Report: Eurobike AG (Archivversion) Alles unter Kontrolle

Die Eurobike AG, zu denen Hein Gericke, Polo, GoTo Helmstudio und der Großhändler Schuh gehören, ging kürzlich an die Börse und expandiert kräftig weiter. Doch ehemalige Shop-Partner machen gegen ihren früheren Franchise-Geber mobil.

Im Jahr 1970, zu Beginn des Motorradbooms, zündete Hein Gericke die erste Stufe seiner Rakete, die sein Unternehmen an die Spitze des Markts für Motorradbekleidung und Zubehör in Europa katapultierte. Der schlaue Hein hatte damals ein durchdachtes und zugleich simples Konzept auf die Beine gestellt, um Motorradbekleidung, später auch Zubehör und komplette Motorräder möglichst preiswert einzukaufen und noch kostengünstiger unter die Motorradfahrer zu bringen. »Die geniale Idee ist das Weglassen. Ich mache all das nicht, was kein Geld bringt, sondern nur Arbeit«, diktierte er 1982 einem Journalisten in die Feder. Der Plan, der bis heute sauber funktioniert, geht so: »Ich kaufe von vornherein Stückzahlen, an die sich keiner herantraut. Das Zeug transportiere ich auf dem schnellsten und billigsten Weg an den Endverbraucher. Dazu packe ich Werbung«, brachte der ehemalige Kontakter sein Rezept auf den Punkt. Eingekauft wurde dort, wo billig produziert werden konnte, in Fernost. Als besonders marktgerecht erwies sich das Vetriebssystem für Bekleidung und Zubehör über Filialen, deren Inhaber Franchisenehmer sind. Die Franchisenehmer - sie heißen im Gericke-Jargon Shop-Partner - sind sogenannte freie Handelsvertreter, die die vorgegebene Ladeneinrichtung kaufen müssen, den Laden als Untermieter vom Hauptmieter Gericke nutzen und das Warensortiment in Kommission nehmen. Neben den HG-Artikeln dürfen sie keine weitere Ware vertreiben. Über Computerkassen rechnen sie online mit der Zentrale ab, beziehen eine Provision auf den Umsatz plus ein garantiertes Fixum und müssen von diesen Einnahmen alle Kosten des Shops einschließlich Personal bezahlen. Wie gut das Handelskonzept funktionierte, war an der ständig wachsenden Zahl von Shops abzulesen, die 1987 auf 40 im Inland angewachsen war. Ende 1987 war dann der Zeitpunkt gekommen, zu dem der Firmengründer Kasse machte und sein Unternehmen verkaufte. Jetzt zündete die zweite Stufe der Rakete, als drei Abteilungsleiter und der Geschäftsführer Herbert Will durch ein sogenanntes Management Buyout zu Miteigentümern wurden. 20 Prozent der Firma erwarb dieses Quartett, 80 Prozent des Kaufpreises investierten anonyme Geldgeber, die sich hinter einem von der Londoner Investmentbank , der J. Henry Schroder Wagg & Co. Ltd., angelegten Fonds verbergen. Das Kapital soll wiederum von amerikanischen Pensionsfonds stammen. Der frisch gebackene Mitinhaber Herbert Will verspürte »einen starken Motivationsschub, weil man jetzt für sich selbst arbeitet«, und begann mit den potenten Kapitalgebern im Rücken eine Einkaufstour. Die Eurobike AG, so der neue Name der Willschen Firma, die die Hein Gericke GmbH & Co KG übernommen hatte, schluckte gleich 1988 den Filialisten Polo, der nicht zufällig mit einem äußerst ähnlichen Konzept arbeitete. Ein heikles Kapitel in der Hein Gericke-Erfolgsstory, hatte doch Polo ein ehemaliger Gericke-Verkaufsleiter gegründet, indem er das Konzept schlicht kopiert und bis 1988 mit 24 Shops seinem alten Arbeitgeber mächtig Konkurrenz gemacht hatte. Im darauffolgenden Jahr zeichnete die Eurobike AG unter Will weiter an der steilen Wachstumskurve, indem die sieche Vertriebskette GoTo Helmstudio übernommen und in das Franchise-System eingegliedert wurde. Mit diesen drei Shopketten steht die Eurobike nun endgültig als mächtigster Einzelhandelsanbieter im Motorradbekleidungs- und Zubehörsektor da. 132 Shops in 86 europäischen Städten, davon 101 Läden in Deutschland, wies der Geschäftsbericht 1994/95 aus; sie machten einen Umsatz von 278 Millionen Mark. Und ihre Anzahl wächst weiter. Zum Redaktionsschluß waren es bereits 54 HG- , 40 Polo- und 21 GoTo Helmstudio-Shops im Inland. Zudem hat die Eurobike seit 1989 auch einen Fuß im Großhandel in der Tür. Man erwarb wesentliche Anteile an Deutschlands führendem Großhändler, der Firma Schuh in St. Wendel. Der soll knapp die Hälfte der 3000 Motorradhändler mit Bekleidung, Ersatzteilen und Zubehör beliefern. Die restlichen Anteile kaufte Will erst vor kurzem hinzu, so daß Schuh nun zu 100 Prozent der Eurobike gehört. Die dritte Stufe der Eurobike-Rakete zündete am 27. Juni 1996 ihre Treibsätze: Die Eurobike ging an die Frankfurter und Düsseldorfer Börse. 