Report: Motorrad-Seriendiebe gefasst (Archivversion) Soko<br /><br /> Joghurt

Im Großraum Stuttgart fühlte man sich als Motorradfahrer bisweilen wie in der Bronx. Nirgendwo stand die Maschine
sicher. Doch jetzt hat der Spuk ein Ende.

Kriminalhauptmeister Markus Mergner wollte es ganz genau wissen. Ob Schleifspuren von dem gestohlenen Motorrad, einer Ducati Monster S4R aus dem Testfuhrpark von Ducati Deutschland, auf dem Gehweg gewesen seien. Wie oft das Motorrad an dieser Stelle geparkt worden sei. Wer im persönlichen Umfeld von dem Parkplatz direkt vorm Haus des Autors
gewusst habe, von den Hausbewohnern, im Kollegenkreis. Kurzum, es sei grundsätzlich einmal jeder verdächtig.
Das ist eigentlich das Schlimmste. Es ist nicht angenehm, in diesem Zusammenhang über Mitbewohner oder Kollegen zu sprechen. Überhaupt ist es unangenehm, diesbezüglich mit der Polizei zu sprechen. Motorrad weg, aha. Einfach so? Direkt vor der Haustür? Verschwunden, in Luft aufgelöst. Man fürchtet sich vor den Fragen, die man sich selbst schon gestellt hat. Hast
du es wirklich dort abgestellt? Hattest du überhaupt ein Motorrad mit? Alzheimer?
Ja, das Motorrad stand da. Jetzt ist’s definitiv weg. Gestohlen in einem Viertel, wo die Kehrwoche eine Institution ist und man nachts um vier gerne spazieren geht.
»Dieses Gefühl, nicht mehr sicher zu sein, ist für alle Opfer nur schwer zu ertragen«, weiß Mergner aus Erfahrung. Rund 70 Fälle von Motorraddiebstahl stapelten sich allein im letzten Jahr beim Fachdezernat des
Polizeipräsidiums Stuttgart. Weit mehr, als üblich sind. Der Verdacht lag nahe, dass man es mit Profis zu tun habe.
Aus eben diesem Grund wollte es der Kripobeamte ganz genau wissen, damals, im Juni vergangenen Jahres. Zu jenem Zeitpunkt standen schon mehrere Aktenordner mit Motorraddiebstählen in seinem Büro. Das Verfahren erhielt später den
Namen »Joghurt«. Ein Name, der den
damaligen Ermittlungsstand widerspiegelt. »Gestohlen wurden vorrangig Supersportler: Fireblade, GSX-R, R1 und so. Joghurtbecher eben.« Mergner lacht. »Viel mehr wussten wir damals noch nicht.«
Auch nicht, dass eine ebenfalls beträchtliche Zahl von Harleys mit der
Joghurtbecherbande in Verbindung stand.
Natürlich wurden Spuren gesichert, Parallelen gezogen, Theorien entwickelt. »Seit rund eineinviertel Jahren sind wir dran
an diesem Fall. Aber den entscheidenden Hinweis lieferte wie so oft ein aufmerksamer Bürger«, beschreibt Mergner den Durchbruch bei den Ermittlungen. Der sah
nächtens, wie sich zwei Männer mit einer Stange an einem Motorrad zu schaffen machten und rief in bester FernsehkrimiManier: »Polizei, halt oder ich schieße.« Freilich ohne Erfolg. Im Rahmen der dann anlaufenden Fahndung sei jedoch ein verdächtiger Kastenwagen observiert worden. »Der gehörte einem der Täter. Als der
später das Fahrzeug abholen wollte, konn-
ten die Kollegen vor Ort ihm zwar nichts
beweisen. Aber immerhin wurden seine Personalien aufgenommen. Außerdem wurde ein Stemmeisen sichergestellt, dessen Oberflächenprofil sich mit den Spuren
eines früheren Einbruchs deckte.«
Das war im Oktober. Und was folgte, war auch für die Beamten der KPI II (Kriminalpolizeiinspektion II) nicht alltäglich. »Es galt nicht nur herauszufinden, ob und wie viele Mittäter involviert waren, sondern auch, die Bande nicht unter Wert zu
schlagen.« Will heißen: Die Verdächtigen müssen am besten gemeinsam auf frischer Tat erwischt werden, und – noch wich-
tiger – ihnen müssen auch die vorherigen Diebstähle nachgewiesen werden können. »Erst dann«, erklärt Mergner, »sind unsere Ermittlungen wirklich erfolgreich gewesen.« Was folgte, waren »umfangreiche Maß-
nahmen« der mehrköpfigen Ermittlungsgruppe, die Mergner im Einzelnen nicht erläutern will. Dabei stellte sich heraus, dass die Bande aus zwei Haupttätern und zwei Komplizen bestand, die in wechselnder Besetzung auf Beutezug gingen.
Am Sonntag, den 13. März dieses
Jahres war es dann endlich so weit: Es
erfolgte der Zugriff, weil man Hoffnung hatte, die zwei Haupttäter des Quartetts beim Zerlegen von Beute zu erwischen. »Jetzt oder nie, heißt es dann«, erinnert sich Mergner. »Als ich alarmiert wurde, bin ich unter Ausnutzung aller polizeilichen Sonderrechte ins Präsidium. Dann sind wir in eine von den Tätern angemietete Garage eingedrungen und haben sie beim Zerlegen einer Fireblade erwischt.«
Der Krimi war zu Ende, die Sisyphusarbeit ging weiter. Denn obgleich einer der Täter, ein 51-jähriger Arbeitsloser, geständig war, mussten die Diebstähle zugeordnet werden. »Im Laufe dieser Ermittlungen tauchte auch Ihre Monster wieder auf«,
erklärt Mergner. Die habe der zweite Haupttäter auf eigene Faust gestohlen. »Wohl, weil er so gerne Ducatis mochte.« Immerhin blieb der S4R so das Schicksal der »Joghurtbecher« erspart. Die wurden ausgeweidet, die zersägten Rahmen und Motoren landeten meist im Neckar. Und den rechtmäßigen Besitzern blieb das Schicksal erspart, in Zukunft mit dem unaus-
gesprochenen Vorwurf einer Beteiligung an der Tat leben zu müssen.

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