlager, war der Wimmer-Sturz ein Signal. Kaum von Jarama zurück, legte er Firmenchef Lino Dainese die Produktion von Rückenprotektoren dringend ans Herz. Mit Erfolg: Heute gibt es den Rückenschutz der italienischen Firma, der im Prinzip wie ein Protektor für die Kombi aufgebaut ist, nicht nur für Motorradler, sondern auch für Mountain Biker und Skifahrer. Martin Wimmer leistete übrigens noch zu einer anderen Entwicklung schmerzhafte Pionierarbeit. 1987 war der Yamaha-Pilot Werksfahrer im 250er Team von Giacomo Agostini und kam als WM-Leader zum deutschen Grand Prix nach Hockenheim. Doch der Höhenflug wurde schon im Training am Samstag jäh beendet. Wimmer stürzte in der Sachskurve und brach sich dabei das linke Sprunggelenk. Um drei Wochen später in Salzburg wieder starten zu können, ließ sich der Pechvogel vom deutschen Stiefel-Hersteller Daytona einen Spezialschuh basteln, der in Wadenhöhe ein aufblasbares Luftpolster enthielt. Der Trick der Konstruktion: Das Luftkissen klemmte die Wade ein, die nun beim Auftreten das Körpergewicht trug und somit den verletzten, mit neun Schrauben und einer Metallplatte fixierten Fuß entlastete. Um gerade vor den bei Highsidern gefürchteten Knöchelbrüchen zu schützen, sponn man bei Daytona die Idee weiter. Herausgekommen ist der heute für jedermann käufliche Stiefel »Security Evo«. Er besitzt einen stabilen Innenschuh aus einem Kevlar-Kohlefaser-Verbund, über den eine dünne Hülle aus 1,2 Millimeter starkem, zähem Känguruh-Leder gezogen wird. Der Rennsport als Entwicklungslabor für die Serie - ein Beispiel, das sich ohne weiteres auf die Kombis übertragen läßt. Was die Stars heute beim Grand Prix tragen, kann Otto Normalverbraucher in der Regel im Laden erwerben. So ist bei Dainese gerade ein neuer Handschuh in Serie gegangen, der die Handballen und die Knöchel mit einer Kevlareinlage vor Schürfungen schützt. Ein kritischer Bereich ist nach wie vor der Nacken. Um Verletzungen der Wirbelsäule zu verhindern, experimentieren die Italiener mit einem System, das sich bei einem Sturz wie ein Airbag aufblasen soll. Aller High Tech und neuer Kunststoff-Materialien zum Trotz: Dank seiner Strapazierfähigkeit ist das gute alte Leder auch heute noch das Basisprodukt, aus dem die Maßanzüge der Stars entstehen - wie vor 25 Jahren.

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