Report: Probleme mit den 125ern (Archivversion) Versuch macht klug

Sie fahren Motorrad. Aber wissen sie auch, wie‘s geht? Die neuen 125er Piloten haben teilweise noch nie auf einem Bike gesessen. Was tun? Wo üben?

Die Macher kommen. »Ist doch alles kein Problem, nää? Ich fahr‘ seit 16 Jahren unfallfrei Auto, da kann ich doch wohl so ein kleines Motorrädchen fahren, oder?« Zugegeben, dieses Zitat ist frei erfunden. Aber wenn man sein Ohr an die Flüsterkanäle der Branche hält, hört man es allenthalben knarzen. Bedenken werden laut, daß die mit dem »alten 3er Autoführerschein« nicht recht wissen, wie man mit einem Kleinkraftrad auf der Straße umgehen soll. »Die Honda Rebel ist ausverkauft«, weiß Klaus Wilkniss vom Importeur zu berichten. Will heißen: Es fahren zusehends mehr 125er rum, die - chopp-chopp - den alten Damen und Herren der Autoführerschein-Fraktion Freude machen sollen. Quälen wir das deutsche Literaturerbe, könnte der Spruch lauten: Wenn einer der mit Mühe kaum, gefahren ist, als sei‘s im Traum, schon meint, daß er ein Biker wär, so irrt sich der. Was uns wiederum folgendes sagen will: Im günstigsten Fall sind die Damen und Herren, die 1980 ihren Autoführerschein gemacht haben, jetzt mindestens 36 Jahre alt. Gruftie? Komposti? Mit der neuen Lizenz zum Biken? Nun gut. Das ist eigentlich noch kein Alter, um mit dem Motorradfahren aufzuhören. Wer aber von dieser Klientel mit 36 oder mehr Jahren auf dem Buckel wirklich zum ersten Mal auf einem Motorrad sitzt, der läuft Gefahr. Gefahr, im Stehen schon vom Motorrad zu fallen (glimpflich!); beim Fahren runterzufallen (weniger glimpflich!) oder sich beim Bremsen, Kurvenfahren oder ähnlichen gewöhnlich schnelleren Fortbewegungsarten höllisch zu verhauen. Das kann böse ins Auge gehen. Deshalb meint Rudi Holl, Fahrlehrerausbilder der Verkehrspädagogischen Akademie in Kirchheim/Teck, es nur gut, wenn er den Rat gibt: »Wenn Sie mit Motorrädern keine Erfahrung haben, sollten Sie zur Fahrschule gehen und eben die 50 oder 60 Mark für eine Stunde Unterricht investieren. Runterfallen ist in jedem Fall wesentlich teurer für den Neueinsteiger.« Stimmt. Deshalb empfiehlt auch Motorradhändler Werner Hiller aus Stuttgart-Möhringen allen Neulingen, »die erste Runde mit einer Fahrschule zu machen. Die bieten hier samstags Kompaktkurse an, die günstig sind, weil der Schüler sein eigenes Motorrad mitbringt. Und bei Funkkontakt lernt man wesentlich besser mit seinem Motorrad umzugehen als bei einer Fahrt ohne Korrekturhinweise«. Letztlich bringt es für alle Beteiligten mehr. Für den Fahrer, weil er sich sicherer fühlt, für den Händler, weil er den Neuling mit einem besseren Gefühl auf die Straße lassen kann, und auch für die Versicherung, die - im Augenblick - noch bezahlbar ist. »Wenn wir von 20 Maschinen 18 an ältere Semester verkaufen, müssen wir auch ein bißchen an die Vernunft appellieren’’, sagt Hiller. »Wir liefern die Motorräder an, damit die Neulinge in Ruhe bei der Fahrschule üben können. Schließlich sind es in den meisten Fällen schon Familienväter, die ihre Kinder aus dem Gröbsten raus haben und jetzt noch einmal Motorrad genießen wollen.« Und schon wieder ist eine GN 125 an einen ehemaligen Kreidler-Piloten verkauft. Mit der Zusatzbitte, es doch mal mit der angesprochenen Probestunde zu versuchen, bevor die neue Suzuki zu Schrott verarbeitet wird. Auch in der Schwabengarage in Stuttgart wird heftigst verkauft. »Wir verkaufen so viele 125er, daß wir keine mehr haben«, berichtet Thomas Wanner vom Honda-Stützpunkt. »Das führt leider schon dazu, daß bei Grauhändlern die Motorräder zu überhöhten Preisen verhökert werden. Für die Rebel werden bis zu 8000 Mark gezahlt.« Listenpreis: 6745 Mark. Das können sich die 16- bis 18jährigen wahrlich nicht leisten. Und so mancher mit dem »alten 3er« ebenfalls nicht. Denn mit der Kohle allein ist es noch lange nicht getan. »Die Frage ‚wo liegt denn der erste Gang‘ treibt einem den Schauer über den Rücken. Wir wissen schließlich alle, daß die Unvernunft manchmal ins rechte Handgelenk rutscht«, so Wanner. Und auch auf einem 125er Chopper läßt es sich herzerfrischend unvernünftig sein. Deshalb empfiehlt er seinen Kunden - »auch im Sinne der zu zahlenden Versicherung« - doch noch den 1a-Führerschein zu machen und in die 34-PS-Klasse aufzusteigen. Eitel Freude herrscht jedoch bei allen Beteiligten, wenn es um die Zukunftsaussichten geht. Der 125er Boom sorgt für gute Umsätze und löst bei die frohe Erwartung aus, daß »die Szene belebt wird« und ein noch besseres Verständnis zwischen den Bikern und Autofahrern zustande kommt, weil »immer mehr - auch Ältere - Motorrad fahren«. Daß bis Ende April trotz schleppender Nachfrage im Januar, Februar und März dennoch fast zehn Prozent mehr Motorräder verkauft wurden als im selben Zeitraum 1995, ist mit Sicherheit auf den von der neuen Führerscheinregelung provozierten Andrang auf die 125er zurückzuführen. Doch ein Boom läßt noch auf sich warten. Natürlich macht beim Motorradfahren nur der Versuch wirklich klug, aber bevor man/frau zu doll am Gashahn dreht, können ein paar Schnupperstunden und/oder ein Fahrsicherheitstraining - etwa beim MOTORRAD ACTION TEAM oder ADAC - sicherlich für mehr Fahrfreude sorgen. Geduld ist freilich auch gefragt. Der boomende Markt kann gar nicht alle bedienen, weil Händler und Importeure gleichermaßen von dem Erfolg überrascht sind. Die Stückzahlen, die geordert wurden, waren auf den Bereich der 16- bis 18jährigen ausgerichtet. Deshalb, so Thomas Wanner »sollten wir auch mit Kommentaren warten bis nächstes Jahr. Dann hat sich die Situation sicher merklich entzerrt«.

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