3,7 der 4,4 Millionen Altaktien - Herbert Will hält mittlerweile elf Prozent des Pakets, 89 Prozent sind im Besitz des Fonds - im Nennwert von fünf Mark wurden emittiert. Hinzu kam eine Kapitalerhöhung von einer Million weiterer Aktien, sodaß der Fonds Kasse machen konnte. Die Papiere wurden, Stand vom 30.9.1996, mit 33,10 Mark gehandelt. Damit die Düsseldorfer Rakete nicht vorzeitig ausbrennt, muß man derzeit einige Mark in juristische Beratung und Verfahren vor Arbeits- und Zivilgerichten investieren. Die Spitze eines möglichen Eisbergs tauchte kürzlich in der Gestalt des ehemaligen Shop-Partners in Kassel, Jörg Janssen, in der Fernsehsendung »Schreinemakers« auf. Das Thema lautete Scheinselbständigkeit, womit unter anderem auch das Franchise-System von Hein Gericke gemeint war. Einige Ex-Shop-Partner fühlen sich von ihren ehemaligen Franchise-Geber mittels des Vertrags als freie Handelsvertreter arg geknebelt. Die Gewinne blieben zu größten Teilen bei der Zentrale hängen, sie selbst hätten trotz 60-Stunden-Woche und enormer Umsätze kaum ein Auskommen und sich häufig hoch verschuldet. In Gesprächen mit MOTORRAD äußerten einige Ex-Partner schwerwiegende Vorwürfe. Die Shopbetreuung von Hein Gericke, die dem jetzigen Mitgeschäftsführer Joachim Caspers, einem seit 1982 im Hause tätigen Urgestein, untersteht, habe sie unter Druck gesetzt. Wer nicht gespurt habe, dessen Laden wäre sofort einer Inventur unterzogen worden, bei der sich häufig enorme Inventurdifferenzen, also Warenfehlbestände zu Lasten des Shop-Partners herausgestellt hätten. Diese wären aber, sobald man vor Gericht gegangen wäre, nie nachgewiesen worden, sondern man hätte dann auf die Eintreibung der Schulden verzichtet. Jüngster Fall ist der des Frankfurter Ex-HG-Partners Percy Gannss, dem am 25. März 1996 fristlos gekündigt wurde, weil er Artikel von einem HG-Lieferanten direkt geordert hatte, was er laut Vertrag nicht durfte. »Chopper-Zubehör, was richtig Umsatz brachte, war von HG teilweise sechs bis acht Wochen nicht lieferbar«, schildert der 28jährige Frankfurter seine Beweggründe. »So konnte ich die Winterzeit, in der man wirklich von der Hand in den Mund leben mußte, überhaupt erst überstehen.« An diesen Artikeln hatte er dann die volle Gewinnspanne, während er sonst bloß acht bis zehn Prozent Provision bekam. Jetzt wurde er vom Landgericht Düsseldorf zur Zahlung von Warenfehlbeständen in Höhe von 54 000 Mark verurteilt. Mittlerweile hat sich eine Interessengemeinschaft ehemaliger Shop-Partner gebildet, die das Franchisevertragssystem der Eurobike zu Fall bringen will. Nach Ansicht des Rechtsanwalts Herbert Jansen, Berater des Verbandes der Handelsvertreter, handelt es sich um ein verkapptes Arbeitnehmerverhältnis. Wenn ein oberes Arbeitsgericht das auch so sähe, käme auf die Eurobike die Nachentrichtung sämtlicher Sozialabgaben der letzten vier Jahre zu. Im März 1996 hatte allerdings das Landgericht in Bremen in einer Streitigkeit eines GoTo Helmshops den Vertrag eindeutig als den eines freien Handelsvertreters bewertet und den Shop-Partner unter anderem zur Zahlung einer saftigen Inventurdifferenz verdonnert. Dennoch bleibt im Raum stehen, daß die Luft für die Shop-Partner offenbar dünner wird, zumal die vertraglich zugesicherten Einzugsgebiete immer enger werden. »Die Shops funktionieren häufig nur über Selbstausbeutung oder die von Familienangehörigen«, sagt Brunhilde Svoboda, die mit ihrer Tochter und einem Freund den HG-Shop im Mainz von 1984 bis Anfang 1989 betrieben hatte. Der Umsatz entsprach voll den Vorgaben, dennoch reichte es für die drei kaum zum Leben. Heute betreibt die Kauffrau einen gutgehenden Zubehörladen auf eigene Kappe, der sich prima rentiere. »Wenn ich nur einen jungen Menschen davon abbringen kann, sich in einem Eurobike-Shop hoch zu verschulden, hat sich unser Gespräch gelohnt«, so die resolute Frau zu MOTORRAD.Die Firmenleitung sieht das alles ganz anders. Dazu nebenstehendes interview mit Herbert Will.

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