Rennstrecken-Trainings (Archivversion)

Die Angst bleibt auf der Strecke

Skrupel vorm Heizen? Gut so. Zumindest im echten Leben. Wer Grenzen erfahren möchte, drehe seine Kreise auf abgesperrtem Terrain.

Fahrerbesprechung morgens vor Box eins. »Wer meint, er fahre noch ziemlich langsam, hebe jetzt die Hand.« Keine Reaktion. Die Teilnehmer des Sportfahrer-Trainings in Oschersleben starren den Mann von Bike Promotion fragend an. Ihre Blicke verraten ihre Gedanken: Moment mal, langsame Rennfahrer gibt’s doch gar nicht... »Also gut, anders gefragt: Wer war noch nie auf der Rennstrecke?« versucht es der Veranstalter erneut. Mindestens ein Dutzend Hände schießen nach oben. Schnell ist Gruppe D gebildet.D: die Adresse für Einsteiger. Für Leute wie Dirk mit seiner Ducati 996. Nach dem ersten Turn hört er der Manöverkritik des Instruktors gespannt zu: »Ihr seid als Gruppe schön zusammen auf der Ideallinie gerollt«, sagt Frank, »am Tempo arbeiten wir später. Konzentriert euch auf eure Blickführung und die Strecke. Vergesst alle Fahrer, die an euch vorbeischießen.« Das »gerollt« aus des Instruktors Munde irritiert Dirk und die anderen. Dachten sie doch, verglichen mit ihrem Fahrstil auf der Landstraße wären sie mit Mach drei über den Kurs geflogen.Guido ist schneller als Gruppe D. So schnell, dass er am Ende der Geraden den direkten Weg ins Kiesbett nimmt. »Lieber ein Ausflug ins Grüne, als ganz abfliegen«, begründet er verschwitzt und wild gestikulierend seine unkonventionelle Linie. Als gewandter Sportfahrer kann er mit kritischen Situationen umgehen und seinen auf diversen Rennstrecken geschulten Reflexen trauen. Ein Sicherheitspolster, das ihm auch in brenzligen Verkehrssituationen hilft, wenn blitzschnelle Reaktionen gefordert sind. Ausweichen, bremsen, das Schlimmste verhindern...Guidos Pulsschlag beruhigt sich, seine Renn-Kawa heult auf – schon sind beide wieder auf der Strecke. Rennprofi Markus Barth, der mit einer Cup-BMW in Oschersleben trainiert, schießt auf einer scheinbar unmöglichen Linie außen an Guido vorbei. Der ist nach dem Turn sichtlich beeindruckt, was mit so einem bayrischen Eisenhaufen möglich ist und geht mit seinem leichten Vierzylinder auf Spurensuche. Vielleicht lässt sich der Pfad der schnellen Gummikuh ja wiederfinden. Learning by doing, probieren, was geht – ohne großes Risiko.Derweil wird die so genannte Krabbelgruppe flotter. Dirk drückt die Duc Runde für Runde in immer tiefere Schräglagen. Schräglagen, die ihm vor diesem Training fremd waren. Seine 996 hat er seit einem Jahr. Testberichte versprachen »Tiefflug-Erlebnisse ohnegleichen, Bodenfreiheit ohne Ende«. Und Dirk fragte sich zurecht: Wo auf der Landstraße kannst du einigermaßen guten Gewissens deine Neugier nach derartigen Erfahrungen befriedigen? In Oschersleben hat er nun auf dem roten Renner einige Extremsituationen kennen gelernt, Grenzen ausgelotet, Erfolgserlebnisse genossen.Anderntags ist Dirk so schnell wie Kevin Schwantz. Beziehungsweise wie der Fahrer in der Kevin-Schwantz-Replika-Kombi, der verdächtig nach Hobbythek-Moderator Jean Pütz aussieht und seine bunte Ledertracht – modisch sehr gewagt – im Verein mit Bundeswehrstiefeln trägt. Kevin-Jean Pütz fühlte sich in einer von Instruktoren geführten Gruppe gebremst. Nun bremst er sich vor der Schikane selbst aus, weil ihn seine willkürliche Linie ans falsche Ende der Kurve trägt. Dirk hat im Gegensatz dazu rund zehn Sekunden pro Runde gutgemacht. Nur sein Knie will einfach nicht schleifen. »Dazu muss der Hintern weiter runter. In Richtung des Schwerpunkts vom Motorrad. Aber das ist halt sauschwer«, rekapituliert er die Experten-Anmerkungen zu seiner starren Körperhaltung.Andere in der Gruppe beschäftigen sich lieber mit der Perfektionierung ihres Motorrads: Der Pilot auf der nagelneuen GSX-R 1000 textet die Gruppe mit Details vom Umbau zur Superstock-Maschine zu und spekuliert über die richtige Reifenwahl. Leitwolf Frank versucht ihn abzukühlen: »Das sind Sachen, die werden ab einer Rundenzeit unter 1.40 interessant – wir fahren gerade über zwei Minuten.«Auch in Box fünf sind gerade Rundenzeiten das Thema. Mareike und Sylli diskutieren einzelne Passagen, wo noch die ein oder andere Sekunde liegen bleibt. Vor zwei Jahren lernten sich die beiden im Internet-Forum von MOTORRAD kennen – seitdem sind sie bei Rennstrecken-Trainings zu finden. Die Supercorsa-Days erschienen ihnen als ein verlockendes Angebot: zwei Tage Training, ein Satz Reifen, Seminare, ein Abendessen und eine IDM-Jahreskarte für 420 Euro. In der Box haben sie und andere Online-Forumisten ihr Basislager aufgebaut, frei nach dem Motto »function follows fun«: Werkzeugkästen, Erdbeerkuchen, Reifenwärmer, Grill, Zimmerpflanzen und eine HiFi-Anlage, die gerade die italienische Nationalhymne schmettert. Zu Ehren der Ducati- und Aprilia-Fraktion.Die beiden Rennzöpfe Sylli und Mareike erinnern sich an ihr erstes Training: Die eine gab der anderen die Türklinke vom Klo in die Hand, weil sie vor dem Herausfahren auf die Strecke Angst hatten. Die Angst ist dem Respekt gewichen – Respekt vor dem Schnellfahren. Sylli: »Sich hier zu verbremsen kann zwar schmerzhaft sein, aber wenigstens hast du keinen Gegenverkehr, keine Leitplanken oder Bäume, sondern ein einigermaßen bequemes Kiesbett.« Mareike ergänzt: »Mein Selbstbewusstsein ist enorm gestiegen, gleichzeitig aber auch das Bewusstsein für die Gefahren auf der Landstraße. Ich denke, dass Sportmotorradfahrer ihre Limits kennen lernen wollen – und die ihrer Maschine. Das im Straßenverkehr zu versuchen, ist nicht besonders klug.“
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Rennstrecken-Trainings: Reportage (Archivversion) - Auf der Ideallinie zum Titel

