Report MuZ (Archivversion)

Schrecken ohne Ende

...oder Start in eine rosige Zukunft? Nach dem Konkursantrag vom 10. Juli schöpfen MuZ und der Sequester Dr. Kübler neue Hoffnung aus Verhandlungen mit dem malaysischen Konzern Hong Leong Berhad.

Die Lage im Osten ist ziemlich ernst, und das nicht nur im Erzgebirge in dem schmalen Seitental der Zschopau, wo vor der Wende MZ der größte Arbeitgeber der Region war. Das Motorenwerk Zschopau, das aus DKW, dem größten Motorradwerk der Welt vor dem Zweiten Weltkrieg, hervorgegangen war, hatte zu DDR-Zeiten volle Auftragsbücher, die robusten zweitaktenden Einzylinder vom Typ MZ ETZ 125, 150, 250 gingen weg wie warme Semmeln. Weit über 60 000 Maschinen wurden pro Jahr gefertigt, der Rekord lag bei 86 740 Stück im Jahr 1974. Von solchen Stückzahlen konnte selbst BMW, die 1995 ihr bisheriges Maximum von 51 000 Stück erreichte, nur träumen. Heute ist alles anders. Nach der Wende mußte man in Zschopau ganz kleine Brötchen backen, und daran waren die MZ-Werker am allerwenigsten schuld. Denn die Märkte in den osteuropäischen Ländern und der ehemaligen Sowjetunion waren mit der Einführung der D-Mark drastisch zusammengebrochen. Fast 3000 Mitarbeiter gingen in frühzeitigen Ruhestand, durften in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme das alte Werk renovieren oder verloren ihren Arbeitsplatz vollends. Verhandlungen mit mehreren Interessenten - etwa mit der japanischen Firma Suzuki, die 125er in Zschopau bauen lassen wollte oder BMW - scheiterten. Da tauchten zwei Manager aus Westdeutschland, Wolfram Sauerbrey und Petr-Karel Korous, als Retter aus der Not auf. Der von der Treuhand bestellte Liquidator Dr. Wilhelm Schaaf war offenbar froh, jemanden gefunden zu haben, der ein Konzept hatte, die alte Motorrad-Firma in die Marktwirtschaft zu überführen. Am 1. Juli 1992 wurde die Motorrad- und Zweiradwerk GmbH gegründet, als Firmenlogo kam das alte DKW-Zeichen in abgewandelter Form wieder zu Ehren. Nachdem Sauerbrey seine Vergangenheit als Betrüger eingeholt hatte und er abtreten mußte, übernahm Korous das Ruder, das er noch heute zusammen mit Dr. Hans Graalmann und Josef Brune in Händen hält, obgleich die MuZ am 10. Juli 1996 beim Amtsgericht in Chemnitz Antrag auf Gesamtvollstreckung stellen mußte. Der gebürtige Tscheche ist mittlerweile so eine Art Guru in Zschopau, wenngleich die Verkaufserfolge mit den neuen Viertaktern wie der Skorpion weit hinter den Ankündigungen des Chefs zurückblieben und letzlich die Zahlungsunfähigkeit der Firma trotz massiver stattlicher Unterstützung zur Folge hatten. »Ohne den Korous wäre die Firma schon lange platt«, lobt ein Mitarbeiter den Ex-Geschäftsführer. Der Sequester Dr. Bruno M. Kübler hat der alten Geschäftsleitung weitgehende Befugnisse eingeräumt. Erste größere Amtshandlung des Rechtsanwalts: Er verreiste kürzlich zusammen mit Korous gen Kuala Lumpur, um die seit einem halben Jahr schwelenden Verhandlungen mit dem malaysischen Konzern Hong Leong Berhad anzufachen. Der Mischkonzern, dem etwa 200 Firmen angehören, darunter Banken, Versicherungen, Finanzdienstleistungs- und Immobilienfirmen, Hotels und Fabriken für Luft- und Klimatechnik, fertigt in Lizenz 300000 Yamaha-Motorräder pro Jahr hauptsächlich für den chinesischen und vietnamesischen Markt. Kaum zurück aus Malaysia, verkündete Kübler voller Hoffnung, daß die Verhandlungen sehr positiv verlaufen seien. Der Konzern möchte - nachdem MuZ durch den Konkursantrag jetzt weitgehend entschuldet werden könne - das Anlage- und Umlaufvermögen sowie Know-how erwerben, um sowohl Forschung und Entwicklung in Deutschland zu betreiben, als auch die Produktion fortzuführen, sogar auszuweiten und Fuß im Markt größervolumiger Motorräder zu fassen. Zigarrenraucher Korous, von Haus aus Optimist, sieht die Zukunft von MuZ in rosigen Farben. Er habe auch schon einen Vorvertrag mit den Malayen in der Tasche. Neue Modelle sollen gebaut werden, etwa die BSA Bantam mit 125er Viertakter - den Motor wollen die Zschopauer selbst konstruieren -, dann soll es in absehbarer Zukunft eine Hard-Enduro à la KTM geben, und ein in Fernost gebauter 125er Scooter unter MuZ-Flagge soll bald in den Markt rollen. Außerdem ist Korous davon überzeugt, daß er in dem neuen zu gründenden Unternehmen mit in der Geschäftsführung sitzen wird.
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MuZ in Konkurs: Report über den Niedergang (Archivversion)

Der Gründer der Zschopauer Maschinenfabrik Jörgen Skafte Rasmussen baut ab 1919 einen Fahrradhilfsmotor im Zweitakt, den er mit dem Werbespruch »DKW, das kleine Wunder« in den Markt bringt. Bereits 1928 ist Rasmussens Unternehmen, das inzwischen DKW Zschopauer Motorenwerke heißt, mit 40 000 produzierten Einheiten pro Jahr der Welt größter Motorradhersteller. 1932 schließt sich DKW mit Audi, Horch und Wanderer zur Auto Union DKW zusammen. Bis zum Kriegsende fertigt das DKW-Werk in Zschopau 650 000 Motorräder. 1956 wird das Werk in MZ Motorradwerk Zschopau umbenannt. In den 60er Jahren baut MZ jeweils über 60 000 Motorräder pro Jahr, der Rekord wird 1974 mit 86 740 Stück erreicht. 1983 rollt das zweimillionste Motorrad, eine ETZ 250, vom Band. 1990, im Jahr nach der Wende, übernimmt die Treuhandanstalt MZ. Das Zschopauer Werk hat noch 3200 Mitarbeiter. Bereits 1991 häufen sich die Verluste aufgrund des Wegfalls der Märkte in den sozialistischen Ländern auf 81 Millionen Mark. Am 1. Juli 1992 wird die Motorrad -und Zweiradwerk GmbH (MuZ) gegründet. Land und Bund gewähren Bürgschaften von zunächst 32 Millionen Mark. Mit 80, später 240 Mitarbeitern werden neue Viertaktmodelle entworfen und gebaut, erst mit Rotax-Einzylindern (Silver Star Classic), später mit Yamaha XTZ 660-Antrieb unter dem Namen Skorpion. Der Verkauf ist schleppend, 1994 werden nur 3800 Fahrzeuge abgesetzt, Weihnachten steht MuZ vor dem Konkurs, 60 Leute werden entlassen. Weitere Subventionen in Millionenhöhe verzögern das vorläufige Ende der Firma bis zum Sommer 1996. Am 10. Juli stellt MuZ den Antrag auf Gesamtvollstreckung. Quelle u.a.: Peter Kurze und Christian Steiner, Motorräder aus Zschopau, DKW-Auto Union-MZ 1922 - 1994, Bogenschützverlag, Bremen 1994

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