Report California Superbike School (Archivversion) Code-Worte

Wenn Keith Code, Gründer und Inhaber der weltbekanntesten Rennfahrerschule das Nähkästchen öffnet, sind die Eleven ganz Ohr. Denn der Meister lehrt schnelles Motorradfahren. Wie schnell, bewies etwa Waine Rainey, dreifacher GP-Champion.

Heute nur auf Stippvisite: die kalifornische Sonne. In frühmorgentliches Licht getaucht, schmiegt sich die Rennstrecke von Laguna Seca in die sanfthügelige Landschaft. Kaum zwei Stunden später wabert dicker Nebel über den nahe Monterey gelegenen Kurs, dessen Achterbahncharakteristik schon so manchen Superbiker zur Verzweiflung trieb. »Alle Schüler mit Level eins, zwei oder drei ins Klassenzimmer«, hatte Judy kurz nach acht befohlen. Die lederbekleideten Jungs, 16 an der Zahl, nehmen in einem der beiden Trucks mit Auflieger Platz, der zum Schulungsraum umfunktioniert ist. Keith Codes Gattin fragt: »Wer hat Level zwei, wer Level drei?« Drei Mann strecken zaghaft ihre Finger in die Höhe. »Da haben sich doch viel mehr für die höheren Levels angemeldet«, knurrt Judy ein bisschen enttäuscht. Seltsam, dass etliche wieder als I-Männchen anfangen wollen, wo sie doch schon x-mal Keiths Schulbank gedrückt haben. Zunächst müssen jedoch alle, egal ob Fortgeschrittene oder Kursneulinge, die Grundlektionen durchlaufen. Die sich mit dem »Cornering« befassen, genauer mit fünf verschiedenen falschen Verhaltensweisen. Cornering, der Schlüsselbegriff in Keith Codes Lehrgebäude, der viel mehr bedeutet als der deutsche Begriff Kurvenfahren. Über 30 Jahre hat sich der Ex-Rennfahrer mit dem Thema befasst und es dabei weit gebracht. Der Mann wurde mit Ehrungen überhäuft: Die US-Medien ernannten ihn in den 70er Jahren zum Road Racing Guru, Los Angeles machte ihn 1986 zum Ehrenbürger der Stadt, 1990 wählten ihn die Leser des Motorcyclist Magazine zum Motorcyclist of the Year. Keith Code, Inhaber und Gründer der California Superbike School, ist in der US-Szene bekannter als mancher Grand-Prix-Star, eloquent und unterhaltend wie ein Conferencier, bescheiden wie ein tibetischer Mönch. Und mit dem Sendungsbewusstsein des Leidenschaftlichen gesegnet. Wenn Keith im Container die Stimme erhebt, um sich in einem lockeren Frage- und Antwortspiel der Materie des Cornering zu nähern, blitzen seine Augen. Und die seiner Schüler gleich mit. Der Stoff fasziniert die Eleven, die gekommen sind, um noch schneller fahren zu lernen. Worum es geht? Um so seltsame Dinge wie die unstete Kurveneintrittsgeschwindigkeit, vom Fahrer verursachte Instabilität, stoßweise Traktion, schlampige Haltung beim Einfahren, unsauberes Lenkverhalten, schlechtes Zusammenspiel zwischen Fahrer und Maschine. Wow. Das ist eine Menge. Manche Sachen hat man noch nie gehört. Oder kann nichts damit anfangen. Dem wird Keith bald abhelfen. Wobei das Prinzip seiner Didaktik offenbar wird. Das Motorradfahren in unzählige, winzig kleine Teilschritte zerlegen, die einzeln begriffen und trainiert werden wollen. Schön eins nach dem anderen. Step by Step. Instinktiv bringt jeder es irgendwie hin, eine Kurve zu meistern. Genau das passt Keith nicht. »Irgendwie, das ist zu wenig, du musst dich selber beobachten und dir merken, was du gemacht hast. Sonst kannst du nichts verbessern«, lautet sein Credo. 15 Minuten Theorie sind genug - fürs erste. Jetzt kommt die Selbstbeobachtung und die Beobachtung durch die Instruktoren. Der Aufwand ist gewaltig. Auf sechszehn Lernende kommen sieben Instruktoren. Kleinstgruppen von zwei bis drei Teilnehmern pro Instruktor garantieren, das jeder Lernschritt systematisch geübt und registriert wird. Die Schüler bekommen eine Rundumversorgung: Lederkombi plus Stiefel und Helm, eine Kawasaki ZX-R6 mit frischen Dunlop D 207, Kamerabeobachtung samt Besprechung des aufgenommenen Videos, Verpflegung, Training auf Spezialmotorrädern. Kostenpunkt des Zweitages-Camps: 1995 Dollar, Übernachtung extra.»Wie viel Anteil hat die Gewichtsverlagerung und wie viel das Lenken beim Kurveneinleiten?« fragt Keith in einer späteren Theoriesitzung. Wilde Spekulationen. Keiner weiß es so genau. »Los raus, der Reihe nach auf das »No B.S. Bike.« (No Body Steering Bike: Motorrad, das nicht auf Körperbewegungen reagiert). Was ist das nun wieder? Die Spezialkawa hat zwei Lenker: den normalen Stummellenker und eine starre Stange mit zweitem Gasgriff, die nur an der Verkleidung festgeschraubt ist - ohne Verbindung zur Gabelbrücke. Der erste »Mit-dem-Körper-Lenker« fährt los. Auf dem weiten Fahrerlagerplatz lehnt sich der Probant bei etwa 40 km/h nach links raus, die Hände am starr verschraubten Lenker. Nix tut sich, das Motorrad fährt stur geradeaus weiter. So viel er auch rumhampelt, das Ding will einfach keine Kurve fahren. Keith kennt den Aha-Effekt. Nur durch kräftiges Gegenlenken wird die Kurve eingeleitet. Daraus machen die Instruktoren eine gut einstündige Übung.Derweil trainieren die Level 2-Probanden auf dem so genannten Lean Bike (Schräglagen-Motorrad), das noch einen anderen Namen hat: Slide Bike (Rutsch-Motorrad). Mit Dämpfern gegen den Rahmen abgestützte Ausleger mit kleinen Laufrädern machen aus der ZX-6R ein Lehrgerät der besonderen Art. »Du kannst dich gefahrlos in maximale Schräglage begeben, deine Sitzposition üben und die Blickrichtung trainieren«, erklärt Chefinstruktor Cobie Fair. Instruktor Darren McCabe führt in die hohe Kunst des kontrollierten Hinterraddrifts ein. Für Level 4-Studenten. In voller Schräglage dreht Darren am Quirl. Verdammt, kleben die Dunlop-Pneus gut. Irgendwann dreht das Hinterrad durch, die Kiste rutscht, während die Ausleger einen Sturz verhindern. Keith hat ein Patent auf das Teil. »Auf der Strecke üben wir das nicht«, versichert sogleich der Meister. Zu gefährlich. Zehn Stunden Training sind rum, die Studenten ziemlich geschafft. »Morgen um acht geht’s weiter«, ruft Judy durchs Megaphon. Soll wohl heißen: Geht früh ins Bett.

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