Aufmerksame Leserinnen und Leser wissen: MOTORRAD und Aral sind eifrig auf der Suche nach dem Motorradfahrer des Jahres 2002. Noch dreimal schlafen, dann stehen die 25 Wettbewerber fest, die am 1. September zum Finale fahren. An den Nürburgring – exakt – und garantiert kein Zufall. Denn der Weg zum Titel führt nicht allein durch Pylonengassen und Täler tiefer Zerknirschung, sondern auch über die Nordschleife und den Grand-Prix-Kurs. Selbstverständlich unter professioneller Anleitung. Heißt: Die Instruktoren-Crew des ACTION TEAM zeigt den Aspiranten, wo’s streckentechnisch langgeht. Speed spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, im Vordergrund stehen Stil- und Sicherheitsfragen, das Aufspüren der Ideallinie und die saubere Verarbeitung derselben.Drei Tage werden die Endkämpfer in der grünen Hölle garen und ihre Fahrkünste im Rahmen eines MOTORRAD-Perfektionstrainings zum Besten geben. Zu ergattern gibt’s neben einem Sack voller Erkenntnisse ein immerhin 12000 Euro schweres Bike (Aprilia RSV mille, BMW R 1150 GS oder Honda VFR). Informationen über den aktuellen Stand des Wettbewerbs finden Sie unter www.motorradfahrer-des-jahres.de.Wer »ganz privat« an einem Perfektionstraining teilnehmen möchte, sprich Interesse an betreuten Nordschleifenkilometern oder einem waschechten Renntraining hat, wende sich direkt ans ACTION TEAM: Telefon 0711/1821977; Internet www.motorradonline.de. Und merke: Auch dort geht es nicht ums stumpfe Gas geben, sondern darum, ein besserer Motorradler zu werden – Grenzen auszuloten, ohne sich und andere über Gebühr zu gefährden.

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